Provinzielle Nachbarschaften (V)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

G. G., einstiger Gemeindepräsident meines Wohnorts und pensionierter Gymnasiallehrer, führt neuerdings einen kleinen Hund vom Format einer grossen Katze aus. Er hat das wunderschöne, spielfreudige, erst vier Monate zählende, sehr intelligente Tier mit dem dichten, pechschwarzen Fell erst kürzlich − nach dem Unfalltod seiner früheren Hündin − zum „Anerziehen“ übernommen.
Kürzlich traf ich das Gespann, wie so oft, bei meinem Waldgang. Auf dem gemeinsamen Rückweg ins Dorf berichtete mir G. G. mit sichtlicher Begeisterung von seiner täglichen „Arbeit“ mit Bel, der in den kommenden Jahren zum Blindenhund ausgebildet werden soll. Vor Beginn der professionellen Ausbildung wird ihn G. G. nun auf das spätere, sehr strenge Training vorbereiten. Der Hund muss nach speziellen Regeln ernährt und täglich stundenlang ausgeführt werden. Er muss sich (in der nahegelegenen Stadt Lausanne) an die öffentlichen Verkehrsmittel, an Rolltreppen, an Fussgängerstreifen, an Supermärkte, an massenhaft auftretende fremde Menschen und andere Tiere gewöhnen; muss auch ein Raumgefühl entwickeln, das nicht nur ihm selbst entspricht, sondern auch seinem künftigen blinden Besitzer.
Die Anweisungen werden, offenbar traditionsgemäss, in italienischer Sprache gegeben, da Hunde auf diesen vokal- und modulationsreichen Wortklang besonders aufmerksam reagieren. Die Vorerziehung im Hinblick auf den eigentlichen Kursbeginn soll drei bis vier Monate dauern. Nach Abschluss der gesamten Ausbildung wird der Blindenhund einen Marktwert von zirka 60.000 bis 70.000 Euro erreicht haben.
G. G. hat sich mit Bel bereits so intensiv angefreundet, dass er ihn eigentlich für sich behalten möchte. „Um meine Augen steht’s nämlich auch nicht zum Besten!“ Er schiebt die Brille mit den dicken Gläsern über die Stirn ins schüttere Haar: „Aber so was Schönes wie den Bel werde ich mir niemals leisten können.“

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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