Lektüre zwischen Schwund und Wandel

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Einst − es ist lange her − galt Belesenheit als Prämisse und Ausweis für Allgemeinbildung. Beides, Allgemeinbildung wie Belesenheit, wird heute weithin für obsolet („uncool“) gehalten, gehört jedenfalls nicht mehr zu den erstrebenswerten Geistesqualitäten und wird auch kaum noch irgendwo, weder an Hochschulen noch im Berufsleben, als selbstverständlich vorausgesetzt. Keiner, der heute als Intellektueller reüssieren und sich behaupten will, muss „seinen“ Lukrez, „seinen“ Goethe, „seinen“ Baudelaire oder auch bloss „seinen“ Thomas Mann gelesen haben, und generell ergibt sich in der aktuellen Arbeits- und Alltagswelt kaum noch die Gelegenheit (oder gar die Notwendigkeit), auf solche Lektüren zurückzugreifen. Selbst Kulturmanager, Literaturagentinnen, Verlagslektoren, Juroren und Rezensentinnen scheinen bei ihren vielfältigen Aktivitäten auf entsprechende Kompetenzen nicht mehr angewiesen zu sein.
Heutiges Leseverhalten ist nicht mehr durch breit angelegte, thematisch und strukturell komplexe Vorlagen konditioniert, sondern primär durch Kurz- und Kürzesttexte, wie sie via Twitter, SMS, Facebook, Email verbreitet oder empfangen werden. Dazu kommt die stetig sich verdichtende öffentliche „Stadtschrift“, die Informations- und Werbetexte aller Art in sich vereint, dazu Spruchbänder bei Demonstrationen, Plakate und gesprayte Parolen, aber auch Schriftzüge auf öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Firmen- und Privatfahrzeugen, dazu Aufdrucke auf T-Shirts sowie tätowierte Losungen auf der blossen Haut.
In den sozialen Medien werden Mikrotexte durch Abkürzungen zusätzlich komprimiert (Y = why, U = you, 4 = for usw.), wenn nicht überhaupt auf sprachliche Kommunikation verzichtet wird zu Gunsten bildhafter Symbole wie Emoticons u.ä.m., die viel schneller zu „lesen“, zu sichten, zu verstehen sind als konventionelle sprachliche Zeichen.
Häufig wird das offenkundige Überhandnehmen derartiger Texte auf einen angeblichen Schwund der allgemeinen Lesekompetenz und einen damit zusammenhängenden gravierenden Verlust an „Textbegehren“ zurückgeführt. Die Bevorzugung von Kürze beziehungsweise von Geschwindigkeit beim Lesen (wie beim Schreiben) muss aber nicht durchweg ein Verfalls- oder Verlustphänomen sein, man kann sie auch als Reaktion auf ein Überangebot an Texten verstehen.
Die insgesamt verfügbare Textmenge hat sich durch die neuen Medien noch einmal drastisch erhöht, so dass sie nun ebenso drastisch durch Kürzung und Fragmentierung für die Lektüre aufbereitet werden muss. Im übrigen ist es keineswegs so, dass man heute weniger liest als in prädigitalen Zeiten, man liest aber sicherlich anders, sicherlich auch anderes, und man liest womöglich sogar mehr als damals. Allerdings werden dabei grössere, zusammenhängende Texte (wie auch längere, mehrteilige Sätze) klar vernachlässigt zu Gunsten von extrem kleinteiligem Sprachmaterial. Die Qualität der Lektüre scheint mithin weniger relevant zu sein als ihre quantitative Zurichtung nach alltagssprachlichen und alltagsweltlichen Kriterien.

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Ganz so neu ist dieses Phänomen freilich nicht. Im Gegenteil − schon in der griechisch-römischen Antike kannte man angesichts der schieren Menge des Geschriebenen das Bedürfnis, Texte nicht in jedem Fall integral, sondern je nach Erfordernis in exemplarischen Auszügen zu lesen. Manche Autoren sind diesem Bedürfnis von sich aus nachgekommen, indem sie ausführliche Zitate aus Fremdtexten in ihre Werke aufgenommen haben, und dasselbe Bedürfnis führte zur Erfindung der Anthologie („Blütenlese“), die sich als eigenständige Textsorte bis heute erhalten hat und die in immer wieder neuen Varianten fortlebt.
Ich selbst, als Veteran des Gutenbergschen Zeitalters, gewann meinen ersten grossen Bildungsschub aus Das Beste, einem monatlich erscheinenden kleinformatigen Magazin, das ich mir als Schüler über Jahre hin bei der Quartierbibliothek regelmässig auslieh und später zu Lasten meines Taschengelds abonnierte. Die dicken Hefte boten nach dem Vorbild von Reader’s Digest einen Verschnitt von Texten und Textauszügen aus den Bereichen Belletristik, Populärwissenschaft, Medizin und Alltagsleben.
Mehrheitlich handelte es sich um Übersetzungen aus dem angelsächsischen Raum. Durch „Das Beste“ lernte ich, stets im Umfang von nur wenigen Seiten, Autoren wie Ernest Hemingway, Vicky Baum, J. D. Salinger kennen, verfolgte die Debatten um den McKinsey-Report über das menschliche Sexualverhalten und bezog erste Informationen über Kybernetik (Wiener) und Informationstheorie (Shannon).
Neuerdings ist das althergebrachte Konzept der Anthologie auf beiläufige „Lektüre für Minuten“ fokussiert, auf Angebote wie „Machiavelli für Manager“, „Goethe für Gartenfreunde“ oder „Derrida für Anfänger“. Als optimale Lesezeit für die Textextrakte werden 3, 5, höchstens 7 Minuten veranschlagt, eine Vorgabe, die auch für die Lektüre von Zeitungsartikeln oder von publizistischen, wissenschaftlichen und literarischen Beiträgen im Internet Geltung hat. − Dem Leser, der Leserin soll also das möglichst knapp kalkulierte Zeitbudget den Zugriff beliebt machen, d.h. ein quantitatives Kriterium, und nicht in erster Linie die Thematik und das dafür bestehende Interesse.

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Gelesenes zu „behalten“, bleibt über alle Altersstufen hinweg ein Wunsch und ein Problem. Einen längeren Text integral zu memorieren, war und ist auch bei beständiger Übung ein schwerlich zu erreichendes Ziel, drängt sich allerdings kaum noch auf, da man über fast beliebig viele, auch literarische Vorlagen jederzeit via Internet verfügen kann.
Doch so oder anders stellt sich die simple Frage: Was eigentlich hat man, wenn man gelesen hat? Woran erinnert man sich am Tag danach, ein Jahr, ein Jahrzehnt später?
Erfahrungstatsache ist, dass man Gelesenes über kurz oder lang bloss fragmentarisch, der Spur nach, zudem fehlerhaft in Erinnerung behält. Man mag sich einerseits an das grosse Ganze einer Textvorlage erinnern, anderseits vielleicht an gewisse Einzelheiten − an diese oder jene Episode, an diesen oder jenen Protagonisten, an eine besondere Formulierung, an bestimmte Kernsätze lehrhaften oder aphoristischen Charakters.
Die sehr beschränkte Halbwertszeit aller Lektüren gibt Anlass zu zwei simplen Feststellungen.
Erstens ist seriöses, verstehendes, nachhaltiges Lesen mit dem Obligatorium mehrfacher Lektüre des Gesamttext oder wenigstens einzelner Textpartien verbunden.
Zweitens ist das Gelesene, das allzu rasch dem Vergessen anheimfällt, vom Akt des Lesens zu unterscheiden, der in seinem Vollzug tatsächlich „aktuell“ bleibt und durch die Möglichkeit des Zurückblätterns die ganzheitliche Vergegenwärtigung des jeweils vorliegenden Texts zu bewerkstelligen erlaubt.
Zudem kann man als Leser erfahren, dass vergessene Texte oder Textteile keineswegs für immer verloren sind, dass sie vielmehr − ähnlich wie vergessene Träume − unterbewusst haften bleiben und aus zufälligen Gründen assoziativ reaktualisiert werden können.

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Doch die Lektüre kennt bekanntlich mehrere Techniken. Die am häufigsten verwendete ist das Überfliegen des Texts, also das diagonale Lesen, das einem Scanning der Textoberfläche gleichkommt und nicht viel mehr einbringen kann als einen vagen Gesamteindruck mit zwei, drei Eckpunkten der Handlung und der Personendarstellung beziehungsweise, bei diskursiven Texten, der abgehandelten Thematik.
Das Gegenteil davon wäre die konsequent lineare Lektüre, die sämtliche Dimensionen des Texts gleichermassen berücksichtigt, die Thematik wie die Stilistik, den Handlungsaufbau wie die Führung der Protagonisten, den Realitätsbezug wie die Intertextualität u.a.m.
Die höchste Intensität gewinnt der Akt des Lesens beim Abschreiben und beim Übersetzen der jeweiligen Textvorlage. Ich erinnere mich, in meinen letzten Gymnasialjahren kapitelweise Bücher von Kierkegaard, Wundt, Scheler, zuletzt auch von Wittgenstein handschriftlich kopiert zu haben − manches davon habe ich noch heute im originalen Wortlaut präsent. Gleiches gilt für meine Erstübersetzungen philosophischer Schriften aus dem Russischen, die sich mir ungleich nachhaltiger eingeprägt haben als die üblichen Lektüren mit vorab eingeschränkter Interessenperspektive.
Mit derart eingeengter Optik geht auch die für alle „Sekundärliteratur“ charakteristische Art des Lesens zu Werk. Man liest auf etwas vorab Gegebenes hin, man sucht nach etwas, das man sich „vorgenommen“ hat − man weiss, worum es sich handelt, will es aber noch etwas genauer wissen, will es auf einen Nenner oder auf den Punkt bringen: das Motiv des Flugs bei Nietzsche; der Gebrauch des Konjunktivs bei Musil; das Bild des Engels bei Rilke usw.
Ich selbst habe auf solche Weise − gleichsam mit Scheuklappen − diverse Werkausgaben drei-, viermal gesamthaft durchgearbeitet, habe die Texte mit Unterstreichungen und Randnotizen versehen, war mir aber stets bewusst, dass bei dieser detektivischen Lesart der Blick auf den Text als ein integrales Ganzes ebenso ausgeblendet wird wie die Aufmerksamkeit für zahlreiche Details, die für das jeweils aktuelle Lektüre- und Forschungsinteresse zwar irrelevant, für das entsprechende Werk womöglich aber höchst bedeutsam sind.

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Das Wiederlesen − ein weiteres Lektüreregister − ermöglicht die Vervollständigung wie auch die Korrektur vorgängiger Lesarten, die wegen ihrer Flüchtigkeit oder, umgekehrt, wegen ihrer Detailbesessenheit den Gesamttext verfehlt haben. Überlesenes kann (nicht anders als Vergessenes) beim Wiederlesen zurückgewonnen, Missverstandenes berichtigt, offen Gebliebenes präzisiert werden. Beim Wiederlesen kann es zur Revision früherer Einschätzungen kommen, so dass Lieblingsautoren ihre einstige Aura verlieren und Texte, von denen man vormals spontan begeistert oder tief beeindruckt war, können sich unversehens als trivial erweisen.
Doch statt Ernüchterung und Enttäuschung erbringt das Wiederlesen, wohl in selteneren Fällen, auch eine positive Revision: Lektüren, die man aus Desinteresse oder Abneigung abgebrochen hat, können bei einem neuerlichen Durchgang ein Meisterwerk zutage fördern, für dessen Aufnahme man zuvor nicht gerüstet, nicht wirklich bereit war und das einen nun ganz unerwartet anspricht. Bei mir hat mehrfaches Wiederlesen über viele Jahre hin immer wieder zu neuen Vorlieben, aber auch zur Abkehr von einstiger Wertschätzung geführt − Hamann trat hinter Herder zurück, Jean Paul hinter Karl Philipp Moritz, Hans Henny Jahnn hinter Joseph Roth usw.
Nur ganz wenige Autoren haben soviel Grösse und Kontur, dass sie jedwede Lektüre, die flüchtigste wie die sturste, die naivste wie die gelehrteste unbeschadet überstehen: Büchner und Kafka, Mallarmé und Mandelstam − sie alle (und einige mehr) können noch so „falsch“ gelesen werden und behalten gleichwohl ihre unerschütterliche „Richtigkeit“.

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Bleibt die luxuriöse, aber jedermann zugängliche Lektüre sine studio, das unambitionierte, von Erwartungen unbelastete Lesen, das nur einfach ein aktuelles Textbegehren befriedigen soll. Als luxuriöse Lektüren kommen sämtliche Genres in Frage, der „Klassiker“ ebenso wie der „Bestseller“, der „Krimi“ ebenso wie die Lyrikbroschüre oder das Pornomagazin.
Einzige Voraussetzung für luxurierendes Lesen ist seine Voraussetzungslosigkeit − man wird über das Gelesene nicht Rechenschaft ablegen müssen (etwa in einer Seminararbeit, in einer Buchkritik), man wird nicht danach abgefragt, niemand wird einem Unverständnis oder auch bloss Missverständnisse zum Vorwurf machen, kurz: Luxuslektüren bleiben Privatsache, finden ausserhalb des Berufslebens statt, müssen nicht „produktiv“ gemacht werden, dürfen sich ungehemmt ausleben, egal, ob sie auf vorübergehende Unterhaltung angelegt sind, auf nachhaltigen Erkenntnisgewinn oder auf akuten Kitzel. Da solche Lektüren ohne Notizen am Textrand oder zwischen den Zeilen auskommen, sind sie nicht auf das Buch angewiesen, können also problemlos über e-Books oder durch Downloads aus dem Internet abgewickelt werden.
Luxuriöse Lektüre, so verstanden, ist nomadisierende Lektüre, frei schweifend, bisweilen ins Leere laufend, aber auch unversehens an einer Stelle hängen bleibend, die einem plötzlich etwas eröffnet, das einem zuvor noch nie aufgefallen ist, oder die adäquat in Worte fasst, was man sich selbst schon immer gedacht hat, ohne es artikulieren zu können. Nomadisierendes Lesen kann spielerisch, sprunghaft, fragmentarisch sein, es vertraut auf Zufallstreffer (muss solche aber auch riskieren), es kann ausufern wie ein Traum, kann Reminiszenzen und Wünsche wachrufen, von denen im Text keine Rede ist.
Der lesende Nomade will den Text nicht „bewältigen“, will ihn nicht durch tiefgehendes Verstehen „ausschöpfen“ oder „erledigen“, um dadurch die Herrschaft über ihn zu gewinnen. Vielmehr lässt er sich beim Lesen neugierig und vertrauensvoll gehen, lässt sich überraschen, amüsieren, irritieren, ablenken, verzaubern, in die Irre führen. So streunt er, statt gewissenhaft der vorgegebenen Linearität des Geschriebenen zu folgen, vorzugsweise auf Abwegen durch das Textgefilde, von Verzweigung zu Verzweigung, bisweilen auch von Sackgasse zu Sackgasse, doch immer auf eigenen, auf selbstbestimmten Pfaden.

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Das Hauptinteresse nomadischer Lektüre besteht also keineswegs darin, via das Verstehen des Gelesenen zu einem Schluss zu kommen, vielmehr darin, mit dem Gelesenen etwas anfangen zu können. Was der solcherart engagierte Leser mit dem Text anfängt, bleibt völlig offen, ist allein seine Sache − es kann mit der Intention des Autors übereinstimmen, muss aber nicht. Nomadische Lektüre ist in aller Regel Lektüre gegen den Strich, ohne Leitfaden, ohne Gängelband. Im übrigen sind auch die Autoren selbst in ihrer Mehrheit streunende Leser, die sich durch fremde Texte bewegen und sich von ihnen bewegen lassen, um davon ausgehend überhaupt erst (und stets von neuem) mit dem eigenen Schreiben zu beginnen.
Denn nur wer gelesen hat, wird auch geschrieben haben; und umgekehrt − ganz einfach: Schreiben kann nur, wer zuvor gelesen, also das Schreiben erlernt hat.
Und nochmals umgekehrt: Wer schreibt, ist in jedem Fall der erste Leser des Geschriebnen − kein einziger Text ist jemals ungelesen geblieben.
Das vielberufene „weisse Blatt“, das angeblich so viele Schreibwillige in einen „Horror der Leere“, versetzt, gibt es nicht.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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