Traditionsbruch und Innovationsbegehren
Drei fast schon vergessene Anthologien zur literarischen Kultur der Moderne
Teil 37 siehe hier …
Nach langer Vorbereitungszeit und wiederholter Ankündigung legte André Breton (1896-1966) kurz vor dem Zweiten Weltkrieg eine «Anthologie des schwarzen Humors» vor (Anthologie de l’humour noir, 1940; erweiterte Neuauflage 1966; deutsche Erstausgabe 1972), die nach seinem eigenen Bekunden erstmals die Begriffe «Humor» und «schwarz» zusammenführen sollte. Zwar hatte es schon früher «schwarze» Literatur und Kunst gegeben – besonders populär der «gotische» Schauerroman, zuletzt die gespenstischen Visionen der Symbolisten – doch kamen diese Ausprägungen eher in der Groteske denn im Witz zur Geltung.
Als autoritativer Theoretiker und Propagandist des Surrealismus tendierte Breton dazu, die surrealistische Bewegung auf eine Vielzahl von künstlerischen, philosophischen und wissenschaftlichen Quellen zurückzuführen. Die Innovationsleistung des Surrealismus bestehe darin, all diese Quellen in sich aufgenommen und zu produktiver Synthese gebracht zu haben, den Anarchismus, den Marxismus, den Freudianismus ebenso wie die «schwarze» Romantik. Die Bewahrung und Transformation unterschiedlichster, auch gegensätzlicher Überlieferungen wollte Breton als eine permanente kulturelle «Revolution» verstanden wissen.
In der Einleitung zur «Anthologie des schwarzen Humors» (wie bereits in seinen Traktaten zur «Politischen Position des Surrealismus», 1935, und zur «Schrankenlosigkeit surrealistischer Grenzen», 1937) evoziert Breton eine kommende Weltkunst, die gleichermassen von «objektivem Humor» und «objektivem Zufall» bestimmt sein werde. Bekanntlich sind Zufall und Humor für die Ästhetik des Surrealismus konstitutiv; sie sind «die beiden Pole», zwischen denen die surrealistische Einbildungskraft «die längsten Lichtbögen erzeugen», das cartesianisch-kantianische Vernunftgebäude untergraben und es schliesslich zum Einsturz bringen können. Das «gesamte menschliche Schöpfertum» der Zukunft schlägt Breton also implizit dem Surrealismus zu, der allen Kunstschaffenden die Möglichkeit eröffnen werde, «sich kopfüber ins Wunderbare zu stürzen». Das Lustprinzip werde dannzumal definitiv über das Realitätsprinzip triumphieren.
Diese globalen Ambitionen wurden 1937 in London, 1938 in Paris durch grossangelegte Ausstellungen surrealistischer Kunst und Literatur international bekräftigt; mit seiner umfangreichen Anthologie – weit über 400 Textseiten – lieferte André Breton wenig später eine gewichtige Ergänzung dazu.
André Breton, „Anthologie des schwarzen Humors“ (französische Erstausgabe, Paris 1940).
Vom Herausgeber revidierte und ergänzte Neuausgabe 1966; mehrere Lizenzausgaben als Taschenbuch, zuletzt 2022; deutsche Erstausgabe 1972.
… Fortsetzung hier …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik








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