TRAUMSEMINAR
Vier Milliarden Menschen auf der Erde.
Und alle schlafen, alle träumen.
Gesichter drängen sich und Körper
in jedem Traum –
die geträumten Menschen sind zahlreicher als wir.
Doch nehmen sie keinen Platz ein…
Bisweilen schläfst du im Theater ein.
Mitten im Stück sinken die Augenlider.
Kurze Zeit Doppelbelichtung: die Bühne vorn,
sie wird von einem Traume überrollt.
Dann ist da keine Bühne mehr, du bist sie.
Das Theater in der ehrlichen Tiefe!
Das Geheimnis um den überlasteten
Theaterdirektor!
Die ständigen Neueinstudierungen….
Ein Schlafzimmer. Es ist Nacht.
Der dunkle Himmel treibt durch den Raum.
Das Buch, über dem jemand einschlief,
ist aufgeschlagen noch
und liegt weidwund auf der Bettkante.
Die Augen des Schlafenden bewegen sich,
sie folgen dem buchstabenlosen Text
in einem andern Buch –
einem illuminierten, altertümlichen, schnellen.
Eine schwindelerregende Commedia, die hinter
den Klostermauern der Augenlider kalligraphiert wird.
Ein einziges Exemplar, nur jetzt vorhanden!
Morgen ist alles ausgestrichen.
Das Geheimnis um die große Vergeudung!
Die Auslöschung… Wie wenn der Tourist von mißtrauischen
Uniformierten angehalten wird –
sie öffnen die Kamera, rollen seinen Film auf
und lassen die Sonne die Bilder töten:
so werden die Träume vom Licht des Tages verdunkelt.
Ausgelöscht oder nur unsichtbar?
Ein Träumen außer Sehweite gibt es,
das stets geschieht. Licht für andre Augen.
Ein Streif, wo Kriechgedanken gehen lernen.
Gesichter und Gestalten werden umgruppiert.
Wir bewegen uns auf einer Straße, unter Menschen
im Sonnenglast.
Doch genauso viele oder noch mehr,
die wir nicht sehn,
sind in den dunklen Gebäuden,
die zu beiden Seiten aufragen.
Manchmal tritt einer von ihnen kurz ans Fenster
und wirft einen Blick auf uns hinab.
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Zu diesem Buch
Tomas Tranströmer gilt unbestritten als der wichtigste Lyriker der schwedischen Gegenwartsliteratur, sein Werk ist inzwischen in mehr als 30 Sprachen übersetzt.
Die Intensität und die eigentümlich verschlüsselte Klarheit seiner Bilder, die er ebenso in der Natur wie in der Menschenwelt findet, machen dieses schmalen Werk zu einem beeindruckenden Erlebnis:
Die Möbel stehen flugbereit im Mondschein.
Sachte gehe ich in mich hinein
durch einen Wald von leeren Rüstungen.
Harald Hartung kennzeichnete diese Gedichte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung so:
… Eine poetische Welt, die ganz nah an der Realität bleibt und doch nicht von dieser Welt ist, ein imaginärer Raum, aus dem ein kühles, aber intensives Licht auf die Gegenstände und Menschen fällt.
Piper-Verlag, Klappentext, 1992
Drehkreuz des Gedichts
Im Jahr 1976 schickte mir Michael Krüger einen Lyrikband des Schweden Tomas Tranströmer: Es war das große Gedicht „Ostseen“, das ich für die von Krüger herausgegebene Zeitschrift Akzente übersetzen sollte. Als Tranströmer Anfang 1977 nach Deutschland kam, arbeiteten wir zusammen meinen Textentwurf durch, und für ein erstes Kennenlernen verstanden wir uns ungewöhnlich gut. In der darauffolgenden Zeit bekam ich von Tranströmer regelmäßig neue Texte, die ich sofort übersetzte, ohne Auftrag: Sie waren von einem Lebensgefühl getragen, das ich kannte und von dem Lars Gustafsson geschrieben hat, Tranströmers Gedichte bildeten „den genauen, adäquaten Ausdruck eines Gemütszustands, der in unserer Kultur von allen der üblichste ist“.
Vor dieser Begegnung hatte ich von Tomas Tranströmer, der am 15. April fünfzig Jahre alt wurde, nur den Namen gehört. Ich kannte seine früheren Gedichtsammlungen nicht, und auch an deutschen Übersetzungen war mir nichts vor Augen gekommen: weder die Eindeutschungen von Nelly Sachs (1965) noch der Auswahlband mit eindunddreißig Gedichten, die 1969 als Band 11 der Editionen des Literarischen Colloquiums (LCB) erschienen sind – wohl die Folge eines deutsch-schwedischen Literaturtreffens, das im Herbst 1968 das Literarische Colloquium in Berlin veranstaltet hatte: „Erklärbarkeit oder Nicht-Erklärbarkeit der Welt als Axiom der Literatur“ lautete sein Thema.
Bei diesem Berliner Treffen hat Tranströmer eine seiner wenigen Erklärungen in eigener Sache abgegeben: „Ich sehe ein Gedicht“, so sagte er auf eine Frage von Walter Höllerer, „als eine neue Perzeptions- und Kommunikationsweise. Wie an einem Bahnknotenpunkt, wo sich die Züge aus allen Richtungen treffen, gibt ein Gedicht plötzlich einen neuen Kommunikationsknotenpunkt, von dem aus die Wirklichkeit zwar nicht erklärt, aber in einer neuen Beobachtung gezeigt wird. Die Metapher dient dazu, diese neue Beobachtungsweise zu etablieren, und hat damit eine ungeheuer wichtige Rolle in dem gesamten Prozeß.“
Daß Tranströmer einen neuartigen Gebrauch von der lyrischen Metapher macht, daß er sie auf sehr durchsichtige, sehr präzise Art, ja „in einer indikativischen Weise“ verwendet (um abermals eine Formulierung von Lars Gustafsson zu gebrauchen) – das ist einer der ersten, allgemeinen Eindrücke, die beim Lesen seiner Gedichte entstehen. Und daß er in seiner Berliner Erklärung von der Metapher als einem Kommunikationsknotenpunkt gesprochen hat, kennzeichnet eine wesentliche Sehweise Tranströmers: Häufig gebraucht er Wörter und Bilder wie „Wurzelsystem“, „Kloakensystem“, „Drehkreuz“ oder „Kommunikationsnetz“.
Mit der Umgebung zu kommunizieren, in der Menge aufzugehen, ist eine Vorstellung, die bei Tranströmer bald als wünschbar, bald als furchtbar erscheint: Er hat zum Kollektiv jenes ambivalente Verhältnis, das Elias Canetti im ersten Abschnitt von Masse und Macht auf so eindringliche Weise beschrieben und analysiert hat. Deshalb kann in den Gedichten die Bedrohung mühsam aufgebauter Individuation durch massenhafte Einbrüche des Außen derart beklemmende Gestalt annehmen wie in dem Gedicht „Der Name“, worin ein parkender Autofahrer, der aus dem Tiefschlaf erwacht, für fünfzehn Sekunden seinen Namen vergißt:
fünfzehn Sekunden Kampf in der Hölle des Vergessens.
Die Themen von Tomas Tranströmers Lyrik sind auffallend konstant geblieben. Ihr Formenschatz hingegen hat sich seit den 17 Gedichten, mit denen er 1954 als Dreiundzwanzigjähriger debütierte, merklich entwickelt. Gereimt hat er zwar nie, er hat aber in seinen frühen Gedichten noch feste Strophenformen wie die sapphische Strophe verwendet; nur gelegentlich sind seine Verse in erkennbarer Weise jambisch oder daktylisch rhythmisiert, und in zunehmendem Maße herrscht die freie Langzeile vor, stets in ganz unterschiedlichen strophischen Bündelungen. Zudem hat Tomas Tranströmer während des letzten Jahrzehnts immer wieder kunstvolle Prosagedichte geschrieben.
Sie stehen in der Tradition des französischen Prosagedichts: Tranströmer kennt René Char, Henri Michaux, Francis Ponge, wie er überhaupt mehr an außerschwedischen Vorbildern gelernt hat. Nur wenig verdankt er der schwedischen Lyrik der vierziger Jahre mit ihrer etwas vagen Innerlichkeit. Darum sind Kargheit, Präzision und Strenge die Hauptmerkmale seiner Gedichte: alles im Sinne einer vollkommenen Deutlichkeit und Durchsichtigkeit, zumal da, wo er in die Reflexion über die Rolle des Dichters eintritt – jene Reflexion, die seit Baudelaire die lyrische Moderne durchzieht.
Ihr entstammt die Vorstellung eines übergreifenden dichterischen Diskurses, eines BUCHES, wie Stephane Mallarmé es in einer äußersten Überhöhung des L’Art pour l’art-Gedankens zum Endzweck allen Weltgeschehens erhoben hatte. Doch während bei Mallarmé von diesem Absolutheitsstatus des Buches auf den Dichter noch ein starker Abglanz fallen kann, ist – ähnlich wie bei Edmond Jabès – bei Tranströmer der Dichter vom Verschwinden bedroht: vom Verschwinden hinter seinen Text. Zwar bringt er die Wörter dieses Textes hervor, er ist ihnen aber auch Rechenschaft schuldig, denn er verdankt ihnen seine Existenz. Die Eigenmacht des Textes ist größer: Er erschafft – so könnte man zuspitzen – den Dichter nur, um ihn abzuschaffen. Auf dieses schmerzliche Paradox zielt die Schlußstrophe des Gedichts „Morgenvögel“ (1966):
Phantastisch zu spüren, wie mein Gedicht wächst,
während ich selber schrumpfe.
Es wächst, nimmt meinen Platz ein.
Es verdrängt mich.
Es wirft mich aus dem Nest.
Das Gedicht ist fertig.
Und der letzte Absatz des Prosagedichts „Briefe beantworten“ (1980) lautet:
Die unbeantworteten Briefe ballen sich hoch oben zusammen, wie Zirrostratuswolken, die Unwetter ankündigen. Sie machen die Sonnenstrahlen matter. Einmal muß ich antworten. Einmal, wenn ich tot bin und mich endlich konzentrieren kann. Oder wenigstens so weit von hier weg, daß ich mich selbst wiederfinden kann. Wenn ich frisch angekommen in der großen Stadt über die 125. Straße gehe, im Wind über die Straße des tanzenden Mülls. Ich, der ich es liebe, herumzuschlendern und in der Menge zu verschwinden, ein T in der unendlichen Textmasse.
Hanns Grössel, Bogen 4. Petrarca-Preis 1981. Tomas Tranströmer, „Dieser Text ist verschwunden.“, 1981
Das blaue Haus
1
Das blaue Haus liegt auf einer kleinen Insel nahe Stockholm, es ist das Landhaus des schwedischen Dichters Tomas Tranströmer. Es ist winzig und alt. Es kann die strengen Winter in Schweden nur überstehen, weil es immer wieder repariert und gestrichen wird.
Ende März dieses Jahres ging ich nach Stockholm auf eine Konferenz, die deprimierend und langweilig war, wohl so wie Konferenzen überall auf der Welt. Einen Tag vor der Abreise hatten Annika und ich uns zu einem Besuch bei Tomas in Vasteras verabredet. Von Stockholm bis zu dieser Stadt braucht man zwei Stunden. Annika fährt einen roten Saab. Der Himmel war düster, ab und zu fielen Schneeflocken. Der Frühling hatte in diesem Jahr auf sich warten lassen, die trübseligen Wälder lagen noch in tiefem Schlaf, die Felder gaben sich graublau, kahl lagen sie da, hoben und senkten sich mit der Fahrbahn.
Annika war mehr als zehn Jahre lang im diplomatischen Dienst gewesen. Innerhalb einer Nacht ist sie zum Engel Gottes geworden – zur Pastorin, etwas, was ich mir immer noch kaum klarmachen kann, ganz so, als würde ein Langstreckenläufer plötzlich Fallschirmspringer werden. Annika sieht in der Tat wie ein Sportler aus, groß, kurzes Haar, ziemlich kräftig. Als ich sie 1981 in Peking kennenlernte, war sie Kulturattaché an der schwedischen Botschaft. Der Westen war damals immer noch ein recht abstrakter Begriff hinter den Eisengittern schwer bewachter Botschaften. Jedesmal wenn ich mich mit Annika treffen wollte, rief ich zuerst an und machte einen Termin. Sie kam dann heraus, mich abzuholen, und fuhr mit mir in die Botschaft hinein. Auf dem Weg an der Wache vorbei war mir, als würde ich wie ein Mehlsack in mich zusammensinken.
Ende Sommer 1983 ging ich eines Mittags mit Annika in ein sichuanesisches Restaurant in der Wollgasse am Xidan von Peking zum Essen. Als wir aus dem Wagen stiegen, gab sie mir ein Päckchen und sagte, es sei Tomas’ neuester Gedichtband. Platz der Barbaren, beigefügt seien die englische Übersetzung und ein Brief von Göran Malmqvist, in dem er mich fragte, ob ich die Gedichte ins Chinesische übersetzen wolle. Es war dies das erste Mal, daß ich den Namen Tranströmer hörte.
Wieder daheim, übersetzte ich mit Hilfe eines Wörterbuchs neun Gedichte. Und tatsächlich, sie waren stark. Die Bilder waren ungewöhnlich und brillant, der Ton suchte seinesgleichen. Glücklicherweise war ich sein erster chinesischer Übersetzer. Was westliche Lyrik betraf, saßen wir in China damals noch in den Startlöchern.
Im Frühling 1985 war Tomas zu einem Besuch nach Peking gekommen. Ich holte ihn im Hotel Bambusgarten hinter dem Trommelturm ab. Das war ursprünglich der Wohnort von Kang Sheng gewesen. Die Anlage ist so riesig, daß man ganz perplex ist. Kaum im Taxi, waren wir beide etwas verlegen. Mein Englisch wollte damals nicht so richtig in Fahrt kommen, selbst Gesten, begleitet von einzelnen Worten, waren nutzlos. Ich hielt einfach den Mund. An den ersten Wegabschnitt erinnere ich mich noch recht deutlich: Wir fuhren die Straße am Trommelturm entlang, am hinteren Teil des Beihai-Parks vorbei und kamen so nach Pinganli, wo wir Richtung Xisi abbogen. An der Fuwai Dajie ging es dann weiter nach Westen… Was war eigentlich das Ziel gewesen? Ich kann mich jetzt gar nicht mehr daran erinnern. Der Toyota drang ins Nichts vor. Ich weiß nur noch, daß ich wie gebannt auf den Taxameter starrte, auf dem die Zahlen in die Höhe schnellten. Ich hatte nur wenig Geld in der Tasche…
Kaum zwei Tage später begleitete ich Tomas wieder, und zwar zur Großen Mauer. Der Schriftstellerverband hatte einen Wagen zur Verfügung gestellt. Mit von der Partie war Li Zhiyi, ein Kollege, der für die schwedische Ausgabe der Zeitschrift China im Bild zuständig war. Er schickte die Übersetzerin, die der Verband engagiert hatte, fort, und sie nutzte diese Gelegenheit gern für Einkäufe. Li Zhiyi ist ein guter Kumpel. Kein Thema. Nur vor dem Fahrer hatten wir uns zu hüten und lediglich das Nötigste zu sagen. In jenen Jahren genossen wir zusammen mit Tomas die Vorteile des Sozialismus: Wir saßen in einem Dienstwagen und ließen uns von der Landschaft begeistern, außerdem aßen wir in einem Restaurant für Ausländer umsonst zu Mittag.
Tomas war an diesem Tag guter Stimmung, sein Gesicht war gerötet, und die Sonne tanzte in seinen tiefen Falten. Er befühlte all die Zeichen, die auf den Zinnen der Mauer von Touristen eingekratzt worden waren, und wunderte sich über dieses so übermächtige Verlangen, in Erinnerung zu bleiben. Ich bat ihn, den Kopf zur mir zu wenden, und drückte den Auslöser der Kamera. In dem Moment kreuzte er die Arme und lächelte. Der Wind lichtete sein blondes Haar, das bereits Farbe verlor. Dies Photo erschien später auf dem Titelblatt eines Buches, das sämtliche Übersetzungen von Tomas’ Gedichten enthielt, einschließlich der meinigen.
Kurz vor Vasteras nahm Annika das Handy, um sich mit Tomas’ Frau in Verbindung zu setzen und sich der Autobahnausfahrt sowie der weiteren Route zu vergewissern. Tomas wohnt in einem grauen, charakterlosen Reihenhaus. Ich folgte Annika, mit der Adresse in den Händen, dicht auf den Fersen, mal nach Osten, mal nach Westen. Wir waren in einem modernen Irrgarten auf der Suche nach Tomas.
Er erschien an der Tür, warf seinen Stock weg und nahm mich fest in seine Arme. In dem Moment hatte ich Angst, in Tränen auszubrechen. „Tomas wollte gerade spazierengehen“, sagte Monika. „Schaut ihn euch an, er ist seit zwei Tagen erkältet, sonst wäre er ein Star.“ Als wir Platz genommen hatten, konnte ich ihn mir erst genauer ansehen. Sein Haar war nun ganz weiß, aber er sah gut aus, der Blick konzentriert wie vor dem Schlaganfall.
Im Dezember 1990 hatte ich von Tomas’ Schlaganfall erfahren und daraufhin Monika sofort angerufen. Sie weinte. „Tomas ist ein so guter Mensch… er kann nicht mehr sprechen… was soll ich nur machen?“ Monika war Krankenschwester. Nach seinem Schlaganfall gab sie ihren Beruf auf. Im Sommer 1991 besuchte ich die beiden. Tomas wirkte verängstigt und verloren. Später beschrieb er in einem Gedicht die innere Finsternis, die er erlebt hatte: Er war wie ein Kind, dem ein Sack übergestülpt ist und das die Welt nur noch durch das Gewebe hindurch sieht. Seine rechte Seite war gelähmt, das Sprachzentrum betroffen, und er konnte nur lallen. Einzig Monika konnte ihn verstehen. Sie klebte geradezu an ihm, sie sah in an und las in seinen Augen. Dabei riet sie manchmal auch falsch, so daß ihr Tomas durch Gesten helfen mußte. Zum Beispiel die Zeit riet sie in Fünferintervallen, indem sie mit den Fingern nach rechts bzw. links zeigte und so Jahre addierte bzw. subtrahierte, eine Feinarbeit wie das Stimmen einer Geige. Auf sie traf wirklich zu, was der Dichter Li Shangyin sagte:
Herzen, einander nah, verstehen sich im kleinsten.
Tomas vermag mittlerweile wieder ein paar einfache Sätze auf schwedisch zu sagen, ein „Sehr gut!“ geht ihm ständig über die Lippen. „Tomas, willst du Kaffee trinken?“ „Sehr gut!“ „Sollen wir spazierengehen?“ „Sehr gut!“ „Magst du nicht Klavier spielen?“ „Sehr gut!“ All das sagt etwas aus über das Maß der Zufriedenheit mit dem Alltag, den er und Monika teilen. Ich hatte Tomas eine CD mitgebracht, und zwar Bachs erstes, fünftes und siebtes Klavierkonzert in der Einspielung von Glenn Gould. Er freute sich wie ein Kind und blinzelte Monika zu. Auf meine Bitte hin spielte er mit seiner linken Hand ein paar Melodien, und zwar recht professionell. Nach dem Spiel deutete er gestikulierend seinen Unmut darüber an, daß für die linke Hand zu wenig geschrieben sei. Soweit hatte Monika richtig „übersetzt“.
Die beiden Frauen gingen in die Küche und begannen geschäftig zu werden. Mit Tomas allein, verfiel ich in dieselbe Verlegenheit wie bei unserer ersten Begegnung. Ich sagte irgend etwas Unbedeutendes. Dann riß ich die Folie von der CD und gab ihm die Scheibe. Der Schlitten des CD-Wechslers war kaputt und mit schwarzem Klebeband fixiert. Fachmännisch bekam Tomas die CD dennoch in das Gerät. Schon nach wenigen Tönen stimmte er kräftig in die ergreifende Anfangsphrase des ersten Klavierkonzerts ein, was mich aufschreckte. Seine Augen leuchteten. Dann überließ er dem großen Pianisten und Ensemble das Feld und tastete sich zu seinem Sessel zurück. Die Musik entschuldigte unser Schweigen.
Die Plastikfolie auf dem Tisch, zu einer Kugel zusammengeknüllt, öffnete sich langsam wie eine durchsichtige Blüte.
2
In dem blauen Haus hängt ein Ölgemälde, es zeigt ein Segelschiff mit vielen Masten. Der Großvater von Tomas hat es gemalt. Das Haus hat eine Geschichte von mindestens 500 Jahren. Um die Wärme zu halten, sind die Decken niedrig und die Fenster winzig. Auf knarrenden Treppen geht es hinauf. Ein Zimmer dort oben dient als Schlafzimmer, das andere ist der kleine Arbeitsraum von Tomas, vor seinem Fenster liegt der Wald. Viele poetische Einfälle hat Tomas dem blauen Haus zu verdanken.
Im Sommer 1985 habe ich das blaue Haus zum ersten Mal gesehen. Das war ein halbes Jahr nach dem Ausflug mit Tomas zur Großen Mauer. Damals stieß ich blindlings wie eine Fliege monatelang gegen das Glas der Bürokratie, zu guter Letzt ließ man mich gehen, irgend jemand hatte ein Zeichen gegeben.
Tomas empfing mich lachend vor dem blauen Haus. Mit von der Partie waren Göran Malmqvist und dessen Frau Ning Zu (sie ist letztes Jahr an Krebs gestorben), eine ihrer Studentinnen, Britta, und Annika. Annika war später dazugestoßen. Sie war gerade aus Peking ins Auswärtige Amt nach Schweden zurückberufen worden. Wenn die Zeit ein Film wäre, würde ich sie zurückdrehen und jene Momente in Zeitlupe ablaufen lassen oder sogar anhalten. Damals machte Tomas gern Späße. Er war von kräftiger Statur wie ein Stier. Und Ning Zu war damals noch quicklebendig. Alle lachten immerzu. Annika wirkte jung wie eine Studentin, die alle anderen an Tatkraft übertrifft – als wäre sie geradewegs von Peking hergeschwommen.
Schwedische Sommer kennen keine Uhr, Sonne ohne Unterlaß. Wir saßen vor dem blauen Haus, tranken Bier, kosteten Leckereien, die Monika zubereitet hatte, und redeten über Gott und die Welt. Schwedisch und Chinesisch sind einander nahe, sie haben zwei Tonlagen. Beide Sprachen heben und senken sich, harmonieren miteinander wie in einem Duett.
Damals gab es besonders viele Mücken. Im Gegenlicht wirkten sie wie ein Nebel. Sie ließen sich mit den Händen nicht verscheuchen, sie trieben einen in den Wahnsinn. Tomas jedoch saß mitten unter ihnen, als wäre nichts. Die Mücken wollten von ihm nichts wissen, und er unternahm auch nichts gegen sie, als hätten sie einen geheimen Friedensvertrag geschlossen.
Tomas zeigte mir sein gerade vollendetes Gedicht „Shanghai“ (den Titel änderte er später in „Straßen in Shanghai“). Die ersten beiden Verse lauteten:
Die weißen Schmetterlinge im Park werden von vielen gelesen.
Ich liebe dieses Chinakohlweiß, es ist wie ein flatternder Winkel der Wahrheit.
Dieses Bild verdankte sich einem Erlebnis in Shanghai. Auf seinem Weg von Peking nach Shanghai war er ohne Begleitung gewesen. Die Botschaft hatte ihm eingeschärft, alle Quittungen gut aufzuheben. Die waren jedoch auf chinesisch. Er betrachtete sie von vorne und von hinten, einen Verwendungszweck bekamen sie für ihn dadurch nicht. Nun gibt es in Shanghai viele Müßiggänger, die sich wohl von seinem seltsamen Verhalten anlocken ließen, um ihren Spaß zu haben. So wurden aus den Quittungen Schmetterlinge, die von vielen gelesen wurden.
Tomas ist Psychologe. In jungen Jahren hat er in einer Besserungsanstalt für junge Straffällige gearbeitet. Nach meinem Verständnis steht dieser Beruf in enger Beziehung zur Dichtkunst. Ist nicht ein Gedicht wie ein jugendlicher Verbrecher? Mit 23 hatte Tomas mit seinem ersten Gedichtband Die siebzehn Gedichte die Literaturszene in Schweden erschüttert. Auch heute noch scheinen mir diese Gedichte nahezu perfekt. Tomas schreibt sehr langsam, er hat in seinem Leben nur gut 100 Gedichte geschrieben. In einem Gesamtwerk zusammengefaßt, würden sie nur einen schmalen Band ausmachen, aber fast jedes dieser Gedichte ist gut. Das ist ein Wunder.
Kehren wir ins Jahr 1998 zurück, als wir vor dem Abendessen einen spanischen Aperitif zu uns nahmen. Ich fragte Tomas nach seinem Schreiben. Er suchte daraufhin zwei linierte Oktavhefte aus den Schubladen hervor. Dezember 1990 war die Scheidelinie. Davor war die Handschrift klar und penibel, nach dem Schlaganfall hatte er auf die linke Hand wechseln müssen. Als hätte sich ein Erdbeben ereignet, so chaotisch sah nun alles aus. Ein amerikanischer Dichter erzählte mir, in eben dem Jahr habe Tomas Amerika besucht, und als er wieder abgereist war, habe jemand einen gefälschten Vers in Tomas’ imitierter Handschrift in seine dortige Bleibe geschmuggelt und, nach der inszenierten Auffindung, eine große Entdeckung verkündet. Wenn solche Leute dieses Manuskript sähen…
In den 60er, 70er Jahren hat Tomas, der nicht zum Zeitgeist paßte, wütende Angriffe seiner Kollegen zu erdulden. Man beschimpfte ihn als „Importdichter“, als „konservativ“, als „bourgeois“. Ich erinnere mich noch gut daran, daß ich ihn einmal gefragt habe, ob er wütend darüber gewesen sei. „Ich würde gerne sagen, nein, doch wie hätte ich nicht wütend sein können?“ Heute sind die Zeiten andere, man ehrt Tomas. Er hat hintereinander viele wichtige Literaturpreise erhalten. Monika berichtete mir, daß sie vor kurzem ins Stockholmer Museum gegangen seien. Ein Museumsführer habe sie erkannt und laut zu den Besuchern gesagt: „Dies ist unser Tomas!“ – woraufhin alle den beiden applaudierten.
Anfang 1990 hatte es mich nach Schweden verschlagen. In Stockholm blieb ich acht Monate lang hängen. Der berückende Sommer von 1985 war vergangen und würde nie wiederkommen. Den ganzen Tag über ließ ich die Vorhänge geschlossen, ich konnte mit mir nichts anfangen. Wenn die schwedischen Freunde nicht gewesen wären, wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden.
In dem Jahr war ich viel mit Tomas zusammen.
Ein Photo mit Tomas in einem Blumenbeet trägt als Datum den 4. August 1990. Am Vormittag dieses Tages hatte ich mit Li Li den Dampfer genommen, wir wollten zum blauen Haus, doch wir hatten den richtigen Moment verpaßt, von Bord zu gehen, und waren auf einer anderen Insel gestrandet. Auf das nächste Schiff hätten wir viele Stunden warten müssen. Li Li aber überredete einen Alten von dieser Insel, uns mit dem Motorboot zurückzubringen. Der Alte murmelte etwas und wollte partout kein Geld nehmen.
An diesem Tag war auch Brodsky da. 1972 hatte er Rußland endgültig verlassen und war nie mehr zurückgekehrt. Fast jeden Sommer kam er nach Stockholm und blieb dort ein wenig, wie es hieß, weil Klima und Umgebung ihn an seine Heimat St. Petersburg erinnerten. Schon auf den ersten Blick mochte ich ihn nicht. Ich fand seinen Eifer, immer recht haben zu wollen, unerträglich. Auch später wollte sich mir, bei welcher Begegnung auch immer, dieser erste Eindruck nicht ändern. Brodsky war jedoch ein großer Verehrer von Tomas. Und er scheute sich nicht, den „Diebstahl“ von Bildern aus dessen Werk einzuräumen.
Wir saßen träge in der Sonne und tranken Bier, alle ans Treppengeländer des blauen Hauses gelehnt, machten abwechselnd Photos mit der Polaroid-Kamera. Die jüngere Tochter des Hauses, Maria, sammelte geschäftig Geschirr ein. Sie ähnelte Monika sehr. Beide Töchter lebten in Stockholm.
Li Li, Brodsky und Maria kehrten mit dem Abendschiff nach Stockholm zurück. Ich blieb und übernachtete in einer Holzhütte neben dem blauen Haus. In jener Nacht konnte ich kein Auge zutun, eine Eule klagte bis zum Morgengrauen.
Von damals an gerechnet, waren es noch vier Monate bis zu Tomas“ Schlaganfall. Nur der Dichter selbst hatte 1974 diese Katastrophe vorausgesagt – in seinem einzigen Langgedicht „Baltische Küste“. Anfang August zog ich von Schweden nach Dänemark. Vor dem Abschied hatte ich mich noch viele Male mit dem Ehepaar getroffen. Sobald sie nach Stockholm kamen, riefen sie mich an. Mit Chinesen zusammenzusein bedeutet, daß gut gegessen wird. Nach ein paar Bechern meinte Tomas jedes Mal halb im Spaß zu mir:
Ich habe noch nie einen so großen Chinesen wie dich gesehen.
Anfang November hatte ich mich gerade erst in Aarhus einquartiert, da war mir Tomas schon zu einer Lesung gefolgt. Ich saß wie ein Dummkopf im Publikum. Aus heutiger Sicht war diese Gelegenheit ein Geschenk des Himmels: Es war kurz bevor Tomas seine Sprechfähigkeit verlor. Seine Stimme klang ein wenig heiser. In seinem milden Tonfall lag eine Art Spott, versteckt und nicht leicht wahrzunehmen. Er betonte jedes einzelne Wort, als ob er sich von Stein zu Stein in einem Bachbett bewegen würde. Nach der Lesung stellte das Publikum seine Fragen. Ein Mann mit Glatze begann mit Tomas zu streiten. Ich fühlte mich wie ein Dummkopf, der seinen Kopf zwischen Schwedisch und Dänisch hin- und herwandte. Ich hatte Tomas nie so erregt gesehen, er war rot angelaufen, und seine Stimme war entsprechend hoch.
Anschließend lud uns der Gastgeber zum Abendessen ein. Als ich Näheres über das Streitgespräch wissen wollte, sagte Tomas nur einen Satz:
Der Kerl meint, er habe Bildung.
Ich wollte um einen Gedichtband für die Kollegin Anna bitten, die mit zur Lesung gekommen war. Tomas langte in die Aktentasche und schnitt eine Grimasse wie ein Kind – weg. Weg? Ich hatte meine Zweife. „Weg!“ bekräftigte er. Einen Monat später erklärte er, daß er sich niemals mehr mit irgend jemandem auf eine Auseinandersetzung einlassen würde.
Als ich von seinem Schlaganfall erfuhr, war ich erschüttert. Ich schrieb ein Gedicht für ihn. Von Monika erfuhr ich, daß er bei der Lektüre geweint hatte:
Du verschließt den letzten Vers eines Gedichtes
im Herzen – das ist dein Zentrum
ein Zentrum der Kirche, das mit den Glocken schwingt
und mit den kopflosen Engeln tanzend,
bewahrtest du das Gleichgewicht…
Sieben, acht Jahre sind im Nu vergangen, Tomas hat tatsächlich das Gleichgewicht bewahrt.
Am nächsten Morgen sollte ich bei Tagesanbruch nach Amerika zurückfliegen, ich mußte daher etwas früher nach Stockholm aufbrechen. Wir nahmen das Abendessen früh ein. Es gab Kaviar, Salat und Bratfisch. Auf dem Eßtisch brannten Kerzen, Messer und Gabel blitzten. Tomas’ Augen funkelten im Licht. Monika faßte ab und zu nach seiner Hand und sah ihn fragend an. Nach dem Essen gingen wir ins Wohnzimmer und schalteten den Fernseher ein. Es war gerade die Zeit der Abendnachrichten. Die Politiker traten einer nach dem anderen vor die Kamera und plapperten drauflos. Monika und ich mußten lachen. Tomas dagegen blieb ernst und starrte auf den Bildschirm. Nach einer Weile schaltete Monika das Gerät aus und präsentierte ihren Apfelkuchen. Wir hatten zu reden und zu lachen, doch Tomas nahm die Fernbedienung und stellte den Fernseher wieder an. Monika erklärte mir, Tomas halte es für seine Pflicht, diese närrischen Politiker zu überwachen.
Im Sommer 1990 hatte ich tatsächlich im blauen Haus nachts nicht schlafen können. Monika konnte das bestätigen. Nun, was taten wir am nächsten Morgen? Ja, wirklich, ich ging mit Tomas Pilze sammeln. Wir trugen hohe Gummistiefel. In unserer Unbeholfenheit wirkten wir wie Raumfahrer, die zum Mond wollten. Wir gingen und gingen, es begann zu regnen, die Waldwege wurden noch glitschiger. Tomas war vor mir, mit einem kleinen Messer stach er die Pilze aus, steckte sie in den Mund, um sie zu kosten. Die guten gab er dann in eine Tasche, die schlechten spuckte er schnell wieder aus und sagte:
Giftig!
Bei Dao, übersetzt aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin, Bei Dao: Gottes chinesischer Sohn, Weidle Verlag, 2012
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + DAS&D + Archiv + IZA + Kalliope + Johann-Heinrich-Voß-Preis + Europäischer Übersetzerpreis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + IMAGO
Nachrufe auf Hanns Grössel: FAZ ✝︎ Übersetzen ✝︎
Zum Nobelpreis an Tomas Tranströmer:
Meike Dülffer: Tomas Tranströmer erhält Nobelpreis für Literatur
Die Zeit, 6.10.2011
Alexander Gumz: Der Dichter und die schneebedeckte Insel
Die Zeit, 6.10.2011
Michael Grill: Sieg für Schweden, Sieg für die Sprache
Süddeutsche Zeitung, 6.10.2011
Constanze Tress: Literatur-Nobelpreis für Tomas Tranströmer
dw.com, 6.10.2011
Sebastian Hammelehle: Jedes Wort ein Schwergewicht
Der Spiegel, 6.10.2011
Literaturnobelpreis an Tomas Tranströmer: Leise Worte, laute Welt
Berliner Zeitung, 7.10.2011
Schweden ehrt einen Schweden
Bayern 2, 28.11.2011
Robert von Lucius: Dass Tranströmer und wir das noch erleben dürfen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.10.2011
Hans Jürgen Balmes: „In meinem Schatten werde ich getragen“
Neue Zürcher Zeitung, 7.10.2011
Gespräch und Lesung zu Tomas Tranströmer. Mit Michael Krüger, seinem Verleger im deutschsprachigen Raum, Hanns Grössel, der das Werk Tranströmers vollständig ins Deutsche übertragen hat und dem schwedischen Lyriker Lars Gustafsson – im Rahmen der Autorentage zu Michael Krüger im Oktober 2011 in Schwalenberg.
Faust-Gespräch mit Hanns Grössel: „Phantastisch zu spüren, wie mein Gedicht wächst“
Hanns Grössel: Drehkreuz des Gedichts, Die Zeit, 17.4.1981
Richard Pietraß: „Flug in die Stille. Ein Besuch bei Tomas Tranströmer“
Lars Gustafsson: Das Wunderbare ist ganz nah, Die Zeit, 12.10.2011
Keine Angst vor Gedichten! Eine lange Nacht über Tranströmer und die Poesie. Von Burkhard Reinartz, DLF 6.5.2023
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Volker Sielaff: Nach Regen duftendes Grün
volker-sielaff.de
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2 + Facebook 1, 2 & 3 + KLfG + IMDb + PIA + Internet Archive + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Galerie Foto Gezett + gettyimages + IMAGO + Keystone-SDA
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Nachrufe auf Tomas Tranströmer: Badische Zeitung ✝ Der Tagesspiegel ✝ Die Welt ✝ Die Zeit 1 + 2 ✝ FAZ 1 + 2 ✝ FR ✝ Furche ✝ manuskripte ✝ NZZ ✝ SZ
Tomas Tranströmer spricht über den Beginn seines Schreibens und liest sein Gedicht Allegro.








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