Urs Allemann: Zu Rolf Haufs′ Gedicht „Boulevard“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Rolf Haufs’ Gedicht „Boulevard“ – aus dem Gedichtband Rolf Haufs: Felderland. –

 

 

 

ROLF HAUFS

Boulevard

Durstige Karawanen. Unter dem Mantelsaum
Brauner Krebs. Hier wurde geschossen
Touristen bummeln über den Blutfleck
Bevor sie wieder in ihre Flugzeuge steigen.
Heute kommen die wahren Geschichten
Aus den Kinos. Motorräder Messer für den Kopf
Die Sprüche umhergetragen haben nichts verändert
Regen. Notariate. Das blaue Geld.
Und wir. Wir, die wir immer noch sind.

 

Der Bürger als Lyriker

– Versuch über das Gedicht „Boulevard“ von Rolf Haufs. –

UND er. Er, der IMMER NOCH ist. Der Bürger nämlich, verkleidet als Lyriker. Der sich Mühe gibt, sich einzureden, es sei andersherum. Er sei der Lyriker, verkleidet als Bürger. Äußerlich zwar mit den TOURISTEN… die ÜBER DEN BLUTFLECK (BUMMELN) / BEVOR SIE WIEDER IN IHRE FLUGZEUGE STEIGEN, durchaus zu verwechseln. Innerlich aber von ihnen so weit entfernt wie von den Schützen, von den Erschossenen, von den Demonstranten. Weder Täter noch Opfer noch Ankläger – noch ahnungslos. Auch er mag BUMMELN, aber bummelnd sieht er DEN BLUTFLECK. Auch er mag DURSTIG sein, aber das ist ein Durst anderer Art als der der KARAWANEN von TOURISTEN. Er schießt weder, noch wird auf ihn geschossen, noch protestiert er auf der Straße gegen die Schüsse, er weiß jedoch: HIER WURDE GESCHOSSEN. Er trägt keine Sprüche herum, ihm ja bekannt: DIE SPRÜCHE UMHERGETRAGEN HABEN NICHTS VERÄNDERT. Er trägt ein Mantel wie andere auch, aber anders als die deren weiß er, daß der MANTEL zwar gegen den REGEN, nicht aber gegen den BRAUNEN KREBS schützt, der UNTER DEM MANTELSAUM wuchert. Der als Lyriker verkleidete Bürger unterscheidet sich vom nicht als Lyriker verkleideten Bürger durch den diagnostischen Blick, den er sich gutschreibt: Er erkennt den BLUTFLECK, die äußere Spur der noch nicht verjährten Gewalttat, die der Bürger damals beging, und er erkennt den KREBS, die metastasierende Schuld, die den Bürger heute von innen zerfrißt, weil er jene Gewalttat verdrängt hat: ungesühnte, vergessene BRAUNE Gewalttat – BRAUNER KREBS.
Der als Lyriker verkleidete Bürger durchschaut den Bürger (sich) und kann und mag trotzdem nicht aufhören, dessen Spiel (sein eigenes) weiterzuspielen. Mit tiefem Mißtrauen begegnet er denen, die den Bürger ebenfalls durchschauen, daraus aber die übertriebene Konsequenz ziehen, ihn ändern zu wollen oder gar zu bekämpfen. Gottseidank, sagt der als Lyriker verkleidete Bürger und atmet auf, gehören diese Kampf- und Änderungsversuche heute auch schon der Vergangenheit an und dürfen als gescheitert betrachtet werden. Sie haben NICHTS VERÄNDERT, was einfach daran liegt, daß nichts veränderbar ist – schon gar nicht der Bürger und seine natürliche Welt, die bürgerliche Gesellschaft. Der als Lyriker verkleidete Bürger rekonstruiert die Gesellschaft, die Gegenwart und die Geschichte unterm Aspekt ihrer Unveränderbarkeit. Früh bestärkt hat ihn darin bereits seine Jugendlektüre. „Entwicklungsfremdheit / ist die Tiefe des Weisen“, tönten statisch die Glocken von Big Benn: „Richtungen vertreten, / Handeln / Zu- und Abreisen / ist das Zeichen einer Welt, / die nicht klar sieht.“ Die Richtungsvertreter und Handelnden begegnen uns als diejenigen wieder, die SPRÜCHE UMHERGETRAGEN HABEN, die Zu- und Abreisenden als die TOURISTEN, die WIEDER IN IHRE FLUGZEUGE STEIGEN. Es ist ein Kommen und Gehen, das nichts bedeutet. Für den als Lyriker verkleideten Bürger ist jede Bewegung eine Scheinbewegung. Damit mag seine Sympathie mit dem von ihm kaum erfundenen, derzeit überall vernehmbaren Satz HEUTE KOMMEN DIE WAHREN GESCHICHTEN / AUS DEN KINOS zusammenhängen: Beim KINO ist es bekanntlich buchstäblich so, daß die vom Zuschauer für WAHR genommene Bewegung der GESCHICHTEN Schein ist, technisch produziert durchs Abspielen von Sequenzen statischer Bilder. Dem Herstellungsverfahren der KINO-Wirklichkeit korrespondiert dabei der pseudodynamische Charakter der so hergestellten WAHREN GESCHICHTEN, die immer auch Waren-Geschichten sind: In der typischen Kino-Geschichte passiert pausenlos etwas, ohne daß etwas geschieht, indiziert jede Veränderung einzig, daß sich nichts ändert. Dieses den WA(H)REN GESCHICHTEN des KINOS eigentümliche Verhältnis von Statik und Dynamik rekapituliert auf der Ebene der Bilder das Bewegungsgesetz der bürgerlichen Gesellschaft, die permanent erweiterte Reproduktion des Immergleichen. Der diagnostische Blick des als Lyriker verkleideten Bürgers durchdringt die Oberflächendynamik der Bilder, die KINO und BOULEVARD bieten, und entdeckt als das steinerne Herz des Illusions-Bewegungstheaters (griech. kinein = bewegen) und des Guckkasten-Gesellschaftstheaters (Doppelbedeutung von BOULEVARD als Straße und Kunstform) die Bewegungslosigkeit. Er wird des Immergleichen inne – und stellt sich melancholisch auf dessen Standpunkt. Er teilt weder die Illusionen seiner Mit-Bürger (TOURISTEN), denen die eigene Bewegungslosigkeit als Bewegung erscheint (der BLUTFLECK am Boden, scheinbar bewegungslos, ist geronnene Geschichte; ihr blindes Drüberwegbummeln, scheinbar Bewegung, ist geschichtslos), noch die vermeintlichen Illusionen der Anti-Bürgerlichen, die als politische Bewegung gegen die von der Warendynamik dominierte Geschichtsstatik angetreten sind. Illusionslos, wehmütig, müde begnügt er sich damit, das Minimalprotokoll des entwicklungsfremden Weisen zu unterschreiben, das festhält, daß WIR – die Ware und ich – IMMER NOCH SIND.
Die letzten drei Zeilen des BOULEVARD-Gedichts führen uns Schritt für Schritt, Wort für Wort ans Zentrum der bürgerlichen Gesellschaft und des – contradictio in adjecto – bürgerlichen Gedichts heran. Immer aus der Perspektive des Weisen, versteht sich. DIE SPRÜCHE UMHERGETRAGEN HABEN NICHTS VERÄNDERT. Diese SPRÜCHE, diese Veränderungsparolen, diese Schmierereien und Sprayereien auf den Fassaden des Bollwerks der bürgerlichen Gesellschaft (franz. BOULEVARD geht auf dt. „Bollwerk“ zurück) bleiben dieser ganz äußerlich und sind daher, ohne eine Spur zu hinterlassen (oder gibt es da auch einen BLUTFLECK?), im geschichtlichen Nu wieder verschwunden. Was an dieser oder jener Hauswand des BOULEVARD etwa noch daran erinnern mochte, ein Graffitti-Fragment vielleicht, wird alsbald vom REGEN abgewaschen, der sich im Assoziationskontext des Gedichts um die Wasserlöslichkeit oder -unlöslichkeit von Demonstrationsfarbe nicht zu kümmern braucht: Lyrischer REGEN löst alles.
REGEN. NOTARIATE. DAS BLAUE GELD. Damit verlassen wir die Sphäre des der bürgerlichen Gesellschaft Äußerlichen, der wechselnden, spurlos verschwindenden, wesenlosen Erscheinungen. Die TOURISTEN kommen und gehen. Die FLUGZEUGE landen, starten, werden erfunden und stürzen ab. DIE WAHREN GESCHICHTEN AUS DEN KINOS sind nach anderthalb bis zwei Stunden zuende: „So lang kann die Wahrheit doch gar nicht sein!“ hatte die Jugendlektüre in einer Gedicht-Reportage über den größten New Yorker BOULEVARD zum 500-Seiten-Wälzer Die Wahrheit sarkastisch angemerkt, und die KINOS – und, sie radikalisierend, die Video-Clips, aus denen DIE noch WAHREren GESCHICHTEN heute kommen – ziehen daraus die wahrheitsfreundfreundliche magnifique Konsequenz. Die SPRÜCHE werden auf Transparente geschrieben, die wieder eingerollt werden, bevor sie richtig entrollt sind. All das bleibt nicht. Es bleiben (der Weise spricht): REGEN. NOTARIATE. DAS BLAUE GELD. Anders ausgedrückt: die drei großen Geschichtslosigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft (und daher Dauerbrenner ihrer Apologeten): Natur, Vertrag, Tauschwert.
Die Natur hat mit der bürgerlichen Gesellschaft den Bewegungsmodus (die statische Dynamik, die dynamische Statik) gemein. Auch sie ist permanent erweiterte Reproduktion des Immergleichen. Ihre Selbstheilkräfte ähneln denen des Marktes. Nicht umsonst haben die Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft (ihre SPRÜCHE sind bald vergessen, der REGEN tut sein Werk) von deren Erscheinungen gesagt, sie stellten sich dar wie die einer zweiten Natur. Sinnfälligster Ausdruck der Wesensverwandtschaft von Natur und Kapitalismus ist neben Nebel und Schnee, zwei anderen Eliminierern von Ungleichheit, der REGEN. (Unsere Diktion geht Ihnen langsam auf die Nerven. Entspannen Sie sich. Wir machen bloß ein bißchen Begriffswind, um auf dem BOULEVARD nicht unter die Räder zu kommen.) Der REGEN vermittelt den Naturkreislauf wie DAS GELD die Warenzirkulation. Ferner schiebt er sich als grauer Vorhang vor die Dinge und beraubt sie ihrer je besonderen sinnlichen Qualitäten – wie die Wertabstraktion. Die Wertabstraktion macht zwar alle Waren innen grau und außen rosa, der REGEN, eine Spur ehrlicher, stülpt das Grau nach außen. Wir müssen zugeben, daß wir dabei vor allem an den REGEN aus den WAHREN GESCHICHTEN denken, wie sie gestern, nämlich noch unbunt, AUS DEN KINOS kamen. Der REGENfaden im KINO ist (war?) die Schweißnaht, die erste und zweite Natur verbindet. Er ist in der KINO-Großstadt des Großstadt-KINOS sowohl einziges Natur-1-Relikt (steter Tropfen, der selbst als saurer, zwar den Beton des Bollwerks nie höhlt) als auch integrierender Natur-2-Bestandteil: bloße Funktion der Ware Scheibenwischer, die freilich, samt der dahinter sich erhebenden wahrhaft ewigen Windschutzscheibe, in den Bildern der WAHREN GESCHICHTEN ihrerseits wie ein Stück erster Natur erscheint. Von beträchtlichen emphatischen Fähigkeiten der technischen Apparatur gesellschaftlichen Sachverhalten gegenüber zeugt schließlich, daß bei Bildausfall (also verschwindendem Inhalt) auf der Leinwand immer noch REGEN fällt (also bleibende Form als Niederschlag zurückbleibt).
Die NOTARIATE sind in der bürgerlichen Gesellschaft der Ort, wo die Verträge, also die kleinsten sinnstiftenden Zellen des Gesellschaftskörpers, bestätigt, besiegelt, amtlich beglaubigt werden: Hier wird den ihrer je besonderen sinnlichen Qualitäten beraubten abstraktfreien Vertragssubjekten (klick: REGEN, klick: GELD) bescheinigt, daß sie – obwohl oder weil eigenschaftslos – nicht „nichtexistent im Eigensinne bürgerlicher Konvention“ (Morgenstern) sind. Wer noch einen Vertrag zu schließen vermag, den der NOTAR ihm zu beurkunden bereit ist, der ist IMMER NOCH, und im Sinne jener Konvention ist er erst eigentlich. Nur im Vorübergehen sei darauf aufmerksam gemacht, daß dem Wort NOTARIAT eine Dialektik (atmen Sie tief aus und dann tief ein, das beruhigt) innewohnt, die sich zwischen den Polen seiner Genesis (das Wort NOTAR kommt von lat. „notarius“ = Geschwindschreiber) und seiner Geltung abspielt und abermals jenes kapitalismusspezifische Thema von statischer Dynamik und dynamischer Statik variiert: Daß es gerade der Geschwindschreiber ist, der dem Bürger die jenseits von Stirb und Werde ihn anschauende formstille Vollendung des (nicht dem Inhalt, aber der Form nach) dauerhaften Vertrags garantiert, ist ein ironisch-etymologischer Schlenker des Weltgeistes, der einen kleinen Sonderapplaus für den größten BOULEVARD-Schauspieler schon verdient.
Daß DAS GELD Inbegriff der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Ursprungs und Ziels, des Immergleichen, ist, braucht hier kaum rekapituliert zu werden. Der als Lyriker verkleidete Bürger zählt aber nicht einfach DAS GELD, sondern DAS BLAUE GELD. Damit deutet er an, daß er unmittelbar davorsteht, auf sich selbst zu sprechen zu kommen. BLAU ist nicht nur die Realfarbe des Geldes (nehmen Sie den deutschen oder Schweizer Hunderter), sondern auch seine Idealfarbe. Indem er BLAU ist, ist der GELDschein mit einem Sehnsuchtsindex versehen. „Geld macht sinnlich“, heißt es bei Brecht, der ein als Lyriker verkleideter Bürger war. GELD macht sehnsüchtig, läßt der als Lyriker verkleidete Bürger uns assoziieren. BLAUE Blume (BLAUE Blüte wäre Sehnsuchtsfalschgeld) – BLAUE Stunde (die Jugendlektüre!) – BLAUES GELD. Natürlich ist das kritisch gemeint. Der Bürger verkleidet sich ja eben deshalb als Lyriker, um sich in aller Ruhe die melancholischen Selbstvorwürfe machen zu können, zu denen er dann als Bürger, der sich als Lyrikleser verkleidet, melancholisch und in aller Ruhe nicken wird. Die Himmels- und Sehnsuchtsfarbe BLAU heruntergekommen zur Farbe des GELDES. Mater meccavi.
DAS BLAUE GELD. / UND WIR. WIR, DIE WIR IMMER NOCH SIND. Am Ende schaut die Ware in den Spiegel und erkennt in ihm, der schon blind schien, ganz hinten – das lyrische Ich. Erhoben allerdings in den Plural: nicht der Majestät und nicht der Solidarität, sondern der lyrisch mit sich selber schäkernden Bürgerlichkeit. Nicht durch Besitz oder Bildung wird die Zugehörigkeit zu diesem WIR erworben, sondern durch eine Art Lebenshaltung. WIR, das sind die wissenden Bürger. Die, die traurig sind über die eigene Bürgerlichkeit wie über eine zweite altgewordene Haut unter der altgewordenen ersten. Daß er diese zweite Haut für so mit seinem Fleisch verwachsen, für so unveräußerlich hält wie die erste, ist das existentielle Geheimnis, das sich hinter der Verkleidung des Bürgers als Lyriker verbirgt. Nur als Lyriker verkleidet kann er seinem Schmerz darüber Ausdruck geben, daß die Natur es gewollt hat, daß Sein und Bürgerlichsein ein und dasselbe ist – und seinem Schmerz darüber, daß er, die traurige Kreatur Bürger, IMMER NOCH ist. WIR, das sind die, die sich verkleiden müssen, um einander zuzuraunen, daß man das Leben ändern müßte und daß man Gottseidank das Leben nicht ändern kann; daß es, wie schon aus der Jugendlektüre hervorging, nur eine Option gibt: das bürgerliche Ertragen des „fernbestimmten: Du mußt“. Wenn wir für einen Augenblick den BOULEVARD verlassen und uns unter eine „Birke“ stellen, die der als Lyriker verkleidete Bürger nicht fern davon im „Felderland“ gepflanzt hat, dann hören wir es ächzen: „Bürgerlich ertrugen wir / Viele Kälten“. Und werden, dürfen wir ergänzen, alle Kälten, die noch kommen werden, ebenso bürgerlich ertragen – bis endlich die letzte große Kälte kommt, die uns vom Leben erlöst. „Laß. Laß. Es müßte sonst / Etwas geschehen“ ist „Jeden Tag“ das letzte Wort des als Lyriker verkleideten Bürgers.
Es ist diese Lebenshaltung, die den Erfolg des als Lyriker verkleideten Bürgers bei den sinnDURSTIGEN KARAWANEN der bürgerlichen Lyrikleser und ihren literaturkritischen Leitkamelen erklärt. Sie garantiert ein Versangebot, das innerhalb einer bestimmten gehobenen Schicht von Verskonsumenten mit einer großen Nachfrage deshalb rechnen kann, weil seine lebensgefühligen und lebenspraktischen Implikationen für die spezifischen Selbstbegegnungsbedürfnisse dieser Verbraucherschicht gerade anspruchsvoll und anspruchslos genug sind. Sie lassen die bürgerliche Arbeits- und Alltagsidentität unangetastet, erlauben es sogar, diese aus der selbstinterpretatorischen Perspektive durchgehaltenen Duldens als Tapferkeit vorm Leben zu interpretieren. Andererseits tragen sie entscheidend zur moralischen Durchlüftung und Vertiefung der bürgerlichen Feierabendidentität bei. Der als Lyriker verkleidete Bürger ist moralisch und politisch ein Mann der Mitte. Weder Täter noch Opfer noch Ankläger noch ahnungslos. Sein Verhältnis zur geschichtlichen Schuld der Vätergeneration ist keins der Komplizenschaft, auch keins der Verleugnung oder Verharmlosung. Vielmehr erträgt er bürgerlich ein Gefühl der Mitschuld, das, würde er es verdrängen, als BRAUNER KREBS dennoch, und dann selbstzerstörerisch, wirksam werden würde. Daß der Bürger sich als Lyriker verkleidet, hat auch eine KREBS-prophylaktische Funktion. Die Strategie des Manns der Mitte im Umgang mit Geschichte und Lebensgeschichte besteht darin, nicht zu verdrängen, sondern zu erinnern, aber die Erinnerung unpolitisch zu halten. Das bereitet den großen Friedensschluß mit dem Lebensganzen und der eigenen Existenz als bürgerlicher vor. Es war alles, wie es war, und es ist alles, wie es ist, und es wird alles sein, wie es sein wird. WIR können nichts tun, tun aber auch gut daran, nicht zu versuchen, den BLUTFLECK auf der bürgerlichen Weste einfach abzuwaschen. Das BLUT kehrt als Chiffre unerledigter Gewalt aus der Vergangenheit in jedem zweiten Gedicht des als Lyriker verkleideten Bürgers in der einen oder anderen Form wieder: als „BLUTroter Park BLUTrote Stadt“, als „BLUT im Schuh“, „BLUTende Wunde“, „BLUTiger Mund“. WIR sind eingeladen, den BLUTFLECK, statt ihn auszugrenzen, sozusagen gleichberechtigt mit dem zu harten Frühstücksei („Täglich“) in unser Lebensgefühl zu integrieren – so, mit eingestandener Schuld gefedert, lebt sich das bürgerliche Leben erst wirklich gesund.
Ein Mißverständnis, falls hier gefördert, muß aus der Welt. Daß der Bürger sich als Lyriker verkleidet, heißt nicht, daß er von dessen Handwerk, vom lyrischen Metier, nun nichts versteht. Kehren wir auf den BOULEVARD zurück. Würdigen wir die Kunstfertigkeit, mit der seine Elemente auseinander entwickelt, aufeinander bezogen sind. Wir haben die Zeile DIE SPRÜCHE UMHERGETRAGEN HABEN NICHTS VERÄNDERT oben wie einen für sich stehenden, isolierten Satz behandelt. Sie ist aber Moment einer lyrischen Phrase, die, durch fehlende Binneninterpunktion kenntlich gemacht, von MOTORRÄDER bis REGEN reicht. In ähnlicher Weise schließt eine – allerdings inhaltlich auf den ersten Blick kohärente – lyrische Phrase die „Sätze“ HIER WURDE GESCHOSSEN und TOURISTEN BUMMELN ÜBER DEN BLUTFLECK BEVOR SIE WIEDER IN IHRE FLUGZEUGE STEIGEN zu einer Artikulationseinheit zusammen.
MOTORRÄDER MESSER FÜR DEN KOPF. Die MOTORRÄDER werden wie die TOURISTEN, wie der BLUTFELCK, wie die KINOS, Wie der REGEN auf dem BOULEVARD vorgefunden. Sie gehören zum Inventar. „Die Welt will erfaßt sein“ („Lesung 3“). Das Heulen der MOTORRÄDER empfinden WIR, da WIR, anders als die Rocker, die auf ihnen hocken, sensibel und feinnervig sind, als MESSER FÜR DEN KOPF. Gleichzeitig verweisen die MESSER sowohl lautlich (kurzer Vokal, scharfes S) als auch thematisch (Gewalt) auf das GESCHOSSEN der zweiten Zeile zurück. WIR bringen die MOTORRADfahrer in einen assoziativen Zusammenhang mit den ungenannten, unbekannten Schützen, auf deren Konto der BLUTFLECK geht. Rocker sind Faschisten, WIR, die Männer der Mitte, haben es immer gesagt.
MESSER FÜR DEN KOPF / DIE SPRÜCHE UMHERGETRAGEN. Nicht nur die Geräusche der MOTORRÄDER, auch die linken SPRÜCHE, die damals auf dem BOULEVARD UMHERGETRAGEN wurden, sind MESSER FÜR DEN KOPF des geschmackssicheren, sprachsensiblen Bürgers. Die Repräsentanten der Gewalt, die Schützen und die MOTORRADfahrer, bekommen Gesellschaft: die Demonstranten. WIR, DIE WIR IMMER NOCH SIND und auch, obwohl wir leiden unterm Sein, gern noch ein Weilchen sein wollen, haben mit feinem Gespür die ausgemacht und zusammengebracht, die für uns Bürger eine Bedrohung sind. WIR erfüllen, uns als Lyriker verkleidend, auch einen Verteidigungsauftrag : WIR schützen das Bollwerk, den BOULEVARD unserer Bürgeridentität gegen die Extremisten von links und rechts. WIR verteidigen uns, indem WIR zunächst bloß aufzählen, was ist, dann aber im Inventarisierten durch projektive Assoziationen Ordnung stiften. WIR verteidigen uns, indem WIR SPRÜCHE über die SPRÜCHE anderer machen, plane Aussagesätze über die Unveränderbarkeit der Welt. WIR verteidigen uns mit Sentenzen über die Herkunft der WAHREN GESCHICHTEN. Lyrik ist Einspruch. WIR machen Zuspruch daraus. Zuspruch für uns, DIE WIR IMMER NOCH SIND.

Urs Allemann, Schreibheft, Heft 29, Mai 1987

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