Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Anthologika – Traditionsbruch und Innovationsbegehren (Teil 7)

Traditionsbruch und Innovationsbegehren
Drei fast schon vergessene Anthologien zur literarischen Kultur der Moderne

Teil 40 siehe hier

Wenige Jahre nach Bretons «Anthologie des schwarzen Humors» erschien in Bern, herausgegeben von der Kunstkritikerin Carola Giedion-Welcker, die «Anthologie der Abseitigen» (1946), eine teils deutsch-, teils französischsprachige Textsammlung, die am Beispiel von dreissig Autoren der avantgardistischen Moderne deren «kühnes Vordringen in sprachliches Neuland und Experiment» dokumentieren sollte. Nachdem im NS-Staat die Innovationsleistungen der Avantgarde als «entartet» geächtet, verboten, oft auch vernichtet worden waren, bestand nun das Bedürfnis, deren verdrängtes Schaffen erneut in Erinnerung zu rufen und es angemessen zu würdigen.
​Giedion-Welcker hatte sich eben dies zur Aufgabe gemacht, vermochte aber wegen fehlender bibliothekarischer und bibliographischer Ressourcen nach eigenem Bekunden keine «abgeschlossene Synthese» zu erarbeiten, sondern musste sich darauf beschränken, anhand des damals verfügbaren Materials eine bloss «vorläufige», eher vom Zufall als von editorischer Recherche bestimmte Teilansicht avantgardistischer Dichtung vorzuführen. Erst in der revidierten und erweiterten Neuauflage ihrer Anthologie (1966) hat sie entsprechende Defizite bereinigen können.
Inzwischen waren die einst «abseitigen» Autoren mehrheitlich in den literarhistorischen Kanon eingegangen, einige von ihnen figurierten bereits als «Klassiker» der  modernen europäischen Poesie. Giedion-Welcker stellt sie nach Bretons Vorbild in präzisen biobibliographischen Einzeldarstellungen vor, ergänzt durch knappe repräsentative Werkauszüge. Mit Breton stimmt sie auch darin überein, dass sie die kaum bekannten Dichter Charles Cros und Germain Nouveau als Vorboten der revolutionären Moderne herausstellt.
​Das Hauptinteresse gilt hier dem deutschen Expressionismus (Stramm, Hardekopf, van Hoddis, Lichtenstein), dem Dadaismus (Ball, Schwitters, Tzara, Picabia), derweil die Surrealisten lediglich durch Péret, Hugnet und Giorgio de Chirico vertreten sind – selbst das surrealistische Führungspersonal (Breton, Soupault, Aragon, Ribemont-Dessaignes) bleibt aussen vor. Dass Giedion-Welcker andrerseits auch eine ansehnliche Reihe bildender Künstler (Rousseau, Picasso, Kandinsky, van Doesburg u.a.m.) mit eigenen literarischen Texten zu Wort kommen lässt, ist eine bemerkenswerte Besonderheit ihrer Anthologie und macht sie zu einem bleibenden Beleg für jene «spezifisch-subversive Poesie», der Paul Eluard einst «die Farbe der Zukunft» zugeschrieben hat.

 

Carola Giedion-Welcker, „Anthologie der Abseitigen / Poètes à l’écart“ (Erstausgabe mit Cover von Richard Paul Lohse, Bern 1946).
Erweiterte Neuausgabe Zürich 1966, Nachdruck 1990.

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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