Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik
Teil 1 siehe hier …
ERNST HERBECK
Als Ernst Herbeck 1991 unerwartet im Alter von 71 Jahren starb, war er als eigenständiger Dichter weithin bekannt – gleichermassen populär beim breiten Publikum und im österreichischen Literaturbetrieb, respektiert von schreibenden Kollegen wie Kipphardt, Jonke, Jandl oder Gerhard Roth. Fast ein halbes Jahrhundert hatte er als Patient (mit der Diagnose Schizophrenie, geplagt von bedrängenden Halluzinationen, sich selbst und andere gefährdend durch spontane Gewaltausbrüche) in der Niederösterreichischen Landesnervenklinik Maria-Gugging unweit von Wien zugebracht. Zirka 1.200 Texte, mehrheitlich Lyrik, hat er in dieser Zeit verfasst; viele davon sind zu seinen Lebzeiten publiziert worden; der Grossteil der Manuskripte ist seit 1989 in der Österreichischen Nationalbibliothek archiviert.
Die hohe Qualität wie auch die staunenswerte Quantität von Herbecks sprachkünstlerischem Schaffen steht zu dessen Bedingungen und Intentionen in eklatantem Kontrast – er ist ein Autor wider Willen, und er hat dies auch mehrfach klar zum Ausdruck gebracht: «das war ein Zufall, dass ich verleitet worden bin zum Dichten», «der Dichter will die Lyrik nicht». Er schrieb nur dann, wenn er dazu aufgefordert und angeleitet wurde, und was er in säuberlicher Schrift und fehlerhafter Sprache zu Papier brachte, liess er in aller Regel achtlos liegen. Seine Zettel und Schreibkarten wurden in der Klinik gesammelt, gelegentlich las Herbeck auf Anregung von Mitpatienten, Pflegern oder Besuchern aus seinen Texten vor.
Bestärkt durch zunehmende Beachtung in engerem Kreis und durch den Erfolg diverser (zunächst anonymer) Vorabdrucke gewann er Gefallen an der Rolle – oder der Maske – eines «Dichters» und gab auch mehr und mehr Interesse an der Veröffentlichung seiner Notate zu erkennen, die er nun gern als «Gedichte» bezeichnete: «Meine Sprache ist total | und grundsätzlich. | Die Gedichte sind deshalb | gut und zwar schön.» – Öffentliche Bestätigung fand er 1978 mit seiner Aufnahme in die damals renommierte Grazer Autorenversammlung, und 1982 legte er erstmals in eigenem Namen und mit eigenem Verlagsvertrag eine von ihm selbst komponierte Werkauswahl in Buchform vor.
Ernst Herbecks Status als Autor war damit gesichert, blieb jedoch für ihn persönlich weiterhin problematisch. Zu einer auch bloss partiellen Befreiung von seinen seit Jahrzehnten bestehenden psychischen Einschränkungen und Belastungen durch die diagnostizierte Schizophrenie kam es nicht. Freigänge und vorübergehende Entlassungen aus der Klinik hatten keinen merklichen Effekt – stets kehrte er freiwillig in das dort eigens eingerichtete «Künstlerhaus» zurück, unterstellte sich widerstandslos allen Anordnungen, beschäftigte sich vorzugsweise in der «Bastelstube», übernahm aber auch interne Gelegenheitsarbeiten. Beim Schreiben blieb er bis zuletzt auf Anregung, Führung und Begutachtung angewiesen, sei es durch das Pflegepersonal oder – am liebsten – durch den behandelnden Arzt («Herrn Primar für alle Zeit»), von dem er diesbezüglich weitgehend abhängig war: «Der Psychiater», davon war er überzeugt, «denkt und schützt die Worte des Patienten.»
Herbeck war mit gespaltener Oberlippe (Hasenscharte) und einem Wolfsrachen geboren worden. Der Defekt hat nicht nur seine Sprechfähigkeit und sein soziales Verhalten schwer gestört, er hat ihm generell die Sprache zum Problem gemacht: «Ich kann nicht mehr sprechen | rundherum, weil ich diese verloren habe.» Die Spaltung der Lippe und des Gaumens scheint die spätere Bewusstseinsspaltung präfiguriert zu haben. – In Gedichtform («Der Mund», 1970) wird Herbeck seine Missbildung souverän ansprechen mit den Versen: «Nicht jeder Mensch hat einen Mund | mancher Mund ist disqualifiziert | oder operiert. So wie bei mir | der Arzt sagt jeder Mensch hat | einen Mund. Der Mund | ist besonders zum essen da. Der Mund | besteht aus der Oberlippe und der | Unterlippe, dem Nachen und dem | Zapferl …»
Stets tat man sich schwer, Herbecks schleppender und näselnder Rede zu folgen, oder – man amüsierte sich darüber. Zeitlebens fühlte er sich deswegen benachteiligt, wenn nicht verachtet; er litt unter seinem Aussehen ebenso wie unter seiner Sprechhemmung; mit einem dichten Lippenbart einerseits und durch exzessives Rauchen andrerseits versuchte er schon als Jugendlicher von dem doppelten Gebrechen abzulenken. In Momenten autistischer Depression ohrfeigte er sich oder schlug mit dem Gesicht gegen die Wand, vielleicht aus Scham, vielleicht aus Wut – als Selbstkasteiung? Später brachte er sein existentielles Ungemach einprägsam auf den Punkt mit den Worten: «Ich bin ein Mensch wie ihr, wenn ich auch kein Mensch bin.» Mehr Verzweiflung ist in einem Satz nicht auszudrücken.
Bei Ernst Herbeck war 1940 – er war damals 20 Jahre alt – eine schizophrene Erkrankung diagnostiziert worden, die man nachfolgend (bis 1942) in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien mit diversen Schocktherapien zu lindern versuchte. Dennoch wurde er 1944 zum Kriegsdienst eingezogen, bald jedoch wegen Untauglichkeit vorzeitig entlassen; ab 1945 bis zu seinem Lebensende blieb er (mit wenigen kurzen Unterbrechungen) unter wechselnden Bedingungen klinisch interniert.
Herbecks Selbst- und Weltverständnis wie auch sein Schreibverfahren lässt sich beispielhaft anhand zweier Gedichte aus seinen literarischen Anfängen veranschaulichen. Die Texte, niedergeschrieben im Herbst 1963, kommen ohne ein lyrisches Ich aus, bringen aber offenkundig persönliche Befindlichkeiten zum Ausdruck. Es geht hier implizit um das Aussehen und das Ansehen eines Menschen, den sein entstelltes Gesicht als Aussenseiter markiert. Explizit wird dieser Umstand nicht herausgestellt. Durch diskrete Sublimierung und neutrale Darbietung gelangt Herbeck zu einer Aussage von allgemeinem Belang. Das erste der beiden Gedichte ist vom 23. Oktober 1963 datiert; es lautet:
Das Gesicht
Das Gesicht ist manchesmal rund und länglich. –
Die Augen als die Treue gilt.
die Nase in der Mitte ist.
der Mund. Das Ge-sicht.
die Menschen und Jeder hat ein Gesicht.
Das Gesicht ist der erste Blickfänger der Menschen.
In unbeholfener Sprache mit regelwidriger Orthographie und Zeichensetzung werden hier auf fast kindlich anmutende Manier schlichte Sachverhalte festgehalten, nämlich – dass das menschliche Gesicht gemeinhin («manchesmal») oval ist, also rund und länglich; dass Nase und Mund die Mitte des Gesichts einnehmen; und dass im übrigen alle Menschen ein Gesicht haben, das stets den «ersten» Blick auf sich zieht. Einzig die Augen, als Ausdruck und Garant von «Treue», versieht Herbeck mit einer übertragenen Bedeutung.
Die Anordnung der Zeilen in Gedichtform ist nicht zwingend – sie könnten auch linear als prosaische Aufzeichnung gelesen werden. Allein die reimähnlichen Zeilenschlüsse gilt :: ist :: -sicht :: -sicht sowie der Echoeffekt länglich :: -fänger zwischen der ersten und der letzten Zeile muten irgendwie lyrisch an. Ein metrisches Grundmuster ist jedoch nicht zu erkennen; lediglich die zweite und die dritte Zeile bilden als 4-hebige Jamben ein diesbezüglich übereinstimmendes Verspaar.
Wie in zahlreichen andern Fällen setzt Herbeck einen gleichsam definitorischen (oder klassifizierenden) Titel über seine Zeilen: «Das Gesicht» kann für das Gesicht generell stehen, ebenso für jedes Gesicht oder auch für mein Gesicht. Dadurch, dass der Titel gleich zu Beginn des Gedichts wiederholt wird, entsteht der Eindruck einer gewissen Dringlichkeit. Die anschliessende Aussage ist grammatikalisch und ihrer Wortfolge nach fehlerhaft: «Die Augen als Treue gilt.» In korrekter Formulierung hiesse das: «Die Augen gelten [als Audruck] von Treue.» Oder genauer und zugleich allgemeiner: «Augen können Treue zum Ausdruck bringen.»
Die dritte und die vierte Zeile fallen durch ungewöhnliche Rechtschreibung und Interpunktion auf: «die Nase in der Mitte ist. | der Mund.» – Damit kann gemeint sein: Nase und Mund bilden die Mitte des Gesichts, doch der Punkt und der Zeilenbruch dazwischen machen zeichenhaft deutlich, dass eins (der Mund) vom andern (der Nase) in diesem Fall getrennt ist. Zusätzlich wird die Trennung durch die Schreibweise «Ge-sicht» visualisiert. Damit vergegenwärtigt Herbeck indirekt und doch auch ganz konkret seine Gaumen- und Lippenspalte.
Danach wird noch einmal «das Gesicht» als solches genannt, ergänzt durch den scheinbar trivialen, in Wirklichkeit klug differenzierenden Vermerk: «die Menschen und Jeder hat ein Gesicht» – nicht bloss alle Menschen (insgesamt) haben demnach ein Gesicht, vielmehr hat jeder Einzelne (individuell, unverwechselbar) sein eigenes Gesicht. Mit der nochmaligen Wiederholung von «ein Gesicht. Das Gesicht» beendet und bestätigt Herbeck senen Text als ein einprägsames dichterisches Selbstbildnis.
Die Maske
Die Maske ist Lieb, ach wenn sie mir nur blieb
Die Maske ist rund Die Maske Ist rund, Die
Maske ist rot Die Maske ist echt
Die Maske ist Sehr schön. Die Maske dient zum auf-
setzen. Die Maske sie ist auch dicht
Die Maske dient für einen Ball Die Maske Blieb ihm.
Dieses undatierte Gedicht dürfte zu ungefähr gleicher Zeit wie «Das Gesicht» entstanden sein. Thematisch wie formal weisen die beiden Texte mancherlei Ähnlichkeiten auf – sie umfassen jeweils sechs ungenau gereimte, metrisch und syntaktisch irreguläre Zeilen, in denen das Themawort mehrfach wiederkehrt; Titel und Textbeginn stimmen da wie dort überein.
Wie das Gesicht, so ist auch die ihm angepasste Maske «rund», doch sie hat darüber hinaus zusätzliche Eigenschaften, die dem Gesicht fehlen – sie ist echt, sie ist schön, sie ist dicht, sie ist rot, und vor allem ist sie lieb. Wenn Herbeck «Lieb» in der ersten Zeile großschreibt, ist das wohl nicht einfach ein Fehler, sondern eine anagrammatische Anspielung auf «Leib», also darauf, dass er die Maske als Teil seiner Leiblichkeit begreift; der Gedichtschluss bestätigt es: «Die Maske Blieb ihm.» Andrerseits verhehlt er nicht, dass die Maske «zum aufsetzen» dient, gewöhnlich «für einen Ball».
Wenn er sich zu Beginn als lyrisches Ich (im Dativ: «mir») zu erkennen gibt, am Ende jedoch in der dritten Person (wiederum Dativ: «ihm») auftritt, veranschaulicht er damit äusserst subtil das Wechselspiel zwischen Gesicht und Maske, konkret: zwischen dem eigenen hässlichen Aussehen und dem erwünschten schönen, wenngleich aufgesetzten Schein. Die Problematik und Unstetigkeit dieses Lavierens findet unmittelbaren Ausdruck in der defekten Rechtschreibung, die den gesamten Text gleichsam ins Flimmern bringt.
… Fortsetzung hier …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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