Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Sounddance vs Sentence (Teil 3)

Sounddance vs Sentence

Teil 2 siehe hier …

Bei den vier oben angeführten, präzis gereimten Wörtern (fragen, tragen, schlagen, klagen) handelt es sich um freie Erfindungen des Übersetzers, der bemüht ist, Joyces «Reimstrahlen» in der Zielsprache nachzubilden, dabei jedoch die jeweilige Wortbedeutung völlig ausseracht lassen muss.
Im Originaltext stehen nicht vier, sondern fünf gleichklingende Begriffe – ways, days, blaze, praise, raise, die ihrer Bedeutung nach (wie dann auch in der deutschen und jeder andern fremdsprachigen Fassung) keinerlei Verbindung aufweisen: Der «sounddance» verselbständigt sich, die Wörter werden von ihrer «Aussage» losgelöst. Durch willkürliche Verschiebung, Verdrehung, Verdichtung sprachlicher Elementarteile (Silben, Buchstaben) einerseits, durch mancherlei etymologische und literarische Anspielungen andrerseits kommt es zu unerwarteten, kaum auflösbaren, vieldeutigen oder schlicht unsinnigen Begriffskonstellationen – Joyce gibt damit ein frühes Beispiel für seine nachmals perfektionierte assonantische Wortkunst.
Dementsprechend heisst es von Stephen Dedalus: «Sein eigenes Sprachbewusstsein schwappte aus seinem Gehirn und sickerte in die Wörter selbst (into the very words themselves), die sich in erratischen Rhythmen verflochten und entflochten …» Der Erzähler fügt hinzu: «Hat irgendjemand solches Gefasel (drivel) schon mal gehört?» Damit nimmt er selbstironisch vorweg, was man ihm im Hinblick auf seine grossen Prosawerke («Ulysses», 1922; «Finnegans Wake», 1939) weithin vorwerfen wird: Unverständlichkeit, Unlesbarkeit, Wortgeschüttel, Sprachdelirium. Solche Vorwürfe hat der Dichter und Theologe Kurt Marti in der Folge mit direktem Hinweis auf Joyce in einem dezidierten Dreizeiler konterkariert: standhält | der intelligente wahnsinn | der sprache. Das Stichwort «Wahnsinn» evoziert sogleich die Sprachexerzitien schizophrener Patienten, denen man gern auch poetische Kreativität zugesprochen hat; es lässt überdies an asyntaktische Zungenreden und Orakelsprüche denken oder an die unkontrollierten (unkontrollierbaren) «Wortanfälle», die einst Elias Canetti zu Protokoll gegeben hat. Dass der Überschwang von lautlichen Assoziationen aber auch Unbehagen auslösen und die literarische Arbeit lähmen kann, hat Italo Svevo in seiner „Novelle vom guten alten Herrn und vom schönen Mädchen” (1928) am Beispiel eines fiktiven Literaten lapidar auf den Punkt gebracht: «Wie viele Manuskriptseiten hatte er nicht schon vernichten müssen, weil er sich vom Klang der Worte hatte verleiten lassen.» Wer sich vom Klang der Worte verleiten lässt, riskiert die Kohärenz, wenn nicht überhaupt die Substanz der Aussage.

… Fortsetzung am 30.9.2026 …

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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