Provinzielle Nachbarschaften (XI)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Noch ein Künstler aus der Nachbarschaft − G. C., der eins der schönsten Häuser hier vor Ort bewohnt und hauptsächlich mit der Verwaltung seines ererbten Millionenvermögens und seiner Liegenschaften beschäftigt ist, der seine Anerkennung aber mit viel Aufwand als Kunstschaffender sucht.
G. C. hält seine Photoshopbasteleien selbstgewiss für „toll“. Ich kann dafür keinerlei Interesse aufbringen, suche dennoch öfter das Gespräch mit ihm, der mich dadurch beeindruckt, dass er − als einziger Zeitgenosse in meinem Bekanntenkreis − auf konsequente Medienabstinenz achtet: kein Internet, kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitungen, keine Literatur.
Der Mann (mittleren Alters) ist völlig uninformiert über die draussen in der Welt laufenden Ereignisse, hat keine Ahnung von Politik, Wissenschaft, Mode, Sport. − Statt dessen hört er ununterbrochen klassische Musik, studiert Kochrezepte, lässt sich Gewürze aus Indien, Tee aus China und Japan, Fisch aus Norddeutschland und Marseille, Fleisch aus dem Bünderland, Käse aus Italien per Postexpress zustellen, um mindestens einmal die Woche ein sechsgängiges Menü probezukochen. − Täglich geht er mit seinem Hund im Wald spazieren, trägt dabei massgeschneiderte Kleidung, teuerste Lederschuhe, feinste Filzhüte, einen Stock mit Silberknauf.
G. C’s rekurrente Devisen lauten: Die Natur geht vor; nur das Beste ist gut genug; das Leben muss in jedem Augenblick „toll“ sein, aber ruhig bleiben.
Ein wenig beneide ich diesen Mann: Wer sich von der schnöden Alltagswelt und, noch mehr, von sämtlichen Informationsquellen so dezidiert fernhält, sollte es doch leichthaben, mit der Natur und mit sich selbst in ein direktes sinnliches Verhältnis zu kommen, vielleicht so ähnlich wie einst die Lebenskünstler vom Monte Verità.
Aber nein. G. C. verkleidet sich wie eine Schaufensterpuppe, wenn er „in die Natur“ geht, und er verwendet technisch hochgerüstete Reprogeräte, um seine unbedarften Schnappschüsse „aus der Natur“ nachträglich zu bearbeiten und zu verfremden. Von Authentizität keine Spur.
Wo bleibt denn also der Gewinn, der aus dem Informationsverzicht zu ziehen wäre?
Der Garten Eden wie der Monte Verità sind Orte menschlichen Scheiterns.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Dogge

(ego: God ?). – Geht joggen mit Degen.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

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