Mit der Einführung der sogenannten Sommerzeit, 1981, begann auf globaler Ebene der Prozess chronologischer Deregulierung, der sich inzwischen, über die Jahrzehnte hinweg, auch im privaten Bereich durchgesetzt hat. Via Smartphone und Internet lassen sich viele zeitlich fixierte Vorgaben beliebig verschieben und den jeweils eigenen Bedürfnissen anpassen. Nachrichtensendungen, Live-Veranstaltungen aller Art, feste Programmplätze für Filmserien, Kultur-, Sport- und Unterhaltungsangebote, die bis vor wenigen Jahren die massenmediale Selbstversorgung und damit auch die Alltagsstruktur der Nutzer mitbestimmten, können nun, der individuellen Agenda entsprechend, jederzeit ortsunabhängig abgerufen und quasi-live rezipiert werden; oder anders − etwas komplizierter, zugleich ganz allgemein − gesagt: „Sowohl für die Zeit als auch für den Raum lässt sich nie nicht angeben, dass in endlicher Zeit bestimmte Positionen erreicht werden können, für jeden dieser Zeit-Raum-Punkte aber ein Horizont des Unerreichbaren erhalten und unausschöpfbar bleibt.“ Problemlos lässt sich nachholen, was in Wirklichkeit bereits vorbei ist − das Nachholen, das Wiederholen relativiert die Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Premiere und gewinnt als perfekte Simulation einen eignen Realitätsstatus.
Mir selbst liegt nichts an solchem Freiheits- und Zeitgewinn. Für mich bilden die althergebrachten medialen Zeitfenster einen hilfreichen Raster für die Organisation des alltäglichen Lebens, und nur, was ich nach Uhr und Kalender in Realzeit erlebe, bringt die Intensität mit sich, die sich allein hier und jetzt einstellen kann, und nicht zu einem verzögerten Zeitpunkt, an dem dieses Hier und Jetzt angeblich live noch einmal vergegenwärtigt wird.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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