JUDICA ME DEUS
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Mein Herz, der Winter kommt, es rieselt der Schnee.
Wenn, wie der Tod zerstreut, die Flocken,
Kristalle auf den Gräbern hocken…
Doppelt der Mantel aus Traum und Resümee.
Lasst drüben die Gaukler Manegen betreiben.
Der Rummelplatz Jenseits ist lange offen.
Doch schütter der Schnee, kaum zu hoffen,
Zeit bleibe, alles noch einmal zu schreiben.
Mach, ehe er schmilzt, einen Schritt, meine Liebe,
ehrbar verhandle ich dorten mein Blut,
Prinz dieser Welt,
vergaffte sich rettungslos so meine Armut.
Aufhören nun. Das Schneeweiss will ich dir geben.
Von verlorenen Paradiesen habe ich genug.
Doppelt ist der Herzkönig,
zweifach sein Reich, ach! warum werd ich nie klug?
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Das Schrifttum
Es ist interessant festzustellen, dass die literarische Entwicklung des Juras trotz seiner geographischen Randlage ähnlich jener der übrigen welschen Schweiz verlaufen ist, jedenfalls, wenn man in der Geschichte nicht allzu weit zurückgeht. Als Calvin in Genf das Zepter führte und als Madame de Staël sowie Benjamin Constant brillierten, als Rousseau die Welt in Erstaunen versetzte, da war unser Bistum Basel bäuerliches Land, regiert von deutschsprachigen Fürstbischöfen, und die schöpferische Kraft jener Gegend und auch die ihrer Bewohner konnte nicht recht erwachen. Dennoch regt sich seit dem Mittelalter seltsam stossweise ein Geistesleben: der erste in der ganzen welschen Schweiz geschriebene französische Text (1242) ist ein jurassisches Schriftstück, das erste in der Schweiz gedruckte Buch (1470 in Beromünster) ist das Werk eines jurassischen Kanonikers, und unter den in der berühmten Manesse-Handschrift aufgeführten Dichtern finden wir einen Troubadour aus dem Tal des Doubs. Im 17. und 18. Jahrhundert scheint sich das geistige Leben völlig in die Klöster und Klosterschulen von Pruntrut, Kleinlützel und Bellelay zurückgezogen zu haben, wo es sich fast nur in strengen Abhandlungen über Dogmatik und Morallehre äussert. Die Klosterschulen liefern dem erzbischöflichen Hof die Kaplane und Notabeln, derer er bedarf; dichterische Talente wecken sie nicht.
Zur Zeit der Romantik wird dies anders. In zwischen hatten tiefgreifende politische Umwälzungen stattgefunden. Nachdem das frühere Bistum Basel bis zum Pierre-Pertuis von französischen Truppen besetzt und zur unabhängigen Republik ausgerufen, dann zu einem eigenen Departement und schliesslich zu einem Teil eines französischen Departements gemacht worden war, wurde es – welch ein Widerspruch! – dem Kanton Bern angegliedert, mit dessen Menschenschlag, dessen Sprache und zu einem guten Teil auch dessen Religion es nichts gemein hat. Als Folge dieser Ereignisse zeichnet sich eine erste Bewusstwerdung der Intellektuellen im Lande ab. Sie haben das Bedürfnis, ihre Eigenart zu betonen, sie auszudrücken. Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Société Jurassienne d’Emulation gegründet, welche Politiker (Stockmar), Literaten (Xavier Kohler), Historiker (Trouillat, Quiquerez) und Naturwissenschafter (Thurmann) versammelt, und deren Tätigkeit in der Publikation der jährlichen Actes gipfelt, die heute noch erscheinen. Diese Strebsamkeit (emulation) ist nicht nur ein Wort, sie beflügelt den Geist dieser Männer. Neue Strömungen durchwehen unsere Städtchen und Täler und erwecken Eingeschlafenes zu neuen Aktivitäten. Schüchterne Stimmen lassen sich vernehmen mit Liedern, die zwar oft französische Volkslieder nachahmen, jedenfalls aber die Geburt der Dichtkunst im Jura markieren. Paul Gautier wurde der „Musset des Jura“ genannt, Louis-Valentin Cuenin der „Béranger des Jura“, was jedoch das republikanische und revolutionäre Element bei Gautier herunterspielen heisst, ebenso das begeistert liberale bei Cuenin. Dennoch ist es so: weder Gautier noch Cuenin, im übrigen auch nicht der sanfte Botaniker Vernier (mit dem für ihn allzu anspruchsvollen Namen Louis-Napoléon), noch Pfarrer Krieg, Pfarrer Besson oder der Einzelgänger Tièche haben je eine höhere Sprosse auf der Leiter der Dichtkunst erklommen. Aus Mangel an Erfahrung, an Geschmack, vor allem aber an Zeit: die meisten von ihnen starben jung – Paul Gautier, der Begabteste unter ihnen, mit zwanzig Jahren. Dieser Um stand rückt sie ganz nahe an die anderen wel schen Dichter derselben Zeit, welche Philippe Godet wehmütig die „unvollendeten Dichter“ nannte, denn „der Tod entreisst uns die einen, und die anderen verschlingt das Leben…“. So wird dem Jura sein grosser Dichter vorenthalten: auch Virgile Rossel, dem am Ende dieses Jahrhunderts dieser Ruhmestitel zuzukommen scheint, gleitet schliesslich ab in die Vielschreiberei, die der Rechts- und Literaturgeschichte gewiss wertvolle Dienste leistet, jedoch die wirkliche Grösse verfehlt.
Unser erster grosser Dichter ist Werner Renfer, leider auch er ein „Unvollendeter“. Er eröffnet das 20. Jahrhundert und bringt neue Elemente bei, doch er stirbt mit 38 Jahren. Sein vielversprechendes Werk, das schon eine gewisse Ausstrahlung besitzt, bricht unvermittelt ab. (Hannebarde, ein Roman; La Tentation de l’Aventure, ein No vellenband; La Beauté du Monde, eine Gedichtsammlung, alle 1933). Renfer, der inmitten einer völlig gleichgültigen Umgebung schrecklich isoliert war – er verdiente sein Brot als Redaktor einer kleinen Zeitung in St. Imier –, hat ausserordentlich starke Antennen für das, was in verschiedenen Avant-Garden lebendig ist. Seine Romane und Erzählungen z.B. sind stark beeinflusst von Charles-Louis Philippe und von Ramuz, seine Gedichte von den Forderungen des Surrealismus. Wie C.F. Ramuz oder wie Ferdinand Chavannes hat auch er nach einem Aufenthalt in Paris die Notwendigkeit erkannt, sich im heimatlichen Boden zu verankern und dort seine „Raison d’etre“ zu finden. Nachdem er dem Ruf des Abenteuers gefolgt war, in Frankreich sich als Journalist versucht und zeitweise eine ein same Insel bewohnt hatte, empfand er die Notwendigkeit, irgendwo Wurzeln zu schlagen, und wäre es in einem verlassenen Tal wie das Erguël, wo er zur Welt gekommen war. Wie Ramuz sich bemüht, seinem Satz den eintönigen Rhythmus der Wellen „irgendwo zwischen Cully und St. Saphorin“ zu verleihen, so versucht Werner Renfer seine Eingebungen nach Motiven aus seiner Umgebung zu gestalten.
Diese Verbindung zwischen Dichter und Land ist eine der stärksten Eigenheiten des literarischen Schaffens der welschen Schweiz. Von Rousseau zu Rambert, von Rambert zu Ramuz bindet eine feste Tradition unsere Schriftsteller an die Beschreibung der Alpen oder des Landes oder der Seeufer, worin sie weniger eine schmückende Zutat, sondern den Ort innerer Übereinstimmung sehen. Diese Tradition setzt sich sowohl bei Gustave Roud fort, dessen lyrische Meditation die Natur wie ein Paradies umgreift, als auch in der brillanten neuen Generation eines Philippe Jaccottet, Jacques Chessex und Maurice Chappaz. Die Deutschschweizer sind er staunt über diese „Naturpoesie“. Sie selbst finden ihre Eingebung überall, wo sich Weltgeschichte ereignet.
Die erfreuliche jurassische Dichtergruppe unserer Tage aber bleibt ihrer welschen Tradition auf je eigene Art verpflichtet. Sie tut es nicht aus schülerhaftem Nachahmungstrieb, wenn auch Ramuz’ und Rouds Vorbild einige Versuche inspiriert haben, sondern weil die Natur bei uns irgendwie gegenwärtiger ist und sich eher aufdrängt als anderswo. Wir wohnen in kleinen Flecken, umgeben von Ebenen, Obstgärten und Weiden, von Hecken und Gebüsch, Schluchten und Weihern, wo wir in unserer Kindheit unsere ersten Erfahrungen mit Kräutern, Früchten und Tieren, mit dem Wind, dem Feuer und den Mädchen gemacht haben. Unsere Lebensfreude oder Lebensängste stammen aus diesen Bildern, die als Zeichen in unser Innerstes eingegangen sind. Man findet solche bei Jean Cuttat, wenn er Erinnerungen an seinen Krieg oder den Schatten des „Oiselier“ heraufbeschwört, bei Alexandre Voisard, wenn er sich an den säuerlich-warmen Hauch seiner Kindheit voller Vögel und Schreie erinnert, bei Hughes Richard, der sich erwärmt bei der Erinnerung an den grobschlächtigen Familientisch im väterlichen Bauernhaus und die Streifzüge des Heran wachsenden durch die Hinterhalte und die Wunder des Plateau von Diesse; bei Tristan Solier, welchen unzählige Wunden mit der Ajoie verbinden; bei Jean-Pierre Monnier und Roger-Louis Junod, welche grossartige Landschaften unter dem hohen Schnee oder dem Schmelzwasser entwerfen, in denen sie ihre Gestalten herumwaten lassen; bei Robert Simon, dessen Erinnerung gerne dem Lauf der Allaine folgt; bei Alice Hein zelmann, deren Herz im Rhythmus der jurassischen Jahreszeiten schlägt, bei Jacques René Fiechter, der während eines langen Ägypten-Aufenthalts in seinen Gedichten immer wieder eine Jura-Tanne pflanzte und der heute auf raffinierte Art zeigt, was das jurassische Lied sein könnte; bei Henri Devain, dem spontanen Sänger der heimi schen Erde. Für sie alle ist die Verwurzelung im Jura wesentlich und notwendig. Dieses Herkunftssiegel ist der Stempel der Echtheit für eine Dichtkunst, in deren Liedern eine Welt enthalten ist, wo Gegenwart und Erinnerung gemeinsam aufleuchten.
Bei vielen ist die Verbundenheit mit dem Jura verstärkt durch ein absolutes persönliches Engagement für die Schaffung eines freien Jura, denn ihnen scheint ihre Zugehö rigkeit zum Jura unvereinbar zu sein mit der politischen Abhängigkeit, in welche uns der Vereinigungsartikel von 1815 geführt hat. Aus diesem Engagement ist eine Kampfliteratur von grosser Sprengkraft hervorgegangen, die dem Dichter wieder seine ursprüng liche Rolle als Wortführer des Volkes verlie hen hat. Ist auch das Vaterland unfrei, die Gedichte kennen keine Fesseln. Voisard, Cuttat, Solier und andere haben auf windumwehten Podien Kampfgesänge rezitiert, die von den um sie Gescharten im Chor aufgenommen wurden. Dieses Zusammenspiel von Dichtung und Politik ist wohl nirgends sonst denkbar, ausgenommen vielleicht in Maos China. Und es handelt sich nicht um Küchenlieder, sondern um Dichtung höchster Qualität. Der „Chant du pays qui ne veut pas mourir“ von Alexandre Voisard ist eine Art reimlose Marseillaise, die nichtsdestoweniger sehr wohl reimt.
Andere, deren Einbildungskraft weniger lokal gebunden ist, sind individuellere Wege gegangen. Francis Giauque, dem bitteren Dichter der Einsamkeit gelang es nicht, sich in der Welt zurechtzufinden, und er beendete sein Leben selbst. Mathilde Monnier dagegen war ganz offen für eine Welt, die sie von einem originellen Gesichtswinkel aus in sicher gesetzten Sätzen von einer intimen Melodie schildert. Pierre Chappuis, Roland Béguelin (wenn er die Feder des Polemikers mit jener des Dichters vertauscht), Francis Bourquin und Raymond Tschumi verfolgen einen inneren Weg, von dem fein empfun dene Gedichtsammlungen zeugen; Roland Brachetto liebt die gedämpften Farben und lebt „im Schatten der Sprache“; Hilaire Theurillat haucht einer strengen klassischen Technik Leben ein. Alle tragen mit ihrer Originalität bei zu einer herrlichen dichterischen Entfaltung, die der Stolz des Jura heute ist.
Doch verdienen auch Leistungen auf anderen Gebieten unsere Beachtung. Romanciers wie J.-P. Monnier, Roger-Louis Junod, Jean-Michel Junod, Jean-Paul Pellaton, Yvette Wagner haben die Fackel aus den Händen eines Lucien Marsaux und einer Clarisse Francillon übernommen. Historiker wie Victor Erard, André Chèvre, Bernard Prongue, François Kahler setzen das Werk von Amweg und Bessire fort. Philosophen (der berühmteste Jurassier, Ferdinand Gonseth, hat ein weltweites Echo, Fernand Boillat, Jacques-Albert Cuttat), Kritiker (Auguste Viatte, Charles Beuchat, der sich auch als Ro mancier und Dichter betätigt, Jacques Savarit), Nationalökonomen (Albert Meister, François Schaller), Naturwissenschafter, Mediziner, Journalisten zeugen von der Intensität des kulturellen Lebens im Gebiet der alten raurakischen Mark und tragen so zu einem ansehnlichen Teil zum heutigen Aufschwung des Schrifttums in der welschen Schweiz bei.
Würde man jeden unserer Schriftsteller einzeln einigermassen ausführlich darstellen, wären spezifisch lokale Akzente erkennbar.
Es wäre zu unterscheiden zwischen Eigenheiten der Zugehörigkeit zum (katholischen, jedoch nicht klerikal gesinnten) Norden, der dem Langue d’oïl angehört, und dem protestantischen Süden, Grenzgebiet des Langue d’oc, oder zwischen der Zugehörigkeit zum Radikalismus, der sich immer noch mehr ra dikal als liberal gebärdet, zum Liberalismus, zum Sozialismus oder Christlichsozialismus oder zwischen geographischen Verschiedenheiten, denn die Menschen der Seeregion sind spürbar anders als die Viehzüchter der Freiberge, die Arbeiter der südjurassischen Täler anders als jene des Tals von Delemont, und die Bedächtigkeit der Leute von Moutier oder des Erguël steht in lebhaftem Gegensatz zur völlig französischen Munterkeit der Bewohner der Ajoie. Doch diese Züge, welche für die Bevölkerung als Ganzes gelten, scheinen die Persönlichkeit unserer Schriftsteller nicht entscheidend geformt zu haben, sie haben diese natürlichen Gegensätze hinter sich gelassen. Betrachtet man sie in ihrer Gesamtheit, zeigt sich sehr bald ein Konsens aller bezüglich verschiedener Werte, vor allem und wesentlich bezüglich des Willens, den Jura aufzuwerten, ihm eine Stimme zu geben, und dies vor allem durch die französische Kultur, der er das Bewusstsein, eine Nation zu sein, und das Prinzip seiner Einheit verdankt.
Gemeinsam ist ihnen aber auch eine bäuerliche Verbundenheit mit dem Boden, die Freude des Uhrmachers an der präzisen Arbeit, ein Bemühen um den Stil, der Wille, die Sprache zu verteidigen, und eine immer tiefer empfundene und freiere nationale Kultur zu schaffen, denn „die Kultur eines Volkes um die Breite eines Daumens vergrössern heisst seine Freiheit um eine Elle erweitern“ (J. Cuttat). Kurz, eine Summe verschiedenster ästhetischer Bemühungen ergibt schliesslich ein ganzes Fackelbündel, und dies erhellt den Weg, auf welchem der militante Jura voranschreitet. So viele Ge dichte wurden dem Jura gewidmet, dass uns daraus schliesslich das Antlitz seiner Zukunft entgegenblickt.
Diese etwas zu allgemeinen Wesenszüge genügen vielleicht nicht, um die Grundlagen für eine Schule oder die Strukturen einer spzifischen Geisteshaltung zu bilden. Wenigstens aber, so scheint es mir, ist damit eine gewisse Familienähnlichkeit zur Genüge umrissen.
Pierre-Olivier Walzer, aus „Le Jura, terre romande“, Alliance culturelle romande Nr. 17, Juni 1971








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