Diese tönende Ansichtskarte … diese Postkartenschallplatte wurde für mich zu einem Gesamtkunstwerk, noch bevor ich wusste, was ein Gesamtkunstwerk ist oder sein sollte. Die Karte hatte mir meine Patentante Elizabeth geschickt, sie war in Brighton abgestempelt, wo die „schöne Beth“ (wie sie von meinen Eltern genannt wurde) zwei-, dreimal in Folge einen Sommerkurs für Wirtschaftsenglisch belegt hatte.
Für lange Zeit, weit über die Primarschuljahre hinaus, blieb die tönende Ansichtskarte so etwas wie eine Trophäe − sie war das kostbarste all meiner Geschenke aus Kindertagen. Dabei gab sie für Aug und Hand nicht eben viel her: Hier − ein quadratisches Stück Halbkarton mit aufgepresster Schallplatte aus durchsichtiger Plastikmasse; unter den kaum sichtbaren Rillen eine photographische Ansicht der Küste vor Brighton, zugebaut mit klotzigen Hotels, bespült von gewaltigen, schaumgekrönten Wogen; auf der Vorderseite oben rechts, als Briefmarke akkurat in die Ecke gerückt, das Konterfei der Königin (die ich in keiner Weise königlich finden konnte), darunter die Empfängeradresse mit meinem Namen, von Tante Beth in zierlicher Girlandenschrift ins vorgedruckte Feld eingetragen.
Als mir Vater die Plattenkarte auf dem Radiogrammophon abspielte, erklang, von den Laufgeräuschen überlagert, ein pathetisches Musikstück, stramme Blechmusik, das gleiche Stück, wie Tante Beth mir später erklärte, das man auf der sinkenden Titanic gespielt habe, „bis die Wellen und Eisschollen überm Deck zusammengeschlagen“ seien und „alles weggefegt“ hätten.
Ton und Bild und Text sind auf der gesamtkunstwerklichen Karte vereint (vereint auch die unvereinbaren Elementarformen von Kreis und Quadrat) − ich bewahre sie noch heute auf als ein Dokument früher ästhetischer Erfahrung
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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