José F.A. Oliver: 21 Gedichte aus Istanbul 4 Briefe & 10 Fotow:orte

Mashup von Juliane Duda zum Buch von José F.A. Oliver: 21 Gedichte aus Istanbul 4 Briefe & 10 Fotow:orte

Oliver/Oliver-21 Gedichte aus Istanbul 4 Briefe & 10 Fotow:orte

KAUM IN BEŞIKTAŞ & HAT ETWAS

vom drive einer mittleren westernstadt im innern /
aaaaaein improvisierter aufbruch
ein saloonankunftsentwurf & das leichte mädchen
aaaaahandelsspanne
an jeder ecke ähnlichgleich 1 freizünftiges kostüm aus
aaaaalira & hügelauf
die rhythmen sind transiterregt (& fast erotisch)
aaaaapalmtaubentriebig
die gelassenheit der neugier die chuzpe reizhoheit
auf kundschaftszuspruch ausgelegt & scheinbar unbeteiligt unbedarft
die kaufmannsburschen auf den billigwaren massen waren sitzend auf den
aaaaawaren nicht
auf den worten & stummfilmtrödelnd lautverpegelt sich mein blick
(wunderfitzkontemplationen) & die sicherheitsdistanzen
das ankömmlings –
wo bind’ ich an die rast? die zeit
an diesem wandernachmittag
ist eine sich ins läuternde der uhren hergestillte unversehens
sie feilt dem zartgezähmten hungerstrich dem durstmanöver eitelkeiten
(1 hilfbe dürftiges verkeilen im mitgebrachten urteilsmix)
ein lächeln ab wo augen sich zufallsereignen
oder schier schauen angeplant, aufspürend augskizziert / auch hier
sind Roma unterwegs die mütter
schleppen letternschwer papier als abend-
brot nach hause die söhne
spielen handyleicht mit dem bewusstsein
ihrer herkunft. So ziehen sich die straßen an (und aus) &
hügelaufwärts kontraktiert y cada uno con su tema
1 herzverschlag spätsommermilde & pumpt verlangen &
auf den fenstersimsen putzen
die tauben sich den tag vom leib
als könnten sie’s nicht glauben
wie hügelan & hügelabwärts die nacht herab sich bald
um gar nichts schert der tag
da fällt mir auf die zärtlichkeit
kennt auch die männer
in der distanz der nahen gesten
der nächste arm die nächste wange & freund- und mannvertraut
nur manche kauern unberührt & „fort
bei sich“                 : 1 romajüngling lässt sich treiben
vom kartenspiel der illusion & flugs
holt sich der abend seine gäste
: 1 erster afrikaner dreht bald die handelsrunde
verkauft schwarz rote uhren : ARM BAND ZEIT
die nacht erwacht zur promenadenkür
1 dönerpacken geht zur neige / der nächste ballen steht bereit
im grillspiel nebenan. Ich trinke bier & bin
millionenfach
millionenfach, so what? und kaum in Beşiktaş. Ich bin
& unbedeutendes revier & augenblicklich.

 

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bin ohr & klang der stadt & gehe, gehe

1.
Dieses Buch kommt uns in großzügiger Vielgestalt entgegen. Eine Spiegelung der Vielgestalt Istanbuls? Kurz- und Langgedichte, hingestückte lyrische Prosa, Briefe, Fotografien des Autors und Texte zu diesen Bildern. Also im besten Sinne ,romantische Fragmente‘, die sich beim Lesen nach und nach zu einem subversiven Ganzen fügen.
Aber was eint jenseits von Sprachsensibilität und Spracheigensinn des Autors dies alles? Es ist der Buchstabe T., oder besser gesagt, was sich hinter diesem T. verbirgt. T. steht für Tarabya, eine Ortschaft am Bosporus, rund 16 Kilometer vom Zentrum Istanbuls entfernt. Fährt man in die andere Richtung, erreicht man nach 12 Kilometern das Schwarze Meer. Tarabya hieß in den alten Zeiten „Therapia“, das griechische Wort für Therapie, Anspielung auf die gesunden Lüfte, die hier wehten, auf bewaldete Hänge, die es zum Teil immer noch gibt. Am Rande von T., direkt am Bosporus, steht in einem gewaltigen Park die kaiserliche Sommerresidenz des deutschen Botschafters. Neben ihr „zerfallen villen wie träume“ heißt es in dem Eröffnungsgedicht. Und in der Tat gibt es hier, erbaut um 1900, einige hochherrschaftliche Anwesen, die sich mit einer Aura verblasster Pracht und langsamen Verfalls umgeben.
Von diesem Refugium aus hat José F.A. Oliver die große Metropole Istanbul erkundet – einst, wie die Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts unisono sagten, der schönste Ort der Welt. „Reiseschriftsteller verlieren dort den Verstand“, schrieb Edmondo de Amicis in seinem Istanbul-Buch von 1878, und führt sie zum Beweis alle auf:

Perthusier stammelt, Tournefort nennt die menschliche Sprache ohnmächtig, Pouqueville glaubt sich in eine andere Welt entführt, La Croix ist im Rausch, der Visconte di Marcelles wird ekstatisch, Lamartine dankt Gott, Gautier fragt sich, ob es wirklich sei, was er sieht; und alle häufen Bilder auf Bilder, lassen ihre Federn Funken sprühen.

Nun, rund 150 Jahre später, ist das alles anders. Istanbul, vielleicht von seiner unzerstörbaren Lage her immer noch die schönste Stadt der Welt, ist ein Moloch geworden. Istanbul heute ist ein Ansturm. Istanbul heute ist eine Zumutung. José F.A. Oliver, kein Reiseschriftsteller, ein Dichter mit äußerst verfeinertem Sensorium, hat genau hingesehen, genau hingehört, auf endlosen Wanderungen. Und schon das Prologgedicht gibt Kunde von einer beginnenden Osmose. Oliver wird zur Stadt, sein Mund wird der Mund der Stadt, den die Stadt küsst. Er geht und geht, und die Stadt geht und „geht ihren gang.“
Bei diesen Zeilen musste ich an ein Spiel von Liebenden denken. Der Liebhaber schreibt mit seinem Zeigefinger auf den Rücken der geliebten Person Buchstaben, die sich zu Worten fügen, und die geliebte Person muss diese Worte erraten, bevor sie der Liebhaber wieder wegwischt und neue Worte auf die Haut schreibt. Istanbul wird von Oliver beschrieben, und die Stadt errät seine Worte und errät sie nicht. So, scheint mir, bespielt der Dichter auf sinnlichste Weise die Grenze von Lesbarkeit (der Stadt) und fremder Ästhetik.

 

2.
In den Istanbul-Gedichten von José F.A. Oliver gibt es eine Aufteilung des Sinnlichen. Zum einen die sinnlich erfahrbaren, wahrnehmbaren Details der Stadt und Oliver findet hierfür berückende Bilder: „brotwarmzärtlich“ ist der Leib der Sonnenbadenden am Bosporus. Er nimmt den „totgefahrenen Flug“ einer Taube wahr, die auf dem Straßenasphalt verendet. In Besiktas spielen die jungen Roma „handyleicht mit dem Bewusstsein / ihrer Herkunft.“ Alle diese Wahrnehmungen übrigens ganz ohne Vergangenheitsseligkeit. Das neue Istanbul wird immer wieder angesprochen, die „Shopping malls“ und Glastürme in Levent, die „satellitenempfänger“ und „die künftigen kalenderrisse in der megacity“.
Zum anderen geht es Oliver um das, was Sinn macht, sinnhaft ist, und das ist schwierig, weil unser westeuropäisches Deutungssystem hegemonial funktioniert. Hier helfen dem Dichter seine andalusischen Ursprünge. Er fotografiert das religiöse Nebeneinander an einem Devotionalienstand vor der Hagia Sophia. Das Kreuz des armenischen Gotteshauses in Kadıköy im gleichnamigen Gedicht wird vom Sichelmond der türkischen Flagge verhüllt, Sinnbild scheiternden Synkretismus. Oliver historisiert nie seine Reflexionen, unterlegt sie aber manchmal mit türkischer Geschichte im Zeitraffer („erklären Sie mir die Türkei“) und auch mit deutsch-türkischer Historie. In dem ergreifenden „notat für Regine (Dura) & Hans-Werner (Kroesinger)“, die wie er Gäste der Kulturakademie Tarabya waren, verschmelzen auf dem Soldatenfriedhof im Botschaftspark „habengedenken & allahgottesackern“. Oliver ist ein Wortschatzgräber, und er spricht oft im Staccato. Die Neurobiologie hat uns gelehrt, dass die ,Jetzt-Zeit‘, also die Gegenwart genau 2,9 Sekunden lang dauert, und so haben die Verse von Oliver wenig Hebungen. Sie entsprechen dem eigenen individuellen Körperrhythmus und dem Rhythmus der Stadt. Siehe Osmose. Siehe Sog. Oliver macht es dem Leser nicht immer leicht, zwingt ihn zum Nachdenken, Kombinieren, Atemwechseln. Nach und nach werden wir so zu seinen Sprachspürhunden, die an der Ecke jeden Verses etwas entdecken, unerhörte Bilder, ziehenden Rhythmus, „wahnsymphonische“ Musik und „die sich niemals ergebende nähe der schönheit“.

 

3.
Die Komplexität von Istanbul (und der Türkei) ist präsent in diesen Gedichten und Briefen: Arbeitslosigkeit, schleichende Islamisierung, Probleme mit den Minderheiten, die syrischen Flüchtlinge, das Spannungsverhältnis zu Avrupa, der nicht so ferne Krieg (Kabul), die Unterdrückung in Ägypten oder, ganz nah, die Niederschlagung der Aufstände rund um den Gezi-Park. Oliver wurde Zeuge dieser „hoffnungswut“. Und immer wieder die große Stadt, ein „menschenatlas voller wirklichkeiten.“ Die Schlusszeile des Gedichts „am bosporus, es sind“ mag seine Situation resümieren:

im einsamkeitstaumel ein plural der dinge.

Oliver hat diesen Plural zu bannen versucht, mit seiner Sprache, aber auch mit der Kamera. Die Fotografien belegen, was wir von den Gedichten längst wissen: Dass er ein elend scharfes Auge hat. Dieses Auge kann Situationen erfassen und sich davon genaue, verwunschene, mitunter auch zärtliche Bilder schaffen. Der Blick aus seiner Wohnung in T. ging auf den Bosporus. Eines der unablässig vorbei ziehenden Containerschiffe hat er mit der Kamera ,fest‘ gehalten, und wir hören den „dumpfen alttraktorklang“, wenn wir das Fotow:ort zu diesem Bild lesen.

 

4.
Ganz am Rande erzählt dieses Buch auch von einer Dreiecksgeschichte, die kurz erzählt werden sollte. Rebecca Horn hatte im August 2013 eine Ausstellung in Istanbul. Ich begleitete sie. Für die zentrale Skulptur dieser Ausstellung schrieb sie das Gedicht „Das Zungenhaus des Sultans“. In dieser Zeit war Oliver Gast in T. Die beiden hatten sich auf einem von mir in Dubai organisierten Poesiefestival vor einigen Jahren kennen gelernt und erneuerten in Istanbul ihre Freundschaft. Diese besondere Konstellation drückt sich nun darin aus, dass Rebecca Horn die Zeichnung für den Umschlag schuf, ihr Istanbul-Gedicht hier wieder abgedruckt wird und ich, der lange in Istanbul lebte und über die Prinzeninseln schrieb, auf Wunsch des Dichters ein Nachwort verfasse, das nun endlich an sein Ende gelangt.

Joachim Sartorius, Nachwort

 

Istanbul:

Arbeitslosigkeit, schleichende Islamisierung, Probleme mit den Minderheiten, die syrischen Flüchtlinge, das Spannungsverhältnis zu Avrupa, der nicht so ferne Krieg in Afghanistan, die Unterdrückung in Ägypten oder, ganz nah, die Niederschlagung der Aufstände rund um den Gezi-Park. Oliver wurde Zeuge dieser „hoffnungswut“. Dieses kaleidoskopische Buch ist eine sinnliche Reise in die unfassbare Stadt am Bosporus – „menschenatlas voller wirklichkeiten“ –, die Oliver in den Worten verdichtet: „im einsamkeitstaumel ein plural der dinge“.

Matthes & Seitz Berlin, Klappentext, 2016

 

Beiträge zu diesem Buch:

Jan Kuhlbrodt: & umdeutendes revier & augenblicklich
signaturen-magazin.de

Jürgen Brôcan: Wortbunt im Plural der Dinge taumelnd
fixpoetry.com, 4.7.2016

 

„Für nichts und wieder alle“ – Gedichte aus Istanbul am 20.4.2016 im Literarischen Colloquium Berlin. Moderation Michael Braun

 

Marie T. Martin im Gespräch mit José F.A. Oliver „Alles Leben ist Peripherie und Zentrum zugleich“.

Sibel Kara im Gespräch mit José F.A. Oliver „Ich bin ein mehrkultureller Dichter.“

Susanna Babila: Fremd in der eigenen Heimat: Ein deutsch-spanischer Schriftsteller erzählt

José F.A. Oliver: „Ich bin so verliebt in die deutsche Sprache“

 

Stefan Hölscher im Gespräch mit José F.A. Oliver am 30.12.2020 bei TEN-4-POETRTY

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

„Alles hat poetische Augenblicke“
Schwarzwälder Bote, 20.7.2021

Gespräch „Der Autor José F.A. Oliver ist als Sohn andalusischer Gastarbeiter im Schwarzwald aufgewachsen: Jetzt wird er mit dem Heinrich-Böll-Preis ausgezeichnet“
Südkurier: 20.7.2021

Ralf Burgmaier: Die Tür zu seinem Elfenbeinturm steht jedem offen
Badische Zeitung, 23.7.2021

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2 + Facebook + IZA
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne SchleyerDirk Skibas Autorenporträts + IMAGO
shi 詩 yan 言 kou 口

 

In der Zwischenzeit: Poesie – mit José F.A. Oliver.

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