Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Sprachverrückte Autorschaft zwischen Lyrik und Klinik

Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik

 

standhält
der intelligente Wahnsinn
der sprache
(Kurt Marti)

 

In den 1960er bis 1980er Jahren machte eine Gemeinschaft von schizophrenen Kunstschaffenden weithin von sich reden, die damals in der Landesnervenklinik Maria Gugging (Klosterneuburg, unweit von Wien) unter der Leitung des Psychiatriearztes und Publizisten Leo Navratil höchst produktiv am Werk waren. Die dort hospitalisierten Patienten wurden behandelt und gefördert nach Massgabe ihrer «schöpferischen» Veranlagungen. Manche von ihnen machten sich in der Folge als Maler, Graphiker, Plastiker oder als Dichter einen Namen, zunächst durch Ausstellungen und Lesungen, später auch durch dokumentarische Publikationen (Kunstkataloge; literarische Sammel- und Einzelwerke).
Rund ein Dutzend geistig behinderter Autoren sind aus Navratils Therapieprogrammen «zu sich» gekommen, heisst – sie haben ihre in der Klinik erstmals entdeckte Schreibbegabung erproben, festigen und produktiv umsetzen können, sei’s in sprachspielerischen Textentfaltungen oder angestrengten Litaneien mit Klagen und Flüchen, sei’s tatsächlich in der eigens gewählten und ausgearbeiteten Form von Gedichten in Strophen und Versen.
Die formal wie thematisch höchst eigenartigen «Schöpfungen» der Gugginger Dichter fanden nach ersten Veröffentlichungen nachhaltigen Anklang bei der damaligen literarischen Avantgarde Österreichs (Grazer Autorenversammlung, Forum Stadtpark). Professionelle Schriftsteller – unter ihnen Jandl, Mayröcker, Kipphardt, Gerhard Roth – besuchten ihre psychopathischen Kollegen in der Klinik, wurden dort auch gern empfangen. Den wechselseitigen Respekt bekundete man durch die Abhaltung von Lesungen, durch privaten Briefverkehr und persönlich gewidmete Texte.
Das zeitgenössische kulturelle Klima begünstigte die Rezeption der «sprachverrückten» österreichischen Autoren: In Deutschland, Frankreich, Italien verschärfte und verbreitete sich die intellektuelle Revolte; der Staat und seine regulativen Institutionen (Akademien, Universitäten, Schulen, Gefängnisse usf.) kamen unter massiven Druck; in allen Bereichen gewann das «Andersdenken» an Einfluss und Effizienz. Fortschritt wurde als Emanzipation gedacht und so auch praktiziert – Befreiung von den «Vätern» (gegen Tradition, Macht, Regulierung), militante Ermächtigung des Feminismus, der antiautoritäre Grundimpuls lebte sich aus in Form eines dezidierten Antikolonialismus, in antipsychiatrischen Theorien und antipädagogischen Experimenten.
Zu den Protagonisten dieser intellektuellen «Befreiungs»-Bewegung gehörten als Wortführer Michel Foucault, Gilles Deleuze, Thomas Szasz, Paul Feyerabend. Mit seinem zivilisations- und kunstkritischen Traktat zum toxischen Kulturbetrieb («Asphyxiante culture», 1968) machte Jean Dubuffet Furore, nachdem er bereits in seinen «Antikulturellen Positionen» von 1951 «Instinkt, Leidenschaft, Willkür, Eigensinn, Gewalt, Delirium» als die zentralen Werte eines neuen künstlerischen Primitivismus («sauvagerie») herausgestellt hatte, Grundwerte, an denen sein nachmaliges Konzept einer «rohen Kunst» (Art brut) orientiert war.
Dass in diesem autoritäts- und kulturfeindlichen Kontext «abweichende», «unbotmässige», «verrückte» Autoren wie Antonin Artaud, Adolf Wölfli oder Louis Wolfson als Exponenten einer arationalen, gleichsam automatisch oder eben «wild» sich auslebenden Sprachkunst entdeckt und gefeiert wurden, ist keineswegs überraschend. Das gilt ebenso für die schizophrenen Gugginger Dichter, die zu gleicher Zeit ihre ersten Auftritte und Erfolge hatten. Überraschend ist lediglich die Tatsache, dass hier keine weiblichen Autoren vertreten sind, obwohl Frauen im damaligen Literaturbetrieb an vorderster Front präsent und aktiv waren.
Leo Navratil hat mit seinen klinischen Pionierstudien wesentlich zur Bekanntmachung und zum Verständnis seiner schreibenden Patienten beigetragen («Schizophrenie und Sprache», 1966; fortgeführt in «Schizophrenie und Dichtkunst», 1986; synthetisiert in «Schizophrene Dichter», 1994). Am Beispiel von Friedrich Hölderlins Wahnsinnsdichtung legten im selben Problemzusammenhang Roman Jakobson und Grete Lübbe eine linguistische Modellanalyse zur Poetik des pathologischen Sprachgebrauchs vor (1974). Eine Gesamtwürdigung erfuhren die «Sprachverrückten» durch Marina Yaguellos vielbeachtete Monographie über «imaginäre Sprachen und ihre Erfinder» («Les fous du langage», 1984).
Inzwischen ist es um die schizophrenen Dichter aus der Klinik in Gugging merklich stiller geworden. In und nach den 1990er Jahren sind kaum noch neue, komplettierte Werkeditionen erschienen, und auch die einschlägige Forschung scheint zu stagnieren.  Wenn die pathologische Textproduktion heute, da in allen Bereichen (vom Essay über die Erzählung bis zur Lyrik) «einfache Sprache» gefragt ist und gefordert wird, erneut Interesse verdient, so vorab deshalb, weil sie die wohl einzige Schreibweise ist, die – gerade wegen ihrer Sperrigkeit und Irregularität – für ChapGPT und künstliche Intelligenz uneinholbar bleibt. – Dies soll nachfolgend durch die Präsentation einiger namhafter Gugginger Autoren anhand ausgewählter Gedichte verdeutlicht und zur Diskussion gestellt werden.

… Fortsetzung hier

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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