Die Liste meiner Veröffentlichungen – Dutzende von Büchern, Hunderte von Aufsätzen, Abhandlungen, Essays, Vor- und Nachworten, Rezensionen, Glossen, Kolumnen – verweist in erster Linie auf mein vorgerücktes Alter (was mir allerdings nicht als Verdienst anzurechnen ist), könnte aber auch darauf schliessen lassen, dass ich seit Jahrzehnten (auf Gedeih? auf Verderben!) einen Schreibmarathon absolviere, als ginge es dabei um mein Leben und als müsste ich unentwegt die desolate Maxime bestätigen, wonach Schreiben – im Unterschied zum Leben – Not tut: scribere necesse est, vivere non est.
So ist es bei mir, wenn ich’s mir seriös überlege, gerade nicht.
Ich gehöre keineswegs zu den zahlreichen Autoren, die nach eigenem Bekunden lieber sterben würden, als das Schreiben aufzugeben, oder für die, unter andern Umständen, ein Schreibverbot einem Todesurteil gleichkäme. Würde man mich am Schreiben hindern oder wäre ich aus äussern, zum Beispiel gesundheitlichen Gründen dazu nicht mehr in der Lage, bedeutete dies für mich zwar den Verlust des einzigen Jobs, den ich wirklich beherrsche und der auch mich beherrscht, doch das Ende meines Lebens wäre dadurch nicht besiegelt. Ich würde dann eben das Zweit-, das Drittbeste tun – weiterlesen und wiederlesen, die Wüste Gobi durchqueren, Hebräisch lernen, mit meinem Sohn noch besser kochen lernen, noch mehr Musik hören, meine zwölf Lieblingsbilder weltweit in ihren Museen aufsuchen und …
… aber wie das Schreiben, so wären auch diese Beschäftigungen, auf mich bezogen, nicht mit einem Marathon zu vergleichen – ein Langläufer bin ich nämlich gerade nicht, meine bevorzugte Disziplin ist, umgekehrt, der Sprint, die kurzfristige Konzentration und intensivste Einlassung, eine episodische oder auch nur punktuelle Leistung, die im Moment ihrer Realisierung alle mir zur Verfügung stehenden Energien bündelt, sie auf ein einziges Ziel hin mobilisiert – ein Ziel übrigens, das mir in manchen Fällen lediglich vorschwebt, das also keine klaren Koordinaten oder Konturen hat und erst dann zur Gänze erkennbar wird, wenn es erreicht ist.
Dieses Dispositiv hat zur Folge, dass meine Schreibbewegung auf ein Minimum reduziert bleibt, dass Geschriebenes kaum je verbessert oder begradigt wird, dass alle meine Texte – sowohl Gedichte wie auch Essays und Erzählungen – verhältnismässig rasch, in wenigen heftigen Schüben entstehen. Zwischen solchen Intensitätsschüben tun sich in aller Regel lange Latenzen auf, die aber nie zu Schreibblockaden werden, die ich vielmehr zu nutzen versuche als passive Phasen der Nachdenklichkeit und – zur Lockerung der Schreibhand.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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