SELFIE
Wir drehen der Welt
den Rücken zu, halten
den Atem an.
Und finden doch nicht
aus unserer Spiegel-
verkehrtheit hinaus.
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Die Dichtung von Klaus Merz
besteht nicht nur aus Worten, sondern auch aus den Räumen, die sich dazwischen auftun. Räume, in denen sich Lebensgeschichten entwickeln, Räume, die sich mit Klang und Farbe füllen, in denen sich die Gedanken auf die Reise begeben und wieder zu sich zurückkehren. Dabei nimmt Klaus Merz die Wörter stets beim Wort. Er verzichtet auf alles überflüssige Beiwerk und verschafft der Sprache so den Spielraum, sich zu entfalten.
Sein neuer Band Noch Licht im Haus bündelt die ganze Vielfalt des poetischen Werks von Klaus Merz: das Beiläufige, dem er neue Tiefe und Weite abgewinnt; unscheinbare Momente, in denen sich Türen zur Erinnerung auftun; der Dialog mit Musik und bildender Kunst, deren Bälle er aufnimmt und weiterspielt. Neben die Gedichte dieses Bandes stellt Klaus Merz kurze Geschichten, poetische Miniaturen, die in wenigen Zeilen ganze Romane erzählen.
Haymon Verlag, Klappentext, 2023
Klaus Merz mobilisiert mit seinen Gedichten den Widerstand gegen die Vergänglichkeit
– Der neue Gedichtband des Schweizer Schriftstellers weitet den Augenblick zum Echoraum der Erinnerung. –
Am Ende von Klaus Merz’ neuem Gedichtband steht ein „Postskriptum“ überschriebenes Gedicht. Man liest es wie einen grüblerischen, zweifelnden Rückblick auf das Lebenswerk:
Zuweilen fällt es
mich an, von hinten: Nimm all
deine Wörter zurück.
Man weiss nur so viel: Klaus Merz nimmt beim Schreiben viele Wörter wieder zurück, aber gewiss und zum Glück nicht alle.
Man kann davon ausgehen, dass er auch in seinem neusten Werk, Noch Licht im Haus heisst der Band, manches wieder gestrichen hat. Geblieben ist eine überschaubare Zahl von Gedichten. Sie sind, wie stets bei Klaus Merz, karg und reduziert aufs Nötigste. Eingestreut finden sich auch einige erzählerische Gedichte, kleine Prosadichtungen vielmehr. Doch auch hier, wo der Erzähler ausholen könnte, fasst er sich kurz. Lebensgeschichten schnurren dann auf das zusammen, was wie eine Essenz erscheint und doch ganz ephemer und flüchtig bleibt: Nichts im Dasein hat Bestand. Am Ende braucht es nur eine Handvoll Wörter, und sie erzählen ein ganzes Leben.
Das spricht übrigens nicht gegen das Leben, aber für den Dichter, der seine Aufgabe ernst nimmt: Schreiben heisst verdichten. Weglassen, was nur Beiwerk ist, dem einzelnen Wort seinen Raum geben, in dem es nachhallen und in den Nachhall der anderen einstimmen kann. Nicht nur das Gedicht oder der Gedichtband ist ein Klangraum, Klaus Merz’ ganzes Werk ist ein grosser Echoraum, in dem einzelne Motive immer wieder und immer neu anklingen.
„Gezeiten“ heisst ein Gedicht hier. Es signalisiert schon in seinem Titel die ewige Wiederkehr. Das Wasser kommt, und es geht. Es ist – wie der Mensch – den Kräften grösserer, höherer Mächte ausgeliefert. Das Gedicht erzählt von der Wiederkehr einer fernen Erinnerung an die Mutter, die unter Depressionen litt und – weil die Medizin ihr (und vor allem sich selbst) nicht anders zu helfen wusste – mit Elektroschocks behandelt wurde. In dem Prosaband Jakob schläft erzählte Klaus Merz, wie die Mutter bleich und schreckensstarr von solchen Behandlungen zurückkehrte.
Nun heisst es im Gedicht:
Und die Stromschläge,
deiner Mutter verabreicht
vor Zeiten, sie branden
gegen die eigene
Schläfenwand.
So entsteht in Klaus Merz’ inzwischen auf viele schmale Bände angewachsenem Werk ein vielfach verwobenes Netz an inhaltlichen Bezügen. Die Motive bleiben die gleichen, ihre Wirkung verändert sich. Wie Caspar David Friedrichs Mönch am Meer schaut das dichterische Ich aufs Wasser hinaus, die ferne Vergangenheit ist physische Gegenwart geblieben: Die Gezeiten der Erinnerung pochen hinter den Schläfen.
Das Titelgedicht „Noch Licht im Haus“ lässt seinerseits einen dichterischen Hallraum entstehen. Es zeichnet in lediglich sechs Versen das Porträt des Dichters als alter Mann:
Sah ihn durchs Fenster,
den hageren Mann,
er stand vor seinen Bücher-
regalen. Als stünde er
vor einer Urnenwand:
Hier die Bücher, da die Urnen – und dazwischen der hagere Mann, bei dem das Licht noch brennt. Es folgt als letzter Vers ein Buchtitel, den der Mann vielleicht auf dem Rücken eines der Bücher in seinen Regalen liest, es ist von Vladimir Nabokov:
Sprich, Erinnerung, sprich!
Gegen die von den Urnen her drohende Vergänglichkeit mobilisiert „der hagere Mann“ – wer würde nicht an Klaus Merz denken? – die Weltliteratur und genauer die Erinnerung. Beide stemmen sich gegen das Vergessen und Verschwinden. Ihr Hallraum weitet den verengten Zeithorizont. Erinnerung bedeutet nicht Resignation, sondern, wie es in einem der schönsten Gedichte („Hôtel du Monde“) heisst:
Widerstand gegen alles,
was über den Augen-
blick hinaus will
Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 3.11.2023
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Felix Müller: Vielschichtige und verdichtete Texte und Gedichte von Klaus Merz
srf.ch, 29.11.2023
Schreiben, übersetzen, übersetzt werden – Ein Lyrikabend mit Donata Berra und Klaus Merz. Die von Pietro De Marchi moderierte Veranstaltung fand am 7. März 2013 am Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Zürich statt.
Poesiegespräch mit Klaus Merz in der literaturWERKstatt berlin am 13.12.2011.
Klaus Merz: In den Diensten des Dichters. Dankrede zum Friedrich-Hölderlin-Preis 2012.
Klaus Merz liest als Laureat des Basler Lyrikpreises 2012.
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + IZA + KLG + Verlagsgeschichte + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + IMAGO + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Klaus Merz liest beim Internationalen Festival der Poesie von Medellín am 10.7.2009.








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