DIE TAGE WERDEN GRÖSSER
Die tage werden größer
die tage sind kinder einer großfamilie
ihr vater die sonne
klebt sie morgens
an den fuß einer eiche die hacken
zusammengeschlagen
die wirbelsäule gerade gerückt
den bauch den blick und das kinn eingezogen
und abends
im augenblick der dämmerung genau
in dem nu in dem die rote scheibe den horizont leckt
abgestützt
mit einer enormen vaterhand auf ihrem kopf
markiert er
mit einer kerbe in der rinde der eiche
wie sehr sie
gewachsen ist
Doch vielleicht gibt es tatsächlich nur einen einzigen tag
immer den einen tag
einen einzigen tag nur identisch mit sich
im intimsten innern seines seins
einen einzigen sohn nur
der wächst
während dessen schwester die nacht
täglich schrumpft
Wenn das zutrifft weshalb dann „die tage“?
weshalb glaubt man dass die tage
größer werden?
Jacques Roubaud
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„Da müssen Sternputzer her…“
Ganz beherzt dieser oder jener gauklerische Luftsprung – und einige ergänzende Hinweise darauf, dass Blessuren beim Übersetzen respektive Nachdichten von Lyrik fast immer unvermeidlich sind
Zu dieser Auswahl
„Ein guter Vers ist Leben wie ein Apfel“, heißt es im Gedicht von Sándor Weöres, das Richard Pietraß übertragen hat:
Beschau ich ihn, gibt er den Blick zurück,
Sagt anderes dem Hungrigen, dem Satten,
Ist anders hoch am Ast, im Korb, im Mund.
Beschloßner Inhalt, feste Formen sind
Ihm fremd. Er lebt nur und macht leben.
Noch tiefern Sinn erfuhr er nicht und will
Er gar nicht wissen. Ein Sinn und tausend
Sinn in ihm, wenn wir ihn sehen, fühlen, essen.
Es geht um den Apfel, um die lockende Frucht am Baum, um ein fassbares Äußeres, um ein sprechendes Anderes, ein umkleidetes Inneres, Verborgenes, um ein Symbol, um ein korrespondierendes fernes, um ein erfahrbar Nahes, um den grünen, den rot-backigen, den glatthäutigen, den schrumpeligen, den schmackhaften, den faulen, der aber gerne auch ein goldener Apfel sein mag. Ich sehe, wie er glänzt und prangt, wie er winkt von oben herab, und ich sehe, wie er schmeckt. – Ich kann das so sehen und anders, und ich kann es benennen in tausend Sprachen.
Es geht um „gut“ und „richtig“, um „falsch“ und „misslungen“, um „adäquat“ und „verfehlt“, um „annähernd dem Original entsprechend“ und – im Glücksfall – um die „kongeniale Entsprechung“. Es geht um den Apfel, den Sinn in ihm – und um dessen Hervorbringung.
Es geht ums Abenteuer des Übersetzens – hier: des Übersetzens von Lyrik. Und dabei ist klar: Wer sich damit abplagt, wer solches wagt, widmet sich einem paradoxen Tun. Will sagen: Wer sich an die Aufgabe heranwagt, Lyrik zu übersetzen – diese Übereinkunft kann man wohl voraussetzen – weiß, sollte wissen, dass eine Übersetzung respektive eine Nachdichtung von Poesie schlechterdings nicht möglich ist, ohne von der Tatsache der prinzipiellen Unübersetzbarkeit auszugehen.
Natürlich bleibt unbestritten, dass – wie Elsbeth Wolffheim es konstatierte – „ein übersetzter Text… nicht die Wiederholung des Originals“ sein kann – und dass es sich – besonders bei Lyrik-Übersetzungen – „immer nur um Entsprechungen handeln“ kann. Felix Philipp Ingold wagt da eine noch größere Entschiedenheit und sagt:
Der übersetzte Text ist ein weitergeschriebener Text. Dem Original wird man mit übersetzerischer Treue am wenigsten gerecht.
„Der Autor“, so Ingold, „der sich als Übersetzer dem Fremden stellt, es in seiner unerschließbaren Andersheit annimmt, von ihm also auch das annehmen kann, was ihm unbegreiflich bleibt, ist – ganz gleich, welcher Zeit er angehört – ein Romantiker. ,Der wahre Übersetzer dieser Art muß‘ – nach Novalis – ,in der That der Künstler selbst seyn‘, er rezipiert, er akzeptiert den fremden Text, indem er sich durch ihn verändern läßt, und was ihn verändert, ist eben das Fremde, das er, statt es sich anzueignen, als das eigentlich Fremde, das Fremde im Eigenen, die eigene Befremdlichkeit im Akt des Übersetzens zur Geltung bringt. ,Er muß‘, so Novalis, ,der Dichter des Dichters seyn und ihn also nach seiner und des Dichters eigener Idee zugleich reden lassen können.‘“
***
Dies unter anderem ist der Ausgangspunkt für ein Nachdichtungsprojekt, das Gregor Laschen, sich dabei auf eine Art Vorbild-Praxis aus der früheren DDR beziehend, ersonnen hat und in der 1999 unter dem Titel Schönes Babylon bei DuMont erschienenen Bilanz-Anthologie wie folgt beschreibt: Seit 1988 treffen sich Dichter aus einem im jährlichen Turnus auserkorenen europäischen Nachbarland mit deutschsprachigen Dichtern für jeweils einige Tage im Künstlerhaus Edenkoben in der Südpfalz, „um dort auf der Basis von Interlinearübersetzungen (philologisch gearbeiteter Wörtlichkeit) und in der sprechenden Begegnung miteinander, einander zuhörend, die Gedichte des Nachbarn ans deutsche Ufer zu ziehen.“ Die eingeladenen Dichter sind gebeten, für diese Arbeit repräsentative Gedichte zu schicken, auch solche, an denen die Poetologie des Autors ablesbar ist.
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Laschen berief sich mit diesem Projekt immer wieder zuallererst auf Paul Celan – und damit darauf –, „daß der Nachdichter die Worttreue, die Wörtlichkeit der Übertragung nicht selten, gelegentlich im Extrem zu verlassen habe ,in Richtung auf ein dem Original ent- und zusprechendes deutschsprachiges Gedicht‘“ und darauf, „daß ,Wörtlichkeit eben noch keine Poesie‘ ergebe“, ja, dass eine Übersetzung, die lediglich abbilde und das fremde Wort getreulich spiegele, niemals genüge, und also die Übersetzung – Friedrich Schlegel folgend – „keine (plane) Nachbildung“ sein dürfe.
Laschen:
Der freiere Blick aufs Schöne Fremde Andere, das ,Original‘ und die Besinnung auf die je eigene Sprachmächtigkeit, aus den bekannten Skrupeln und Bindungen hervortretend… haben von Anfang an den Spiel-Raum (und Laschen betont hier ganz ausdrücklich das Spielerische) meiner Vorstellung bestimmt. – Ebenso wenig wie das Wort der Wirklichkeit, die es vertritt, entsprechen kann, vermag die Übersetzung dem Original zu entsprechen; sie spricht mit ihm.
Novalis hat vor mehr als zweihundert Jahren (1798) den „Blüthenstaub“ aus den Erfahrungsplantagen seiner Zeit eingesammelt und feilgeboten. Und so auch wichtige Notizen zum „Arbeitsfeld Übersetzen“ komplettiert. Gregor Laschen hat sich da gelehrig schlaugelesen – und immer wieder Ausschau gehalten nach weiterhin gültigen Orientierungsvorgaben, damit immer auch seinen eigenen (keineswegs statischen) Übersetzer-Standort markierend.
Nicht von ungefähr hielt er da auch prüfend – und damit an den Beispielen der eigenen Bemühungen selbstkritisch die Elle anlegend – inne angesichts klug analysierender und vom Umgang mit Poesie untermauerten Überlegungen Ortega Y Gassets (aus „Glanz und Elend der Übersetzung“), bei dem es u.a. heißt:
Die Übersetzung ist kein Duplikat des Originaltextes; sie ist nicht dasselbe Werk mit verändertem Wortschatz… noch darf sie das sein wollen.
Ortega Y Gasset begreift die Übersetzung radikal als eigenständige literarische Gattung, als „Weg zum Werk“. Und er beruft sich seinerseits auf Schleiermacher, wenn er sagt:
Nach ihm ist die Übersetzung eine Bewegung, die in zwei entgegengesetzte Richtungen ausgeführt werden kann: entweder wird der Autor in die Sprache des Lesers gebracht oder (es) wird der Leser zur Sprache des Autors geführt. Im ersten Fall übersetzen wir in einem eigentlichen Sinn des Wortes: wir stellen streng genommen eine Nachahmung oder eine Umschreibung des Originaltextes her. Nur wenn wir den Leser von seinen sprachlichen Gewohnheiten losreißen und ihn zwingen, sich in die des Autors zu versetzen, kommt die eigentliche Übersetzung zustande.
Kompromisslos plädiert Laschen für „originäre Eigenmächtigkeit“ – und folgt so, sich auf Friedhelm Kemp berufend, der Zuversicht, dass allein „Eigenart Eigenart hervorholt“. Adäquat jener Erfahrungstatsache, die Claude Simon in einem Brief an seine Übersetzerin mitteilt.
Simon:
In Wirklichkeit ist der Übersetzer das ,Double‘ des Autors, denn wie dieser bemüht er sich ,in‘ und ,durch‘ eine bestimmte Sprache, mit ihren Eigenheiten, ihren besonderen Wendungen, ihrer Musik und ihren Klängen, in der Vorstellung des Lesers bestimmte Bilder entstehen zu lassen… Ich will damit sagen, daß das Übersetzen nicht einfach ein Umsetzen ist, wie die landläufige Meinung will, sondern wirklich ein Hervorbringen.
… jene reine Sprache, die in fremde gebannt ist, in der eigenen zu erlösen, die im Werk gefangene in der Umdichtung zu befreien, ist die Aufgabe des Übersetzers.
So postulierte es 1921 Walter Benjamin – und wir werden selten Not haben, einleuchtendere Darlegungen aus der Üppigkeit der Erfahrungen herbeizurufen. – Frisch und sehr heutig zum Exempel diese Sentenz: „Jede Übersetzung“, das ist wohl wahr (und Friedrich Schlegel hat es zu seiner Zeit posaunengrell und merklich keinen Widerspruch duldend im Athenäum-Fragment 393 verkündet), „Jede Übersetzung ist eine unbestimmte, unendliche Aufgabe.“
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Das im Kontext des Vorerwähnten aufscheinende Problemfeld kritisch wägend, hat Elsbeth Wolffheim in ihrem Aufsatz „Anverwandlung fremder Fruchte“ – den Begriff der Kongenialität unter die Lupe nehmend – festgestellt:
Unter einer kongenialen Übersetzung verstehe ich nichts Statisches, sondern etwas Prozessuales, nämlich einen Akt der Überredungskunst. Der Übersetzer soll seinem Leser überzeugend suggerieren, daß er sich dem verbalen und formalen Reichtum des Originals so weit angenähert hat, daß dieser seine eigene ästhetische Wahrnehmung mobilisiert und zu einem produktiven Nachvollzug animiert wird.
Oft genug aber zeigt es sich, so Elsbeth Wolffheim weiter, „daß Übersetzer von Lyrik entweder besonders zaghaft oder besonders eigenmächtig sind“. Und sie spricht schließlich davon, dass – nach ihrer Beobachtung – die Letztgenannten, jene mit dem Hang zur größeren Eigenmächtigkeit, ihr Tun dann „mit dem Begriff Nachdichtung verbrämen“. Doch sie lässt am Ende auch die ausgesprochen ängstlichen Übersetzer nicht ungeschoren davonkommen.
Als einen in dieser Hinsicht wenig rühmlichen „interlinearen Puristen“ führt sie Vladimir Nabokov mit seinen Puschkin-Übersetzungen an. Nabokovs Sprachmusik als Resultat seiner sich vor dem Original verbeugenden Übersetzerstrenge geißelte Edmund Wilson mit dem Verdikt, sie klinge wie „die Produkte jener Computer, die russische Texte angeblich ins Englische übersetzen“.
Schließlich verweist Elsbeth Wolffheim hier auch noch auf ein weiteres Beispiel und berichtet:
Übrigens hat Nabokov dieses sture Beharren auf Wortwörtlichkeit auch bei einem berühmten Gedicht von Osip Mandelstam… praktiziert. – Nicht ganz zu Unrecht mokiert sich Nabokov über einige Nachdichtungen dieser Verse ins Englische, um dann seine spröde Umsetzung mit den Worten zu verteidigen: „Ich weiß wohl, daß meine mühsame wörtliche Wiedergabe eines der Meisterwerke russischer Dichtung aufgrund rigoroser Wortgetreuheit nicht unbedingt ein gutes englisches Gedicht abgibt; doch ebenso weiß ich, daß es eine wirkliche Übersetzung ist, wenn auch steif und ungereimt, und daß das gute Gedicht des Nachdichters nichts weiter ist als ein buntes Gemisch aus Irrtum und Improvisation.“
„Wem gebührt denn nun der Lorbeer?“ fragt Elsbeth Wolffheim: „Dem ,guten Gedicht des Nachdichters‘? Oder der rigorosen ,Wortgetreuheit‘ Nabokovs?“ – Fraglos werden die beiden Waagschalen hier durch das eine ebenso wie durch das andere Gewicht des nie absolut zu Entscheidenden in Bewegung gehalten, aber auch der goldene Mittelweg ist da als Problemlösung nicht ausgleichend stabil – und so behielte zu guter Letzt wieder Friedrich Schlegel Recht, der lapidar konstatierte:
Eine Übersetzung ist durchaus keine Nachbildung.
Bedenkenswert mit Blick auf die von Gregor Laschen favorisierte und vielfach erprobte „eine Möglichkeit“ des Übersetzens von Lyrik ist nicht zuletzt auch die radikal subjektive Sicht von Franz Fühmann auf die Praxis der Nachdichtung.
„Beim Nachdichten“, so sieht und sagt es Fühmann, der lange Jahre hindurch tschechische, ungarische und litauische Gedichte übersetzt hat (und dabei jeweils auch auf Interlinearübersetzungen „angewiesen“ war), „muß ich den Bau des Originals vor Augen, seinen Ton im Ohr und seinen Wortsinn im Gedächtnis haben.“ Und Fühmann pointiert hier (in seinen zehn Punkten „Kleine Praxis des Übersetzens unter ungünstigen Umständen“, zuerst 1969 im Leipziger Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel erschienen) beinahe unwirsch auch seine Ansicht, dass es misslich wäre, „ohne Kenntnis der Ursprache Gedichte übertragen zu wollen“. Und schlussfolgert schließlich doch:
Die Nachdichtung muß ein lesbares deutsches Gedicht sein, das man guten Gewissens in einen Sammelband eigener Verse aufnehmen würde.
Fühmann weiter in Punkt IX seiner radikal-subjektiven Praxis-Schau:
Es ist nichts, es ist alles übersetzbar: Dieser Widerspruch bestimmt jede Nachdichtung. Lange, zähe, geduldig bosselnde Arbeit ist unerläßlich; leistet man sie, wird man sich auch mit der Unübersetzbarkeit gewisser Eigentümlichkeiten der gebenden wie mit bestimmten Sprödigkeiten der empfangenden Sprache abfinden können.
Obendrein vermittelte Fühmann den Eindruck – György Dalos ruft das in einem Essay über Franz Fühmann und dessen Berührungen mit der ungarischen Lyrik in Erinnerung –, dass Nachdichtungen für ihn eine Ersatzrolle spielten, „als versuchte er, seinem lyrischen Ich in fremden Gedichten eine neue Heimat zu geben“. Und ganz generell pochte Fühmann auch darauf, dass die Übersetzung eines Gedichts ja keineswegs lediglich „eine Sache zweier Sprachen“ sei. Fühmann:
… sie ist eine Sache dreier Sprachen: der gebenden, der empfangenden und der Universalsprache der Poesie.
Jedwede Gedichtübertragung, jede gute Nachdichtung zuvörderst, muss schließlich mehr zum Ziel haben als lediglich wie eine Lesehilfe zum Original hin nützlich zu sein: „Das übersetzte Gedicht will wieder Gedicht werden“ weiß Werner von Koppenfels – und betritt damit sogleich wieder das berühmt-berüchtigte „weite Feld“, auf dem so viel mehr noch zu sagen bleibt.
***
Und natürlich gibt es zwischen dem „übersetzerischen Überbietungszwang“, wie Michael Braun ihn als gar nicht so seltene Selbstdarstellungs-Peinlichkeit kritisiert, und der Chance zur „Erweiterung der Möglichkeiten der eigenen Sprache durch ihr Fremdmachen“, wie Klaus Reichert sie erkennt und also auch anempfiehlt, immer noch einen Zwischenraum, in dem das je Gelungene, spielerisch Errungene und mit handwerklicher Souveränität Gefundene zum Vorschein kommen und Bestand behalten mag.
Im Projekt Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter, wie Gregor Laschen es ermöglichte und ausdrücklich zuließ, ist das immer wieder an der Spannweite der vorgeführten Auslotungen und an der jeweiligen Differenz zwischen unterschiedlich gewagten Varianten ablesbar.
Hierfür ein augenfälliges Beispiel: Zu Henry Deluys Gedicht „Le Boulanger est un Homme en bleu“ gab es letztlich fünf Varianten, die sich allesamt dienlich zur sprachschönen, brüchig lakoniegefärbten fremdsprachigen Gedichtgestalt herüberbeugten, deren originäres Eigensein nicht durch einen Sprach- und Deutungsgalopp verratend, und dennoch auch dem klugen Eifer folgend, der dem jeweils eigenen deutschen Gedicht Kraft und Witz gestatteten.
LE BOULANGER EST UN HOMME EN BLEU
On pourrait ne pas soupçonner
Qu’il a souffert, récemment.
La grande femme solide, en robe bleue,
Qui se plaçait à côte de lui,
Sans faire de bruit, a disparu.
On peut se demander, chaque jour,
Quel pouvait bien être son désir,
A lui,
A l’endroit d’une telle femme.
Mais le boulanger le dit,
Il aime le gel et dégel de l’hiver.
Il aime cette femme.
(Henry Deluy)
DER BÄCKER IST EIN MANN IN BLAU
Kaum zu glauben,
Daß er gelitten hat, neulich,
Die stattliche Frau, die stets blau trug
Und ihm vollkommen geräuschlos
Über die Schulter sah, ist ausgeblieben.
Zu fragen wäre, was denn tagtäglich
Er begehrte,
Nur für sich,
Neben solch einer Frau.
Der Bäcker sagt, er muß
Im Winter frieren und tauen, und frieren…
So liebt er sie.
(Róža Domašcyna)
DER BÄCKER IST EIN MANN IN BLAU
Kaum zu glauben,
Daß er kürzlich gelitten hat.
Die große Robuste im blauen Kleid,
Die sich neben ihm hinpflanzte,
Ohne ein Geräusch, ist weg.
Man fragt sich jeden Tag
Was er wohl gewollt hat,
Er,
Von so einer Frau.
Aber der Bäcker sagt’s,
Er liebt das Eis des Winters und den Tau.
Er liebt diese Frau.
(Jürgen Theobaldy)
DER BÄCKER IST EIN MANN IN BLAU
Man könnte es nicht vermuten
Daß er gelitten hat, kürzlich.
Die große, stattliche Frau im blauen Kleid,
Die sich neben ihm plazierte
Geräuschlos, ist verschwunden.
Man kann sich jeden Tag fragen
Was seine Begierde gewesen sein könnte
An sich
An der Seite einer solchen Frau.
Aber der Bäcker sagt,
Er liebt den Frost und das Tauen im Winter.
Er liebt diese Frau.
(Ursula Krechel)
DER BÄCKER IST DER MANN IN BLAU
Man glaubts ja nicht,
Daß der gelitten hat, neulich noch.
Diese große volle Frau im Kleid aus Blau.
Die sich an seine Seite stellte
Ohne Geräusch, ist weg.
Man fragt sich täglich ja,
Was der begehrt hat
Für sich und
An der Seite solcher Frau.
Aber, so sagt der Bäcker das,
Er liebt den Frost und wenn der Winter taut.
So liebt er diese Frau.
(Gregor Laschen)
DER BÄCKER, DER MANN IN BLAU
Man will es kaum glauben,
Daß er Schmach empfunden hat, noch vor kurzem.
Die Frau im blauen Kleid, groß, erdrückend,
Die Platz forderte an seiner Seite,
Ohne zu lärmen, sie ist werweißwo.
Man fragt sich, was Tag für Tag
Ihn an sie fesselte, ihn bannte,
Ihn, nur ihn,
Beigesellt solch einer Frau.
Doch der Bäcker erklärt,
Er mag’s, wenn es im Winter klirrt, dann wieder taut.
Er mag diese Frau.
(Johann P. Tammen)
Geben wir – zum (vorläufigen) Ende dieser Draufsichten auf eine nicht ganz wetterfeste Landschaft unterschiedlichster Problemlagen – noch einmal Friedhelm Kemp das Wort, dem glücklicherweise nur schwer zu widersprechen ist. Kemp schreibt in seinem Essay „Übersetzen als Prozeß“:
Der Übersetzer kommt nicht darum herum, das Gedicht aus einer fremden Sprache, einem entlegenen Jahrhundert, zu unterlaufen, zu überhöhen, seinerseits zu verfremden, es paraphrasierend zu entfalten oder verknappend abzuhagern. Nur geschehen muß etwas, ein Funke muß überspringen. Gibt es Vorrichtungen dafür, Anweisungen, Geländer, denen entlang man sich forthelfen kann? Es gibt keine. Vielleicht ist Übersetzung, als ein Widerschein in einem tätigen Spiegel, auf eine Art Überpoesie aus. Sich bescheidend, ist sie Echo, Nachfolge, ,Dienst‘; doch auch dann ohne ein Gran Eigensinn wertlos; überflüssig.
Und quasi als Postskriptum zuguterletzt noch zwei Positionierungen am Edenkobener Projekt Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter beteiligter Lyrikerinnen; zunächst Kerstin Hensel, die postuliert:
Die Übertragung von Gedichten, d.h. Versen in eine fremde Sprache sollte Autoren überlassen werden, die selbst Verse schreiben. Warum. Ich denke, daß nur sie eine wirkliche poetische Annäherung an das ,fremde‘ Gedicht finden. Voraussetzung dazu ist (neben einem exzellenten Rohübersetzer), daß sie sich der schweißtreibenden Mühe der Auseinandersetzung mit dem ,geistigen Eigentum‘ des Kollegen hingeben, ihn in Form und Inhalt achten, aber dem Sklavengewand der adäquaten Wiedergabepflicht entsagen. Zugunsten einer neuen, eigenen Schöpfung. – Seit Jahrhunderten gibt es viele von eifrig-gescheiten Sprach- und Poesiekundlern übertragene Verse: mehr oder weniger korrekte Übersetzungen des Originals, die nur selten poetischen Wagemut und eigene Anwesenheit erkennen lassen. – Ein übertragenes Gedicht muß ein gutes Gedicht sein, vielleicht sogar besser als das Original.
Dabei wird Kerstin Hensel sicherlich sofort auch unterschreiben, was die isländische Lyrikerin Linda Vilhjálmsdóttir mahnend-einschränkend in poetische Klarsprache rückt – hier übersetzt und nachgedichtet von Franz Gíslason und Gregor Laschen:
du überträgst wörter
sprache geschichten gedichte
von land zu land
das winzigste aber
vom licht vom dunklen
vom verbrechen von freude
von leben
bleibt zuhaus
rührt sich nicht vom fleck.
Ein letztes Moment des dem Fremden Innewohnenden bleibt unberührbar, kann also wohl nie – trotz aller Einfühlungstiefe – hervorgeholt werden als das Andere, Schöne, Ferne!?!
Aber selbst dies kann herüberschwingen beim gleichermaßen angestrengten wie spielerischen Befragen der „letzten Elemente der Sprache selbst, wo Wort, Bild, Ton in eins geht“, wie Rudolf Pannwitz dies anriet und worauf Friedhelm Kemp sich stützte, indem er forderte:
Da müssen Sternputzer her – Ausgräber, Aufbereiter, Ausdeuter, Nachdichter … Und sie dürfen gewalttätig sein, wo Schutthalden wegzuräumen sind; sie dürfen eigenmächtig verfahren, weil nur Eigenart Eigenart hervorholt; sie dürfen Verstöße begehen… Nur eines dürfen sie nicht sein: brav, trocken, glatt, glanzlos.
Johann P. Tammen, Nachwort
Auswahl und Übertragungen – Editorische Anmerkung
Goethe zuzuschreiben ist diese Erfahrung:
Es gibt zwei Übersetzungsmaximen: Die eine verlangt, dass der Autor einer fremden Nation zu uns herüber gebracht werde, dergestalt, dass wir ihn als den Unsrigen ansehen können; die andere hingegen macht an uns die Forderung, dass wir uns zu dem Fremden hinüber begeben und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen.
Die für diesen Band ausgewählten Gedichte in deutscher Sprache sind Nachdichtungen, für die jeweils sprachkompetente Übersetzerinnen & Übersetzer – im Regelfall unter rühmlichen Werkstattbedingungen im Künstlerhaus Edenkoben – die erforderlichen Rohübersetzungen als Interlinearversionen erarbeitet haben, die sodann in langen und intensiven Arbeitsgesprächen zwischen Originaldichter und Übersetzer (wie sie hier in den nachfolgend notierten Paarungen kenntlich werden) und dem Nachdichter für den nicht selten mühsam zu begehenden Weg bis hin zum gültigen deutschen Gedicht dienlich waren.
Allen derart unentbehrlich Beteiligten sei hiermit ausdrücklich gedankt.
Dass der Nachdichter „die Worttreue, das Wörtliche seiner Übertragung nicht selten zu verlassen hat in Richtung auf ein dem Original ent- und zusprechendes deutschsprachiges Gedicht“, war eine Maxime von Paul Celan, der sehr wohl wusste „dass Wörtlichkeit eben kein Gedicht ergibt“. – „Übersetzen“, schrieb Novalis an August Wilhelm Schlegel, „ist so gut dichten, als eigene Werke zustande bringen.“ In diesem Sinne: Brechen wir sie auf, „die schöne Frucht des Lichts“ – und kosten sie.
Eine Gesamtschau des dichterischen Werks. Gedichte und Nachdichtungen in der Zusammenstellung des Autors.
Und dazu ein zweiter Band mit Nachdichtungen aus vielen Jahren, in denen die Stimmen von bedeutenden fremdsprachigen Dichtern von Guillaume Apollinaire bis Valentino Zeichen ebenso vernehmbar sind wie die Stimme von Johann P. Tammen, der ihnen im Deutschen eine poetische Gestalt gibt.
Wie ein längst überfälliges Schiff
– Das Meer weist den Weg: Gedichte aus fünfzig Jahren von Johann P. Tammen. –
Nichts ohne Salz und Rosinen: Johann P. Tammen hat die horen zu einer der lebhaftesten deutschen Literaturzeitschriften gemacht. Dem Homme de Lettres aus Friesland, „Horikaner“ seit 1969, Herausgeber von 1994 bis 2011, gelang das als empathischer Entdecker, Wegbereiter und Bewahrer. Nicht zuletzt als Nachdichter vereint er all diese Eigenschaften, immer dem „Knistern der Wörter“ folgend.
Ganze Literaturlandschaften werden so in ihrer Wahrnehmungsvielfalt exklusiv. Große, vergessene oder neue Namen nicht als Programm, sondern als Gleichzeitigkeit des Verschiedenen. Tammen bewegt sich als Mittler zwischen den Literaturen selbstlos, aber völlig anwesend an seinem Platz in der Welt und als Dichter von Rang durchaus kenntlich, wenn auch verstreut in bibliophilen Ausgaben.
„Als käme alles Erwartete mit einem längst überfälligen Schiff“, sammelt jetzt der Wallstein Verlag in zwei opulenten Bänden die Gedichte und Nachdichtungen des Johann P. Tammen. Eine sorgsam große Auswahl seines poetischen Werkes fasst fünfzig Jahre. Dieser Dichter, inzwischen fünfundsiebzig, ist ein Solitär und entzieht sich allen Zuordnungen. So viel aber doch: Als sesshafter Küstenmensch mit Meer, Wind und Watt ist er geradezu ein Antipode des Wald- und Gebirgsgängers Wulf Kirsten. Balance und Gleichgewicht kommen hier aus Gezeiten und Weite, Ebbe und Flut, Tidenhub im Prielgeäder. „Hier floss unter seinen Augen der Priel. Und dessen Wasser glich im Fließen dem Fluss der Wörter auf dem Papier, deren Wirkmacht ihm Halt gab“, heißt es im autobiografischen Begleitessay.
„Das Meer weist den Weg“, aber nicht in seiner Brandungsdynamik, sondern in der Stetigkeit seiner Gezeiten.
Choräle aus den Brüllkleidern des Meeres
geschüttelt versickernd in weißwandigen
Dünen in denen Goldmacher Sand auftürmen
Feinmünze in zerstiebender Zeit die
krebsläufig ist. Ihr Verschwinden im Abseits bleibt den Behausten verborgen.
Das Meer bleibt das Meer, „ein zum Himmel schreiendes Großmaul“, aber Tammen fragt auch rundheraus, ob es Dinge gibt, die ganz für sich nicht unabänderlich sind. Sein Schreiben ist der selbstbestimmte Weg, in der Welt zu bestehen. So auch der „Entwurf einer Geburtsanzeige“:
sind Steine genug
…
und hier sind die Wege
des Lebens
aber vielleicht
willst du alles wirklich alles
ganz anders beginnen…
für den Fall
sei auf alles gefasst.
Er ist auf alles gefasst, auch auf anderes Großmaul-Gehabe, auf „die Meute die er flieht mit ihren Gernegroßmanieren / auf krummen Rücken tanzend den feinen Staub / der Chefetagen gestapelt zwischen Soll und Habenichts / grimassen und wenig zugetan dem tristen Chorgesang / der Fische rostrot in lärmverminten Kisten.“ Nicht nur in der Natur emanzipiert sich die existentielle Angst. Destruktion ist auch zu bannen, „wenn man sich an Gelungenes in der Kindheit erinnert – an freches Leben in Bäumen und Schlittenfahrten über Gräben hinweg“.
Tammen sucht in befreiendem Weltzugang die Ereignisse zu fassen, statt alles nur unabänderlich geschehen zu lassen. Er bewegt sich deutlich heraus aus vorgefundenen Bezügen. Ohnehin ist er „mit dem / AlteLeuteMeer im Duzton verkracht“. Aus der Furcht, dem Gemurmel zu erliegen, sich selbst zu verfehlen, begann er zu schreiben. Er wird frei und hoch, wenn er schreibt. Früh hat er gespürt, die Realität an sich genügt zum Schreiben so wenig wie die Biografie des Autors. So unterläuft er das Reale und zieht es in einen sanften Surrealismus.
Fern in Berlin wo ich nie war von WunderBar
zu Nimmerwahr im Tingeltangelimmerdar
…
ging ich steinklamm und welststadtflüchtig spitzen
Hüten hinterher ein Häusler im Gebirg der Wände
Mauern Pflaster auf Männer zu auf Fraunmalheur
Ganz abgesehen vom Fraunmalheur, gehört zu Tammens Leichtigkeit des Seins die Freundschaft als Lebensweise.
Und um Himmelswillen beim Vortrag der Gedichte im Kreis der Freunde nicht von der Stehleiter stürzen…
Die Widmungsgedichte reißen nicht ab und gehen durch Länder und Zeiten: „Briefblätter für Don Vigo und Daniil Charms“ oder „für Elke, für Kito, für Heym unterm Eis“. Freundesgaben sind auch die Nachdichtungen im zweiten Band der Werkausgabe. In praxi folgt der Dichter hier einem Leitsatz von Franz Fühmann:
Die Nachdichtung muss ein lesbares deutsches Gedicht sein, das man guten Gewissens in einen Sammelband eigener Verse aufnehmen würde.
Mit seinen Nachdichtungen zeigt Tammen, was literarischer Weltzugang ist. Poesie ist etwas, das Sprachgrenzen durchdringt. Die Welt wird überall gleich groß und das Gedicht mit ihr, wenn es zum Kern einer Lebensdeutung kommt, bis „das Fremde“ zum „Eigenen“ wird. Den dialektischen Essay im Anhang über Fährnis und Verve der Übertragungskunst wünscht man sich als Pflichtstück für Nachdichter:
Da müssen Sternputzer her…
Zum flagranten Beispiel werden fünf Übertragungs-Varianten des Gedichtes „Der Bäcker, der Mann in blau“ von Henry Deluy. Da lässt sich was erahnen vom „Sternputzen“.
Die Dichtung des Johann P. Tammen ist nicht durch Deutung abzukürzen, abzumildern oder abzubremsen, alles sperrt gegen Extraktion und gegen Bilanz. Sein Werk nähert sich einem Satz von Immanuel Kant:
Poesie ist das schönste aller Spiele, indem wir alle Gemütskräfte darin versetzen.
Jürgen Verdofsky, Frankfurter Rundschau, 8.7.2019
Ein Schriftsteller will am Stein horchen
Wenn es einen Literaturbesessenen in Bremerhaven gibt, dann ist das Johann P. Tammen. Der Mann, der aus Hohenkirchen im Kreis Friesland stammt und in Oldenburg studierte, war seit 1970 Redakteur und später von 1994 bis 2011 dann Herausgeber der bedeutenden, mehrmals ausgezeichneten und vom Land Niedersachsen geförderten Kulturzeitschrift die horen.
Tammen hat daneben Bücher veröffentlicht, Essays verfasst, Nachdichtungen gefertigt. Lange war er zudem Journalist bei verschiedenen Verlagen im Nordwesten und bei der Illustrierten Stern. Aus seiner Feder stammen unendlich viele kluge Feuilletons, wohlfeile Prosatexte und Kritiken. Nun sind endlich – pünktlich zu seinem 75. Geburtstag in diesem Jahr – seine eigenen lyrischen Werke in zwei schmucken Bänden im renommierten Wallstein-Verlag in Göttingen erschienen.
Der Band Wind und Windporzellan erfasst die Nachdichtungen von Tammen – fein sortiert nach Alphabet von Guillaume Apollinaire über Boris Christow bis Valentino Zeichen. Das sind allesamt hochwertige Arbeiten, die es durchaus in vielen Fällen mit dem Original in Sachen Qualität aufnehmen können.
Der zweite Band heißt Stock und Laterne und versammelt die von Tammen selbst streng ausgewählten Gedichte aus 50 Schaffensjahren – von 1969 bis 2019. Tammen hat nur „Gültiges“ ausgewählt und einiges an Unveröffentlichtem hinzugefügt. Da gibt es also viel zu entdecken. Etwa das Gedicht „In memoriam Franz Radziwill“ mit dem Titel „Tagstreifen, Septemberlese“ mit den einführenden Zeilen:
In den Lahnungen schäumen Pinsel
toter Maler (einer hieß Franz und
horchte am Stein an den Fugen).
Lahnungen sind Uferschutzanlagen, und wer den Dangaster Radziwill (1895–1983) ein wenig kennt, der weiß, dass der Maler tatsächlich mal Maurer war. So kluge und schöne Zeilen finden sich in diesem lesenswerten Band.
Reinhard Tschapke, Nordwest Zeitung, 18.4.2019
Das Knistern der Wörter
Wir: aus Erde und nicht imstande die wilden Farben der Bäume anzunehmen.
Dann:
Aus dem Meer sickert Farbe
flirrt unterhalb des Windes
Und
es braucht mehr
Worte als Farbe
all dies zu zeigen: Wolken in dichten
Ballen zartgelbes Sonnenlicht ein weißes Gebirge das Himmelsblau
Oder
Schäume tuschen die Wipfel der Mondbäume im Saum
fell des Meeres
Die „Wetterpapiere. Landschaften ohne Rahmen“ mögen veranschaulichen, wie Johann P. Tammen mit Worten gleichwohl Schritt zu halten versucht mit den Naturerscheinungen. Dies hinterlässt den nachhaltigsten Eindruck in seinen ausgewählten Gedichten 1969–2019, die jetzt unter dem Titel Stock und Laterne vorliegen.
„Statt eines Nachworts“ schildert der auch als langjähriger Herausgeber der Literaturzeitschrift die horen bekannte Autor, wie er als lesender Junge im friesischen Dorf früh am Priel Impulse empfing.
Und dessen Wasser glich im Fließen dem Fluss der Wörter auf dem Papier, deren Wirkmacht ihm Halt gab.
Bald sah er mit „am offenen Meer trainierten graugrünen Augen, die längst begonnen hatten, mit der ihnen eigenen Tiefenschärfe das deutlich vernehmbare Knistern der Wörter in der Weite der Landschaft zu bezeugen.“ „Mit den vom Meer her kaspernden / Winden im Ohr“ sammelt Tammen zudem Wörter aus den „Sprachschobern Europas“, türmt „Graupel / Krumen Kräusel“, manch „Kapergut“ darunter, zu „Silbenhaufen“. Es sind deren viele, doch der Dichter formt sie bis auf den Schlusspunkt fast ohne Satzzeichen, dafür mit seinen charakteristischen Leerstellen zu souverän gezähmten Strophen, deren wilder Inhalt erkennbar bleibt wie zappelnde Fische im prall gefüllten Netz.
Wie tatsächlich und gedanklich dem Wetter setzt Johann P. Tammen sich zwischen Stall und Priel immer wieder dem „Wörterschneetreiben“ aus, dem „Fliegen und Kreisen, Knistern und Knarzen des Wortgetümmels unter den Wolken voller Fischlaich und Regen“. So sichtet, so sichert er „Floßholz für ein Gedicht“. Und so liefert er uns aus dem „Delta des Priels“ originelle, immer um Wortwahrheit besorgte An- und Einsichten zu Wetter, Land und Wellenwelt. Um welche Genauigkeit der Poet dabei bemüht ist, zeigt eine der Seefarbenbestimmung geschuldete, durchaus heiter zu nehmende Erkenntnis übers Meer:
Es verschmäht Wasserfarben.
Die Jubiläumsauswahl zum 75. des Autors wird ergänzt durch Wind und Windporzellan, einen Band mit Nachdichtungen internationaler Poesie. Sie sind über die Jahre auf der Basis von Interlinearübersetzungen entstanden. Hier lässt sich auch manch ein vielleicht noch nicht so bekannter Autor entdecken.
Rolf Birkholz, Am Erker
Gedächtnis im Ebbstrom
– Zu entdecken: Lyrik von Johann P. Tammen, dem Herausgeber der horen. –
In seiner Parabel „Der Städtebauer“ erzählt Bertolt Brecht von einem Wettbewerb im Häuserbau, bei dem die Jury unter den Teilnehmern schließlich auf einen stößt, der lediglich einen Türstock vorweisen kann, prächtig geschnitzt zwar, aber eben bloß ein Türstock. Es stellt sich heraus, dass ihm keine Zeit für seinen Hausbau geblieben war, denn er hatte allen anderen geholfen: hier die Pläne gezeichnet, dort die Statik geprüft, diesem die Fenster, jenem das Dach gezimmert. Am Ende wird ihm der Preis zuerkannt.
Die Geschichte, von Brecht 1945 dem exilierten großen Theatermann Berthold Viertel geschenkt, könnte auch auf den Dichter Johann P. Tammen passen, der von 1994 bis 2011 die interessanteste deutsche Vierteljahrsschrift für Literatur, Kunst und Kritik, die horen, herausgegeben und damit ein mehrfach preisgekröntes Arbeitsleben in den Dienst der Dichtung, ihrer transnationalen Verbindungen, zeitgenössischen Strömungen und historischen Texträume gestellt hat. Nicht zu zählen, wem er da zum ersten Mal ans Licht half, wie viele er aus dem Schatten des Vergessens hob, wie oft er uns, als Wegweiser und Nachdichter, mit fremden Literaturen vertraut gemacht hat.
In diesem sorgfältigen, liebevollen Dienst für die anderen lebte der Lyriker Tammen fast wie im eigenen Schatten. Seine Gedichte und Prosastücke erschienen in loser Folge als bibliophile Kostbarkeiten, und wer sie wahrnahm, kannte auch den hohen Rang, den Tammen in der deutschen Poesie einnimmt. Freilich ist er keiner, der in den Parlando-Salons des Literaturbetriebs auf sich deutet; lieber läuft er mit Freunden über die Deiche seiner friesischen Heimat. Der Poet, nun 75 Jahre alt, hat sich stets leise abgewandt und hinter sein ironisches Lächeln verzogen, wenn andere an die Rampe traten. Dabei wohnt er durchaus in der Welt, bevorzugt aber ihre poetische Gestalt und zieht seine Schlüsse:
Wir werden es schwer haben
weil wirs
nicht leicht nehmen können.
Nun hat der Wallstein-Verlag den Lyriker mit einem Doppelschlag aus der Raritätennische gehoben und in zwei schönen Bänden Tammens Gedichte und seine Nachdichtungen vorgelegt. Endlich, möchte man ausrufen und diese oft dunkel grundierten Dichtungen nicht paraphrasieren, sondern Wort für Wort vorstellen, die expressiven Verse, von melancholischem Humor gefärbt, von Rhythmen und ihren Brüchen getrieben, die man beim lauten Lesen entdeckt. Fast immer ist die Natur, sind Land, Himmel und Meer die Sicht-Anker, Wind, Wolken und Watt.
Die See ist für Tammen das große Metaphernfass, sie ist das „zum Himmel schreiende Großmaul“, ein „Geklapper windschief kauender Kammwellenzähne“. Das Meer ist „die salzige Liebeslippe“, trägt „Brüllkleider“, soll „nicht so laut sein“. Wenn es sich zurückzieht, „schaukelt im Ebbstrom ein umgestülptes Gedächtnis“.
„Hast du die Furchen des Meeres kartiert“, fragt sich der Dichter, als wäre eben dies seine Pflicht, und tatsächlich lebt seine Poesie von der Intensität des Registrierens, Beobachtens, Ordnens, während zugleich mit dem Schauen die Verwandlung in poetische Erinnerung einsetzt. Erfahrungen von Außen und Innen sind so miteinander verschnitten, dass jener höhere Grad an Genauigkeit des Blicks entsteht, den Tammens Gedichte uns zumuten und schenken.
Natürlich schreibt er nicht vorbehaltlos, weiß, worauf er anspielt, denn er ist ein Lyrik-Kenner, sieht sich im Gespräch mit zeitgenössischen Poeten, auch mit denen, die vorausgingen und nachleben. Im autobiografischen Text, der dankenswerter Weise in den Band mit aufgenommen wurde, steht klar und deutlich:
Er las und wurde der, der er wirklich war.
Rastlos suchte er sich als junger Mann und fand sich in der Literatur. Mit dem Schreiben kam dann die Sprachskepsis:
Was wissen wir kleinlauten Wortwunderwerker von der Beschaffenheit der Wörter, solange sie noch rohköstlich und unbehandelt wie das Dotter im Ei ohne Kenntnis der Schale (…) vor sich hinschlummern?
Die Reflektion des poetischen Tuns und der Aufenthalt in der einzigen gemeinsamen Weltsprache, der Poesie, haben Tammen unvermeidlich auch zu einem bedeutenden Nachdichter werden lassen, der bei aller Bemühung um fremdsprachige Gedichte weiß, „dass Blessuren beim Übersetzen (…) von Lyrik unvermeidlich sind“. Im zweiten Band seiner Werkausgabe, den Gedicht-Übertragungen, lässt sich lesen, wie sensibel und sprachmächtig er solche Blessuren minimiert. Sein luzider Essay im Anhang sei jedem, der sich an Nachdichtungen wagt, als Pflichtlektüre empfohlen.
Mit Brechts Häuser-Parabel gesagt: Johann P. Tammen hat trotz all seiner Hilfe für so viele andere nicht nur einen schönen Türstock gefertigt, sondern ein weitläufiges Haus aus Poesie errichtet, Zimmer mit Meereshorizont, Korridore ins Marschland, Kammern voll Schilf und Wald, Salons, in denen sich Vergangenheit zu Gegenwart wandelt; und in den hellsten Räumen stehen die Türen offen – da gehen seine Dichterfreunde ein und aus.
Gert Heidenreich, Süddeutsche Zeitung, 22.3.2019
Das Wörterglück des Leuchtturmwächters
– Er wirft den Blick zur kruseligen Schlickfangbank: Nachdichtungen und Gedichte von Johann P. Tammen. –
„Dieser Text ist verschwunden.“
Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.8.2019
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Jürgen Brôcan: Der erdfarbene Morgen betört das Meer und den Himmel
fixpoetry.com, 11.8.2019
Wolfgang Schiffer: An Frieslands Küste und anderswo
Wortspiele, 11.3.2019
HERZEN
Doch
die Herzen, die du gegessen hast, sind blasse Lichter.
(Johann P. Tammen)
In Helle, mein Johann, sind diese Lichter aufgegangen,
das Heimleuchten nach jenem halblebenslangen Mahl
ist Schmerz, wenn diesen Brief ich dir schreibe, auch.
Du wohl verstehst doppelt und mehr die Bedeutung
des Anfangs, und hier spricht endlich es mir genauer
sich aus, heftig aufklärend, wohin wir noch kommen.
Sagst du, du sagst du, du hast wirklich du gesagt
von Anfang an, wo wir saßen, der Wein, die Vulkane.
Das Nordlicht war auch gut bemessen und spielte mit
uns, glitzernde Helle, wegbereitend. Nun sehen wir,
wohin es uns führt, lind, sanft, wie wir worden sind,
du früher, ich später, eingereiht in die tanzende Schar.
Uwe Kolbe
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + IZA + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Brigitte Friedrich Autorenfotos + IMAGO
Nachrufe auf Johann P. Tammen: FAZ ✝︎ NZ









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