Bertolt Brechts Gedicht „Entdeckung an einer jungen Frau“

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BERTOLT BRECHT

Entdeckung an einer jungen Frau

Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehn.
Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau
Ich konnt mich nicht entschließen mehr zu gehn.

Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
Warum ich, Nachtgast, nach Verlauf der Nacht
Nicht gehen wolle, denn so war’s gedacht
Sah ich sie unumwunden an und sagte:

Ist’s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
Doch nütze deine Zeit; das ist das Schlimme
Daß du so zwischen Tür und Angel stehst

Und laß uns die Gespräche rascher treiben
Denn wir vergaßen ganz, daß du vergehst.
Und es verschlug Begierde mir die Stimme.

1925

aus: Bertolt Brecht: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2000

 

Konnotation

Der Dichter Bertolt Brecht (1898–1956) war für seine brachiale Erotik berüchtigt; schon Baal, sein erster dramatischer Anti-Held, brüstete sich ob seines egoistisch-gefräßigen Vitalismus. Und so scheint auch in seinem Gedicht nur ein Liebhaber zu agieren, der sich mit seiner sexuellen Eroberung auf einen One night stand verständigt hat.
Der Entschluss der Körperfreunde, sich auf einen zeitlich eng befristeten sexuellen Akt zu beschränken, gerät beim Abschied ins Wanken. Die morgendliche Entdeckung des Liebhabers an seiner Bettgenossin bedeutet eine fundamentale Erschütterung: Denn da ist das graue Haar der Geliebten, die Erfahrung der Vergänglichkeit, die das sexuelle Abenteuer in eine neue Perspektive rückt. Und so zeigt das um 1925 entstandene Sonett den Augenblick, da die Reduktion des Liebesakts auf zweckfreies Begehren nicht mehr funktioniert und unerwartete Gefühle in die Beziehung einbrechen. Es geht nicht mehr nur um eine Verlängerung des Lustgewinns – nun gibt es eine Aussicht auf eine Zärtlichkeit, die sich nicht mehr kontrollieren lässt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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