Hans-Ulrich Treichel: Südraum Leipzig

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Hans-Ulrich Treichel: Südraum Leipzig

Treichel-Südraum Leipzig

IN SALZBURG, FÜR TRAKL

Im Pfarrhaus riecht es nach Veilchen.
Unter dem Marktplatz ein Loch
für tausendundeinen Toten.
(Davon wissen wir nichts.)
Ein weißer Hund vor dem Brunnen.
Ein blauer Fleck auf dem Gehweg.
Irgendwann wird einer schreiben:
Auf meine Stirne tritt kaltes Metall

 

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Und sonntags Grenzverletzung

– Wessi in den Passagen: Hans-Ulrich Treichels neue Gedichte. –

„Dieser Text ist verschwunden.“

Dichter lügen bekanntlich, und oft tun sie es gut und zu unserm großen Vergnügen. Aber lügen sie wirklich immer? Vielleicht wird in Gedichten doch weniger gelogen als beispielsweise in Romanen? Jedenfalls traut man Gedichten üblicherweise eher persönliche Bekenntnisse, unmittelbaren Gefühlsausdruck, subjektive Sicht- und Schreibweisen zu als anderen literarischen Gattungen und nutzt sie gern als autobiographische Mosaiksteinchen für das Lebensbild des Autors.
Wer Hans-Ulrich Treichels Gedichte so lesen will, kommt mit dem neuen Gedichtband Südraum Leipzig voll auf seine Kosten. Hier scheint einfach alles zu stimmen: Tatsächlich wohnt Hans-Ulrich Treichel zeitweise in Leipzig, wo er seit 1995 am Deutschen Literaturinstitut der Universität als Professor angehende Schriftsteller unterrichtet, und es besteht wenig Veranlassung, daran zu zweifeln, dass seine Wohnung in der Stieglitzstraße (darüber gibt es ein Gedicht) im Stadtteil Plagwitz liegt (dem gleich drei Gedichte gelten), dass ihn Ausflüge in das Braunkohlerevier und an den Cospudener See geführt haben und dass er regelmäßig den „Interregio Berlin – Leipzig“ benutzt, um zwischen seinem Haupt- und Zweitwohnsitz zu wechseln. Nicht anders sieht es in den anderen Abschnitten des Bandes aus. Ob es um die Berlin-Gedichte geht, die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in Westfalen, die wolhynischen Wurzeln der Familie, die Reisen innerhalb Europas, nach Amerika und nach Fernost – stets sind die biographischen Auskünfte konkret, präzise und offenbar zutreffend. Man erfährt die Namen aller Stadtteile Berlins, in denen Treichel einmal gewohnt hat, und der Hotels und Lokale, die er besucht hat. Es scheint kein Zweifel zu bestehen: Hier wird nicht gelogen. Hier spricht kein künstlich vorgeschobenes „lyrisches Ich“. Hier spricht Treichel selbst in höchsteigener Person.
Und doch: Was und wie er von sich selbst spricht, das ist zwar nicht geflunkert, aber doch deutlich stilisiert. Die Selbstdarstellung ist auf Kritik und Selbstkritik aus. Ein Beispiel: Das Gedicht „Dezember in Warschau“ führt zunächst, in gewohnter Detailgenauigkeit, die zweifelsfrei zutreffenden Informationen an: Wie die Straße heißt, in der der Reisende dort wohnt, und das Stammlokal, das er besucht. So weit, so gut. Dann aber werden die Defizite deutlich, die dieser Besucher mit nach Warschau gebracht hat: Er kennt sich dort nicht aus, versteht die polnische Sprache nicht und weiß angeblich über die Vergangenheit der Stadt an der Weichsel nicht mehr, als dass da einmal „irgendetwas mit Krieg“ war. Im autobiographischen Bild des Ignoranten, das er zeichnet, spiegelt sich, wenn der Leser sich darauf einlässt, dessen eigene mögliche Ignoranz wider.
Ähnlich funktionieren viele andere Gedichte, etwa diejenigen, in denen es um das Verhalten des Wessis, der Treichel ist, im Ossi-Land geht. Je vertrauenswürdiger er als lyrischer Autobiograph von sich selbst spricht, desto glaubwürdiger wird auch seine Selbstkritik als eine Kritik, die sich verallgemeinern lässt. Da geht er zum Beispiel, erfüllt von seiner Rolle als „Mann mit Terminen“, an dem bettelnden „Geiger in der Passage“ vorüber, ohne ihm etwas anderes zu „spenden“ als einen geradezu zynisch banalen Gedanken („was ist das Leben, / wenn nicht ein Geigen in den Passagen“) und einen ebenso zynischen wie selbstgerechten Ratschlag:

Pflege Kontakte und streue Asche auf
deine Akte

Gemeint ist natürlich die Stasi-Akte. „So ist das hier“, resümiert der Wessi, der die Grenze immer noch in seinem Kopf mit sich herumträgt.
Es ist kein ungefährliches Spiel, das Treichel hier treibt. Leicht kann als Diffamierung der Ossis verstanden werden, was als ironische Selbstkritik inszeniert ist. Nimmt man die Gedichte beim Wort und identifiziert gutgläubig ihren Wortlaut mit den Meinungen des Autors, dann sieht er sich nicht selten aufs Glatteis geführt. Tut er es nicht, dann verfehlt er den spielerisch-autobiographischen Charakter der Gedichte. Irritationen des Lesers sind also vorprogrammiert. Sie sind offenbar gewollt. Zur Verführung trägt der scheinbar lockere Erzählton viel bei. Er verführt mit Oberflächenreizen, mit Elementen mündlicher Rede, nonchalanten Zwischenbemerkungen, charmanten Wendungen. Schalk und Witz sitzen Treichel immer im Nacken.
Hin und wieder laufen auch Kalauer mit, wenn etwa die Dame vom Arbeitsamt ihm telefonisch „Stellen ins Ohr flüstert“. Vage Metaphern dagegen verdunkeln die Texte nicht; keine grammatischen Extravaganzen oder sprachlichen Experimente machen sie schwierig, um keinen Preis soll Pathos oder Gefühligkeit aufkommen. Sogar noch das zärtlichste Liebesgedicht, das mit dem genreüblichen Mond einsetzt, der „sanft und still und klar / irgendwo über den Wolken“ lag, endet ernüchternd:

als ich meine Hände auf dich legte
und mich ganz sacht zu dir bewegte
da hast du mir das Herz gebrochen
(ich spür noch immer wie es bricht)
und sanft und klar und ruhig
gesagt: Jetzt nicht.

Sehr professoral klingt das nicht. Gewiss: Es gibt auch Bildungswissen, wenn etwa eine Köchin im venezianischen Hotelrestaurant Montin mit Bellinis „Madonna mit Birne“ verglichen wird. Und auch die Zitate und Anspielungen auf Wolfgang Koeppen, Büchner, Heine, Else Lasker-Schüler, Trakl, Kafka und Brecht weisen den Literaturprofessor aus. Doch das geschieht nie mit dem Gestus der Belehrung. Vielmehr wird der Schreibunterricht selbst, den Treichel in Leipzig zu geben hat, zugleich erteilt und kritisch aufs Korn genommen: „beschreiben Sie, was Sie sehen“, heißt die Lehre und „Nein, streichen Sie das“, heißt sie auch. Beschreiben, Streichen und Neuerfinden – das sind die Grundanforderungen an einen Schriftsteller, und sympathischerweise muss sich Treichel selbst, wenn man dem witzigen Gedicht „Kürzlich in Frankfurt“ Glauben schenken will, ähnliche Direktiven gefallen lassen von der Lektorin des Frankfurter Suhrkamp Verlages, in dem die erfolgreichen Romane Treichels und sein lyrisches Werk seit dem Bändchen Liebe Not (1986) erscheinen.
In diesem Wintersemester wird Hans-Ulrich Treichel in Leipzig die Frage „Was ist Stil?“ erörtern, eine zweite Lehrveranstaltung gilt dem autobiographischen Schreiben. Beide Themen haben es, wie Treichels eigene Gedichte zeigen, zentral mit dem Wahrheitsanspruch von Literatur und mit ihren unumgänglichen Lügen zu tun. Lauter offensichtliche Lügen beschließen den „Südraum Leipzig“, teils passable, teils witzige Notlügen, erdacht für Autoren, die gefragt werden:

Schreiben Sie eigentlich noch Gedichte?

Hier der Schluss dieses Gedichts:

Um Himmels willen
Nur wenn ich will
Nur wenn es sein muss
Sonst nie

Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.9.2007

Wem die Zeile bricht

– Hans-Ulrich Treichels mißglückte Expedition in den „Südraum Leipzig“. –

Dem gebürtigen Westfalen mit wolhynischen Wurzeln ist in den letzten Jahren Anerkennung zuhauf widerfahren. Sie galt dem Autor von Romanen wie Tristanakkord, Der irdische Amor, Das Mädchen mit der Geige, Der Verlorene oder Menschenflug. Der Respekt wächst zunächst, wenn man bedenkt, dass der Autor im Hauptberuf auch noch ein in seinen Arbeiten exzellenter Literaturwissenschaftler ist, der am Literaturinstitut Leipzig seit mehr als zehn Jahren jungen Schreibverfallenen die Abgründe des Schreibens lehrt. Dabei hatte er seine literarische Karriere 1986 als Lyriker begonnen, ganz allmählich, mit dem Gedichtband Liebe Not, dem im Vier-Jahres-Abstand zwei weitere Sammlungen folgten. Mit Lyrik allein, auch wenn sie bei Suhrkamp verlegt wird, gründen sich allerdings in Deutschland keine Erfolgsgeschichten. Die marktliberale Schneisenlegung betrifft seit etwa Mitte der neunziger Jahre vor allem die unprofitable Königsgattung der Literatur. Das hatte Hans Ulrich Treichel beherzigt und zwölf Jahre verstreichen lassen, ehe er einen vierten Gedichtband vorlegte,  den sein Verlag nach dem Erfolg der Romane nicht abschlagen konnte. Dass also ein neuer Gedichtband von Hans-Ulrich Treichel 2007 erscheint, ist eine Erfreulichkeit.
Woher aber rührt mein Unvergnügen schon bei erster Lektüre, da doch der Autor seinem Sound des Understatements, der Lakonie und der melancholiedurchwirkten Ironie treu geblieben ist? Es ist vor allem dies: Treichels Gedichte inkarnierien so ziemlich alles, wogegen seit den achtziger Jahren eine inspirierte Lyrik in Westdeutschland, von Gerhard Falkner bis Thomas Kling, nach 1990 mit Beistand einer ganz anders gewachsenen, aber maßstabsbewussten Lyrik in der DDR, antrat:  Gegen den Mißbrauch des Verses als Zeilenbrecher für poesieärmste Beobachtungsprosa, die Aufblähung eines mitteilungsarmen „Ich“ zur Repräsentanz-Monstranz, gegen die weitgehende Abwesenheit formaler Raffinessen, gegen Phantasiearmut, Banalitätshuberei und die Nobilitierung des Räsonnements im Gedicht. Erstaunlich ist es schon, dass jemand, der das Privileg besitzt, lebendig im Arbeitskontakt mit nachwachsenden Schriftstellern zu stehen und reflektiert genug sein dürfte, die Entwicklungen deutschsprachiger Lyrik zur Kenntnis zu nehmen, unbeirrbar einem poetologischen Ansatz folgt, dessen Anachronismus inzwischen grell zutage tritt.
Treichel-Gedichte gehen etwa so:

Heute radle ich mal nach Kreuzberg,
nix Prenzelberg, nix Kollwitzplatz,
heute radle ich antizyklisch,
bin schließlich in Kreuzberg zur Schule
gegangen, zur Schule des Lebens,
habe alles gesehen, was man am
Paul-Lincke-Ufer sehen kann,
und das war so viel auch wieder nicht,
kein Streß in Kreuzberg, sage ich
immer, öfter mal den Wind
aus den Segeln nehmen,
in der Trattoria Numero Uno
zum Beispiel, Italienisch spreche ich
schließlich perfekt
(…)

Es ist ein sehr durchsichtiges Verfahren: Die Mitteilung von Alltagsbegebnissen wird kombiniert mit lebensphilosophisch angehauchten Allgemeinplätzen („Schule des Lebens“, „Wind aus den Segeln nehmen“), das Ganze wird schlusshin noch garniert mit einem Schuss Ironie und/oder Melancholie, in diesem Falle:

die Magnani aus
Wild ist der Wind, damals in Kreuzberg,
als ich jung war und noch
wußte, wie’s läuft.

Abgesehen von elementaren stilistischen Peinlichkeiten: Ja ja, das läuft und läuft und läuft, VW-Werbung der fünfziger Jahre und Heinz Ehrhardt lassen grüßen, nicht unzufällig. In Treichels neuen Gedichten kehrt eine Biedermeierhaltung wieder, wie man sie gemeinhin im Wirtschaftswunderland BRD der fünfziger Jahre verortet hatte. Allerdings muss man sich dabei, wir schreiben das Jahr 2007, pflichtschuldig der Irrungen und Wirrungen seiner Jugend entledigen. „An mich selbst“, so der Gedichttitel, grüßt er sich, „ alter Berliner“:

ich winke dir zu, aus dem blühenden Lankwitz,
wo du jetzt prächtige Mieten bezahlst,
den Windhund ausführst auf der Dachterasse,
Funken sprühst vor dem Fernseher, alter
Anarcho, alter Parkettfeger, du.

Der Binsenweisheit, dass der Marsch durch die Institutionen der erfolgreichen 68er letztendlich als Aussaugungssieg der Institionen über Körper und Hirne der einstigen Rebellen endete, verleiht er immerhin eine so eintönig zirpende Stimme, wie es halt einer Binsenweisheit gebührt.
Zwischen 68 und 07 gab es allerdings noch etwas, was die Biographie Hans-Ulrich Treichels durcheinanderrüttelte. Das war die „Wendezeit“, wie ein Gedicht aus dem 94er Gedichtband überschrieben ist, und in dem es heißt:

Vielleicht
fahr ich doch noch mal
rüber, an diesem mildwarmen
Abend, Spitzel angucken
und Sprüche austeilen.

So schlichten Gemütes also teilte er 1994 Sinnsprüche aus, die der Verlag damals meinte im Klappentext als Witz des Autors zu empfehlen.
Nun aber ist er wirklich rübergefahren, und zwar für beamtenimmer. Die Wendezeit hatte es Hans-Ulrich Treichel ermöglicht, eine Professur in Leipzig zu erstreiten. Es ist nur eine von den vielen Glücksrittergeschichten, die in historischen Umbrüchen sich ereignen. Nun musste er tatsächlich übersetzen in den Osten und dortselbst Wohnsitz nehmen. Was dann nicht davon abhielt, seine neue Wahlheimat vorwiegend als Narzisst mit Tropenhelm wahrzunehmen. Südraum Leipzig ist der Band überschrieben, und die Gedichte, die auf diesen rekurrieren, bezeugen vor allem eins: Oberflächenwahrnehmung der einfältigsten Art, da hilft auch kein eingestreutes René-Char-Zitat wie in „Seit ich hier bin“:

Seit ich hier bin, trage ich Taschen
voller Papiere, fahre ich Fahstuhl,
trinke Kaffee wie ein Mann
mit Terminen, liege ich schlaflos,
interpretiere, huste und reime, traurige
Tiere, spende dem Geiger in der Passage
einen Gedanken,
was kann er tun, und was soll ich sagen:
Pflege Kontakte und streue Asche auf
deine Akte. So ist das hier.

Was soll man da sagen? Dass der Professor vielleicht dem Geiger doch lieber mal einen Euro spendieren sollte? Ist die bedeutende Mitteilung „fahre ich Fahrstuhl“ ein überaus geschickter intertextueller Verweis auf Heiner Müllers „Mann im Fahrstuhl“ oder nur Blabla? Und die kryptische Du-Anrede „Asche auf / deine Akte“ – wer bitte ist damit gemeint? Der Ostmensch an sich, frei nach dem Kalauer „Alles Stasi außer Mutti“ (Frank Castorf)? Denn „auch der Drogist ist wie früher“, wie das Gedicht „Plagwitz“ in bemerkenswertem Deutsch konstatiert, noch einmal, zum Feinschmecken:

auch der Drogist ist wie früher

Es ist müßig, all die sprachlichen Ungelenkheiten, um es freundlich zu sagen, zu monieren, die in dem Band auffällig sind; es sind ihrer zu viele.
Treichels Gedichte entzünden sich mit Vorliebe an Ortserkundungen: Leipzig, Berlin, der Rhein, Italien, USA, die Suche nach den eigenen Wurzeln in der Ukraine. Die Gedichte tragen Überschriften wie „Abend am Müggelsee“, „Dezember in Warschau“ oder „Anflug Kiew“. Der Trick besteht fast immer darin, sich weit unterhalb des eigenen Wissens zu äußern, wahrscheinlich in der Absicht, den Leser, was zugegebenermaßen sehr schwer geworden ist, zu heftigeren Reaktionen zu bewegen der Zustimmung oder des Widerspruchs. „Abend am Müggelsee“ endet:

(…) gehen am Sonntag
über die Grenze, spielen Nachbar mit Herz,
kehren den fröhlichen Wessi heraus und
lassen fünfe gerade, den Müggelsee
Wannsee sein.

„Dezember in Warschau“ entlässt den Leser mit den Versen:

(…) Was
heißt Rohrbruch auf Polnisch? Was, bitteschön,
Frohes Fest? Hinter den Sträuchern rauscht
die Weichsel. Von ihr weiß ich nur
irgend etwas mit Krieg.

Grenze Ost-West-Berlin 2000nochwas, Warschauer Aufstand 1944, Amnesie? Das Prinzip, mit dem hier gearbeitet wird, ist von Harald Schmidt her bekannt, doch funktioniert in der Lyrik, was im Fernsehen Lacher produziert? Ich habe da berechtigte Zweifel, zumal der dazu nötige Zynismus durch Gedichte konterkariert wird, die der Kindheit und dem eigenen Herkommen sympathisch sentimental nachhorchen. Eines der zwei im Band auch durch den Reim strukturierteren Gedichte ist etwas hilflos mit „Lied“ überschrieben und hat mich nach all der Lektüre-Tristesse berührt:

Das Kind das ich war
das hatte kein Haar
Das hatte kein Bein
Das sollte nicht sein

Das Kind das ich war
Dem wuchs in der Brust
Eine Spinne ein Stein
Den hörst du nicht schrein

Das Kind das ich war
Die Wangen so bleich
Die Äuglein so rot
Ich schlag es jetzt tot

Natürlich hat er es nicht totgeschlagen, der Hans-Ulrich Treichel. Der Autor Hans-Ulrich Treichel weiß selbstredend, dass das Kind in sich sowieso nicht erschlagen werden kann. Vielleicht, aber das sind so Wunschträume eines Kritikers, sollte er auf es hören können, wann und wem die Stunde schlägt.

Peter Geist, Homepage

Tödliches Wollknäuel

– Hans-Ulrich Treichel schafft jede Menge Atmosphäre. –

Über Hans-Ulrich Treichels Gedichte lässt sich wenig sagen – sie selbst sagen nämlich auch nicht viel. Sie plaudern eher. Plätschern so dahin. Ja, sind so recht von beruhigender Belanglosigkeit, manchmal etwas traurig, manchmal von arg betulicher Ironie. Treichels Gedichte tun keinem was. Sie sind gefällig. Man könnte sich an sie ankuscheln und neben ihnen einschlafen. Die Träume wären süß-verhangen. Vielleicht käme Venedig in ihnen vor, denn Venedig, da war der Dichter, und er fand es durchaus nett.
Der Dichter ist zudem Professor, ein reflektierter Mensch also, bewandert Interpretieren und Bewerten, und darum weiß er durchaus um die Banalität der in seinen Gedichten beschriebenen Begebenheiten. So haftet allem die Eitelkeit des „Ich weiß, das ich nichts weiß” an. Überhaupt könnte man sich darüber ärgern, wie Treichel ständig mit der Schlichtheit seiner Verse kokettiert, hätten diese nicht zugleich einen solch sedierenden Effekt:

Hinter den Sträuchern rauscht
die Weichsel. Von ihr weiß ich nur
irgend etwas mit Krieg.

Ja, Orte werden viele bedichtet in Südraum Leipzig, Kreuzberg zum Beispiel, oder die Trattoria Numero Uno, Lankwitz, die Vereinigten Staaten, Warschau, ein „Abend am Müggelsee“, und auch ein Bahn-Gedicht fehlt nicht: „Interregio Berlin-Leipzig“. Diesen Titel hat gewiss schon jeder von Treichels Studenten am Leipziger Literaturinstitut in Erwägung gezogen. Als wäre es die deutsche Übersetzung von on the road.
Die Methode von Treichels Gedichten ist ganz einfach, und jeder kann sie lernen: Man schaffe etwas Atmosphäre, am besten beschreibe man die Landschaft mit zwei Worten, setze ein Tier hinein, spiele ein bisschen mit einem philosophischen Gemeinplatz und hänge schließlich ein mehr oder weniger originelles Bild ans Ende, fertig. Das Ganze sollte hin und wieder ein bisschen rhythmisiert sein, hier und da tupfe man ein paar unspektakuläre Reime hin, ansonsten: Zeilenbruch nach Gutdünken. Ins onomatopoetische übersetzt: „bla-bla-bumm“.
Lakonisch kann man Treichels Gedichte nicht nennen, denn ihnen geht jegliche Schärfe ab. Der Dichter, so der Eindruck hat sich ganz gut eingerichtet in seiner Melancholie. Und tatsächlich entstehen manchmal durchaus schöne Bilder. Mit Lyrik haben die allerdings wenig zu tun. In der Prosa, inmitten eines längeren Textes, würde sich etwa die Kreuzberger U-Bahn, die „kurz vor der Oberbaumbrücke verglüht“, ganz gut machen. Am Ende eines Gedichts wirkt das Bild wie eine billige Pointe.
Unangenehm fällt zudem auf, wie Treichel häufig in der vorletzte Zeile noch einen Zeilenbruch macht, allein um ein bisschen Spannung zu erzeugen, den Leser kurz die Luft anhalten zu lassen. So heißt es über die Wachtel, die in einem Pekinger Restaurant ihrem baldigen Verzehr entgegensieht, abschließend:

ein Wollknäuel
aus Todesangst.

Genauso wenig wie seine Wachteln, sind Treichels Gedichte gefiedert. Schwerelos ist an ihnen gar nichts. Eher trotten sie dahin und erinnern dabei traurig an das lyrische Alltagsgeschwätz der siebziger Jahre. Sie unterscheiden sich auch nicht von dem, was der Dichter in den achtziger Jahren veröffentlicht hat – denn als Lyriker hatte Treichel einst begonnen. Alles beim alten also, kein Grund zur Beunruhigung, schlafen Sie weiter.

Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung, 27.8.2007

Ach, die Orte: Treichel dichtet noch

„Schreiben Sie eigentlich noch Gedichte?“ heißt es in dem Gedichtband, den Hans-Ulrich Treichel – bekannt vor allem durch Romane (Der Verlorene, Tristanakkord) – jetzt vorgelegt hat. Der Ton des 55-Jährigen ist rührend-leichtfüßig und melancholisch-abgeklärt. Meist nehmen die Gedichte, die er also noch schreibt, ihren Ausgang bei Ortsnamen, heißen sie Harlem, Prag, Leipzig oder Berlin. Besonders die Berlin-Gedichte des seit Studienzeiten dortselbst lebenden Westfalen sind hinreißend. Eines heißt „An mich selbst“ und endet mit mildem Spott; gegrüßt wird die Weddinger Vergangenheit aus dem bequemen Lankwitz. In „Berliner Rätsel“ wundert er sich, dass etwas nicht stimmt:

Warum lächelt der Hauswart?
Habe ich etwa die Treppe gefegt.
Habe ich etwa den Müll sortiert.
Nein, habe ich nicht.
Wieso wechselt der Busfahrer
(von der Zeitungsfrau gar nicht zu reden)
wortlos und ohne Gezeter zehn Euro?
Ein Bus ist schließlich keine Wechselstube!

Ach, Berlin.

I. H., Frankfurter Rundschau, 19.6.2007

Treichel dichtet in die Welt hinaus

– Noch so ein Scherz aus dem Vorlesungsverzeichnis! So muss die Frage für seine Studenten am Schriftsteller-Institut in Leipzig klingen: „Schreiben Sie eigentlich noch Gedichte?“ Seminare mit Titeln wie „Wozu Dichter?“ ist man hier schon gewohnt. Das soll die Jungen zum Widerspruch reizen. Und wirklich, die unverschämte Lyrik-Frage stammt von einem der gestandenen Professoren. Hans-Ulrich Treichel überschreibt damit das letzte Gedichte seines neuen Bandes Südraum Leipzig.

„Schreiben Sie eigentlich noch Gedichte?“ Eine Frage, die der seit Prosa-Erfolgen wie Der Verlorene verstummte Alt-Lyriker Treichel immer wieder auf Lesereise gehört haben muss. Denn das, was der Überschrift folgt, klingt nach diesen Standard-Antworten, die er sich längst zurechtgelegt hat für die überall gleichen Publikumsfragen. So verriet er es einst den Studenten. Will sagen: Nur Mut zur Floskel, Kollegen! Und das liest sich so:

SCHREIBEN SIE EIGENTLICH NOCH GEDICHTE?

 

Wenn mir was einfällt
Wenn mir was hinfällt.

Oder:

Nur für meine Mutter
Nur gegen meine Mutter.

Und:

Aus Spaß an der Freud.

Aber so, nein wirklich, so klingt es eigentlich nicht. In keinem der 71 Gedichte gibt Hans-Ulrich Treichel so etwas wie heller „Freude“ das Wort. Wozu auch? „Spaß“ am Weltschmerz kommt bei ihm allemal auf:

Ich schließe den Vorhang,
notiere meine Werte:
Angstindex leicht sinkend
Bitterstoffe konstant

So heißt es in einer „Tagesbilanz“ mit dem für Treichel so typischen, späten Verrat am angedrohten Pathos. Nur mit Selbstironie wird diesem Dichter sein Lamento nicht peinlich. Also, wenn schon sterbens-traurig, dann bloß nicht auch noch todernst:

Ich mal wieder, mittendrin
im Gewimmel, im großen Ganzen,
im Sparverein des Lebens
verulken kann ich mich selbst.

Und so verulkt er sich dann, dieser Mensch gewordene Sparverein mit der fest verzinsten Pointen-Rendite: Ein Mann mit chronischem Knieschmerz und Kunstüberdruss, der sich nur noch mit Orthopäden ins Opernhaus wagt. Ein Wessi, der tapfer in den Osten zieht, um die neue Heimat zu loben – und der doch nur den Braunkohle-Husten bekommt, weil er Asche auf alte Akten streuen muss. Ein Bildungsbürger, der nur noch reist, um Enttäuschung zu kosten. Sei es nun, weil die Japaner am Flughafen ins Telefon schreien, statt andächtig Tautropfen zu zählen oder in ihre Schwerter zu stürzen. Sei es, weil die Wachteln im Pekinger Käfig dem Weitgereisten bloß wieder die eigene Todesangst gurren. Oder sei es, weil der Bettler in Weimar nur eine Fahrt nach Apolda als Grund seiner Bitte angibt – nicht etwa nach Rom:

Ich muss nach Apolda, heißt die Parole,
wer wollte da knausern, in Weimar,
(…) auch wenn wir uns sanftere
Witterung wünschten, gelbere Blumen,
lichtere Farben, und, lieber Bettler,
ein edleres Ziel.

Ja, edel und ehrlich wie „Der kleine Prinz“ geht dieses Ich in die Welt hinaus, und hätte es dort wohl besser verdient. In New York, Alt-Kreuzberg oder im Braunkohleloch südlich von Leipzig. Wo er auch hinkommt, dieser alternde Prinz, immer ist seine Melancholie schon vor Ort. Da hilft kein Wünschen und kein Witzen!
Zum Glück. Denn das ist das Gute an Treichels Gedichten. Das ist der Grund, sie wie süchtig zu lesen: Der Kampf dieses Ichs mit der eigenen Verzweiflung wird erst glaubhaft im Scherz und im Skrupel. Das große Hadern mit dem Ungenügen der Welt und dem eigenen Selbst, schrumpft nicht zusammen unter der Last dieses mächtigen Schalks im verspannten Dichter-Nacken. Es wird erst erträglich. Die Lakonie ist es, die mitfühlen lässt:

Ich verstehe die Welt nicht,
ich laufe hinaus und rufe den Enten
am Ufer entgegen: Ich hab keine Lust heut
auf Enten, ich bin melancholisch,
in mir nagt der Zeitwurm, der frisst mich,
der reißt mir die Magenwand auf.

Schreiben Sie doch bitte weiter Gedichte! Im Ernst.

Paul Pietraß, Die Welt, 16.6.2007

Tiepolowolken – irgendwo

Eine Reise ins Land der Sinne. Wer fragt schon danach wo dieses Land zu finden ist? Und weiter ins Land der Erinnerung. Kreuzberg, Gütersloh oder Rom? Kiew, Warschau oder New York? Raum und Zeit verwischen. Wenn Treichel in den 90er Jahren von West nach Ost geht, auf Spurensuche, dann verlässt er seine Heimat nicht nur räumlich, er reist auch in die Vergangenheit.
Es sind Gedichte voller Zartheit, voller Melancholie und Traurigkeit über vertane Chancen, und es ist Poesie über die Alltäglichkeit mit einem Quäntchen Sentimentalität. Die Gedichte nehmen den Leser an die Hand und schweben mit ihm gleichzeitig in imaginäre Kopfwelten und über reale Orte.
Die Zeilen sind immer dann besonders einprägsam, wenn sie bewusst Bilder entstehen lassen: wenn die „Hundertschaft Drosseln den Baum erobert“, der „Lietzensee dampft“ oder die „Braunkohle so hoch steht wie Hopfen“, dann sind dies eigenwillige Ideen, die ureigene Assoziationen entstehen lassen.
Treichels Lyrik ist dann besonders treffend, wenn sie knapp und auf den Punkt gebracht ist. Einige eher prosaisch gefärbte Schöpfungen wirken wie Fremdköper in dieser Sammlung, fast blutleer, tun dem runden Gesamtbild aber nur wenig Abbruch.

bookmark, amazon.de, 8.1.2008

 

 

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