Infantilia (V)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Ob mir mein Vater damals das Leben gerettet hat, weiss ich nicht … kann ich nicht wissen; ich weiss nur, dass er für einen halben Tag zu meinem Helden geworden ist. − Es war an einem Sonntagvormittag bei hellem, leicht dunstigem Frühlingswetter, als er mich zu einer kleinen Fahrradtour auf den Chrischonahügel mitnahm. Der Hügel war bei Radlern und Rodlern gleichermassen beliebt wegen der kurvenreichen, verhältnismässig steilen Streckenführung; beliebt für Kletterfahrten wie für Talfahrten, je nach Jahreszeit und Gefährt. − Den Aufstieg absolvierten wir gemächlich zu Fuss. Vater schob sein schweres Militärrad neben sich nach oben, ich trottete freudlos hinterher. Absicht des Ausflugs war nicht das Erklimmen des massigen Hügels, es ging eigentlich nur um den Rückweg − die Abfahrt. Ich war wohl gerade so gross, dass ich auf dem Gepäckträger des Fahrrads, unmittelbar hinterm Sattel, Platz fand. Ich sollte mich am Gestänge des Gepäckträgers festhalten, die Beine möglichst breit spreizen, um nicht in die Speichen zu geraten damit. − Die Talfahrt begann recht gemütlich, die laue Luft umwehte angenehm meine Waden und Schläfen, das Tempo nahm zu, der Luftzug verstärkte sich rasch zu fetzigem Brausen. Ich hielt den Kopf seitlich an Vaters Rücken gepresst, konnte nicht sehen, wohin … worauf wir zufuhren und war umso mehr erstaunt, als er bei immer höherer Geschwindigkeit sein Gewicht plötzlich auf das linke Pedal verlagerte und gleichzeitig sein rechtes Bein zu heben und vorsichtig über meinen Kopf zu schwenken begann − dann sprang er vom flitzenden Fahrrad ab, ich hörte seine mit Eisen beschlagenen Schuhe auf dem Asphalt kreischen, sah auch die stiebenden Funken unter den Sohlen, bis wir nach mehreren Metern zum Stehen kamen: Vor uns die enge Kurve, auf die wir zugerast waren, und nun Vaters Erklärung, die Handbremse des Fahrrads habe nicht funktioniert, und um nicht − mit mir auf dem Rücksitz! − über die Kurve hinauszufliegen, habe er eben abspringen und die Fahrt mit den eigenen Füssen ausbremsen müssen. Das hätte fatal, vielleicht tödlich sein können. Zu Hause wurde darüber nicht geredet, nie wieder kam mein Vater auf den Vorfall zurück, den er eigentlich als eine artistische Mutprobe und Meisterleistung für sich hätte in Anspruch nehmen können.
In meiner Erinnerung hat sich die schwindelerregende Rettungsaktion zu einer prägenden Urszene verdichtet, in der Zufall, Notwendigkeit, Schicksal zu einem bleibenden Gegenwartsmoment verschmolzen. − Meine unstete, eher ungute Vaterbeziehung blieb davon unberührt (was mich bis heute verwundert), gestärkt wurde aber meine Zuversicht, dass einer wie ich auch „Glück“ haben, glimpflich „davonkommen“, ein gewisses „Welt- und Lebensvertrauen“ haben kann.

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Noch eine Episode mit Vater und seinem Fahrrad ist mir in Erinnerung geblieben, eine Episode eher rätselhafter Art, ohne Dramatik und Gefahr. − Es war an einem Sonntagvormittag, als wir zu dem kleinen Fussballplatz in den Langen Erlen fuhren, wo als Wohltätigkeitsveranstaltung ein Freundschaftsspiel zwischen den Klubs von Riehen und Allschwil stattfinden sollte. Aus mir unbekannten Gründen war der Drahtverhau um den Platz diesmal bis auf ungefähr zwei Meter Höhe mit schweren Plachen verhängt, so dass es − anders als üblich − von aussen keinen Einblick gab.
Wieso mein Vater keine Eintrittskarte für uns besorgte, war mir unklar, doch er bestand darauf, dass wir uns das Spiel von seinem Fahrrad aus ansehen sollten. Also stellte er das Rad quer an den Verhau, fixierte es mit seinen Hosenklammern, hob mich auf den Gepäckträger und stieg selbst auf die Längsstange zwischen Sattel und Lenker. Ganz knapp konnte er so auf das Spielfeld hinunterschauen, während ich − damals wohl zehn, elf Jahre alt − dafür zu klein war. Umso grösser meine Enttäuschung.
Als gleichzeitig von hinten ein fremder Mann, womöglich jemand von der Securitas, herantrat und unversehens meinen Vater zu beschimpfen und zu bedrohen begann, erwartete ich gleich eine Wendung zu Interessanterem hin, hoffte auf eine engagierte, vielleicht gar gewalthafte Auseinandersetzung. Aber nichts geschah. Vater drehte sich nicht einmal um, tat so, als habe er nichts gehört, verfolgte weiterhin schweigend das Geschehen auf dem Spielfeld. Der Fremde blieb noch eine Weile neben dem Fahrrad stehn, fluchte zu uns herauf, wandte sich dann, langsam rückwärts gehend, mit erhobenen Fäusten ab.
Noch eine Enttäuschung für mich! Denn ich hatte gehofft, Vater werde sofort vom Rad springen und sich mit dem Störefried anlegen, ihn seinerseits beschimpfen oder sich im Idealfall auf eine Prügelei einlassen. Aber so hatte ich damals weder auf dem Fussballplatz noch diesseits der Absperrung einen Kampf gesehen. Vorzeitig, wortlos fuhren wir nach Hause, und zumindest vorübergehend hielt ich meinen Vater in der Folge für einen Feigling und Verlierer.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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