AN DEN VATER VON SEM,
auf den straßen der abgewiesenen liebhaber,
nach einem haisommer fliegen über jedem köpf zwei
aaaaaturteltauben,
die eine blutet still die andere lauthals,
eulen fallen aus astlöchern ob des durchdringenden
aaaaapfeifens,
gartenstühle wurden in die pavillons geschoben,
die mitte des platzes bleibt leer dort verdampfen fontänen,
man hält sich an zeitungen zeitungen gehen,
sie werden am abend gebracht sie verschwinden schon bald,
wo die überschlagschaukel sich drehte hing später ein kranhaken,
daran hing nichts.
Ulrich Zieger
DAS GROSSE VERSCHWINDEN
Der Dichter Ulrich Zieger war ein Liebhaber der Abgeschiedenheit: Er inszenierte gerne den Rückzug in das kontemplative „Gehäus“, das seinem letzten Gedichtband den Titel gab. In Berlin, wo er in den 1980er Jahren in die kreativen, aber politisch doppelbödigen Netzwerke der „Prenzlauer Berg-Connection“ (Adolf Endler) involviert war, hielt es der aus dem sächsischen Döbeln stammende Autor nur zeitweise aus. Einige Jahre engagierte er sich in der unabhängigen Theatergruppe Zinnober und als Mitherausgeber der Independent-Magazine schaden und verwendung. Sehr früh löste er sich dabei von den szenischen Selbstverliebtheiten der Prenzelberg-Dichter und entwickelte einen eigenständigen, luziden Surrealismus, der die Gegenstände seiner Poesie aus den Koordinaten der Alltagsvernunft befreit und in wundersame Schwebezustände versetzt. Voraussetzung für diese poetische Emanzipation war die Absonderung von den Selbsttäuschungen der Metropolen-Poeten.
Sein erster Gedichtband neunzehnhundertfünfundsechzig (1990) kreiste in elegischen Sequenzen um eine düstere DDR-Kindheit, in die immer wieder eine unheimliche „Lautlosigkeit“ einbrach. Bereits 1989 ging Zieger nach Zwischenstationen in Berlin und den USA nach Montpellier in Südfrankreich, wo er noch einen Roman und ein Drehbuch für einen Wim Wenders-Film fertig stellte, ehe er 1997 scheinbar endgültig von den Bühnen des Literaturbetriebs verschwand. Als Zeugnis seiner großen poetischen Kunstfertigkeit blieb der 1992 publizierte Band Große beruhigte Körper zurück – ein Versprechen auf eine Dichtkunst von suggestiver Schönheit, die den planen Realismus der Zeitgenossen überwindet.
Nach fast fünfzehn Jahren der planvollen Abwesenheit meldete sich Ulrich Zieger 2011 mit dem Band Aufwartungen im Gehäus zurück. Seine Beschwörung einer biblischen Urszene, die in der lyrischen Adressierung „an den Vater von Sem“ anklingt, nimmt ein Motiv aus Große beruhigte Körper wieder auf. Dort gibt es ein Gedicht, in dem ein im späten Mittelalter ausgestorbener Vogel, die Dronte, ins Leere fliegt und dabei von einem Engel begleitet wird. Diesen Flug ins Leere scheinen auch die beiden „turteltauben“ des vorliegenden Gedichts zu absolvieren. Dass diese beiden Turteltauben offenbar verletzt und blutig ihren Flug über den Köpfen vollziehen, darf man wohl als apokalyptisches Zeichen verstehen. Denn der „Vater von Sem“, der hier angerufen wird, ist der biblische Noah, der Weltenretter, der laut Überlieferung einige ausgewählte Exemplare seiner Spezies vor der Sintflut bewahrt. Nach dem Bericht im Buch Mose zeugte Noah erst im Alter von fünfhundert Jahren seinen Sohn Sem, der dann mit seinen Brüdern Ham und Japhet die wieder kultivierbare Erde bevölkerte.
Ziegers Gedicht changiert zwischen einer phantastischen, traumnahen und einer alltagsrealistischen Darstellungsweise. Das ironisch-expressionistische „Weltende“ des Jakob van Hoddis winkt von ferne herüber. Den einzelnen Gedicht-Abschnitten gemeinsam ist nur die Menschenleere, der fast fotografische Schwenk auf Pavillons und Spielplätze dokumentiert Szenarien der Verlassenheit. Es ist ein Bild des großen Verschwindens, das von Situationen erzählt, die soeben noch von einem regen Alltagsleben zeugten und jetzt nur noch Stummheit verkörpern. Jetzt ist nicht nur „die Mitte des Platzes“ leer – abwesend sind auch jene, die mit große Entschlossenheit ihr Geschick in die eigenen Hände nehmen wollten: die „abgewiesenen liebhaber“, die Flaneure im Garten, die Zeitungsleser, die schaukelnden Kinder. Die blutigen „turteltauben“ bringen keine Zweige mit, die ein rettendes Eiland anzeigen würden. Am Ende ragt nur noch ein funktionsloser Kranhaken ins Bild. „Man wird mich als schweigsam erinnern“, heißt es in einem anderen Gedicht von Ulrich Zieger, „man wird nichts mehr wissen.“
Mit dem Monumentalroman Durchzug eines Regenbandes (S. Fischer Verlag) kehrte Zieger 2015 auch als Erzähler auf die Bühne des Literaturbetriebs zurück. Als er im März 2015 auf der Leipziger Buchmesse daraus lesen sollte, wurde sichtbar, dass er, zermürbt durch einen exzessiven Lebensstil, die Routinen des Betriebs nicht mehr zu bedienen vermochte. Wenige Tage vor seinem Tod am 23. Juli 2015 schrieb er ein Gedicht mit dem Titel „Gesöff“, das sich wie ein poetisches Testament liest:
Der Lungenfisch spricht aus der Tiefe
Aus der er nicht wieder zurückkehrt
Im nächsten Jahrtausend
Der Mann der die Bücher gerettet hat wurde verjagt
Und die Frau die den Mann begriff wurde gesteinigt
So geht die Welt in sternförmigen Kreisen
Und einer Gesinnung der nichts Substantielles erwächst
Was tun wir denn da holde Zweiflerin
Auch ich kann das im Grunde nur noch stottern
Doch sehe ich bei Tag und Nacht wie uns die Knochen
Schlottern.
Michael Braun
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Vorwort
Was Poesie zu erfahren und zu denken gibt, ist unabschließbar und kann daher zu keinem angemessenen Ende gebracht werden. Aber auch unser auf die Erkundung der deutschen Gegenwartspoesie konzentriertes Unternehmen Der gelbe Akrobat, das als work in progress auf die stetige Erweiterung und Vervollständigung unserer Begegnungen mit zeitgenössischer Lyrik gerichtet war, erreicht nach fast dreißig Jahren gemeinsamer Arbeit einen Endpunkt. Am Anfang stand 1991 eine Initiative der Wochenzeitung Freitag, die uns ermöglichte, in unregelmäßiger Folge Kolumnen zu deutschsprachigen Gedichten der Gegenwart zu schreiben. In regelmäßigem Wechsel verfertigten wir seither unsere Kommentare zu den Gedichten, biografische und sympathetische Annäherungen an die Texte, die im Idealfall aufeinander antworteten und sich zu einem großen Gespräch über Poesie ausweiteten. Die erste umfassende Zwischenbilanz dieser Arbeit mit 100 Gedichten und ebenso vielen Kommentaren haben wir 2009 im Verlag des Poetenladens vorlegen können, ein Kompendium, das auf große Resonanz gestoßen ist.
Unser Gespräch mit der zeitgenössischen Poesie haben wir auch nach dem Ende der Freitag-Kolumne fortgesetzt. Die „Neue Folge“ des „gelben Akrobaten“ erschien von Januar 2011 bis Juni 2019 monatlich auf der Internet-Seite des Poetenladens sowie in verschiedenen Folgen im Poet und in der Poetin. 2016 veröffentlichten wir Der gelbe Akrobat 2, den zweiten Band unserer Anthologie mit diesmal 50 Gedichten und Kommentaren. Das dialogische Prinzip der Kommentare ist auch hier beibehalten worden.
Der lange gemeinsame Weg durch Gedichte hat uns verändert, die Erfahrung von Bereicherung war immer häufiger verbunden mit der Erfahrung eines Verlusts. Viele Dichterfreunde und Weggefährten, die im Gespräch über Gedichte unseren Blick auf die Poesie beeinflusst haben, sind mittlerweile gestorben. So kann unser „gelber Akrobat“ an eine romantische Utopie anschließen, nämlich die, dass alle, die wir einst kannten und liebten, also auch die Tiere und besonders die Toten, noch einmal im Schein der Küchenlampe zusammenkommen.
Auf unserem Lebensweg durch die Poesie erreichen wir nun aber auch einen Punkt, an dem wir nicht nur etwas gewinnen können, sondern auch etwas zurücklassen müssen. Diesen Augenblick der Vergänglichkeit hat Franz Josef Czernin in seinem poetischen Logbuch Das andere Schloss (Berlin 2018) in ergreifender Weise beschrieben:
Als ich noch so ziemlich ein Kind war, habe ich mich in Schulstunden damit vergnügt, auf ein zunächst leeres Blatt die Umrisse eines Wagens zu zeichnen. Nach und nach wurde daraus ein fahrbares Haus, und allmählich lud ich diesem Fahrzeug das auf, was es für mich geben sollte, alles, was ich mir als andauernd wünschte: Eltern, Geschwister, Freunde, Hausrat, Bücher usw. Omnia mea mecum porto.
Das ist auch die Poesie, die immer ein wenig zu idyllische, die dich fühlen lässt, nein, die, dich verwöhnend, glauben lassen will, es sei alles schon an Bord, am Wort und vor allem auch du selbst. Inzwischen aber (nicht mehr viel übrig vom Kindsein) weiß ich, dass dieses Gefährt, sich ständig beschleunigend, auf, nun ja, den Abgrund zufährt und mich dabei zwingt, nach und nach Stück für Stück zurückzulassen: Eltern, Geschwister, Freunde, Hausrat, Bücher, den Wagen, das leere Blatt und zuletzt noch mich selbst.
In diesem Sinne präsentieren wir nun zum Abschluss des „gelben Akrobaten“ 60 neue Gedichtkommentare, die sich der gegenwärtigen deutschen Lyrik widmen und nicht selten aktuellen Literaturzeitschriften entnommen wurden. Dichterinnen und Dichter wie Maren Kames (*1984), Sandra Burkhardt (*1992) oder Christiane Heidrich (*1995), die in den vergangenen Jahren ihre Debüts vorgelegt haben, treffen auf unlängst verstorbene Poeten wie Werner Lutz (1930–2016), Arnfrid Astel (1933–2018), Gregor Laschen (1941–2018), Günter Herburger (1932–2018) und Oleg Jurjew (1959–2018). Daneben erinnern wir auch an ältere, vergessene Autoren der klassischen Moderne, die wie Ernst Blass (1890–1939) das Profil der expressionistischen Dichtung geprägt oder wie Joseph Kopf (1929–1979) eine Dichtung der unaufhebbaren Weltverlorenheit entwickelt haben. Dies alles nach dem Wort Friedrich Hölderlins:
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander.
Michael Braun und Michael Buselmeier, Sommer 2019, Vorwort
Das Gedicht als Gesprächspartner:
Michael Braun und Michael Buselmeier haben nach dem Erfolg der ersten Bände in einer dritten Folge (2015–2019) sechzig weitere Gedichte der Gegenwart ausgewählt und kommentiert.
Die beiden Lyrikkenner legen damit so profund wie verständlich den dritten Teil eines Standardwerks vor, das unerlässlich ist für all jene, die wissen möchten, was Lyrik heute noch zu leisten vermag.
Zu den Gedichten, denen sie sich widmen, gehören Entdeckungen aus aktuellen Literaturzeitschriften ebenso wie vieldiskutierte Texte von Autoren wie Jan Wagner, Wulf Kirsten und Uwe Kolbe. Mit Beiträgen zu Hilde Domin, Elisabeth Borchers und Thomas Kling beziehen die Interpretatoren auch moderne Klassiker und Wegbereiter der neuen Lyrik ein.
poetenladen, Klappentext, 2019
Einen vierten Gelben Akrobaten wird es nicht geben
– Gespräch mit dem Schriftsteller Michael Buselmeier über die Lyrik-Reihe Der gelbe Akrobat. –
Wie verdichtet sich in wenigen Worten die Welterfahrung? Und welche Formen und Sprachbilder passen dazu? Darum geht es immer beim Schreiben und Lesen von Lyrik. Nicht immer können alle poetischen Geheimnisse gelüftet werden. Aber sehr viele. Das beweisen einmal mehr der Heidelberger Lyrik-Experte und Kerr-Preisträger Michael Braun und der ebenfalls in Heidelberg lebende Lyriker, Romancier und Publizist Michael Buselmeier. Seit vielen Jahren kommentieren beide zeitgenössische deutschsprachige Lyrik. Zunächst taten sie das in der Wochenzeitung Freitag, dann eroberten sie das Internetportal des Leipziger Poetenladens. Da Gedichte in der analogen Welt weiterhin ihre Daseinsberechtigung haben und auf bedrucktem Papier eine ganz eigene Aura entfalten, publiziert der Poetenladen die Gedichte nebst Kommentaren auch noch ganz traditionell in Buchform. Kürzlich ist der dritte Band der von Braun und Buselmeier initiierten Reihe erschienen. Aus diesem Anlass traf sich Buselmeier zum Interview mit der RNZ. Geführt wurde das Gespräch gemeinsam mit Studierenden des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg im Rahmen der Übung „Kulturjournalismus/Theaterkritik“.
Volker Oesterreich: Herr Buselmeier, wie schwer oder wie leicht hat es die Lyrik heute in der Verlagswelt und beim Lesepublikum?
Michael Buselmeier: Die Verleger stöhnen auf, wenn sie Gedichte vor die Augen bekommen, denn die bringen kein Geld. Es gab und gibt natürlich immer Ausnahmen: Die Heidelberger Dichterin Hilde Domin oder Erich Fried und Peter Rühmkorf waren mit ihren Gedichten sehr erfolgreich. Besonders schwer tun sich Verleger bei Lyrik-Anthologien zu bestimmten Themenfeldern wie Liebe und Melancholie, zu Epochen, Moden, Farben oder bestimmten Literatursprachen. Anthologien sind sehr schwer zu verkaufen.
Oesterreich: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Gedichte zu kommentieren und daraus eine Buchreihe zu machen?
Buselmeier: Wir haben das ja erst lange für den Freitag gemacht, dann im Internet – immer abwechselnd, mal Michael Braun, mal ich, keiner hat dem anderen ins Konzept geredet. Das war eine schöne Sache und jedes Mal eine neue Erfahrung. Insgesamt haben wir 210 Gedichte kommentiert. Man muss in der Literaturszene oder im Funk immer Serien entwickeln. Wenn du keine Serie hast, verdienst du nichts.
Oesterreich: Warum die Festlegung auf zeitgenössische Lyrik?
Buselmeier: Wir wollten uns von der einst von Marcel Reich-Ranicki begründeten und bis heute fortgesetzten Frankfurter Anthologie in der FAZ abgrenzen. In dieser Reihe kommentieren bekannte Autorinnen oder Autoren, aber auch etliche Professoren Gedichte aus allen Epochen und Kulturkreisen – jede Woche eins. Unsere Spezialität ist die zeitgenössische deutschsprachige Lyrik. Michael Braun hat die ganze junge Lyrik-Szene im Blick. Er pflegt die Kontakte zu den Schreibtalenten aus den Leipziger oder Hildesheimer Poetik-Studiengängen.
Oesterreich: Wie unterscheidet sich Ihre Sicht- oder Herangehensweise von der Ihres Co-Autors Michael Brauns?
Buselmeier: Braun versteht sich auch auf die schwierigen, experimentellen Texte. Er argumentiert eher poetologisch und formanalytisch. Ich steige meist biografisch in die Interpretationen ein. Im Großen und Ganzen stimmen Braun und ich aber in unserem Meinungsspektrum überein. Es gibt nicht die eine verbindliche Position. Jeder muss seine eigene Herangehensweise zur Lyrik finden, auch die Leser auf ihre Weise. Gerade das macht Gedichte so spannend.
Oesterreich: Insgesamt wirken Ihre Kommentare eher essayistisch, also stark subjektiv. Hat eine Textanalyse nach strengen literaturwissenschaftlichen Kriterien eine Chance beim Lesepublikum?
Buselmeier: Kaum. Akademische Studien schrecken die Leute ab. Die Leser wollen wissen, welche Welten sich ihnen in den Gedichten auftun und was sie mit ihnen selbst, mit ihrem eigenen Leben, zu tun haben.
Oesterreich: Beim „gelben Akrobaten“ denkt man an Sprachartistik: Wie kam es zu diesem Titel?
Buselmeier: Eine Zufallsgeschichte, sie entstand beim Blättern durch die Auswahl für den ersten Band. Das Gedicht „Der gelbe Akrobat“ stammt von Herbert Heckmann, einem heute völlig vergessenen Schriftsteller, er ist 1999 gestorben. Als ich 1959 hier am Germanistischen Seminar zu studieren begann, war Heckmann Assistent von Arthur Henkel. Später wurde er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und hatte enorm viel Einfluss.
Oesterreich: Sie sind selbst Lyriker. Hat das die Auswahl beeinflusst?
Buselmeier: Ja, natürlich. Ich habe Lyriker gewählt, die mir nah waren und mich so faszinierten wie zum Beispiel Wolfgang Hilbig, den ich für den bedeutendsten Poeten der jüngeren Zeit halte. Bevorzugt habe ich Lyriker ausgewählt, die heute völlig vergessen sind.
Oesterreich: Wann zeigt der vierte gelbe Akrobat seine lyrischen Kunststücke?
Buselmeier: Gar nicht, einen vierten Band wird es nicht geben. Man muss mit einer Serie auch einmal aufhören können. Wir haben das sehr lange gemacht, jetzt ist Schluss.
Rhein-Neckar-Zeitung, 15.1.2020
Weiterer Beitrag zu diesem Buch:
Stefan Hölscher: Impulse zur Entdeckungslust
signaturen-magazin.de, September 2022
Fakten und Vermutungen zu Michael Braun + Kalliope + Laudatio & Dankesrede
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