Schon meine frühsten Lese- und Schreiberfahrungen waren in irgendeiner Weise, dessen bin ich mir sicher, geprägt oder wenigstens beeinflusst durch die unmittelbare Nähe der Landesgrenzen bei meiner Geburtsstadt Basel. Der erste deutsche Ort hinter der Grenze, die nach Kriegsende noch während Jahren als Stacheldrahtverhau aufrecht erhalten blieb, hiess denn auch und heisst noch immer Grenzach: Sicherlich mit ein Grund dafür, dass sich in meinem infantilen Bewusstsein jede Grenze … jede Grenzvorstellung mit einem grossen „Ach!“ verband.
Ich muss … ich dürfte sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, als ich an einem Morgen nach der Schule mit dem hölzernen Trottinett nicht nach Hause zurückkehrte, sondern – über mehrere Kilometer – zum Rheinhafen fuhr und hier meine erste prägende Sprach- und Welterfahrung machte, vielleicht sogar die entscheidende Initiation in die Geisteswelt, die mich danach völlig für sich einnahm.
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Warum ich damals ausgerechnet zum Rheinhafen wollte und wie ich den Weg dorthin (und von dort wieder zurück) fand, weiss ich nicht mehr.
Geblieben ist mir die Erinnerung an den einen grossen Moment, da mir angesichts der fremdartigen Schiffsnamen, der vielen unbekannten Flaggen, der unverständlichen Sprachfetzen plötzlich klar wurde, dass es nicht nur eine … dass es mehrere Sprachen und auch mehrere Länder gibt und dass der Rhein diese Länder und Sprachen miteinander verbindet und dass die riesigen Lastschiffe aus meiner Heimatstadt stromabwärts in alle Welt fahren.
Dass ich an dieser Stelle gleich mehrere Grenzen gehupft wie gesprungen überqueren konnte, ohne irgendwo anzustossen oder angehalten zu werden, das war für mich eine Offenbarung – ich stand da mit gespreizten Beinen gleichzeitig in Deutschland und der Schweiz, in der Schweiz und in Frankreich. Die Länder und ihre Sprachen waren also nicht voneinander abgeschottet, sie bildeten einen einzigen grossen Kontinent, der alle Unterschiede in sich aufnahm und versöhnte.
So (oder auch ein wenig simpler) stellte ich mir die Situation als knapp Zehnjähriger in jenem schwülen Hochsommer vor.
Es war die nachhaltigste Erleuchtung … die nachhaltigste Aufklärung meiner frühsten Jugend, unvergessen bis heute.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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