– Zu Friederike Mayröckers Gedicht „o weinet weinet…“. –
FRIEDERIKE MAYRÖCKER
o weinet weinet ach in dieser Stunde ich kauft I Händchen mir I
grünes Händchen I Tannenhändchen mir als wärs das deine legs auf
die Zunge mir I Jammertal so dasz es schmecke schmeckt nach Kusz und
Träne, und duftet lange mir nach Blum und Schnee Schneerosenkranz
das Innre
meiner Hand von Tränen innig und von Tann I Träumen wund vom wüsten
Linnen. I halber Mond im bleichen Himmel dieser Nacht, aufblickend
zu den Fenstern hinter welchen du vor vielen Jahren hast gewohnt dein
Mund gebrochen nun o wilder Schrei
Friederike Mayröcker, „o weinet weinet“
Das Sonderbare, Beglückende, Versichernde, Verwirrende und damit auch ein wenig Unheimliche an ihrem Werk, so begreife ich zweieinhalb Jahre nach Friederike Mayröckers Tod, liegt darin, dass sie uns alle Klagen bereits geschrieben hat, um sie eines Tages zu beweinen, wenn sie einmal nicht mehr anwesend sein wird (und das heißt: wenn sie nicht mehr weiterschreiben wird), um uns zu trösten:
o weinet weinet ach in dieser Stunde ich kauft I Händchen mir I
grünes Händchen I Tannenhändchen mir als wärs das deine legs auf
die Zunge mir I Jammertal so dasz es schmecke schmeckt nach Kusz und
Träne, und duftet lange mir nach Blum und Schnee Schneerosenkranz
das Innre
meiner Hand von Tränen innig und von Tann I Träumen wund vom wüsten
Linnen. I halber Mond im bleichen Himmel dieser Nacht, aufblickend
zu den Fenstern hinter welchen du vor vielen Jahren hast gewohnt dein
Mund gebrochen nun o wilder Schrei
Dieses unveröffentlichte titellose Wintergedicht entstand Heiligabend 2009, und es antwortet mit seinem Ton und seinem „Tannenhändchen“ auf ein Sommergedicht aus dem vorangegangenen Jahr, am 21. August 2008 geschrieben und ebenso titellos, einsetzend mit: „leg mir nur I Blume auf das frische Grab nicht / Kranz nicht Tannenhändchen Palmenhaupt“ (Friederike Mayröcker: dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, S. 274).
Der Hallraum ist weit, deshalb aber nicht diffus, die Widerklänge lassen sich deutlich ausmachen. Klangbild und Anklänge stimmen miteinander überein, und gerade darin liegt der Reiz – so klingt in uns etwas an. Einen musikalischen Fixpunkt im Schreibuniversum von Friederike Mayröcker bildet Johann Sebastian Bach, von dessen Werken sie sich immer wieder in die eigene Arbeit hat reißen lassen. Aufgrund ihrer literaturhistorischen Erfahrung weiß sie mit dem Barock in einer Weise umzugehen, dass der Vorrat an rhetorischen Formeln mit Leben erfüllt wird und so unmittelbare Wirkung entfaltet. Eine Meisterin im Verflüssigen sprachlicher Festkörper. Denn immerhin geht es darum, mit Hilfe von Worten die Tränen zum Fließen zu bringen und den Tränenfluss in derselben Bewegung zu bändigen.
Das „Händchen“ arbeitet sich über eine zweifache Wiederholung klanglich vor bis zur „Träne“, das „Innre“ über „innig“ zu „Linnen“. Auf „und“ folgt „wund“, dann „Mund“. Die scharfe „Zunge“ zieht „dasz“ und „Kusz“ nach sich, mündet in „Schnee“, worauf das scharfe „s“ zurückgeholt wird mit dem „Schneerosenkranz“. Eingefasst wird dieses innere Aufbäumen an einem 24. Dezember von „o weinet“ und „o wilder“, wobei in „o wilder Schrei“ jenes im Februar 1957, also ein halbes Jahrhundert zuvor entstandene Gedicht „o schrei“ widerhallt, von dem sich nicht mit Bestimmtheit sagen lässt, ob es von Friederike Mayröcker oder von Ernst Jandl geschrieben wurde.
Hinzu kommt ein durch und durch organisches Arbeiten mit Anlauten: „von Tränen innig und von Tann I Träumen“, „weinet weinet“ und „wund vom wüsten“. Einfach, aber von singbarer Wucht. Fast will man sich wundern, warum Friederike Mayröckers „o weinet weinet“ nicht schon im 19. Jahrhundert seinen festen Platz im Chor-Repertoire gefunden hat, als Sprechgesang.
Ein einziges Wort, nur eine Silbe lang, steht dem von vornherein entgegen, bildet so etwas wie ein Korrektiv, den Widerhaken, gleich in der ersten Zeile: „kauft“. In der Chormusik wird schlichtweg niemals eingekauft. Mit Johann Sebastian Bach geht man nicht shoppen. Das „ich“ dieses Gedichts dagegen ist, bevor es zu schreiben begann, offenbar noch rasch im Blumenladen gewesen, oder im Supermarkt unmittelbar gegenüber, wo während der Adventszeit sicherlich auch Tannenzweige angeboten werden.
Die Autorin war einkaufen, sie hat ein Tannenhändchen mitgebracht. Ein Hallraum öffnet sich, Supermarktware lässt die Tränen fließen. Der Hallraum muss Kontur gewinnen: in der Schrift. Ein „ich“ setzt sich mit Tränen nieder an der Schreibmaschine. Genau an diesem Punkt greift Friederike Mayröcker uns, ergreift uns ihr Gedicht:
als wärs das deine.
Marcel Beyer, aus „ich denke in langsamen Blitzen“. Friederike Mayröcker Jahrhundertdichterin. Herausgegeben von Bernhard Fetz, Katharina Manojlovic und Susanne Rettenwander, Paul Zsolnay Verlag, 2024








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