Christoph Meckels Gedicht „Horla“

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CHRISTOPH MECKEL

Horla

Der Abgrund
ist nicht zu verkaufen,
kein Reiseziel.
Du kannst bleiben, ohne Gewähr.

Das Wasser ist schwarz
es wäscht nicht
du kannst es nicht trinken.

Das Land ist brüchig
es trägt nicht, du kannst
keine Hütte errichten.
Der Fuß wird nach unten gerissen.

Der Satz heißt:
Im Abgrund findet sich wieder
was in der Höhe verlorenging.

Aber hier unten ist
nichts angekommen.

nach 2000

aus: Christoph Meckel: Seele des Messers. Carl Hanser Verlag, München 2006

 

Konnotation

Es gibt eine Erzählung von Guy de Maupassant (1850–1893), in der ein unsichtbares Wesen, der „Horla“, grausame Macht gewinnt über den Helden, der sich von dieser fremden Macht besetzt wähnt und fürchtet, der Wirklichkeit nicht mehr gewachsen zu sein. Der Schriftsteller Christoph Meckel (geb. 1935) mit seiner ausgeprägten Vorliebe für das Phantastische und die Wunder des Surrealen hat den „Horla“ wiederentdeckt.
Das lyrische Subjekt dieses 2006 erstmals veröffentlichten Gedichts unternimmt eine Inspektion einer sehr bedrohlichen Zone – des Abgrunds. Es ist der wohl einzige Ort, zu dem die Tourismus-Industrie noch keinen Zugang hat. Man kann sich schwerlich einrichten in diesem finsteren Bereich des Tellurischen, eine selbständige Fortbewegung ist nicht möglich. Der „Horla“ hat dafür gesorgt, dass keine Verlässlichkeiten mehr existieren.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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