Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Sprachverrückte Autorschaft zwischen Lyrik und Klinik – Otto Prinz

Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik

Teil 2 siehe hier

OTTO PRINZ

Otto Prinz, der 1980 nach jahrzehntelanger Hospitalisierung in der psychiatrischen Klinik von Maria-Gugging starb, gehörte zum dortigen Kreis schizophrener Künstler und gilt heute als eigenständiger Vertreter des internationalen Art brut. Zentrale Problem- und Motivbereiche seiner Bildwerke sind Sexualität, Religion, Leiden, Tod, zumeist gestützt auf biblische (vorzugsweise neutestamentliche) Legenden und veranschaulicht durch die Darstellung machtvoller, aber auch verfolgter, unterdrückter oder gekreuzigter Frauen. Texte hat Prinz lediglich nebenbei verfasst, nur wenige davon liegen gedruckt vor. Das nachfolgende Gedicht findet sich (undatiert) in Leo Navratils Abhandlung «Schizophrene Dichter» (1994).

Mein Lied

 

Ich vült als Kiend!
Ihm leben mit!
und vür nach dacht zur Zeit!
Das ende vühr
Und Glauben giebt
Und Ewieger Traum vier bleibht!

 

Wie währs den hier!
Nach Erben grund
Nach ewieger liebes Gab
das mahn nach so
Was waß wollen wier
Daß mahn nach Glauben ham!

 

So Glaum wier zahm
Und rechten bund
Daß Kiender sehgen köhrd
Zuhm Gloken Glang
Und rechten zum
Und mit den Glauben lerrn

 

So habm wiehr Gloken
Zum Gebett
Und Glaube noch zuhr Zeit!
Daß freud Glühte
Und Zuhkunft Giebt
Und vühr nach habm er Kreutz

Mit der Titelgebung – «Mein Lied!» – bekräftigt der Autor seinen Anspruch auf Werkherrschaft: Das dreistrophige Gedicht soll als seine Schöpfung wahrgenommen und gewürdigt werden; die vielen Ausrufezeichen im Text visualisieren diese Wunschvorstellung. Das «Lied» ist in regulären Strophen mit irregulären Versen angelegt. Endreime werden lediglich in der Eingangsstrophe assonantisch angedeutet (mit :: giebt; Zeit :: bleibht), ansonsten sind keine Bemühungen um klangliche Qualitäten zu erkennen. Begriffe wie «Glauben» (mehrfach), «Gebett», «Kreutz», dazu auch «Gloken» verleihen dem Text ein christliches Flair, «Zeit» (zweimal), «Traum» und «Zuhkunft» erweitern den imaginären Raum.
Die durchgängige vordergründige Besonderheit des Gedichts besteht in der offenkundig gewollten Fehlerhaftigkeit der Rechtschreibung. Kaum ein Wort wird regelkonform ausgeschrieben, oder umgekehrt – mit fast jedem Wort bewerkstelligt der Autor einen Regelbruch. Die übliche Schriftform scheint er ersetzen zu wollen durch eine Schreibweise, die eher der mündlichen (auch dialektalen) Rede angepasst ist: «khörd» (für gehört), «glaum» (für glauben), «lerrn» (für lernen), «ham» oder «habm» (für haben) usf. Dazu kommen jedoch zahlreiche willkürliche Fehlschreibungen wie «bleibht», «ewieger», «wiehr» u.a.m., mit denen Prinz seine auktoriale Eigenart und seinen Eigensinn demonstriert.
Nun ist nicht zu übersehen, dass diese manieristische, vielleicht auch manische Schreibweise mancherlei zusätzliche Lesarten ermöglicht. Die Verfälschung und Verfremdung gängiger Begriffe erbringt da und dort unversehens ein neues, meist nur beiläufiges Textverständnis, so dass zum Beispiel «zuhr Zeit» auch als Uhrzeit gelesen und verstanden werden kann, «sehgen» als Kontamination von sehen und Segen, «Gebett» für Gebet und geh zu Bett, «nach dacht» für Nacht und Andacht usf. – Der gesamte Text kommt durch derartige Mehrdeutigkeiten gewissermassen ins Vibrieren, die Lektüre wird immer wieder von linearem Verstehen abgebracht und auf Nebenwege verwiesen, so dass insgesamt der Eindruck sich einstellt, man befinde sich, lesend, in einem Labyrinth von lauter Sackgassen.

… Fortsetzung am 6.2.2026 …

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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