Traditionsbruch und Innovationsbegehren
Drei fast schon vergessene Anthologien zur literarischen Kultur der Moderne
Teil 36 siehe hier …
Auf gut 400 Druckseiten breitet Blaise Cendrars seine Funde nach Themen und Darbietungsformen aus – Texte unterschiedlicher Art (Märchen, Legenden, Fabeln, Humoresken, Sprichwörter, Gedichte, Lieder) über die Weltentstehung, die Erschaffung des Menschen, die Wunder und Leiden des Lebens, das Geheimnis des Todes, das Wesen und Wirken der Götter, die Irrungen der Liebe, den Charakter und die Verhaltensweisen von Tieren, die Natur der Pflanzen und Minerale …
In seinem Vorwort belobigt Cendrars den kulturellen Reichtum Afrikas und verweist insbesondere darauf, dass auf dem schwarzen Kontinent 601 [sic!] Sprachen und Dialekte gesprochen werden, was an sich schon ein hochdifferenzierter Schatz sei, den «niemand in Europa unbeachtet lassen» dürfe. Die Anzahl der Sprachen werde noch überboten durch ihre exzessive Fülle an Namen und Begriffen, die sich zu ebenso dichten wie präzisen Bedeutungsgefügen zusammenschliessen. Als Beispiel dafür nennt er eine Sprache, welche Dutzende von Wörtern allein für die verschiedenen Arten und Phasen des Gehens bereithalte. Es ist durchaus bemerkenswert, dass Cendrars (der keinerlei diesbezügliche Kenntnisse hatte) die linguistischen Besonderheiten der von ihm zusammengetragenen Texte so explizit kommentiert, jedoch in keiner Weise auf deren Thematik und Formbildung eingeht.
Das knappe Vorwort zur «Negeranthologie» schliesst mit dem pauschalen Diktum, «das Studium der Sprachen und der Literatur der primitiven Rassen» sei ein unerlässlicher Beitrag zum Verständnis der «Geschichte des menschlichen Geistes» – eine Aussage, die heute als rassistisch zu gelten hätte, damals jedoch durchaus anerkennend gemeint war. Cendrars’ ungewöhnliche Textsammlung war ein erster pionierhafter Schritt, der schon bald konkrete Bestätigung fand, zunächst in der französischen «Kolonialausstellung» von Marseille (1922, mit drei Millionen Besuchern), auf der Äquatorial-Afrika und Madagaskar mit eigenen Pavillons vertreten waren, danach in der Weltausstellung des Kunstgewerbes in Paris (Exposition internationale des arts décoratifs, 1925), auf der nebst modernem Design auch Exponate aus den afrikanischen Kolonien Frankreichs gezeigt wurden, schliesslich in der grossen Pariser «Kolonialausstellung» von 1931, auf der in weit grösserem Umfang (8 Millionen Besucher) erneut vielerlei Exponate aus Afrika und darüber hinaus zahlreiche afrikanische «Spektakel» präsentiert wurden. Cendars’ einschlägige Textsammlung bot dazu die passende literarische Dokumentation; und mehr als das – sie bewährt sich bis heute als ein Lesebuch von zeitloser Qualität und Gültigkeit.

Blaise Cendrars, „Negeranthologie“ (französische Erstausgabe 1921, vom Verlag als „dritte Auflage“ deklariert).
Zahlreiche Nachauflagen und Neuausgaben als Taschenbuch, kommentierte Edition als Band 10 von Cendrars’ Werkausgabe (Œuvres complètes, 2005/2024); keine deutschsprachige Fassung vorhanden.
… Fortsetzung am 14.5.2026 …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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