Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Anthologika – Traditionsbruch und Innovationsbegehren (Teil 2)

Traditionsbruch und Innovationsbegehren
Drei fast schon vergessene Anthologien zur literarischen Kultur der Moderne

Teil 35 siehe hier

Blaise Cendrars (1887-1961) – als Dichter wie als Erzähler ein Protagonist der europäischen Moderne zwischen Futurismus, Kubismus und Surrealismus – war schon früh, im Gegenzug zu seiner provinziellen Herkunft aus dem Schweizer Jura, an exotischen Weltgegenden interessiert. Aus weitläufigen Reisen und mancherlei «Abenteuern» gewann er nachhaltige produktive Impulse. Russland und die USA gehörten zu seinen ersten «Eroberungen» und boten ihm den Stoff für seine epochalen Jugendwerke, die er bereits 1919 unter dem Titel «Aus der ganzen Welt» (Du monde entier) gesammelt herausbrachte.
​Den afrikanischen Kontinent kannte Cendrars nicht aus eigener Anschauung, doch er war von dessen ethnischer und kultureller Diversität ebenso fasziniert wie seine Künstlerfreunde aus der «Schule von Paris» (École de Paris), allen voran die Kubisten um Picasso und Braque sowie deren Wortführer Guillaume Apollinaire. Der inzwischen obsolet gewordene Begriff der «Negerkunst» (art nègre) verband sich damals – exemplarisch in Carl Einsteins Pionierstudie über «Negerplastik» (1915) – positiv mit der Vorstellung eines eigenständigen «primitiven» oder «wilden» Kulturschaffens, dessen unverbrauchte Vitalität die museale («dekadente») europäische Kunsttradition erneuern, wenn nicht revolutionieren sollte.
​Cendrars’ Ambition bestand darin, die «Negerkunst» auch in ihren literarischen Ausprägungen repräsentativ zu dokumentieren. Durch weitläufige Lektüre wissenschaftlicher Abhandlungen und die Kompilation verstreuter Übersetzungen schuf er die Grundlage für seine «Negeranthologie» (Anthologie nègre), die er nach langwieriger Vorarbeit 1920 zum Abschluss brachte und im Jahr danach als Buch vorlegte. Seither ist die Anthologie in zahlreichen Nach- und Neuauflagen präsent gehalten worden. Zuletzt erschien sie 2024 im Rahmen der Taschenbuchedition von Cendrars’ gesammelten Werken, ergänzt durch seine noch heute populären «Kleinen Negergeschichten für die Kinder der Weissen» (Petits Contes nègres pour les enfants des Blancs, 1928) und eine Erzählung darüber, «Wie die Weissen alte Schwarze sind» (Comment les Blancs sont d’anciens Noirs, 1930).

 

Blaise Cendrars, „Negeranthologie“ (französische Erstausgabe 1921, vom Verlag als „dritte Auflage“ deklariert).
Zahlreiche Nachauflagen und Neuausgaben als Taschenbuch, kommentierte Edition als Band 10 von Cendrars’ Werkausgabe (Œuvres complètes, 2005/2024); keine deutschsprachige Fassung vorhanden.

 

… Fortsetzung am 13.5.2026 …

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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