Charlotte Grasnick: So nackt an dich gewendet

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Charlotte Grasnick: So nackt an dich gewendet

Grasnick-So nackt an dich gewendet

BÜCHERREGAL

Es gleiten die Blicke
über Namen und Titel:
Hufeisenfinder,
wie sah dein Glück aus –
dieser, daheim in der Fremde,
jener, ein Fremder daheim.
Die nimmt ein Blatt vor den Mund,
die spinnt noch den Faden Geduld.

Buch an Buch,
mit dem Rücken uns zugewandt,
jedes der Pfeiler des anderen.
Nehm ich eines heraus,
kippen sie leicht nach rechts
oder links.

Meine Hand hält die Seite,
die umschlagen will –
das Leben,
das liebe Leben
schreibt weiter.

 

Trennzeichen 25 pixel

 

Wenn etwas in uns glüht…

Ich muss elf Jahre alt gewesen sein, als ich Charlotte Grasnick zum ersten Mal traf. Ein wenig deplatziert dürfte ich gewirkt haben als Küken in einer Runde gestandener und angehender Dichter, die wöchentlich im Hause der Grasnicks zusammenkam. Ulrich Grasnick hatte einige Gedichte von mir gelesen und mich eingeladen. Ich war damals Sportler, trainierte an vier Abenden pro Woche und hatte keine Gelegenheit, an einem der literarischen Zirkel für „Junge Poeten“ teilzunehmen, die Ulrich Grasnick in zwei Kulturhäusern Köpenicks betreute. Ich wurde herzlich aufgenommen und folgte aufmerksam den Debatten um Versmaße, Metaphern und Allegorien, Musik und bildende Künste, dem Lob und der Kritik, die da verteilt wurden  im vom Rauch ungezählter Zigaretten verhangenen Musikzimmer der Grasnicks.
Bei meinem zweiten oder dritten Besuch setzte sich Charlotte, Ulrichs Frau, mit in die Runde. Sie sei Sängerin an der Komischen Oper gewesen, hatte ich gehört, oder sei es noch immer. Es fiel mir schwer, meinen Blick von ihren großen, dunklen Augen und dem schweren geflochtenen Zopf zu lösen, den sie damals trug. Andächtig lauschte ich ihrer ruhigen Altstimme, sobald sie eine Anmerkung in die Runde warf, und im Nu war ich auf eine unschuldige Weise verliebt. Das machte mich zu ihrem jüngsten Verehrer in diesem Kreis, ganz sicher aber bin ich nicht der einzige gewesen.
Charlotte war zurückhaltend, aber keineswegs unscheinbar. Auch wenn ihr Urteil ungünstig ausfiel, hielt sie damit nicht hinterm Berg. „Weißt Du“, bekam man dann zu hören, „das  ist mir zu leicht dahin gesagt.“ Und sie argumentierte mit behutsamer Beharrlichkeit. Ebenso deutlich allerdings war auch ihre Zustimmung, wenn eine Zeile sie berührte, wenn ein Vers „wirklich  erfüllt“ war, wie sie es gern ausdrückte. Gelegentlich begleitete sie Ulrich am Flügel, wenn er in Stimmung kam und zur  Auflockerung zwischen zwei Gedichtdebatten ein Lied zum besten gab. Sie selbst habe ich nie singen hören.
Bei  diesen ersten Begegnungen erschien mir Charlotte als die gebildete und anmutige Ehefrau des Dichters  Grasnick,  als zuvorkommende Gastgeberin und liebevolle Mutter der beiden damals 20 und 18 Jahre alten Söhne, beide Maler und trotz ihrer Jugend bereits von der gleichen, deutlich spürbaren männlichen Präsenz wie ihr Vater. Neben diesen drei Männern stand sie ein wenig am Rand. Sie ließ  ihnen Raum und war ganz offenbar stolz auf sie. Man hatte den Eindruck, dass sie gern einen Schritt zurücktrat, um  ihre Männer glänzen zu  lassen. Dass sie sich nicht nur bestens mit den Künsten und besonders in der Literatur auskannte und ein sicheres Gespür für Gelungenes wie auch Misslungenes hatte, sondern  selbst seit früher Jugend Gedichte schrieb, das wusste ich lange Zeit nicht. Es vergingen sicher zwei Jahre, bis Ulrich eines Abends ein Gedicht von ihr vorlas:

Umsonst
preßt du dein Ohr
an den Stamm.
Unter der Rinde
verstummt
mein gejagtes Herz.

 

Meine Äste,
einst Arme,
Umarmung  verweigernd,
meine Wurzeln,
einst Füße,
von Furcht angetrieben.

 

Glaubst du,
ich hätte Ruhe gefunden? 

Anlass für den Vortrag dieses Gedichts war ein Exkurs in die griechische Mythologie. Davon hörte man fast nichts in der sozialistischen Schule. Entsprechend dankbar war ich für die „Nachhilfe“, die ich im Zirkel der Grasnicks erhielt, etwa an jenem Abend, als von Daphne und Apoll die Rede war. Da gerät eine jungfräuliche Nymphe in den Streit zweier Götter, und Eros rächt sich, indem er Apoll in wildem Begehren nach Daphne entflammen lässt, die Nymphe aber unempfindlich für das Werben des Gottes macht. Auf der Flucht vor Apoll bittet Daphne ihren Vater, den Flussgott Pencios, sie in einen Baum zu verwandeln. Und so geschieht es. Daphne entkommt dem liebestollen Apoll, aber auch als Baum bleibt ihr die Furcht:

Glaubst du, Ich hätte Ruhe gefunden?

Die einst die Umarmung verweigernden Arme können nun selbst nicht mehr umfangen, wen sie umarmen wollen. Und so schließt das Gedicht mit den Zeilen:

Ich glaubte
den Verfolgern
entronnen –
unter meinem eigenen Schatten aber

 

Verwunden sie mich –
Ach, seit ich wünschte ein Baum zu
sein,
habe ich mich ausgeliefert
an euch im Schweigen

Als Ulrich dieses Gedicht vorlas, war ich wohl 13 oder 14. Was wusste ich schon von Lyrik? Was ahnte ich von Liebe? Welches „Du“ sprach Daphne dort an? Warum wurden Verfolger aus dem einen, ihr einst nachjagenden Apoll? Ich kann kaum verstanden haben, wovon hier die Rede war. Aber ich empfand die Tragik, die Furcht und die Liebe, die sich nicht mitteilen kann, das Ausgeliefertsein im Schweigen. Und schließlich ist nicht „Aufklärung“ via Ratio Zweck der Dichtung, sondern dass uns ein fremdes Gefühl erreichen kann, als wäre es unser eigenes.
Ich glaube nicht, dass ich damals etwas gesagt habe. Ich war betroffen. Auch beschämt, denn ganz offenbar hatte ich diese Frau unterschätzt. Ich drechselte altkluge Verse und übte mich in Formen. Mir gegenüber aber saß eine Frau, die wirklich etwas zu sagen hatte. Ich wollte glänzen, aber sie ging mit ihrer Gabe nicht hausieren. Glücklicherweise war ich jung genug und mochte sie bereits zu sehr, um nicht mit Neid oder Eifersucht zu reagieren – Gefühle, mit denen sich Charlotte im Laufe der Jahre häufig konfrontiert sah. Und so fand ich mich einige Jahre später mit einer wunderbaren Freundin beschenkt, von der ich lernen konnte, mit der ich streiten konnte, die schließlich begann, auch mich einmal um Rat zu fragen, wenn es ihr schwerfiel, sich zu befreien aus dem häufig wiederkehrenden „Ausgeliefertsein im Schweigen“.
Geboren wurde Charlotte Grasnick als zweites von vier Geschwistern 1939 in Berlin, nur wenige Wochen nach Ausbruch des 2. Weltkrieges. Sie wuchs in Keilhau auf, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Rudolstadt in Thüringen. Es war eine Kindheit unter Frauen. Die Großmutter mütterlicherseits, Anna Flume, lebte allein. Bei ihr kam die Familie unter. Ihr Mann war zu Beginn des 1. Weltkrieges in Russland gefallen, seine Erkennungsmarke jedoch nie gefunden worden, so dass Anna Jahrzehnte in der Hoffnung verbrachte, er könnte auf wundersame Weise überlebt haben und würde eines Tages nach Keilhau zurückkehren. Selbst nach dem 2. Weltkrieg fieberte sie noch den Heimkehrern entgegen, weil sie annahm, Otto Flume könnte unter ihnen sein. Der abwesende Großvater, von dem oft die Rede war, muss ein zupackender Mann von beeindruckendem Äußeren gewesen sein, der sich nicht scheute, selbst die Mistgabel in die Hand zu nehmen, insgeheim jedoch Versdramen zu historischen Themen verfasste, auf die Gefahr des finanziellen Ruins hin auf eigene Kosten drucken ließ und erfolglos an deutsche Theater verschickte.
Anna Flume hingegen war eine leidenschaftliche Fotografin. Zunächst auf Silberplatten später auf Film fertigte sie nicht nur über Jahrzehnte bemerkenswerte Porträts aller Familienmitglieder, sondern dokumentierte auch das Gemeindeleben in Keilhau. Oft begleiteten die Enkel sie nach Rudolstadt zum Fotostudio, um die neusten Abzüge abzuholen und im Anschluss bei einem Eis im nahen Café zu begutachten. Viele der Porträts sind in gewissem Grad auch Inszenierungen, und die Großmutter erzählte die dazu passenden Geschichten. In einer späten Erzählung wird Charlotte Grasnick von einem dieser mit Magie aufgeladenen Momente des gemeinsamen Betrachtens frischer Fotoabzüge berichten.
Nicht weniger beeindruckend und ebenfalls in der späten Prosa gegenwärtig war das Ende des Krieges, die Ankunft der Soldaten in Keilhau. Folgt man Charlottes Erzählung, war überraschenderweise nicht der Krieg die maßgebliche Erinnerung; der plötzliche Umbruch nach seinem Ende war die größere Irritation. Die weiße Fahne, die ein Bauer, um das Dorf zu retten, einem Spähtrupp der Amerikaner entgegen trug, blieb für Charlotte ein Motiv, das über die tatsächliche Situation des mit dem Gefühl der Befreiung wie auch der Niederlage behafteten Kriegsendes hinauswies.
Mit der Rückkehr des Vaters, Fritz Müller, änderte sich die Situation für die Kinder. Vor dem Krieg als Lehrer ohne Parteibuch auch ohne Stellung, wurde er Bürgermeister in Keilhau und kurz darauf nach Schwerin gerufen, um das Hochschulwesen in Mecklenburg-Vorpommern neu aufzubauen. Er war selten zu Hause, doch während seiner Besuche umso spürbarer anwesend. Die Familie siedelte später nach Rostock über, wo der Vater eine Professur übernahm und schließlich zum Dekan der Philosophischen Fakultät ernannt wurde. Man führte ein offenes Haus. Bildende Künstler und Literaten wie Ehm Welk und Hinstorff-Verleger Peter Erichson waren häufig zu Gast, erzählten ausgelassen und schätzten das Gespräch vor allem mit der Mutter und den kunstinteressierten jugendlichen Geschwistern. Der Vater verfolgte diese Gespräche nicht ohne Argwohn. An seiner Frau schätzte er vor allem deren Schönheit. Frauen sollten nützlich sein oder schmücken, am besten beides; und über die „Schmuckstücke“ wurde eifersüchtig gewacht. Immer wieder taucht in Charlotte Grasnicks Texten das Motiv des Dekorativen im Zusammenhang mit Weiblichkeit auf – sei es nun die „Propellerschleife im Haar“ oder seien es die Porzellangesichter und adretten Kleidchen der Spielzeugpuppen.
„Ich werde nie so schön sein können wie meine Mutter“ schreibt Charlotte – in die Haut des 13jährigen Mädchens schlüpfend – in einem ihrer Tagebücher. Wie es um die Nützlichkeit stand, stellte der Vater klar, als er einmal unerwartet ihre Zensuren prüfte und auf einen Vierer stieg. „Du wirst es höchstens zur Dienstmagd bringen!“ lautete das Urteil.
Etwas Nützliches hatte sie zu lernen und absolvierte eine Ausbildung zur Röntgenpraktikantin. Dass sie sich im Anschluss zu einem Gesangsstudium in Dresden (1959–1963) entschloss und auch noch einen dieser „fahrenden Sänger“, einen Kommilitonen, heiraten wollte, bedeutete den Bruch mit dem Vater. „Schick sie in die Fabrik, sie soll arbeiten!“ riet der seinem zukünftigen Schwiegersohn. Zur Hochzeit erschienen auf Druck des Vaters weder ihre Mutter noch die finanziell vom Vater abhängigen Brüder. Das war 1961. Im gleichen Jahr wurde der erste Sohn Thomas geboren, zwei Jahre darauf der zweite Sohn Stefan.
Ulrich Grasnick bekam eine Stelle beim Rundfunk und konnte nach Berlin übersiedeln. Die Familie folgte, und Ulrich wie auch Charlotte gelang 1963 die Aufnahme ins Ensemble der Komischen Oper, das damals unter der Leitung von Walter Felsenstein stand. In den Pausen zwischen Probe und Abendvorstellung wurde geschrieben.
Ulrich Grasnicks Debüt als Lyriker erschien 1973, danach publizierte er in dichter Folge bis 1979 drei weitere Bände, allesamt im Verlag der Nation, der als „liberale“ Nische galt und namhafte Autoren wie Jürgen Borchert und Johannes Tralow im Programm führte. Charlottes Gedichte wurden 1984, ein Jahr nach der oben erwähnten „Daphne“-Rezitation, in der Anthologie Spuren im Spiegellicht vorgestellt. Die Sammlung kam im Union Verlag heraus, bekannt für anspruchsvolle Belletristik, kulturgeschichtliche und philosophische Publikationen. In ihr wurden bis dato wenig bekannte Lyrikerinnen und Lyriker zum Teil erstmals einem größeren Publikum präsentiert – ein Sprungbrett also auf dem Weg zu einer eigenen Buchveröffentlichung.
Bereits ein Jahr später erschien der Gedichtband Flugfeld für Träume, ein Gemeinschaftsprojekt. Die erste Hälfte des Buches gehörte Charlotte, die zweite Hälfte Ulrich Grasnick.

Seide und wehende Stoffe
erfinde ich,
mich zu umhüllen,
als könnte ich leichter
dem gewohnten
Schatten
meiner Haut entkommen,
als müßte ich,
dir zu
begegnen,
mich verwandeln.

Im von politischem Kalkül und Zensur gegängelten DDR-Verlagswesen war diese Tandem-Veröffentlichung eine glückliche Fügung für Charlotte Grasnick, die andernfalls – wie sich später auch zeigen sollte – auf einen eigenen Band lange hätte warten müssen. Flugfeld für Träume enthält bereits einige ihrer stärkeren Gedichte. Zugunsten eines ausgewogenen Ganzen berücksichtigt die Auswahl aber wohl vor allem Texte, die den Eindruck eines Dialogs zwischen beiden Dichtern begünstigen, und zwar nicht nur eines inhaltlichen, sondern auch eines formalen. So dient noch häufig etwa eine Landschaft, ein Kunstwerk oder eine Biographie als Ausgangspunkt der poetischen Auseinandersetzung. Am stärksten ist Charlotte schon hier in jenen Texten, die Zwischenmenschliches thematisieren und in einem starken eigenen Empfinden und einer intim vertrauten, eigenen Bildwelt wurzeln.
Der „halbe Band“ war ein Meilenstein, dem ein emanzipatorischer Schub folgte. In ihrem Gedicht „Eine Widmung, eine Zueignung“ heißt es:

sie habe sich wieder verführen lassen zum Schwärmerischen, was sie bewog, es sich selbst einzugestehn: in sich aufräumen sei mit Äußerem verbunden…

Den schweren geflochtenen Zopf schnitt Charlotte ab, und man muss kein Psychologe sein, um in dieser Veränderung ihres Äußeren auch einen symbolischen Akt zu erkennen. In jener Zeit entstanden neue Gedichte – kühner in der Bildsprache und experimenteller in der Form, weit abseits des Konventionellen, das die (veröffentlichte) DDR-Lyrik größtenteils bestimmte.
Dieses „Aufräumen“ wirkte sich auch auf die Wahl der Sujets aus. „… das Sprechen in der dritten Person wäre ihr schon verdächtig“, heißt es weiter im oben zitierten Gedicht. So übt sie, „Ich“ zu sagen, zum Ich, zu sich selbst vorzudringen, und zwar als Dichterin wie auch als Frau. Die Position am Rand aufzugeben, ist ein Kraftakt, wie man an den Schlusszeilen des Textes ablesen kann:

Erneute Überwindung von Müdigkeit – das Fenster öffnen, zur Tür gehn, vom Ich abrücken wie von Tisch und Bett.

Doch sie muss „Ich“ sagen, um ihre eigene Handschrift zu finden und das gefundene Eigene zu behaupten. Diese persönliche Wendung bedeutet Auseinandersetzung, die sie nicht sucht, der sie jedoch nun nicht mehr ausweichen kann.

Tiefe Selbstzweifel begleiten Charlottes Schreiben. Fast alle Texte schreibt sie mit der Hand, notiert auf zahllosen Blättern immer wieder neue Variationen. Wochenlang kann sie über einer bestimmten Wendung brüten, einem Motiv nachsinnen. Bevor ein Vers bestehen kann, geht er durch ungezählte Transformationen. Wie schwer es ihr mitunter fällt, sich an eine bestimmte Formulierung heranzutasten, lässt sich an den etwa 30 nachgelassenen Tagebüchern ablesen, in denen sie oft in das Mädchen früherer Lebensjahre schlüpft und den Dialog beispielsweise mit dem Vater übt, eine Situation wieder und wieder erzählt mit wechselnden Emotionen. Diese Übungen wirken wie Meditationen, ein Umkreisen von Themen und Motiven, bis sich irgendwann eine poetische Wendung findet, die das eigene Empfinden in ein Bild überträgt, das über den Anlass hinausweist.
Ein Initialerlebnis ist die Begegnung mit der Prosa Friederike Mayröckers, die Mitte der 1990er Jahre erstmalig in der DDR erscheint. Charlotte besorgt darüber hinaus westdeutsche Ausgaben, aus denen wir uns gegenseitig vorlesen. Auch Sylvia Plath und Virginia Woolf sind oft Gegenstand unserer Gespräche, das poetisch ausgestaltete Erzählen aus einer Innenperspektive, nicht zwingend der eigenen. Die Prosa von Dichterinnen führt Charlotte in die Grenzbereiche zwischen Lyrik und Prosa. Sie schreibt nun zunehmend Gedichte im Fließtext und fragt sich gelegentlich, ob sie nicht konsequenterweise in die Prosa wechseln sollte. Darüber hinaus eröffnen ihr die Werke der Psychoanalytiker in Alice Miller – etwa Am Anfang war Erziehung und Das Drama des begabten Kindes – einen Themenraum, der bis dahin ausgespart blieb: die eigene Kindheit, deren prägende Erfahrungen und Beziehungsgeflechte sie mehr und mehr nicht nur als Wurzel ihres Selbst sondern auch als Quelle der eigenen poetischen Motivwelt begreift. Dieser Übergang ist im zweiten veröffentlichten Band Blutreizker nachvollziehbar. Das Titelgedicht, mit dem der Band beginnt, könnte ein Auszug aus der späteren Prosa sein.

Mein Bruder im äußersten Schwung am blauen Anschlag der Himmel und ohne Eile als wären die Augen verbunden ein Tasten danach mit einem bestimmten Gefühl für Tonhöhe beginnen ohne den Ton vorzugeben ich muß laut zählen den Takt halten im vierhändigen Erinnern o was jetzt da ist und alles noch einmal von vorn das Bilderbuch aufschlagen der Stern so tief eingesunken im Schnee daß er erlosch […]

Als diese Gedichte entstehen, schreibe ich an meinem ersten Romanmanuskript Der Libellenflügel und experimentiere selbst intensiv mit einer Prosa, die so dicht an der Lyrik bleiben soll wie nur irgend möglich. Erzählende Passagen sollen überleiten ins Metaphorische, in Prosagedichte; strenge Versmaße und musikalische Stilmittel werden herangezogen; zum bildlichen Ausdruck gesellt sich ein starkes Element von Klang und Rhythmus. In den Zirkelrunden stößt dieses Vorgehen auf wenig Verständnis. Mit Charlotte jedoch führe ich den Dialog weiter. Wir telefonieren oft, lesen uns gegenseitig vor. Wieder aber nimmt sie sich zurück und erzählt nur wenig von ihren eigenen Versuchen in dieser Richtung. Wahrscheinlich bin ich jedoch auch zu ungeduldig in jener Zeit, kein guter Zuhörer und ziehe mich schließlich zurück. Für einige Jahre herrscht Funkstille. Sie schickt mir ihren Blutreizker, der erst 1989 erscheinen kann, per Post mit einer für uns beide symptomatischen Widmung:

Wenn etwas in uns glüht,
in Stunden
einsam ausgeschwiegen,
schon gehen wir auf die Straße
und wollen an uns glauben.

„Für Benjamin, dem Freund / dem Dichter / von Charlotte“, schreibt sie dazu, was mich rührt, aber ich habe – anders als sie – vorerst vor der Dichtung kapituliert. Aus dem Libellenflügel ist ein Kapitel in einer Literaturzeitschrift erschienen. Man liefert damals Manuskripte, keine Computerdateien, und die Texte müssen in den Redaktionen abgetippt werden. Korrekturfahnen bekommt man nicht. Der Auszug wird beim Abschreiben mutwillig verheert. Ganz offenbar kann mit dieser Art Literatur niemand etwas anfangen.
Charlotte weist mich auf einen Text von Reinhard Jirgl hin, der im gleichen Heft erschienen ist und das Experiment mit der Prosa noch deutlich weiter treibt. Sie will mir Mut machen. Jirgl hat, was ich damals nicht weiß, ebenfalls etliche Jahre in den Grasnick-Zirkeln sein Handwerkszeug gelernt. Er ist aus dem Kreis ausgeschieden, noch bevor ich dorthin kam. Der Hinweis hilft nicht, ich bin nicht zu ermutigen, will mich aufs Erzählen verlegen. Wenig später fällt die Mauer, bricht eine Zeit an, in der wir alle mehr mit Leben als mit poetischer Reflexion beschäftigt sind.
Charlotte, die nach ihrem Weggang von der Komischen Oper als Musiklehrerin gearbeitet hat, wird arbeitslos. Für das Dichter-Ehepaar, das glücklicherweise ein Häuschen in Mahlsdorf besitzt, brechen wirtschaftlich schwierige Zeiten an. Der Verlag der Nation, in dem die Bände von Ulrich wie auch von Charlotte Grasnick erschienen sind, wird beinahe liquidiert, schliesslich verkauft und geht in der Verlagsgruppe Husum auf. Nachauflagen, gar weitere Veröffentlichungen werden von Tag zu Tag unwahrscheinlicher und schließlich undenkbar. Charlotte schlägt sich durch mit vorübergehenden Tätigkeiten, „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“, wie es in jener Zeit unbeschönigt heißt. Eine zeitlang arbeitet sie als Musikerzieherin in einem Kindergarten.
Unser Kontakt bricht über Jahre völlig ab. Ich habe zu studieren versucht, mich schließlich aber doch wieder für die Literatur entschieden und einen weiteren Roman in Angriff genommen, der alle poetischen Bemühungen und früheren poetologischen Überlegungen über Bord wirft – dafür aber mit Stipendien und Preisen gefördert wird und für den ich schließlich auch einen Verleger finde. Es ist 1993. Mein Debüt-Roman Das Alphabet des Juda Liva soll in absehbarer Zukunft erscheinen; ich bin in Lauerstellung. Da ruft Charlotte an und bittet mich um einen Gefallen.
Sie will Ernst machen, einen Prosaband in Angriff nehmen. Tatsächlich, räumt sie ein, arbeite sie schon lange akribisch an den Texten und gehe unter in den vielen handschriftlichen Notizen, unzähligen Blättern mit immer wieder neuen Fassungen voller Streichungen und Korrekturen. Sie liest mir zwei Seiten amTelefon vor, und ich bin begeistert. Diese Sprache ist von ungeheurer Kraft! Wir beschließen, gemeinsam die bisher entstandenen Texte abzuschreiben, zu sortieren und zu lektorieren. Diese Arbeit ist für uns beide beglückend und erschöpfend. Ich bin von den Texten begeistert. Und Charlotte, die sich seit Jahren über diesen Zeilen mit Selbstzweifeln gequält hat, atmet auf. Ich bilde mir ein, in den Entwürfen genau Stil und Dramaturgie erkennen zu können und fordere sie auf, alle Passagen, die ich als Ballast oder als aus der Diktion fallend empfinde, zu streichen. Wieder einmal, aber das wird mir erst 15 Jahre später klar werden, bin ich zu schnell und übersehe, dass auf diesen Blättern nicht nur die Dichtern zu neuer Kraft gefunden hat, sondern auch eine Erzählerin erwacht und nach ihrem Stil sucht; dass tatsachlich zwei Arten von Texten sehr unterschiedlicher Diktion entstehen, die sie später auch abwechselnd, dialogisch, montieren wird.
Wir treffen uns über einige Monate regelmäßig, fast wöchentlich, für einen langen Vormittag oder Nachmittag, um zu arbeiten, brechen aber ab, als es nicht gelingt, den Text „voranzutreiben“, wie ich es nenne. Ich habe das Tempo des Romanciers, plane streng und führe darin aus; sie hingegen will ganz Dichterin bleiben, nichts forcieren, die Bilder, Wendungen und Worte „ankommen lassen“. Sie hat es nicht eilig.
In diesem Punkt sind wir nicht kompatibel. Ich bin ungeduldig, in jeglicher Hinsicht. Die Veröffentlichung meines Debüts verzögert sich, das Geld geht mir aus, und ich verdinge mich als Lohnschreiber, als Journalist. Eine Computerzeitschrift bietet mir eine feste Stelle in München an. Ich ziehe um und verliere für Jahre den Kontakt nicht nur zu Charlotte, sondern zum gesamten literarischen Umfeld.
In den Jahren zwischen 1995 und 2007 hören wir nur sehr sporadisch voneinander. Wenn wir telefonieren, bedauert sie, dass ich der Literatur den Rücken gekehrt habe; und ich bedauere, dass sie ihr Prosavorhaben nicht weiter verfolgt hat. „Ich schreibe ja weiter“, sagt sie dann:

Es dauert nur eben ein wenig…

Ihren dritten Band Nach diesem langen Winter, 30 Gedichte, die 2003 in einer Broschur in Kleinauflage erscheinen, schickt sie mir zunächst nicht.
Erst 2007 bekomme ich ein Exemplar, wieder mit einer handschriftlichen Widmung:

Was wir uns erzählen
aus Kindheitstagen
ich erinnere mich an die Geräuschemacher
Regen, Sturm und Gewitter

Ich habe unterdessen mein literarisches Weblog Turmsegler begonnen, um mich täglich lesend und schreibend wieder an die Literatur heranzutasten. Natürlich schreibe ich auch über die Zirkelabende bei den Grasnicks und präsentiere einige Gedichte aus Charlottes Bänden, die vergriffen sind.
Im Frühjahr 2008 erscheint nach 13 Jahren Veröffentlichungspause mein Anderes Blau (Prosa für 7 Stimmen) in einem Schweizer Autorenverlag, ebenfalls in Kleinstauflage. Kaum drei Dutzend Exemplare werden verkauft. Aber über diese Prosa, die ich Charlotte schicke, kommen wir wieder ins Gespräch, telefonieren öfter miteinander, und als ich einige Monate darauf die Edition Neue Moderne übernehme, um nun eigensinnig auch als Verleger potentiell unverkäufliche, weil schwierige Prosa anderer Autoren zu publizieren, melde ich mich sofort bei ihr und frage sie, wie es um ihr Prosaprojekt steht.
Sie antwortet zögerlich. Wie sich herausstellt, hat sie über all die Jahre kontinuierlich an den Texten gearbeitet, zu einer Form gefunden, und es fehlen nur noch wenige Seiten. Mit einem freien Lektor, der für einen großen deutschen Publikumsverlag tätig ist, hat sie um jede Seite gerungen und hofft, das Buch auch in diesem Verlag unterbringen zu können. Ich kenne das Programm und bin skeptisch. Aber ich will sie nicht entmutigen. „Wenn es“, sage ich, „bei diesem Verlag nicht klappen sollte, verspreche ich Dir, das Buch herauszugeben. Auch um die Lyrik werde ich mich kümmern.“ Das freut sie. Aber sie möchte noch warten.
Ich stürze mich in die Arbeit an meinem eigenen neuen Romanprojekt Die Leinwand und höre erst Ende 2008 wieder von Charlotte. Sie teilt mir mit, dass sie Krebs hat, operiert worden ist und eine Chemotherapie macht, die gut anschlägt und die sie immerhin so weit verträgt, dass sie an manchen Tagen Kraft zum Schreiben hat. „Weißt Du“, sagt sie, und es klingt bestürzend heiter:

ich habe ja nicht mehr viel zu erzählen…

Vom Tod will ich nichts wissen. „Zum Sterben“, sage ich, „ist es viel zu früh.“Wir telefonieren noch einige Male und sprechen nicht über Literatur. Es sieht ganz danach aus, als würde sie den Krebs besiegen, aber es kommt anders. Am 23. Mai 2009, nach einem unbeschwerten Tag ohne Schmerzen, fehlt „ein Atemzug (…) auf dem Weg von Schlaf zu Schlaf“. Die Berliner Zeitung meldet ihren Tod. Ein Radiofeature erinnert an sie. Bei der Gedenkveranstaltung im Köpenicker Rathaus ist der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt.
Auf der Bühne steht ein Porträt, das Gabriele Mucchi von ihr gemalt hat. Gedichte von ihr werden gelesen und vier Geschichten aus dem Prosamanuskript. Sie hat es, erfahre ich schließlich, beenden können.

„So nackt an dich gewendet“ ist eine Zeile aus einem der späten Gedichte:

summe ich die weiße Fahne
entrollt sie sich aus dem Fenster
die grausamen Standarten in den Staub

 

welches Licht bringe ich in diese Legende
so nackt an dich gewendet
am Rande des großen Mondes

Kapituliert wird nicht. Viele Gedichte von Charlotte Grasnick wurden in den letzten Jahren von dem in Berlin lebenden Peruanischen Dichter José Pablo ins Spanische übersetzt und sind in Literaturzeitschriften in Spanien und in Peru erschienen. In Lateinamerika wird Charlotte Grasnick gerade entdeckt, und ich wünsche ihr von Herzen auch hierzulande eine Wiederentdeckung, wenn ihre Lyrik mit der nun vorliegenden Gesamtausgabe wieder einem größeren Publikum zugänglich wird.
Charlottes Heimat als Autorin war die Lyrik. Von ihr aus hat sie sich die Prosa erobert, und auch in der Prosa ist sie immer Dichterin geblieben. Es lag also nahe, zunächst die Gedichte neu aufzulegen, und ich bin glücklich und dankbar, dass ich den Verbrecher Verlag sehr schnell überzeugen konnte, dieses Vorhaben zu unterstützen.
Es sind die Liebesgedichte, die das Rückgrat des lyrischen Werks von Charlotte Grasnick ausmachen. Entstanden über Jahrzehnte, zeichnen sie die Geschichte einer intensiven Begegnung nach – vom ersten Kennenlernen über die Leidenschaft und mitunter schwierige Ehejahre bis hin zu einer späten Aussöhnung vor allem mit sich selbst. Allein aus diesem Grund schien es mir wichtig, die chronologische Folge gemäß den ursprünglichen Veröffentlichungen beizubehalten. Darüber hinaus lässt sich so auch die Entwicklung der poetischen Handschrift nachvollziehen.
Der vorliegende Band dokumentiert also die Ursprungsausgaben, soweit dies möglich war. Die Auswahl und Anordnung der Gedichte wurde nicht verändert. Korrigiert wurden offenbare Druckfehler. Dem Titel des Gedichts „Hoppegarten“ wurde „Galopprennbahn“ hinzugefügt, da die Ortsbezeichnung für Nicht-Ostberliner ansonsten wohl zu vage geblichen wäre. Lediglich die beiden letzten Strophen von „Einen Einfall wagen“ wurden gegenüber der Erstveröffentlichung anhand handschriftlicher Notizen stärker korrigiert. Hier war versehentlich eine frühere Fassung in den Originalband aufgenommen worden.
Der erste Band Flugfeld für Träume war mit Grafiken von Wilhelm Lachnit ausgestattet, der zweite, Blutreizker mit zehn Zeichnungen von Dieter Goltzsche. Die letzten Gedichte Nach diesem langen Winter erschienen ohne Grafiken. Um einerseits den Anspruch des Dokumentarischen zu wahren, andererseits aber für diese Gesamtausgabe ein durchgängiges Gestaltungsformat zu finden, wurde auf die Lachnit-Grafiken verzichtet. Stattdessen hat sich Dieter Goltzsche – über viele Jahre eng mit den Grasnicks befreundet – dazu bereit erklärt, für den ersten und den letzten Teil, inspiriert von den Gedichten, je fünf neue Zeichnungen und ein Frontispiz zu schaffen. Für diese Fügung bin ich besonders dankbar.
Ich halte Wort. Diese Gesamtausgabe der Gedichte von Charlotte Grasnick ist nur der erste Schritt einer editorischen Erschließung ihres Werkes. Das Manuskript ihrer Prosaarbeiten und ein Nachlass von 30 Tagebüchern und über 2.000 handschriftlichen Seiten mit Gedichten, Notizen und lyrischer Kurzprosa warten auf Sichtung.

Benjamin Stein,  München, 22.1.2010, Nachwort

 

Unumwunden

nennt Charlotte Grasnick die Dinge beim Namen. Die Autorin, die im April 2009 verstarb, hat ein bedeutendes lyrisches Werk hinterlassen. In diesem Buch ist es – begleitet von Dieter Goltzsches einfühlsamen Zeichnungen – erstmals in Gänze wahrnehmbar.

Verbrecher Verlag, Klappentext, 2010

 

„Aus dem geöffneten Fenster / fällt das ausgewanderte Licht.

– Gesammelte Gedichte einer filigranen Wortkünstlerin. –

Was haben wir überlebt,
dass wir so schwer
zu beeindrucken sind?

Durch ein Gedicht in der Zeitschrift Volltext und einen Text über die Autorin war ich auf diese Gesammelten Gedichte von Charlotte Grasnick aufmerksam geworden. Benjamin Stein (der hier als Herausgeber fungierte, der mit den Grasnicks, speziell Charlotte, über Jahrzehnte in wechselndem Kontakt stand und das hervorragende Nachwort schrieb) mag es damals gewesen sein, der den Beitext schrieb, oder auch jemand anders, auf jeden Fall war die Beschreibung so nah und intensiv, dass ich sehr enttäuscht war zu lesen, dass die Dichterin bereits verstorben war. Habe mir den Band dann, obwohl mich das abgedruckte Gedicht nicht so stark beeindruckte, sofort zulegte. Dann lag er eine Weile rum und erst heute Morgen nahm ich ihn zur Hand, musste ihn dann aber direkt in einem Zug durchlesen, so sehr reizte es mich, das nächste Gedicht kennenzulernen.

Es gibt Sekunden,
wo auf dem gespannten Antlitz
die Seele ihren Ausflug wagt,
wo du mir das Staunen zeigst
in einem Spiegel aus Luft.

Kennenlernen ist hier durchaus die richtige Bezeichnung. Es gibt ja Dichter, die sind ständig mit Elementen, mit hoher Sprache und Tiefeneindrücken beschäftigt und man schlängelt sich durch ihre Gedichte wie durch fremde Welten, die Wunderbares bis Undeutliches offenbaren – ganz selten sind Gedichte solcher Dichter wirklich Begegnungen, meistens sind es eher großräumige Erfahrungen (wobei das eine dem anderen, und umgekehrt, nicht in irgendeiner Weise vorzuziehen ist oder nachsteht – und ganz genau trennen kann man es natürlich auch nicht immer).
Charlotte Grasnicks Gedichte jedoch sind Begegnungen; meistens kurz, fast unscheinbar, nur wenig sprachmalerisch, eher innerlich (und von da aus malerisch), mit einem Zug zur direkten Darstellung und manchmal zur leichten, aber auch bildhaften Innovation.

Ich hätte gern
wie ein Clown
für dich
vierblättrige Kleeblätter
geweint

 

Ich sitze
im Blickkorridor
deiner Fragen.

 

Zwei Ichs
werfen zwei Schatten
Zwei Ichs
sind zwei Träume
die Augen zwei Spiegel
zögernd beschlagen
vom Atem der Zeit.

Fast unbetont, sich eher zaghaft ausbreitend, bleiben diese Verse meist in ihrem eigenen Bild, gehen wenig darüber hinaus. Das stärkt sie allerdings auch, von innen heraus und verleiht ihnen eine oftmals unwillkürlich aufgebaute Größe. Einige der Gedichte aus der mittleren Schaffensphase erinnerten mich in Ansätzen an die Gedichte von  Johannes Kühn. Ähnlich wie jene nähern sie sich poetisch ihrem Thema oder Objekt, ohne dabei die Einzelheiten, die schließlich einen Pfad zum Wesen des Gegenstands aufbauen, aus den Augen zu lassen, ohne die Annäherung an die über das Gedicht gebreitete Botschaft zugunsten einer höheren Poesie und Verspieltheit zu verschleiern. Grasnick will beides: Zum Kern der Dinge vordringen und ihn doch umrunden – die Worte sind wichtig, jedes einzelne, aber sie sollen das Thema auch tragen und erfassen. Sehr gut sichtbar wird dies bei dem Gedicht „Ravensbrück“, das von dem gleichnamigen Konzentrationslager handelt. Und doch geht es nicht nur um das Lager Ravensbrück, es geht um das Geschehnis Ravensbrück.

RAVENSBRÜCK

 

Wie vor Augen führen
das nicht vor Augen Führbare,
wie an die Hand nehmen
die entlittene Hand?

 

Ganz nah herangehen
an das Wort.
Dahinter Frauen und Kinder
in Reihen,
sie winken nicht,
sie lächeln nicht
sie bitten nicht mehr.

 

Uns bleibt
zu sagen:
so war es –
nicht:
es war einmal.

Ein großes Gedicht, wie ich finde und ein wichtiges, nicht über das Thema hinausspielendes Gedicht, das sein Thema nicht lautmalerisch untergräbt, oder metaphysisch überkopft.
Das Gro der Texte fängt sehr persönliche Momente ein (muten in ihrer geknüpften Stille auch ein wenig wie Vers von Sylvia Plath an, eher selten allerdings), aber es gibt auch ganz fabelhafte Gedichte über Personen, zum Beispiel über Mozart, über den sie schreibt.

Wir haben keinen Namen dafür,
was mit uns geschieht,
wenn der Medizinmann der Seele
uns den alltäglichen Staub
von der Haut wischt,
da
s Herz wie eine Muschel öffnet,
mit ein paar herausrollenden Perlen
uns zu verblüffen,
eine, in die offene Wunde gerollt,
kühlt

Solch wesenhaftes Erfassen, frei und doch bezeichnend, findet man immer wieder in Grasnicks Gedichten, vor allem dann wenn sie sich an ein anderes Thema als ihr Inneres wagt.

Meine Tränen sind die Ufer
wo ich an Land gehe

Es ist selten, dass man ein Buch mit Gedichten aus der Hand legte, wie man einst als Kind vielleicht einen Abenteuerroman oder als Kleinkind ein Bilderbuch aus der Hand legte: mit die Gefühl einer Erfülltheit, die sich aus Spannung und innerer Erhebung zusammensetzt und die einen für die ganze Dauer der Lektüre zusammenhielt, einen weit weg brachte und einen sehr nah an sich selbst herankommen ließ. Charlotte Grasnicks Gesammelte Gedichte sind ein solch kostbares Buch, leicht und doch mit eben jener Reichhaltigkeit und Erlebnisdichte gefüllt, die wir nicht entbehren zu können glauben, in den Minuten, Stunden nach dem das letzte Gedicht uns begegnet ist.

wie alt unsere Bäume,
wie sprachlos,
wenn das letzte Blatt sie verlassen

 

Mein Fuß im Schnitt
der Schere: Himmel und Meer –
Silber reibt sich an Silber,
nichts wird zerschnitten.

Timo, amazon.de, 22.5.2013

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Benjamin Stein: Beschleunige Einblicke
turmsegler.net, 6.1.2010

Benjamin Stein: Lothar Müller über Charlotte Grasnick
turmsegler.net, 28.4.2010

 

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

 

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + deutsche FOTOTHEK
Nachruf auf Charlotte Grasnick: Berliner Zeitung

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Kerker

Erker mit K; Erreger von Ärger; kehr und reck dich am Reck!

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Gegengabe

0:00
0:00