Sounddance vs Sentence
Teil 1 siehe hier …
Ein Rückblick auf die autobiographisch grundierten Prosawerke «Stephen Hero» (1904-1911) und «A Portrait of the Artist as a Young Man» (1907-1916) lässt erkennen, wie der für den Autor sprechende Protagonist nach seinen ersten Schreiberfahrungen allmählich vom hergebachten Literaturverständnis (Dichtung als Belehrung, Aufklärung, Unterhaltung, Bekenntnis) abrückt zu Gunsten vermehrter Beobachtung und Berücksichtigung formaler Sprachqualitäten. Bereits hier verschiebt sich, wenn auch vorerst ohne merkliche Konsequenzen, sein Interesse von der Aussage- auf die Ausdrucksebene, von der Bedeutung auf den Klangcharakter, mithin auch vom syntaktisch gefügten Satz auf das Wort als Laut- und Schriftgestalt.
Der junge, literarisch ambitionierte Stephen begreift rasch, dass der überlieferte Kanon (Autoren, Texte) als Vorbild unzureichend ist. Da er ja einen eigenen Personalstil entwickeln möchte, liest er zu seiner schriftstellerischen Ertüchtigung nicht nur literarische und philosophische Werke, er studiert auch systematisch («rund um die Uhr») einen Dictionary der englischen Sprache und entdeckt dabei, wie verwirrend vieldeutig die meisten Wörter sind, die sonst «so glatt von der Zunge» gehen. Diese Vieldeutigkeit, bedingt nicht nur durch die sprachliche Herkunft der einzelnen Wörter, durch ihre sprachlichen Mutationen und ihren sich wandelnden Gebrauch, sondern ebenso durch den jeweiligen Kontext, mit dem sie sich assoziativ verknüpfen können, begreift er, obwohl sie ihn verunsichert, als einen gewaltigen sprachlichen Reichtum, den es zu nutzen gelte.
In einem fragmentarischen Absatz aus «Stephen Hero» heisst es dazu: «[…] des Verses sind die Grundbedingungen, denen die Wörter sich unterwerfen müssen, der Rhythmus ist das ästhetische Ergebnis der Bedeutungen, Werte und Beziehungen der solcherart bedingten Wörter.» Demzufolge bleibt das Wort nicht auf die Funktion des Bedeutens beschränkt, es generiert auch ästhetische, vorbegriffliche Qualitäten. Nach Mallarmé, mit Valéry kommt Stephen zur Einsicht, dass Gedichte «gemacht, nicht geboren» werden und dass das Machen (Bewerkstelligen, poiesis) den Rückgriff auf die elementaren sprachlichen Baumaterialien erfordert. Statt aus Ideen und Gefühlen komponiert er nun seine Texte «Wort für Wort», sogar «Buchstabe für Buchstabe», und allein durch das wechselnde Arrangement der fünf Vokale glaubt er den «Aufschrei primitiver Emotionen» vergegenwärtigen zu können: «Keiner Inbrunst hatte er sich zuvor derart mit ganzem Herzen hingegeben wie dieser …»
Gegen Ende des Romans gerät diese Inbrunst bei Stephen zur Ekstase. In einem gewaltigen Sprachtaumel vereinigen sich «süsse Musik» und «glühendes Licht» zu einer multimedialen Vision, die allerdings eher an die Ästhetik des Symbolismus als an die Antiästhetik der Avantgarde gemahnt: «Die Verse strömten aus seinem [Stephens] Innern auf seine Lippen, und derweil er sie vor sich hin murmelte, spürte er, dass die rhythmische Welle einer Villanella [volkstümliche italienische Liedform] sie durchströmte. Die rosengleiche Glut versandte Strahlen von Reimen; Fragen, tragen, schlagen, klagen.»
… Fortsetzung am 29.9.2026 …
© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten







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