– Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Außer der Liebe nichts“. –
PETER RÜHMKORF
Außer der Liebe nichts
Flüchtig gelagert in dieses mein Gartengeviert,
wo mir der Abend noch nicht aus dem Auge will,
schön ist’s,
hier noch sagen zu können: schön,
wie sich der Himmel verzieht und die Liebe zu Kopf steigt,
all nach soviel Unsinn und Irrfahrt
an ein sesshaftes Herz zu schlagen, du spürst
einen Messerstich tief in der Brust
DIE FREUDE.
Wo nun dieser mein Witz das Land nicht verändert,
mein Mund auf der Stelle spricht,
– hebt sich die Hand und senkt sich für garnichts das Lid –
doch solang ich noch atmund-rauchund-besteh,
solang mich mein Kummer noch rührt
und mein Glück mich noch angeht,
will ich
was uns die Aura am Glimmen hält,
mit langer Zunge loben!
Unnütz in Anmut: Dich,
wo die Nacht schon ihr Tuch wirft
Über dein ungebildetes Fleisch, es kehren
alle Dinge sich ihre endliche Seite zu,
und aus ergiebigem Dunkel rinnt
finstere Fröhlichkeit…
Ich aber nenne diesseits und jenseits der Stirn
ausser der Liebe nichts,
was mich hält und mir beikommt.
Skrupellos glücklich
Liegen sie nicht wie Schmetterlinge da, die drei Strophen, symmetrisch um die Mittelachse zentriert? Wie Schmetterlinge, die man ab und zu mit ausgelegten Flügeln auf einer Distel verweilen sieht?
Das Druckbild ist ungewöhnlich, auch wenn es bei Rühmkorf manchmal vorkommt. Es erinnert an die barocken Spiele mit dem Arrangement der Lettern, will aber nichts abbilden. Der Gedanke an Schmetterlinge ist eine Assoziation des Lesers. Diese wird allerdings nicht nur durch den axialen Zeilenfall ausgelöst. Das Gedicht spricht schön von Dingen, die schön sind, freudig von der Freude und verliebt von der Liebe. Schmetterlingsschön. Es schämt sich darüber nicht, obwohl eine verbreitete Übereinkunft solches Reden den Dichtern verbieten möchte. Die Welt, heißt es, sei so schlecht, daß sich schuldig mache, wer von Freude, Glück und Schönheit singe. Als ob die Welt nicht immer schlecht gewesen wäre, voll von Mord, Raub, Gier und Lüge. Als ob die Kunst nicht auch darin bestünde, in einer Welt voller Mord, Raub, Gier und Lüge dann und wann von Freude, Glück und Schönheit zu reden. Ohne dabei zu lügen. Mit guten Gründen. Daß sie es konnten, zuweilen wenigstens, hat immer die besten Poeten ausgezeichnet.
Peter Rühmkorf gehört zu den besten Poeten.
Er war von einer leuchtenden Frechheit. Niemand durfte sich vor seiner Zunge sicher fühlen. Deshalb brüskiert er in diesem Gedicht auch ganz unbekümmert die Propheten der lückenlosen Weltbeschimpfung. Er sagt nicht: „Alles ist gut.“ Er sagt nur:
Hier in diesem Garten und jetzt an diesem Abend ist es gut, und dieses Glück lasse ich mir nicht verbieten.
Wie genau er das Gegenteil kennt, läßt er durchblicken. Die erste Strophe spielt auf Odysseus an, den Vielgebeutelten. Die zweite nennt den Kummer, den täglichen, der ihn aber nicht abgestumpft hat, sondern weiterhin rührt, also bewegt und schmerzt, der ihn, heißt das, gefühlsfähig gelassen hat und somit auch fähig zum Glück und zur Liebe.
Auch daß er allen Anlaß hätte zur Verbitterung, sagt diese zweite Strophe. Attacken hat er geritten, mit Scharfsinn und Frechheit, gegen viele Übel im Lande, aber nichts hat sich dadurch verändert. Sein Witz ist verpufft, und sein Mund spricht „auf der Stelle“, so wie einer, der nicht vorankommt, auf der Stelle tritt. Das Lid über dem scharfen Auge, und die Hand die das Lied schreibt, das in dem Lid mitklingt, sie regen sich ohne Ergebnis. Man könnte verzweifeln darüber, doch… Von diesem Doch handelt das Gedicht. Doch ich lebe trotzdem. Doch ich liege gleichwohl hier im Garten, der für diese flüchtige Stunde an den Garten des Paradieses gemahnt. Das winzige doch ist die Leistung des Gedichts, und wem das Wort Botschaft gefällt, mag es auch dessen Botschaft nennen.
Die dritte Strophe erst deckt den wahren Grund auf für die Schönheit des Gartens und des Himmels, für das Gefühl des Behaustseins, für die Freude, die so schwer zu benennen ist, daß sie in Majuskeln geschrieben und auf die Mittelachse gestellt werden muss. Dieser Grund ist das angesprochene Du, die Geliebte. Ihre Anmut ist für die Verbesserung der Welt zwar so nutzlos wie die Anmut des Gedichts. Doch im Wissen um die schöne Frau leuchtet alles auf, das grüne Geviert und sogar der lebendige Leib des Verliebten: Er flimmert auratisch. Aus dem Vorwissen, Vorfühlen der Liebesnacht ist das ganze Gedicht gesprochen. Später nämlich, wenn es soweit ist, wird das hochgemute Reden aussetzen. Dann verschwindet auch das Licht. An die Stelle von Licht und Wort tritt ein Dunkel, das kein Mangelzustand ist, sondern dessen Gegenteil: Erfüllung als mächtige Gegenwart. Der Versuch, sie zu beschreiben, mündet in ein Oxymoron: „finstere Fröhlichkeit“. Das meint nicht etwa eine getrübte, verminderte Fröhlichkeit, sondern eine ganz andere, die Fröhlichkeit der Nacht im Gegensatz zu der des Tages. So wie die Nacht selbst seit alters als ein anderes Licht, ein höheres Licht erfahren worden ist.
Dennoch endet das Gedicht nicht in Raunen und Sprachnot. Weil es mit wachem Kopf aus dem reflektierten Vorwissen heraus gesprochen ist, kann es zum Schluß auch deutlich sagen, worauf alles ankommt. In der Wendung: „Ich aber nenne…“ vibriert der Stolz des Sprachmächtigen, der weiß, daß er die Wirklichkeit der Welt in sein Wort zu holen vermag. Das tut er hier, wenn er sagt: „außer der Liebe nichts“, und wir spüren die Wucht der Wahrheit.
Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009








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