Der Mensch − genauer wohl: das Mensch − wird seit je beschrieben, wenn nicht definiert als ein sprachbegabtes soziales Wesen, dessen Individualität in der Auseinandersetzung mit dem Du und dem Wir sich konstituiert.
Unter diesem Gesichtspunkt hat Einsamkeit als ein schweres Defizit zu gelten, ein Defizit, das seine Bestätigung in Depression, in Aggressivität, selbst im Freitod finden kann.
Heute scheinen die durch Einsamkeit verursachten Sozialkosten so hoch geworden zu sein, dass staatlich dagegen vorgegangen werden muss. Dafür ist in Grossbritannien neuerdings ein eigens geschaffenes Einsamkeitsministerium zuständig.
Was soll ich davon halten … was soll ich von mir halten, da Einsamkeit für mich ein Bedürfnis ist, und nicht etwa ein Mangel, der mir das Leben vergällt oder mich an „vollem Leben“ hindert. In der Einsamkeit akkumulieren sich für mich alle positiven Qualitäten des Alleinseins, das mir als solches zu beständigem Reichtum wird. Alleinsein ist das Gegenteil von Leere − es bietet eine überwältigende Vielzahl von lebensweltlichen Möglichkeiten und ist Voraussetzung für deren optimale persönliche Realisierung.
Die allgemein akzeptierte, betont negative, ja pathologische Einschätzung von Einsamkeit ist eins von beliebig vielen Beispielen dafür, dass und wie Normalität individuelle Bedürfnisse und Möglichkeiten schmälert.
Dringlicher als ein Einsamkeitsministerium wäre, meine ich, ein Ministerium, das die Staatsbürger vor der alles bestimmenden mehrheitlichen Normalität und vor der galoppierenden Normierung (oder Formatierung) der meisten Lebensbereiche schützt, so, dass er seine eigene, einzigartige Normalität ausleben kann.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








0 Kommentare