Nora Gomringer: Moden

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Nora Gomringer: Moden

Gomringer/Limmer-Moden

CLUTCH

Die Tasche, die keine Form hat,
außer die eines unbestimmten,
viel zu großen Briefes
und den Namen, der dem Klang nach
eine Muschel oder ein gemeiner
Schlag auf den Verstand ist,
begleitet Frauen in den Ausgang.
Nicht eine könnte alles,
was sie möchte, darin unterbringen.
Fast nichts will hinein, weniges nur darin bleiben.
Die Möglichkeiten müssen dem Format
so immer wieder weichen.
Erkennt keiner die Frau,
wenn zum Scherz der Inhalt
auf dem Tisch seziert wird,
während sie die Nase pudert.
Ein Lippenstift, das ist die Notwehr.
Ein Taschentuch, das ist die Abwehr.
Das Handy, das ist Erleichterung.
Das Kondom ist Pfand
vom letzten Nichtgebrauch.
Nicht eine Frau hat diese Tasche
auf Anhieb je geschlossen.
Der Brief will ständig fortgeschrieben sein,
doch die Muschel sich nur trotzig öffnen.

 

 

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Bachmannpreisträgerin Nora Gomringer

vollendet nach Monster Poems und Morbus mit Moden ihre „Trilogie der Oberflächen und Unsichtbarkeiten“. Wieder befragt sie mit Blick auf das Detail das große Ganze. Gomringers neue Gedichte sind nicht nur Überlegungen zur „Einpellung“ (Joachim Ringelnatz), sondern auch zu Tradition und Vergänglichkeit.

Verlag Voland & Quist, Klappentext, 2017

 

Horror und Häkeln

Bachmann-Preisträgerin und Spoken-Word-Künstlerin Nora Gomringer lässt in einem neuen Gedichtband ihren Sprachwitz an der Mode aus.  –

Manches wirkt so monströs, als wäre es geradewegs ihren Monster Poems zum Auftakt ihrer „Trilogie der Oberflächen und Unsichtbarkeiten“ entsprungen. Nur treten in dem nun abschließenden Band Moden keine Vampire und Werwölfe, kein Godzilla und kein King Kong auf. Der Horror kommt gestickt, gehäkelt, gestrickt, geflochten und gewebt daher.
Die Kunst des Verhüllens und Zeigens, der Täuschung und Tarnung, beherrscht die 1980 geborene Lyrikerin und Spoken-Word-Künstlerin Nora Gomringer perfekt. „Fadenscheinig“ ist das Zauberwort, mit dem sich ihr Kuriositätenkabinett rund um Dresscodes und Geschlechteridentitäten öffnet – etwa in „Maybelline 306“, wo sich die sprechende Figur als „Mischung aus Furie und Hure“, kurz „Fure“, gebärdet.
Spätestens beim Zombiehorror der US-amerikanischen  TV-Serie The Walking Dead oder der mörderischen Liste des Leichenschänders Ed Grein („Eds Liste“) ist man doch wieder beim Monströsen. Retro-Look ist angesagt, nicht nur bei der Clutch, der kleinen Damenhandtasche ohne Henkel oder beim Dirndl. Der Stil, mit dem sich Frau wie in den 50er Jahren die Hollywoodnixe Esther Williams als „Million Dollar Mermaid“ präsentiert, ist ihr ein ebenso parodistischer Graus wie das zur Schau gestellte Durchbrechen derselben. Nora Gomringer spielt auf der Klaviatur des Komischen, bis es ins Absurde kippt.
Was auf den ersten Blick gerne harmlos erscheint, zeigt sich bei näherer Betrachtung als dämonisch. Da tanzen die Puppen zum Spektakel eines grimmig die Zähne fletschenden Untiers, macht sich ein Geier an Skelettresten zu schaffen, hält eine Dienstmagd rücklings die Folter-Balance zwischen zwei Stühlen.
Gomringer, die 2015 in Klagenfurt mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, erprobt in ihren Gedichten verblüffende Perspektiven auf Sexualität, Familie, soziale Beziehungen, Ethnizität und Nationalität. Je leichter der Tonfall, umso schwerer wiegen die Schicksale der porträtierten Figuren: der krebskranken Frau in „Hair, long as god can grow it“, der Zirkustänzerin, für die das Leben eine wahnsinnig machende „Pferdenummer“ ist, der zwölfjährigen asiatische Näherin, die fürs Überleben in der Billigproduktion arbeitet, oder der mit verkrüppelten Zehen lebenden Chinesin – Opfer eines überkommenen Schönheitsideals.
Reimar Limmers Collagen – das „Dirndl“ ohne Kopf oder der König im Damenkleid („Moustache et Lunettes“) – korrespondieren mit den Gedichten. In „Semanta Santa“ stellt er die Brisanz sogar erst her, denn bei Gomringer ist nur von einer „verschwundenen“ Person die Rede. Er zeigt eine in einen Niqab gehüllte junge Frau.
Auf der beigelegten CD sind neben den Texten des Bandes zwei weitere Gedichte zu hören, gelesen von der Autorin selbst. In „Gurt Strick Band“ sinnt sie über Codewörter in anderen Sprachen nach, und in „Verkündigungsbestzeiten“ den Bedeutungsverschiebungen einzelner Wörter. Frage im letzten Gedicht: Sind „zahllose Kommentare die neue Zärtlichkeit auf Erden“?

Dorothea von Törne, Der Tagesspiegel, 31.7.2017

Moden

– Die Bambergerin Nora Gomringer gehört zu den wenigen Lyrikern in Deutschland, die relativ hohe Auflagen erzielt. Soeben hat sie ihren neuen Gedichtband Moden vorgelegt, mit dem sie eine Lyrik-Trilogie vollendet. –

Unter den Lyrikerinnen in Deutschland ist Nora Gomringer einmalig. Keine versteht es so wie sie ihre eigenen Gedichte zu performen.

ABSCHIED VOM EMANZIPIERTEN ROCK

 

Der Rock ging heute zur Arbeit für mich.
Hielt Stellung, A-Linie, ordentlich alphabetisiert.
Direkte Aufsicht, Knie im Durchdruck,
der Stoff umspielend, das Für und Wider.

Im Katalog sah er gerader aus.
Rock schob sich im Laufen, tags
langsam bis Mitte Schenkel hinauf.
Weshalb diese Bilder, warum so viel likender Lärm darum?

Rock trennet sich wortlos von mir und auf.
Blieb ein doppeltes A für mich.
In Stoffsprache ergeben A + A eine Art Kreis.
Ich steh nun in Hosen, den weiten.

Bei Draufsicht ergibt sich ein M oder W.
AM Anfang war’s noch ein Feigenblatt.

 

(Gedicht aus dem Band Moden)

Nora Gomringer ist eine kluge, belesene Autorin, die sich gern ein Thema stellt, intensiv recherchiert, nachdenkt und die Funken der Inspiration nutzt, um formvollendete Gedichte zu schreiben. In Moden beschäftigt sie sich mit dem, was wir tragen, was uns prägt, wie wir uns darstellen und was dahinter steckt.

Ich bin jemand, der gerne Zeugnis ablegt. Alle diese Gedichte haben auch immer etwas mit Zeugenschaft zu tun. Von Zeitgenossenschaft und dem Wissen: So leben wir jetzt. Das nehmen wir wahr. Und ich gehe davon aus, dass nicht nur ich diese Erfahrungen mache, sondern viele um mich herum. Und ich erlaube mir, sie so niederzuschreiben, wie sie mir dann auch sinnvoll erscheinen. Und dann buhlt der Text ein wenig um seine Leser und sagt: Kommst du mit oder bleibst du draußen?

Nora Gomringers Lyrik lässt sich entschlüsseln und erfassen, auch wenn das nicht bei jedem Gedicht auf Anhieb der Fall ist. Aber sie schreibt nicht zu rätselhaft oder hermetisch, denn sie will verstanden werden. Gomringers Gedichte schaffen den schwierigen Spagat zwischen Geheimnis und Begreifen, zwischen Poesie und Pointe. Ihre Gedichte schließen nicht aus, sondern nehmen ein.

Also ich hoffe auch, dass es gelesen wird als ein kritischer Blick. Gerade die Oberfläche wird bei uns, wie ich finde, oft falsch verstanden und falsch codiert. Es wird viel zu viel falsches Aufsehen gemacht um diese Oberflächen. Während man früher ja Kleidung trug, die einen decodieren sollte, ist jetzt vieles einfach auch deshalb so uniformiert, weil es alles so billig ist und aus Ländern kommt, bei denen die Herstellung unter so schrecklichen Bedingungen passiert, dass wir uns fragen müssen, wer wir da sind. Und nur weil es billig ist, heißt das ja nicht, dass nicht irgendwo jemand sein Leben dafür gelassen hat.

NICHTS. WIRKLICH NICHTS

 

Kokett klingt aus den Truhen, Schränken,
Wänden voller Pellen: Frauenjaulen, Männer
seufzen, sie hätten nichts, wirklich nichts
mehr anzuziehen!
Vielleicht nie etwas besessen.

Sheila, zwölf Jahre, trägt Flipflops, Shorts,
ein Tanktop, alles kann sie nennen
mit nur einem Satz:
Das trage ich, nichts
anderes besitze ich.
Sie näht die Kleidung der Hunde,
Wölfe, der Schafe anderer Sprachen.

Wenn sie Tag und Nacht nichts von der Welt
hört und sieht, für die sie näht,
fragt sie sich, ob sie die Fäden
in die Maschine zieht, um Geister einzukleiden.
Geister großer Größen. Sie fragt sich:
Ob es wirklich Frauen gibt, die ihre Körper
zu so viel mehr wachsen lassen können?
Ob sie so viel zu essen haben?

Wenn wir Sheila sehen könnten,
ihr Nichts, es würd wie alles wiegen.
An unseren kaiserlichen Körpern,
neu gekleidet. Immer neu

 

(Gedicht aus dem Band Moden)

Unter welchen Bedingungen unsere Kleidung irgendwo in Bangladesch genäht wird, ist ebenso Thema in Nora Gomringer neuem Gedichtband wie Texte über Uniformen oder Haute Couture. Da wird sich dem Kimono und dem Dirndl ebenso gewidmet wie den unergründlichen Mysterien der Damenhandtasche. Das Ganze mit farbigen Kollagen von Reimar Limmar kongenial illustriert. Nach Monster und Morbus vollendet Nora Gomringer mit Moden ihre grandiose Trilogie der Oberflächen.

Also a bin ich ja aus dem Hiphop kommend jemand, der für die Trias steht. MoMoMo, also Monster, Morbus, Moden, gefiel mir irgendwie. Erst war auch der Gedanke dass ich das nur Mode nenne. Aber dann kam, während die Texte geschrieben wurden der Titel Moden – also Sitten, Arten und Weisen sollten da drin sein. Und ich wollte drei Themen bearbeiten, die eine weite Oberfläche haben. Bei denen ich das Gefühl hatte: Damit kann jeder etwas anfangen.

Mit Monster, Morbus und Mode hat sich die Bambergerin Nora Gomringer endgültig von der Tradition des Poetry Slams, aus der die Autorin stammt, freigeschrieben. Ihre vollendeten Gedichte darf man in einem Atemzug mit denen von Hilde Domin, Sarah Kirsch oder Ulla Hahn nennen. Das ist große, bedeutende Lyrik.

Dirk Kruse, Bayerischer Rundfunk, 29.3.2017

Lyrik neu

Illustriert von Reimar Limmer bringt Nora Gomringer ihren dritten Band der Oberflächen und Unsichtbarkeiten heraus. Nach Monster Poems und Morbus nunmehr die Moden. Und wieder stellt sich heraus: Gomringer hat es erneut mit Bravour geschafft, dem Thema noch abseitige Seiten (sic!) zu entlocken. Eine, „die keinen Schrank durchschreiten muss / für das Betreten neuer Länder“, eine, die weiß, „wie bei Frauen üblich“, was Sache ist. Und die nach wie vor so entzückend witzige Sachen vorträgt wie im Text „Elfriede Gerstl“: Die bedeutende österreichische Dichterin wird in einem langen wie genauen Porträt besungen, mit dem schönen Ende „Als sie Jahre später starb, fand man Container mit Chanel / und Träumen der Elfriede Gerstl aus besonderem Stoff“. – Jedes Mal eine exakt passende Illustration dazu: Limmer hat sich angestrengt und den feinen Texten der Nora Gomringer Gültiges verpasst. Am allerletzten Bild dann ein Foto eines feschen Kleides mit einem Post-it angehängt, auf dem Gomringer handschriftlich vermerkt:

Stil ist völlig unnötig, wenn man eine Mutter hat.

Punktum. Ach, fast hätte ich’s vergessen: Dem Band ist eine Audio-CD beigegeben, sogar mit drei Bonus-Titeln, allesamt vorgetragen von der Autorin. Sehr zu empfehlen.

Nils Jensen, Buchkultur, Heft 173, August/September 2017

Ein Soviel an Erfahrungen

Bereits die Gestaltung des Gedichtbands hat mich angesprochen. Es ist wunderbar, darin zu blättern und die extravaganten Collagen anzusehen, die Zeitschriftenausschnitte, teilweise aus den 50er Jahren, zu rätselhaften, teils skurrilen Darstellungen werden lassen.
Als ich mich dann auf die Gedichte einließ, konnte ich das Geheft nicht mehr aus der Hand legen. Sie erzählen von Handtaschen, die vieles preisgeben, aber doch nie genug Raum für das Notwendige lassen. Es geht um die Not beim Verlust der Haare, die durch Perücken nie ganz wettgemacht werden kann. Über das Wesen des Dirndls wird ebenso philosophiert wie über gebundene Füße oder das Verschwinden und Wiederauferstehen als Frau. Weibliche Themen, in vielen Facetten, nah an der Wirklichkeit, scharf beobachtet und auf eine faszinierende Weise in Sprache übersetzt.
Und doch bleibt die Zusammenstellung der Worte rätselhaft. Rasch darüber zu lesen hilft, nicht haften zu bleiben an einem Bild, das sich doch in der nächsten Zeile wieder wandelt. Mit den eigenen Vorstellungen dabei zu bleiben, sie treiben zu lassen, neue Assoziationen zu knüpfen, sich zwischen den Worten wiederzufinden, macht das Erlebnis aus. Klug sind die Texte. Sie stimmen nachdenklich. Sie legen offen, was nicht leicht auszusprechen ist. Sie bewegen.
Und nun nach der Lektüre eine zugeordnete Illustration erneut zu betrachten, lässt diese wie auch das Gedicht in neuem Licht erscheinen. Das Hinsehen vertieft die Erfahrung des Verstehens wie auch die des Klangs, der Farbigkeit, der Idee. Nora Gomringers Stimme zuzuhören, die auf beiliegender CD ihre Texte selbst liest, öffnet einen weiteren Zugang, denn nun fließen auch noch die Betonung, die Stimmlage, das Tempo und die Wortmelodie in das Gesamterleben mit ein.

Kurz gesagt: Das schmale Heft beinhaltet ein Soviel an Erfahrungsmöglichkeiten, dass ich nur jedem empfehlen kann, sich damit auseinanderzusetzen.

Carla, amazon.de, 30.10.2017

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Herbert Fuchs: Modische Vielfalt
literaturkritik.de, Juni 2019

Jonis Hartmann: Pop-dont-ever-die
fixportry.com, 21.3.2017

 

 

 

Katja Auer und Olaf Przybilla im Gespräch mit Nora Gomringer: „Die Kennedys von Wurlitz“

Nora Gomringer im Gespräch mit Franziska Wotzinger: Ohne Körper keine Stimme

Nora Gomringer im E-Mail-Interview mit Isabel Bogdan

Georg Langenhorst: Quecksilbrig, kraftstrotzend, katholisch: Nora Gomringer, eine Schriftstellerin im Zeitalter der Postmoderne

Jana Wagner spricht mit Nora Gomringer: „Ich habe kein Talent für Alltag“

 

Literarische Spiele mit Normalität. Mit Nora Gomringer und Holger Schulze, Moderation: Katja Kullmann im Literaturforum im Brecht-Haus am 21.4.2021

 

Nora Gomringer – One Day – Ein Tag Spurensuche in der Lyrik-Bibliothek

 

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shi yankou

 

Nora Gomringer slamt ihr „Ursprungsalphabet“.

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