In meiner Vorschulzeit hat mich das Murmelspiel, vorübergehend, besonders fasziniert. Es war das Spiel des beginnenden Frühlings, der Fastnachtszeit. Jungen und Mädchen spielten mit- und gegeneinander.
Stundenlang blieb man in der Hocke, um die Murmeln mit gekrümmtem Zeigefinger auf ein zuvor bestimmtes Ziel hin zu bugsieren − eine Vertiefung im Asphalt des Gehsteigs, ein Loch zwischen den ungleichen Granitplatten im Garten.
Ich kann mich heute nicht einmal mehr an die Regeln dieses unbedarften Spiels erinnern, weiss nicht mehr, worauf es dabei ankam, was es brauchte, um Sieger zu sein.
Meine Erinnerung bleibt auf die Murmeln selbst beschränkt, jene glitzernden gläsernen Kugeln (die wir damals Glugger oder Bötsch nannten), in deren Innerm, wie aus einer Tube gepresst ein Klacks Farbe sass, ein spindelförmig in sich selbst verdrehtes Grün, ein Gelb, ein Blau, seltener zwei Farben gemischt, Rot und Gelb, Blau und Grün, die sich aber nicht zu einer neuen Farbe vermengten, sondern in pastösen Strängen nebeneinander herliefen.
Die Kugeln waren mehrheitlich von gleicher Grösse und Beschaffenheit, es gab nur wenige Abweichungen − einige waren vom häufigen Gebrauch schrundig oder matt geworden, andere (sie galten als weniger wertvoll) bestanden nicht aus Glas, sondern aus Lehm oder aus Gips, waren also undurchsichtig und verloren jeweils rasch die farbige Bemalung.
Jeder von uns hielt eine Handvoll derartiger Glugger fest umschlossen in der Hosen- oder Schürzentasche. Unvergesslich bleibt mir, wie sich die harten Kugeln in der geschlossenen Faust anfühlten, wie sie beim Drehn und Wenden leise knirschten und wie rasch sie meine Körpertemperatur annahmen. Je nach Spielverlauf, das heisst nach Gewinn und Verlust, änderte sich die Zusammensetzung des Murmelvorrats.
Jeder hatte seine Lieblingsglugger, und es gehörte zum Spiel, diese Lieblingsglugger möglichst vorsichtig einzusetzen oder sie einem Gegenspieler abzujagen. Doch tatsächlich war ich an meinen Gluggern weit mehr interessiert als am Gluggern: Abend für Abend reihte ich sie, in immer wieder neuer Anzahl und Abfolge, auf dem Fensterbrett auf, sei’s nach Farbe (von Hell zu Dunkel oder umgekehrt), sei’s nach Zustand und Wert (von „wie neu“ bis „wüst“ und „blind“). Auch eine Art von Kapitalismus, von kindlichem Warenfetischismus!
Oder doch nur einfach Magie?
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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