Schlussbericht aus der Papierwelt
Das papierlose Büro – oder auch bloß der papierlose Schreibtisch – ist für mich nie eine realistische Option gewesen. Von Beginn an hatte mein Handwerk als Schriftsteller den Charakter einer mehr oder minder streng organisierten Zettelwirtschaft. Wenn ich das Schreiben als ein Handwerk bezeichne, heißt das nichts anderes, als dass die Handschrift für mein literarisches Tun heute wie damals grundlegend und bestimmend ist.
Der Einsatz der Schreibmaschine und später des Personalcomputers war demgegenüber stets ein sekundäres, vorwiegend formales Verfahren, das lediglich auf die Bereinigung und Begradigung der handschriftlichen Erstfassung der Texte angelegt war. Im Unterschied zum Tasten- oder Sensordruck macht das Gleiten der Hand auf dem Papier den Schreibprozess zu einer ebenso intensiven wie ephemeren sinnlichen Erfahrung, die als solche mit der kompositorischen Arbeit einhergeht – mit der syntaktischen und stilistischen Fügung, der rhythmischen und melodischen Markierung des Texts.
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Dass literarisches Schreiben notwendigerweise Lektüren unterschiedlichster Art voraussetzt, ist mir sehr früh deutlich geworden und blieb mir in der Folge nicht nur bewusst, sondern hat auch meine Poetik merklich geprägt. Wer nicht lesen kann, wer nicht gelesen hat, der wird auch nicht schreiben – vielleicht wird er singen oder weitererzählen, was ihm zu Ohren gekommen ist, die Schreibbewegung jedoch entfaltet sich aus dem Akt des Lesens. Text und Lektüre erfordern notwendigerweise einen Träger, und als solcher bot sich bis zum Aufkommen elektronischer Schreib- und Lesegeräte vorrangig Papier an.
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Schon bei meinen furiosen (meist zufälligen und völlig unkritischen) Jugendlektüren hatte ich – selbst bei Büchern aus der Schul- oder Gemeindebibliothek – den unwiderstehlichen Drang, alle „interessanten“ Stellen irgendwie zu markieren, sei’s durch Unterstreichung, sei’s durch Randbemerkungen, durch Frage- oder Ausrufezeichen u.a.m.
Für „interessant“ hielt ich damals in erster Linie das, was meine eigenen Überlegungen, Zweifel oder Wunschvorstellungen bestätigte, Aussagen, die ich noch so gern mit meinem Namen (oder einem meiner vielen damaligen Pseudonyme) unterschrieben hätte, dies umso mehr, als ich zu deren eigenständiger Formulierung ganz und gar unfähig gewesen wäre. Genau genommen begannen also meine ersten, im eigentlichen Wortverständnis „belletristisch“ zu nennenden Schreibversuche zwischen den Zeilen und in den Marginalien fremder Texte, aus denen dann, allmählich, eigenständige Exkurse und schließlich mehr oder minder eigenständige Gedichte und Geschichten erwuchsen.
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Die enge Bindung meiner Schreibarbeit an Fremdtexte intensivierte auch meine Sensibilität für die vielfältigen sinnlichen Qualitäten, die das Buch als materiales Objekt aufweisen kann – Körnigkeit oder Glätte, Dicke und Konsistenz der verwendeten Druckbögen; Zerbröselung und bräunliche Einfärbungen des Papiers durch den Alterungsprozess; Geruch und auffliegender Staub als begleitende Wahrnehmungen beim Blättern: Lauter Eigenschaften (Vorzüge wie Mängel), die bei elektronisch erfassten Texten entfallen, die ich aber der aseptischen Lektüre via Monitor noch immer vorziehe, abgesehen davon, dass das Buch – unabhängig von Stromzufuhr – leichter, schneller, effizienter zu handhaben ist als das bestausgestattete Tablet oder Kindle. Den größten Vorteil sehe ich allerdings darin, dass sich die gedruckte Buchseite immer auch als Schreibblatt nutzen lässt – ich kann zwischen den Abschnitten, am Außenrand oder am Fuß des Satzspiegels und vorab auf leeren oder halbleeren Seiten eigene Notate anbringen, sei’s um den gelesenen Text zu kommentieren, sei’s um Assoziationen festzuhalten, die ich aus der Lektüre gewinne.
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Von besonderer Bedeutung ist dieses interlineare Schreibverfahren beim Übersetzen. Das Übersetzen ist für mich nichts anderes als ein intensiviertes, produktiv eingesetztes Lektüreverfahren. Das gilt vor allem beim Übersetzen von Lyrik. Da Gedichte in der Druckfassung gewöhnlich von recht viel Leerraum umgeben sind, bieten sie Platz für erste handschriftliche Übersetzungsversuche. Ich verwende denn auch regelmäßig – als Arbeitsvorlage wie auch als Arbeitsinstrument – fremdsprachige Lyrikbücher zu eben diesem Zweck. Um die gedruckten Originaltexte herum und zwischen deren Versen entsteht dann beim Notieren von Varianten und vorläufigen Lösungen allmählich die Übersetzung. Das Papier der Druckvorlage dient mithin immer auch als Träger für die übersetzerische Nachschrift.
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Wie eng jedoch generell bei meiner literarischen Arbeit Lesen und Schreiben korreliert sind, ist auf vielfache Weise durch meine diesbezügliche Zettelwirtschaft belegt. Zettel unterschiedlichen Formats, unterschiedlicher Qualität und mit unterschiedlicher Funktion setze ich – zunächst mit Bezug auf die Lektüre, danach auch im Schreibprozess – wie folgt ein.
Mit kurzen schmalen Papierstreifen, die ich eigens dafür zuschneide, markiere ich beim Lesen jene Stellen im Buch, wo ich etwas angestrichen oder eingetragen habe. Ich lege den Streifen oben im Falz ein, wenn dort etwas steht, was ich als Idee verwenden könnte; weist der Streifen nach unten, so ist damit eine Seite markiert, von der ich ein Zitat im Wortlaut übernehmen möchte. Bücher mit solchen Markierungen habe ich beim Schreiben stets griffbereit. Sobald die entsprechenden Textstellen abgearbeitet (oder verworfen) sind, entferne ich die eingelegten Streifen und stelle die Bände ins Regal zurück.
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Bei den nächst größeren Zetteln handelt es sich um ehemalige Karteikarten, die ich mir bei verschiedenen Bibliotheken nach deren Umstellung auf elektronische Katalogisierung beschaffen konnte. Karten dieses Formats verwende ich ausschließlich für bibliographische Daten („Literaturangaben“), die ich inzwischen zu Tausenden, nach Themen geordnet, in Zettelkästen aufbewahre und laufend ergänze im Hinblick auf eigene allfällige Schreibarbeiten; vieles davon werde ich, aus heutiger Sicht, nicht mehr verwenden können, anderes ist nach Abschluss der entsprechenden Arbeiten hinfällig geworden, verbleibt aber in den Kästen.
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Eine andere Funktion haben die Zettel im Format A6, die ich ebenfalls, nach Projekten geordnet, in Zettelkästen ablege. Ich brauche dafür karierte Blätter aus gewöhnlichen Notizblöcken. Darauf werden, oft beidseitig, Formulierungen für bereits vorhandene Ideen, Wahrnehmungsnotizen, Zitate aus Fremdtexten oder aus Gesprächen festgehalten, zudem resümiere ich bisweilen stichwortartig Träume oder Filme. Wenn ich unterwegs bin, übernimmt diese Funktionen mein Moleskinebuch, das aber öfter auch für Zeichnungen oder Gedichtentwürfe Verwendung findet. – Die Zettel im Postkartenformat und die Moleskinebücher vermitteln in jedem Fall den Übergang zu einem nächsten Stadium der Schreibbewegung, ungeachtet dessen, wie die jeweilige Notiz beschaffen ist und was sie zum Gegenstand hat. Sämtliche Aufzeichnungen dieser Art bleiben aufbewahrt – sie erlauben einerseits den Rückgriff auf die ersten Vorstufen aller nachmals entstandenen Texte, anderseits lassen sie sich, soweit noch ungenutzt, jederzeit als Rohmaterial für neue Arbeiten einsetzen.
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Eine Zwischenstellung nehmen in meiner Zettelwirtschaft die Papiere des Formats A5 ein. Dabei handelt es sich ursprünglich zumeist um irgendwelche A4-Blätter (Werbebriefe, Rechnungen, Mahnungen, Kontoauszüge u.ä.m.), die ich gerade unter der Hand habe und deren leere Rückseite sich als Schreibfläche anbietet. Solche Papiere falte und zerreisse ich jeweils in der Mitte, so dass ich dann zwei Zettel in A5 zur Verfügung habe. Zettel dieses Formats verwende ich vorzugsweise für Konzeptskizzen, mit deren Hilfe ich mir die inhaltliche und argumentative Struktur des geplanten Texts oder die Abfolge von Kapiteln, Episoden, Schauplätzen und Stilebenen in Form von Listen vor Augen halte.
Da sich meine Textkonzepte beim Schreiben – und durch das Schreiben – in aller Regel erheblich verändern, muss ich die entsprechenden Listen ständig revidieren. Oft genügen einfache Umstellungen oder Pfeilverweise nicht, weshalb ich denn auch viele dieser Zettel im Arbeitsverlauf entsorge und ersetze. Nur ganz wenige davon sind, eher zufällig, erhalten geblieben.
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Das Normformat A4 erfüllt demgegenüber weit mehr – und ganz andere – Zwecke. Ich verwende es nach wie vor für die handschriftlichen Erstfassungen meiner Gedichte, gelegentlich auch für besonders schwierige Lyrikübersetzungen. Da ich bei eigenen Gedichten nicht linear verfahre, sondern den Text häufig vom Schluss (also vom untern Blattrand) her entfalte und dabei in unregelmäßigem Zickzack allmählich zum Anfang und zum Titel vorrücke, bin ich auf eine relativ große Schreibfläche angewiesen.
Zum Schreiben verwende ich üblicherweise Feder und Tinte, seltener Bleistift, nie Filz- oder Kugelschreiber. Aufgrund dieser ungewöhnlichen Entstehungsart wie auch der ausufernden Handschrift bieten sich meine Gedichtmanuskripte optisch „zerrissen“ oder „ausgefranst“ dar, Vers- oder Strophengrenzen sind schwerlich zu erkennen, der Gesamttext wirkt, auch wenn er abgeschlossen ist, offen und fragmentarisch. Erst nach der Abschrift auf der Schreibmaschine oder dem Notebook kann seine lineare Fügung klar ersichtlich werden.
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Bei den übrigen A4-Papieren, die ich in zahlreichen Hängemappen und Archivschachteln verwahre, handelt es sich mehrheitlich um Xeroxkopien aus Büchern und Zeitschriften, auf die ich in wechselnden Problem- und Arbeitszusammenhängen zurückgegriffen habe oder die ich im Hinblick auf noch unausgeführte Projekte bereithalte. Die offenen Dossiers werden weiterhin alimentiert, hin und wieder ergänze ich sie durch handschriftliche Kommentare, durch passende Zeitungsausschnitte oder Separata, die mir zugeschickt werden. In speziell dafür vorgesehenen Hängemappen lege ich ausserdem meine Korrespondenzen ab (Originalbriefe, dazu Kopien von Emails), derweil die Schachteln größtenteils der Aufbewahrung meiner laufenden Tagebücher dient. Diese umfassen inzwischen mehrere tausend Seiten in A4, anfänglich wurden sie von Hand, dann während vieler Jahre auf der Schreibmaschine, seit 1992 direkt in den PC geschrieben.
Seit einigen Jahren lege ich aus Platzgründen in den Archivschachteln nur noch ausgewählte Tagebuchpassagen ab, die vollständigen Texte speichere ich auf Memosticks. Ebenfalls in Schachteln bewahre ich (ziemlich ungeordnet) meine Werkentwürfe und Teile meiner Verlagskorrespondenzen auf, separat sammle ich Manuskripte und Typoskripte befreundeter Autoren und archiviere Dokumente zu meiner langjährigen privaten Krankengeschichte. Insgesamt ein „Papierwerk“ von beträchtlichem Umfang und als solches ein Zeitzeugnis, das Persönliches und Literarisches gleichermassen zur Geltung bringt.
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Naturgemäß verliert meine Zettelwirtschaft mehr und mehr an Bedeutung. Die elektronische Textverarbeitung und Textverwahrung macht den Einsatz von Papier in manchen Bereichen überflüssig. Auch meine sieben Schreibmaschinen (darunter zwei mit kyrillischer Tastatur) sind entbehrlich geworden. Drei, vier davon waren stets in Betrieb, eine auf dem Schreibtisch, die übrigen auf Stehpulten: Da ich normalerweise an mehreren Texten simultan arbeite, hatte ich die entstehenden Typoskripte jeweils einzeln in die verschiedenen Maschinen „eingespannt“.
Dass sich diese Parallelität auf dem PC problemlos herstellen und aufrechterhalten lässt, bedeutete für mich nach dem Wechsel vom analog-mechanischen zum digital-elektronischen Schreiben eine wesentliche Erleichterung. Dennoch empfinde ich die Stilllegung der Schreibmaschinen auch als einen Verlust: Das Einspannen der Papiere, das laute Klappern beim Eintippen, das Klingeln am Zeilenende, das Zurückschieben der Walze – all diese verinnerlichten Gesten und sinnlichen Wahrnehmungen mochten die Schreibbewegung zwar stören, aber sie wirkten auch disziplinierend, zwangen immer wieder zum Einhalten, verhinderten also das allzu unbekümmerte Drauflosschreiben, von dem die zeitgenössische Prosa ebenso geprägt ist wie das neu aufkommende Langgedicht: Graphomanische Fahrigkeit bestimmt den aktuellen Epochenstil bei gleichzeitiger Nivellierung der Personalstile.
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Seitdem sich Daten und Dokumente problemlos und in beliebiger Anzahl via Internet besorgen und speichern kann, sind auch meine bibliographischen Zettelkästen sowie der Großteil der auf Papier kopierten Arbeitsmaterialien (die ich noch immer in Aktenschränken greifbar halte) überflüssig geworden. Doch weiterhin bewirtschafte ich die umfängliche Zettelsammlung im Format A6 mit meinen handschriftlichen Notaten zu vielen mich interessierenden Themen und geplanten Texten, und noch immer schreibe ich Gedichte und anspruchsvolle Prosatexte von Hand, bevor ich sie zur definitiven Ausarbeitung ins Notebook übernehme und danach direkt zum Druck befördere. Das Tagebuch wie auch meine publizistischen und wissenschaftlichen Arbeiten entstehen seit längerem ohne Papierträger. − Als exklusiv handschriftliche Textsorte bleibt allein der persönlich adressierte Brief.
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Als eigenständige Sparte meiner Papierwerke will ich zuletzt noch die zahlreichen Broschüren nennen, die ich während vieler Jahre auf einfachste Weise (Bild-Text-Montage, Xerox, Bostich-Heftung) in kleinen nummerierten Auflagen hergestellt und jeweils zum Jahreswechsel als Privatdrucke mit Signatur verschickt habe. Mehrheitlich handelt es sich dabei um Erstpublikationen eigener Gedichte, illustriert mit Photographien von mir selbst oder mit Graphik von befreundeten Künstlern. All diese Hefte sind vergriffen (nur eins davon wurde in wenigen Exemplaren nachgedruckt), von den meisten ist lediglich ein einziges Belegstück übriggeblieben. Insgesamt ließen sich diese Erstdrucke wohl zu einem recht umfangreichen Gedichtbuch bündeln. Doch das wird Sache jener guten Geister sein, die vielleicht mal in fernerer Zukunft mein Archiv durchforsten.
[Der obige Bericht wurde abgefasst auf Nachfrage der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern; Erstdruck im Sammelwerk Paperworks, herausgegeben vom Schweizerischen Literaturarchiv, Göttingen/Zürich 2017.]
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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