Jesse Thoors Gedicht „Wanderlied“

JESSE THOOR

Wanderlied

Wie soll es sein, wenn der Wind weht,
die Sonne lacht, der Mond sich dreht?

Wenn der Tag über die Dächer steigt.
Wenn die Nacht redet oder schweigt.

Wenn der Regen rauscht oder rinnt.
Einmal – wenn wir einsam sind.

Einmal zu zwein, und einmal allein,
wie die Grille hüpft am Wiesenrain.

Einmal, wie die Blüte im Grase ruht,
weiß wie Schnee, oder rot wie Blut.

Einmal oben, hoch oben – o he!
Einmal unten, ganz unten – o weh!

nach 1938

aus: Jesse Thoor: Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1975

 

Konnotation

Das ruhelose Vagabundieren durch verschiedene Lebenswelten und Berufe wurde zum Markenzeichen dieses Dichters. Der poetische Visionär Jesse Thoor (1905–1952), als Peter Karl Höfler in Berlin geboren, aber österreichischer Herkunft, versuchte sich als Zahntechniker, Goldschmied und Porträtist und tippelte durch Norditalien, Ungarn und Spanien. Als ehemaliger Sympathisant der Anarchokommunisten musste der nomadisierende Dichter, der sich als Spaßmacher bzw. „Thor“ sah, vor den Nazis in die Tschechoslowakei und später nach London fliehen.
Thoors einziges zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch war 1948 eine Sammlung mit Sonetten. Sein „Wanderlied“, nach 1938 entstanden, ist das Bekenntnis eines einsamen Fahrenden, dem das Unterwegssein zur Existenzformel geworden ist. Wie sehr er die unendliche Fahrt zur Lebensform gemacht hatte, zeigte sich bei einer Audienz Thoors bei dem Weltpoeten T.S. Eliot (1888–1965). Thoor bat den verblüfften Eliot, er möge ihm ein Schiff kaufen, so dass er für den Rest seines Lebens auf den Weltmeeren segeln könne.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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