– Zu Andreas Koziols Gedicht „Nostalgie“ aus Andreas Koziol: Menschenkunde. –
ANDREAS KOZIOL
Nostalgie
Die Wolle will nach Hause
zurück zu den Schafen und Lämmern.
Die Spiegel wollen nach Hause
und friedlich vor Frauen verdämmern.
Die Suche nach Glück will nach Hause
ein wohnliches Nirgendwo finden.
Die Sonne will nach Hause,
es ist spät genug zum Verschwinden.
Die Häuser wollen nach Hause.
Sie brechen auf und verlassen
die schlechten Konstruktionen
für die zerfallenden Massen.
Die Wolken wollen nach Hause,
man kann auch sagen es regnet.
Die Grenzen wollen nach Hause
wo ihnen kein Mensch mehr begegnet.
Die Monster wollen nach Hause
ins Nichts wohin sie gehören.
Die Liebenden wollen nach Hause
und sich ganz unheimlich vermehren.
Die Wissenschaft will nach Hause,
es braucht ja niemand zu wissen,
der Forscher befreit seine Frösche
und sich von den falschen Prämissen.
Die Arbeit will nach Hause
ins Land ohne Mehrwert und Sklaven.
Die Utopie will nach Hause
und ein paar Jahrtausende schlafen.
Die Zeitungen wollen nach Hause,
der Schnee von gestern will schmelzen.
Das Streben nach Macht will nach Hause
zum höchsten und einsamsten Felsen.
Der Heimatkitsch will nach Hause,
der Riss dem ich auf den Leim geh.
Selbst der Wind der die schöne Musik
der Nachbarn mir zuweht hat Heimweh.
Dieses eindrückliche Listengedicht
geht dem urtümlichsten aller Gefühle nach: dem Heimweh nach den Ursprüngen. Einem Zustand der Reinheit, Unverbrauchtheit, Natürlichkeit, Geborgenheit, in dem es nichts zu hinterfragen und zu bereuen gibt. Everything falls into place, so wie es sich der liebe Gott ausgedacht haben dürfte. Und auch mit der metaphysischen Obdachlosigkeit des Menschen hätte es ein Ende. Das sind hehre Träume, aber wie wohltuend sie sich anhören! Ihr Verfasser, Andreas Koziol, gehört zu den großen Unbekannten der jüngeren deutschen Poesiegeschichte. 1957 in Suhl geboren, studierte er in Berlin Theologie, bis 1990 war er Mitherausgeber mehrerer DDR-Untergrundzeitschriften und arbeitete als Briefträger, Totengräber, Heizer und Hauslehrer. Im Lauf der Jahre entstanden etliche Lyrikbände und Künstlerbücher, doch fühlte sich Koziol nicht nur innerhalb der Prenzlauerberg-Szene, in der es zu hässlichen Stasi-Fällen kam, zunehmend isoliert. Resigniert bemerkte er: „Ich schreibe für ein Dutzend leerer Stühle“ und hielt fest:
Was sind schon die Zeiten? Zermatschte Uhren,
modernde Moden und lodernder Müll
auf allen Kanälen in sämtlichen Spuren.
Da liest sich eh jeder heraus was er will.
Das klingt erschreckend wahr, auch heute. 2023 ist Koziol in Berlin gestorben. Henryk Gericke schrieb in seinem klugen Nachruf:
Andreas Koziol wusste ein Kaderwelsch ins Sibyllinische zu wenden, so ging der sozialistische Realismus in einen quasi-sozialistischen Spiritismus auf, der durch jede Formalismusprüfung gefallen wäre.
Gleichzeitig nennt er ihn einen der letzten Barockdichter, der seine avantgardistische Diktion mit Tradition „in einem Stoffwechsel aus Phrase und Paraphrase“ getarnt und „feinstoffliche Ironie“ mit „Melancholieanteilen“ vermischt habe. Ein Glück, konnte Lutz Seiler Koziol 2021 bewegen, einen Gedichtband zusammenzustellen. Dieser ist, in Zusammenarbeit mit Henryk Gericke, ein Jahr nach dem Tod des Dichters erschienen, unter dem Titel Menschenkunde. Den von Seiler vorgeschlagenen Titel hat Koziol ausdrücklich mit den Worten gutgeheißen:
„Menschenkunde“ – das ist es! „Wunderbar unbescheiden“, aber zugleich auch dezent, irgendwie vorgestrig und zugleich wie von übermorgen. Ich bin jedenfalls begeistert…
Und begeistert wird jeder sein, der zu diesem Buch greift. Und sei es, um sich von grassierender Ostalgie kurieren zu lassen:
Im Land der gestreckten Banane hatte alles seinen Grund, nicht mal die Rose war ohne warum.
Ilma Rakusa, Volltext, Heft 3, 2025








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