Wider besseres Wissen 

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Am schwächsten ist bei mir das musikalische Vermögen entwickelt. Weder technisch noch theoretisch habe ich für Musik auch nur das elementarste Verständnis. Zu singen oder gar ein Instrument zu spielen, kommt nicht mal als Option in Frage.
Dennoch − vielleicht deshalb eben − ist mein musikalischer Sinn hoch entwickelt, nein, nicht hoch entwickelt, er ist nur einfach heil geblieben, unbeschadet von einschlägigem Vorwissen, das die musikalische Erfahrung oft in die Enge treibt, sie auf kritisches … auf kritisch unterscheidendes Rezipieren beschränkt.
Grad weil ich von Musik nichts weiss, nichts verstehe, weil ich also unbedarft mit- und nachhöre, nehme ich beim Hören … kann ich beim Hören sehr vieles sehr genau wahrnehmen, auch Momente, die einem erprobten Ohr vielleicht entgehen.
Ich rede nicht von Orchestermusik − jede Art von Symphonik übersteigt, überfordert mich, und ich hänge dann, jeweils sehr rasch, nur noch einzelnen Stimmen, einzelnen Instrumenten nach, überhöre dabei deren orchestrale Vernetzung und Verdichtung.
Einzig bei Solodarbietungen gelingt mir so etwas wie musikalische Sinnbildung. Die Aufmerksamkeit bleibt dann auf die Modellierung einzelner Klänge konzentriert, auf die subtile Dramaturgie einzelner Klangereignisse, auf die Stringenz des Anschlags, auch auf Beiläufiges, auf minimale Verschiebungen, minimales Zögern, minimale Unreinheiten usf. Doch selbst in diesem Fall − Rezital statt Symphonik − gelingt’s mir nicht, ein musikalisches Werk, eine Sonate, eine Sarabande, gesamthaft zu begreifen.

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Deutlich besser als mit musikalischen Dingen kenne ich mich im Himmel, genauer: am Himmel aus.
Schon früh hatten mich Himmelserscheinungen aller Art fasziniert, Blitze ebenso wie Wolken oder der ständig sich verschwendende und wieder sich erneuernde Mond, am meisten aber die Sterne, deren Vielzahl mich umso mehr beeindruckte, als dennoch jeder einzelne sich von jedem andern durch irgendetwas unterschied − durch seine jeweils eigene Helligkeit, seine Grösse, seine Form, sein Blinzeln.
Im Klugen Alphabet, meinem Jugendlexikon, suchte ich nach den Namen der Sterne und Sternzeichen, informierte mich über die sagenhaften Distanzen, die sie von mir trennten, prägte mir ihren Stand, ihre Konstellationen ein, zeichnete mit Leidenschaft Dutzende von Sternbildern nach und übertrug schliesslich einige davon auf meine Zimmerdecke: Aus angerührtem, dann dünn ausgestrichenem Gips stach ich mit Hilfe von Backformen Sterne in unterschiedlicher Grösse aus, um sie an der zuvor schwarz zugemalten Decke antrocknen zu lassen.
Mit Blick auf den Grossen Wagen und das Haar der Berenike und den Aldebaran empfand ich, auf dem Rücken liegend, immer wieder die Sensation, den offenen Himmel über mir zu haben. Später kamen dann Sternkarten dazu, eine erste Einführung in die Astronomie, ein altes Opernglas als erstes Fernsichtgerät und anderes mehr. Das alphabetisch geordnete Sternenregister in meinem Astronomiebuch lernte ich von A bis D oder E auswendig und leierte die wundersamen Namen auf dem Schulweg oder vorm Einschlafen wie einen langen Merkvers herunter.
Dass diese intensive Erkundung der Sternenwelt nicht nur ein grosser Gewinn war, wurde mir erst viel später bewusst, als ich das Staunen angesichts des blinkenden nächtlichen Himmels bereits verloren hatte. Das tief eingeprägte, jederzeit präsente Wissen um die Sternbilder und deren Standorte hinderte mich daran, das lautlose kosmische Spektakel − oder einfach: die Schönheit, die Erhabenheit − einer klaren Sternennacht unmittelbar wahrzunehmen:
Vor der Betrachtung dessen, was da so gewaltig prangte, war immer schon ein Schema da, die Konstellationen und die Namen der Gestirne waren vorgegeben, mein Blick entsprechend eingestellt und eingeschränkt. So ist es, leider, noch heute, da ich weit draussen auf dem Land lebe und meinen bisher grössten Nachthimmel über mir habe.
Immer dann, wenn ich mal wieder einen Grund … eine der selteneren Chancen zum Staunen habe, wird mir das Wissen zur Widrigkeit.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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