Christian Lehnert: opus 8. Im Flechtwerk

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christian Lehnert: opus 8. Im Flechtwerk

Lehnert-opus 8. Im Flechtwerk

AN DER LETHE

Die Blicke laufen ruhig hin und her
Auf einer Linie / sind für sich allein.
Sie dringen lautlos in die Namen ein /
Sie fallen in die Tiefe / werden schwer

Und flocken aus. Es scheint / wir würden sehen /
Dort Stimmen hören und uns selbst verstehen.
Die Toten / uns vor Augen / schauen auf /
Beweinen uns im unentwegten Lauf

 

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Im Flechtwerk,

Lehnerts achter Gedichtband, ist ein streng gefügtes Werk. Siebenmal sieben Gedichtpaare bilden ein Flechtwerk, eine verwobene Kunst der Fuge. Musikalische Strukturen prägen den Zyklus: von Reimklängen bis zur Motivverarbeitung in verschränkten Zusammenhängen nach dem Vorbild barocker Kantaten.
Doch geht es nicht um formalistische Exerzitien. In ihrer so expressiven wie reflexiven Musikalität erkunden Lehnerts Gedichte die Natur, indem sie ihr antworten. Und mehr noch: Gegen den als ,Anthropozän‘ maskierten Totalzugriff des Menschen auf seine Umwelt suchen die Gedichte ein Widerlager. Im Übergang zwischen Denken und Wahrnehmung spüren sie dem Geistigen nach: In dem, was ,Materie‘ scheint, erfahren sie Offenbarungen in Pflanzen, Tieren und Dingen, in Tageszeiten und im Spiel der Wellen.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2022

 

Christian Lehnert: Schöpfung ist das Grundmotiv

– Christian Lehnerts mystische Lyrik fordert auf, sich Gott anzuvertrauen. –

Metaphern überschreiten Grenzen. Sie tragen schweres Gewicht scheinbar leichtfüßig und spielerisch von einem Bereich in einen anderen. Christian Lehnerts neuer Gedichtband lebt von Metaphern, welche die Grenzen zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Gott, zwischen Gott und Natur überschreiten.
Die Schrift ist ein „Flechtwerk“ und das Buch, dessen Untertitel diese Metapher verwendet, ist ein „natürliches Buch“, wie der Vorspruch zu opus 8, Lehnerts achtem Gedichtband, sagt. Das Buch, die Schrift, ist Natur. Nicht zufällig stammt das Motto zum ersten Abschnitt des Gedichtbandes aus dem kabbalistischen Buch Sohar: In der Kabbala sah man Entsprechungen zwischen den Buchstaben des (hebräischen) Alphabets und den Prinzipien der Schöpfung. Aber wenn die Schrift Natur ist, gilt auch das Umgekehrte: Die Natur ist Schrift, sie kann wie ein Buch gelesen werden.
Mehr noch: Die Natur liest und schreibt sich selbst, wenn etwa in einem der Gedichte aus opus 8 der Regen ein „silbriges Blatt“ wie eine Buchseite umwendet und wenn ein Stammschößling darin liest. Der Samen des Fingerkrauts schreibt, die Flechte und die Sumpfkräuter sind Zeichen, unbekannte Worte. Sogar die Hasel denkt, ihre „Röllchen“ sind Begriffe. Die Amöbe und das Meer erkennen die Welt und die Welt erkennt sich in ihnen, das Bakterium und die Kreuzspinne sprechen in wörtlicher Rede. „Ein Name ist das Kraut“ – und ebenso:

Der Name ist ein Kraut.

Mit Johann Georg Hamann, von dem ein Abschnittsmotto stammt, gilt für Lehnert: Die Natur ist die allgemeine Sprache.
Doch geschehen diese Grenzüberschreitungen nicht zu leichtfertig, werden hier nicht vorschnell Grenzen verwischt, Bereiche miteinander vermischt, die getrennt bleiben sollten?
Wollte man dieser Lyrik eine philosophische Rechtfertigung mitgeben, derer sie natürlich im Grunde nicht bedarf, dann könnte man sagen: Der Mensch ist natürlich, weil die Natur menschlich ist. Deswegen ist durch die Natur vom Menschen und durch das Menschliche (Sprache, Schrift, Denken, Begriffe) von der Natur die Rede. Die Vermenschlichung der Natur und die Vernatürlichung des Menschen sind weder unsachgemäßer Anthropomorphismus noch romantische Phantasmagorie, sondern durchaus wirklichkeitsgerecht.
Lehnert hat sein Buch ähnlich streng gegliedert wie Dante seine Göttliche Komödie: Sieben Abschnitte enthalten sieben Gedichtpaare. Bei jedem Paar besitzt das Gedicht auf der linken Buchseite zwei Verse, das Gedicht auf der rechten Seite hingegen acht Verse. Von diesem Schema gibt es nur zwei Abweichungen, bei denen das linke Gedicht vier statt nur zwei Verse umfasst. Schon auf dem Schutzumschlag bemüht man sich, Lehnerts Buch vor dem Verdacht in Schutz zu nehmen, dass es sich hier um „formalistische Exerzitien“ handeln könnte.
Der Titel opus 8 stellt den Bezug zu musikalischen Kompositionen her. Die Musik darf dabei nicht bloß als menschliche, sie muss als kosmische Musik verstanden werden: „die Gestirne klingen“, heißt es an einer Stelle. Auch die Sprache ist Musik, etwa im strengen (jambischen) Versmaß und in Gleichklängen wie Alliterationen, Assonanzen und Reimen, die Lehnerts Lyrik etwa seit dem Band Aufkommender Atem (2011) prägen. Anstelle von Kommata verwendet Lehnert in opus 8 durchgängig Schrägstriche, die an Taktstriche aus einer Musikpartitur erinnern und den Rhythmus der Texte gliedern.
Musik ordnet das Chaos, sie schafft eine durchaus nicht glatte, sondern spannungsreiche Harmonie. Das gilt ebenso für natürliche Muster, für den Lauf der Gestirne, den Kranz einer Blüte, Rankenwerk oder die Form eines Blattes, ja auch für den Rhythmus des Ein- und Ausatmens, der als wiederkehrendes Motiv in den Gedichten von opus 8 erscheint. Schöpfung ist ein Grundmotiv in Lehnerts achtem Gedichtband. Schöpfung ist Kehre, Schwelle – kabbalistisch „Zimzum“, die Selbstkontraktion Gottes, die Lehnert im Herzschlag eines Molches wiedererkennt. Daher die häufige Wiederkehr des Winzigen und des Amorphen in opus 8 – Samen, Keime, Bakterien, Flechten, Pilze, Amöben –: Es symbolisiert die Welt in statu nascendi, im Übergang zwischen Nichtsein und Sein.
So heißt es in einem der Gedichte: Du „siehst / wie alles eben erst entsteht“. Aber auch die entgegengesetzte Kehre, die Kehre vom Sein ins Nichtsein, ins Vergehen, Sterben und Vergessen, ist in dem Buch überall präsent. Ein häufiges Motiv in der ersten Hälfte von opus 8 ist der Sog: Die Anziehungskraft Gottes, aber auch die Anziehungskraft des Todes.
Als Schöpfung wird die Natur stets in Beziehung zu ihrem Schöpfer gesetzt. Im Vorspruch zu seinem Gedichtband sagt Lehnert, dass das Geschaffene die „Signaturen“ Gottes trage. Deshalb kann man mit dem Mohn beten. Man kann mit Jacob Böhme, Meister Eckhart (von ihnen stammen Motti für verschiedene Abschnitte des Gedichtbandes) und anderen Mystikern im Geschaffenen den Schöpfer erblicken. Eines der Gedichte trägt den Titel „Fließendes Licht“, was man als Anspielung auf die Schrift der Mystikerin Mechthild von Magdeburg verstehen kann: Das fließende Licht der Gottheit. In einer gewagten Metaphorik wird in einem anderen Gedicht Meeresplankton zum Gottessymbol: Wie das Plankton ist Gott, der „Schaffende“, ein „Strom“, und es gilt:

Wer in ihm hausen will /    Muss ohne Bleibe sein.

Hier spielt Lehnert auf die Aufforderung der Mystiker an, sich und das Eigene zu lassen und sich ganz dem fließenden Strom der Gottheit anzuvertrauen.
Lehnerts Worte sind eine Erinnerung an eine Dimension der Natur und des Lebens, die sich dem Zugriff der Wissenschaften entzieht. Die Gedichte können dem Leser zu Holz, Öl und Saft werden. Sie sind Material der eigenen Phantasie, geistige Nahrung, und sie erfreuen durch ihre Schönheit. Einer der Zweizeiler sagt dies über die Sprache im Allgemeinen, die doch mit dieser Metaphorik schon wieder über sich hinausweist in den Bereich der Natur:

Der Name ist ein Kraut /     ein Keimling und ein Schaft /
Gewachsen aus dem Laut /     zu Holz und Öl und Saft.

Daniel Zöllner, Die Tagespost, 16.6.2022

Konzeptalben und poetische Wunderwerke

In Zeiten von Spotify und anderen musikalischen Streaming-Angeboten gibt es bekanntlich jede Menge Playlists, manche davon angeblich handverlesen, aber meist besorgt irgendein Algorithmus die Zusammenstellung der Songs: Wer Wanda mag, hört gern auch was von Bilderbuch oder Voodoo Jürgens. Was dabei leider zunehmend auf der Strecke bleibt, ist das Konzeptalbum. The Lamb Lies Down on Broadway von Genesis, The Wall oder The Final Cut von Pink Floyd, Bon Ivers For Emma, Forever Ago oder Paul Simons Songs from the Capeman – das sind nur ein paar wenige Beispiele für große Alben aus der Vergangenheit, auf denen jeder Song seinen festen Platz in einem Gesamtkonzept hat und sich nicht einfach so herauslösen lässt, ohne einen Teil seiner Bedeutung zu verlieren. Etwas salopp formuliert: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, doch die Teile sind nur in der Summe ganz.
In der Lyrik gibt’s noch keine Playlists, dafür aber das, was man als dichterisches Äquivalent zum Konzeptalbum betrachten könnte: Gedichtbände, die nicht einfach Gedichte versammeln, sondern die Poeme nach einem höheren Ordnungsprinzip reihen. (…)
Ein lyrisches Wunderwerk ist auch der bereits achte Gedichtband des Theologen Christian Lehnert: opus 8. Im Flechtwerk (Suhrkamp, 2022) heißt er, und er versammelt 7 mal 7 Gedichtpaare, bei denen jeweils auf einen sentenzenhaften Zweizeiler auf eine Pflanze oder ein Tier ein längeres Gedicht folgt, das ebenfalls Naturphänomene beschreibt. Der Sound dieser Gedichte, die sich ganz selbstverständlich des Reims und eingängiger Metaphorik bedienen, kann beinahe süchtig machen:

Nun bin ich an der Kehre / hier beginnt
Die andre Seite dessen / was vergeht.
Pupilleninneres / woraus besteht
Das Nachbild / das in trocknem Reisig glimmt?

Diese Gedichte sind „Soli Deo Gloria“ geschrieben, aber dass (im weitesten, fast pantheistischen Sinne) geistliche Lyrik so schön und zugleich so modern, so naturnah und zugleich so metaphysisch klingen könnte, wagte man vor Lehnert nicht einmal zu ahnen. Hier wird das Konzeptalbum zum poetischen Wunderwerk.

Andreas Wirthesohn, Wiener Zeitung, 24.7.2022

Das Ich des Glühwürmchens

– Wie man von den Dingen der Natur redet, ohne sie nach Menschenmaßstäben zu messen: Der Dichterpfarrer Christian Lehnert erschreibt sich die Schöpfung. –

Die Tradition der Dichterpfarrer in der deutschen Literatur reicht von Paul Gerhard über Johann Peter Hebel bis zu Eduard Mörike. Christian Lehnert, geboren 1969 in Dresden, steht als hymnischer Naturdichter in dieser Tradition, auch wenn er nach dem Studium von evangelischer Theologie, Orientalistik und Religionswissenschaften nicht als Pfarrer arbeitet, sondern als Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts an der Universität Leipzig. Dichten ist für ihn eine besondere Art des Gottesdienstes. „Soli Deo Gloria“ schreibt er in der Vorbemerkung zu seinem neuen Lyrikband. Wie es einst in der Literatur des Barock üblich war, erklärt er an dieser Stelle, wovon dieses „natürliche Buch“ handelt:

Von Pflanzen und Tieren
Mikroben und Steinen in ihren Erscheinungen
Von ihren Namen
Ähnlichkeiten
Heilkraft und ihrem Atem

Wer seinen achten Gedichtband opus 8. Im Flechtwerk nennt, agiert zweifellos mit großem Werkbewusstsein. „Opus 8“ ist aber auch ein Hinweis darauf, dass es sich nicht einfach nur um Dichtung handelt, sondern um eine musikalische Struktur. Tatsächlich ist der Band äußerst formstreng komponiert. Die sieben Abschnitte – wie die sieben Tage der Schöpfung – umfassen jeweils sieben Gedichtpaare. Auf der linken Buchseite findet sich fast immer ein Zweizeiler, rechts ein Gedicht, das aus acht Versen besteht, mal kompakt, mal in Strophen gegliedert, aber immer gereimt.
Die Zeilen werden zusätzlich durch Schrägstriche gegliedert, die aussehen wie Taktstriche auf einem Notenblatt. Das so gefügte Gebilde erinnert an Bachs Wohltemperiertes Klavier“, nur dass Christian Lehnert seine Präludien und Fugen nicht durch sämtliche Tonarten führt, sondern durch die Vielfalt des Lebens. Das reicht vom Aal über die Amöbe bis zum Amethyst, von der Wiesenweihe über den Winterwald bis zum Weidelgras und variiert dabei ein großes, alles verbindendes Thema: Wachsen und Vergehen oder, wie es zu Beginn gleich heißt:

Werden im Verlöschen.

Jeden der sieben Abschnitte leitet ein Zitat ein. Mit Meister Eckhart, Jakob Böhme, Johann Georg Hamann und dem Buch Sohar aus der jüdischen Kabbala stellt Lehnert sich in die Tradition der Mystiker, mit denen er die Suche nach dem Heiligen teilt, das er aber nicht in einem wie auch immer gearteten Transzendenten zu finden hofft, sondern in der Natur, die benannt, beschrieben und damit allererst erschaffen wird. Schon in der Genesis gehört der Moment der Benennung zum Schöpfungsakt: Gott schafft, aber der Mensch gibt den Tieren ihre Namen. Lehnert tut das staunend und in großer Bescheidenheit. Seine Gedichte sind musikalisch-sprachlicher Schöpfungsakt und zugleich Lob der göttlichen Ordnung.
Die Tiere und Pflanzen sind ganz und gar sie selbst, ohne etwas davon zu wissen. Irgendwo in ihnen pulsiert eine Erinnerung, die sie zu dem führt, was sie werden sollen. Erst die Dichtung gibt ihnen ein Bewusstsein. Die Sprache ist dabei aber nichts Fremdes, sondern kommt aus den Gegenständen, wird vom Dichter nur aufgenommen, so wie im Gedicht über die Haselnuss:

Sie denkt und sie begehrt / sie steht im Wind
Und hängt Begriffe in die Wintersonne.
Sie lösen sich von ihr / die Röllchen sind
Ein vollgestelltes All / darin geronnen
Was sich ihr zeigte. Schneenachts war sie blind /
Ins Kahle / Zufallsformen eingesponnen.
Nun stäubt sie Pollen aus / und sie empfängt.
Herangeweht ist das / wohin sie drängt.

Jedes Lebewesen, jeder Stein, jede Schneeflocke steht für sich und ist doch Teil des Ganzen. Der Titel Im Flechtwerk deutet diesen Zusammenhang an. Das untergründige Wurzelgeflecht einer alle verbindenden Lebendigkeit nimmt alles auf, was die Natur ausmacht. Da gibt es keine höheren oder niederen Lebensformen und schon gar nicht den Menschen als Krone der Schöpfung. Nur in zwei, drei Gedichten spricht sich deshalb ein lyrisches Ich aus, das aber stiller Beobachter bleibt. Das eigentliche Ich dieser Gedichte ist die Sprache selbst. Dann kann auch das Glühwürmchen „ich“ sagen oder die Kreuzspinne:

„Ich bin der schnelle Lauf /   bin fliegenwarm / ein Ball
Aus Weben / bin der Biss /    ein Fadenwurf ins All.“

Leben erscheint in diesen Gedichten als dynamischer, dialektischer Prozess, in dem das unweigerliche Vergehen und Erlöschen schon im Werden angelegt ist. So heißt es über die Samenkapsel der Stockrose:

In einer Schale    ruht die Zeit / von ihr getrennt /
Ein ferner Blütensog /    das Jahr / das sie nicht kennt

Lehnerts Frömmigkeit ist seine dichterische Ausdruckskraft. Seine Gedichte sind Choräle, die das Leben in all seinen Erscheinungsformen feiern. Trotz der strengen Form wirken sie schlicht und einfach und sind gerade dadurch schön.

Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung, 27.7.2022

Die feinsten Blitze

– Christian Lehnert schreibt seine poetische Naturreligion fort. –

Die zeitgenössische Lyrik verfügt über ein besonderes Sensorium: etwa für die Gespräche der Bäume, die Wünsche der Kühe oder das Sinnieren der Vögel. Nachdem über Jahrhunderte hinweg der Mensch im Mittelpunkt stand, schenken zahlreiche Autorinnen und Autoren in der Epoche des Klimawandels der Natur Gehör.
Dies tut auch der Dichter Christian Lehnert in seinen neuen Gedichten, nur auf ganz andere Weise. „Die Zeichen liegen klar“, schreibt er über wuchernde Sumpfkräuter, um sogleich im nächsten Vers deren „völlig unverständlich[e] / stumme Schriften“ einzuräumen. Und über den Aal weiß er nur zu sagen, dass er ein nicht näher definiertes „Wohin sich schafft“. Statt sich in Flora und Fauna einzufühlen, zeugen die Miniaturen des 1969 geborenen Lyrikers eher von einem Staunen, das das Geheimnis seines Gegenübers wahrt.
Gewiss mag Lehnert darin seine Art des Respekts vor Pflanzen und Tieren zum Ausdruck bringen, als entscheidend erweist sich darüber hinaus deren Verquickung mit der Idee des verborgenen Schöpfers. Mehrfach den Mystiker Meister Eckhart zitierend, schreibt nämlich der Theologe Lehnert seit jeher und mit seinem aktuellen Band Opus 8. Im Flechtwerk erneut an einer poetischen Naturreligion.
Aus dem rätselhaften Inneren seiner Gedichte vernimmt man daher stets einen fast heiligen Atem und Lichter aus der Dunkelheit. Zudem werden Grenzen zwischen Materie und Nicht-Materie aufgehoben. Die Unterscheidung zwischen Dies- und Jenseits wird dadurch gänzlich hinfällig. So manche Einzeller können sogar zwischen den Räumen gleiten: „Ob lebend? Tot?“ Sie, die Sporen, „treiben hin und her“.
Das Metaphysische wohnt in Lehnerts Texten allen Erscheinungen inne und äußert sich in einer sich täglich wiederholenden Schöpfung. Es braucht wie im Falle der Feldlerche dafür nur die Fähigkeit zur Hingabe an – wie Hölderlin es herrlich veraltet nannte – den Äther. Dann gilt es „zu steigen in den Laut / bis alles sich verliert / Bis nichts dein Eigen bleibt / der Wind dich erst gebiert.“
Aufgefangen wird man ohnehin in einer, wenn auch letztlich undurchschaubaren Ordnung. Bemerkbar wird diese in einer im ganzen Band durchgehaltenen strengen Komposition aus Reimen. Zum einen stellen sie das Gerüst einer Welt dar, die schon in der Genesis ihren Anfang im letztlich poetischen Wort findet, zum anderen erinnern sie an ein Spiegelverhältnis zwischen der menschlichen und göttlichen Sphäre.
Während die Vorstellung, mit den Mitteln der Literatur ein spirituelles System zu entwerfen, durchaus an die Romantik anknüpft, verweist die reglementierte und stets mit Zäsuren versehene Architektur der Poeme auf das Barock. Alle Gedichte vereinen geniale Könnerschaft und inhaltliche Substanz. Trotzdem haftet ihnen keinerlei Schwere an. Sie wirken leicht und grazil. Man hört „ein Wellenflirren / so als witterte / Der Wind nach Leben / grün und algenweich. / Die feinsten Blitze / überall versunken – / So war der Tag nichts als ein Tanz von Funken.“ Solche Verse fallen – gemessen an den Krisennarrativen in der aktuellen Lyrik – anmutig aus der Zeit und ringen um eine verborgene Wahrheit, zu der es letztlich nur einen Schlüssel gibt: die Poesie.

Björn Hayer, Frankfurter Rundschau, 29.4.2022

Ich schloss die Augen, und es wurde hell

– Darf man so schön dichten wie Christian Lehnert? –

Ein Buch, das in diesem dunklen Frühjahr 2022 erscheint, wurde natürlich schon lange Monate früher geschrieben. Aber wir lesen es jetzt. Wir hören täglich von toten Menschen, ausgebombten Häusern, zerstörten Straßen, verkohlten Baumstümpfen. Und dann lesen wir Gedichte auf die Vogelbeere, das Abendpfauenauge, die Samenkapsel der Stockrose und den Winterwald, und alles, wie es die einleitende Inschrift sagt: „Soli Deo Gloria.“ Gedichte zum Ruhm Gottes, geht das? Geht das heute?
Der 1969 in Dresden geborene Christian Lehnert ist ein Solitär. Theologe und Dichter, bringt er seit mehr als zwanzig Jahren in einem beeindruckenden Werk etwas zusammen, was die moderne, die heutige Poesie längst schon getrennt hat. Doch bedenkt man, dass auch Eichendorff das unvergängliche „Es war, als hätt der Himmel / die Erde still geküßt…“ unter seine „Geistlichen Gedichte“ einreihte, dann steht dieser Zeitgenosse in einer viel größeren, älteren Tradition, die unter Religiosität keineswegs einfach das Kirchenlied verstand. Von nichts ist dieser schmale Band weiter entfernt, und mit seinen Mottos geht er sogar noch tiefer zurück, zur mystischen Tradition von Jacob Böhme, Meister Eckhart, zum jüdischen Buch Sohar.
Opus 8. Im Flechtwerk, der Titel sagt es, ist Lehnerts achter Gedichtband, und er bestätigt eine weitere Besonderheit: Jeder – von Der gefesselte  Sänger, Ich werde sehen, schweigen und hören bis Cherubinischer Staub – war ein in sich komponierter, geschlossener Zyklus, mit dem der Dichter jeweils etwas Neues begann; jeder war individuell im Aufbau, in den Formen. Noch mehr als zuvor gilt das für Opus 8 und seine meist zweizeiligen spruchähnlichen Naturbilder im konsequent durchgeführten Wechsel mit eher traditionellen Gestalten des Gedichts. „Die Weihe öffnet sich dem Sturm / fast ohne Regung // In Böen steigt sie auf und ruht in der Bewegung“, das eröffnende Bild einer Baumkrone, in der Ruhe und Sturm fast das Gleiche sind, zeigt schon eine überaus genaue Beobachtungsgabe, imstande, das Wesentliche, Charakteristische einer Naturerscheinung zu verdichten. Hier die ganz eigene Art, wie die Wiesenweihe den Wind aufnimmt und verwandelt in einen wellenförmig schwingenden Rhythmus, dort „Ein Windlaut / tiefer Ton“, unter dem die Eiche „schwankt und zittert / dröhnt“.
Lehnerts Gedichte sind aber durchaus kein Impressionismus in Worten. Was im Zitat klingen kann wie hingetupft, ist einem sehr streng gefügten Formprinzip unterworfen: Sieben Kapitel, bestehend aus jeweils sieben einander antwortenden Gedichtpaaren, bilden das „Flechtwerk“ des Untertitels, Struktur eines Ganzen, das nichts Zufälliges hat: Jedes Gedicht steht für sich, soll aber zugleich Teil sein in einer fast musikalischen Gesamtstruktur aus Frage und Antwort, Gleichklang und Kontrast, wechselnden Tonarten und Wiederaufnahme von Themen und Motiven.
Schon lange greift Lehnert zurück auf die beiden klassischen Stilmittel Versmaß und Reim, und so auch hier. Gerade der unzeitgemäße Reim vermag es, die Beobachtungen, die Zeichnung von Blumen, Blüten, kleinen Tieren zusammenzufügen zur geschlossenen Sentenz; gewiss ein heikles Unterfangen, das aber gelingt, weil die oft auch ungewöhnlichen Reime fast ausnahmslos auf starke, sowohl syntaktisch als auch sinnlich betonte Schlussworte fallen. So schön er ist, dieser Reim ist kein Klangspiel, sondern ein ganz bewusst hervorhebendes, strukturierendes Element des Sinns, wie hier im „Abendpfauenauge“:

Ein dunkles Sonnenlicht /    die Glut ist rot entfacht.
Zwei Augen öffnen sich /    dort wächst im Blick die Nacht.

Obwohl jedes dieser Bilder nur durch menschliche Mittel entsteht, durch überlegt eingesetzte rhythmische, klangliche Eigenschaften der Sprache, ist nichts vermenschlicht; im Gegenteil, durch die große sprachliche Schönheit verwandelt sich der erst im Dunkeln leuchtende Nachtfalter in eine anziehende oder auch irritierende Rätselfigur.
Ist das zu schön? „In unserer Finsternis gibt es nicht einen Platz für die Schönheit, der ganze Platz ist für die Schönheit“, schrieb René Char mitten im Krieg unter der deutschen Besatzung. Das Dogma, der modernen „Zerrissenheit“ müsse ein Gedicht durch Sprengung klassischer Form entsprechen, ist lange schon dahin. Doch gerade vor diesem Hintergrund zeigen Lehnerts Gedichte noch etwas anderes. Heute, da der Mensch auf dem Weg ist zum völligen Zugriff auf die Natur, entsteht hier ein ganz eigenes Bild; die Natur ist kein Rohstoff, kein Naherholungsgebiet, sie ist seltsam, zuweilen fremd, befremdend. Jede Weißtanne, jede Königskerze steht für sich, und wo der Mensch im „Winterwald“ doch genannt ist: „Ein Streif am Hang / der kahle Lärchenschlag // Ein schwarzer Strich auf einem weißen Feld // Ich schloß die Augen / und es wurde hell“, wo sogar das Ich des Dichters kurz einmal auftaucht, da erscheint es nur ganz leicht am Rande, ein Schatten im Vorübergehen. Und der Gott, dessen „Ruhm“ der ganze Zyklus gewidmet ist? Anders als in früheren Büchern wird er in diesen Versen gar nicht mehr genannt, und der Verzicht auf jede ausdrückliche Beschwörung macht ihre Leuchtkraft nur noch stärker.
Geht das? Der Zweifel an dem verwüstenden Weltlauf ist diesen Gedichten aus einer Welt beinahe ohne Menschen fest und verstörend eingeschrieben. Doch wird nicht auch gerade im Augenblick von Krieg und Vernichtung die Frage noch dringender, was es eigentlich ist, das bewahrt werden muss, erkämpft, verteidigt? Die Antwort auf Krieg kann jetzt nichts anderes sein als Krieg. Dennoch, beim Lesen dieser nur auf den ersten Blick so kleinen, in Wahrheit aber überhaupt nicht gegenwartsfernen Gedichte fragt man sich, ob nicht auch jede Blüte am Wegrand etwas ist wie zumindest der unscheinbare Teil einer anderen, ebenso notwendigen Antwort.

Wolfgang Matz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.6.2022

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Steffen Marciniak: Im Silberrinnsal verflochten — vom Werden und Vergehen
lyrikgesellschaft.de, 18.3.2024

Klaus Martin Bresgott: Lyrik
kulturkirchen.org,

Nora Bossong: opus 8. Im Flechtwerk
lyrik-empfehlungen.de, 2023

Priska Mielke: Auf dem Weg des Suchens und des Lauschens: Theologe und Lyriker Christian Lehnert im Haus der Evangelischen Kirche
kirche-koeln.de, 29.12.2024

 

 

 

Jessica Brautzsch im Interview mit Christian Lehnert: „Ich sehe ihren Glanz“

Otto Friedrich im Gespräch mit Christian Lehnert: „Hineinsprechen in das Ungesagte“

Richard Kämmerlings: „Schreiben gehört zu den vorletzten Dingen“

 

Poetikvorlesung von Christian Lehnert am 5.4.2022 an der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien. Auf der Schwelle. Von Religion und Poesie Teil 1 von 4: „Die weggeworfene Leiter. Erste Gedanken eines Dichters zu einer religiösen Sprachlehre“.

 

Poetikvorlesung von Christian Lehnert am 26.4.2022 an der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien. Auf der Schwelle. Von Religion und Poesie Teil 2 von 4: „Das Kreuz. Vom Verlöschen der Sprache im Herzen des Christentums“.

 

Poetikvorlesung von Christian Lehnert am 10.5.2022 an der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien. Auf der Schwelle. Von Religion und Poesie Teil 3 von 4: „Fröhliche Urständ. Gedanken zur Sprache als Schöpfungsgestalt“.

 

Poetikvorlesung von Christian Lehnert am 24.5.2022 an der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien. Auf der Schwelle. Von Religion und Poesie Teil 4 von 4: „Atem“.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + InstagramKLG + IZA
Porträtgalerie: akg-images + IMAGO
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Christian Lehnert

 

Dichter im Porträt: Christian Lehnert.

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