Franz Dodel: Nicht bei Trost – Sondagen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Franz Dodel: Nicht bei Trost – Sondagen

Dodel/Frey-Sondagen

mit der Zeit werden
wir die Farbe des Blutes

47883–47891
Iwan Turgenjew: „Kassian“; in: ders., Aufzeichnungen eines Jägers, Zürich 1947, S.148: „Das Blut sieht Gottes Sonne nicht, das Blut verbirgt sich vor dem Licht … Es ist eine große Sünde, dem Licht Blut zu zeigen!“

vergessen es heißt
das Blut dem Licht zu zeigen
47885    sei eine Sünde
es verberge sich lichtscheu
selbst das kalte Blut
der Fische gerät nur kurz
beim matten Fächern
47890    der Kiemen ins Helle in
schaukelndes Licht das
sich der Erde entlang krümmt
abprallt versickert
und uns streift als Tangente
47895    von Gegenüber
uns die Uneinsichtigen
mit weit offenen
Augen die Fäuste geballt

47899–47905
Fenster im Kriegsgebiet der Ukraine. Foto: Lev Shevchenko

ich sah ein Fenster
47900    zugemauert mit Büchern
gegen die Splitter
von Bomben doch vielleicht auch
damit die Tränen
im Dunkeln geweint nicht die
47905    Stadt überschwemmten
als ob man einem kalten
Luftzug ausgesetzt
kaum mehr zu atmen wagte
gewissermaßen
47910    sich schämend folgt man jetzt dem
Gedankenbogen
hinaus in den Garten wo
sich die Knospen des
Quittenbaums gegen Schneefall
47915    und nächtlichen Frost
zu behaupten versuchen
ich glaube nicht dass
diese Art von Verbindung
unstatthaft ist sie
47920    schützt die Resonanz die sonst
einfallen könnte
versetzt in das Erschrecken

 

Trennzeichen 25 pixel

 

Seit über 20 Jahren

schreibt Franz Dodel an seinem einzigartigen Endlos-Poem Nicht bei Trost, das inzwischen auf über 48.000 Verse mit abwechselnd 5 und 7 Silben angewachsen ist. Täglich arbeitet der Autor an dem sich wie von selbst fortspinnenden Textgewebe, das sich nicht an Ende, Ziel und suspekten Trostangeboten orientiert, sondern an der Offenheit schweifender Reflexion und sinnlich genauer Betrachtung. Durch den ruhigen rhythmischen Wortstrom fügen sich die Fülle von Dodels Bildern und Zitaten, biografische Erinnerungsbruchstücke und Naturbetrachtung zu einer „leichtfüßig mäandrierenden Reflexion über Gott, die Welt und das Ich“ (Beat Mazenauer).
Der nun vorliegende achte Teil von Nicht bei Trost umfasst die Verse 42.001–48.000 und erscheint in derselben Ausstattung wie die bisherigen Bände: feinstes Dünndruckpapier im geschmeidigen Lederfasereinband.

Edition Korrespondenzen, Ankündigung

 

 

„Ich schreibe damit möglichst wenig herumliegt“

– Zu Franz Dodels Endlos-Haiku Nicht bei Trost. –

„Im Anfang war das Wort“ – übersetzte Luther den ersten Vers des Johannes-Evangeliums, um fortzufahren: „und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“. Goethes Faust verhielt sich angesichts dieser Übersetzung skeptisch und setzte nach langem Räsonieren „getrost“ die Tat an den Anfang. Seinem Vorbild folgt Franz Dodel im Auftakt zu seiner Dichtung Nicht bei Trost:

das Tun ist älter
als das Hören und reicher
weil es Gewalt ist

 

(V. 0001ff.) 

In diesen drei Zeilen hatte 2002 ein dichterisches Werk seinen Ursprung, das in der zeitgenössischen Lyrik einzigartig ist wegen seines Umfangs und wegen der Ausdauer, die der Autor damit beweist. Auf mittlerweile mehr als 35.000 Verse ist Franz Dodels Poem Nicht bei Trost inzwischen angewachsen, wobei es nicht der Ironie entbehrt, dass sich die umfangreiche Dichtung ausgerechnet auf die kleinste poetische Einheit bezieht. Entgegen der Regel, die das traditionelle japanische Haiku auf drei Zeilen im alternierenden Silbenformat 5-7-5 limitiert, hat Franz Dodel nach der dritten Zeile nicht innegehalten, sondern eine vierte Zeile hinzugesetzt, dann eine fünfte und so weiter, stets im rhythmischen Wechsel von fünf und sieben Silben. Auf diese Weise fand er von der Gewalt des menschlichen Tuns bald zu einem anhebenden Lachen und weiter zur „Wetterlage des Glücks“. Bei dieser Formulierung sah sich der Autor erstmals genötigt, mit einer kurzen Notiz auf seine Inspirationsquelle hinzuweisen: E.E. Cummings. Damit war die kommentierende Randglosse eröffnet, die fortan linksseitig sein endloses Haiku begleiten sollte, um bei Vers 500 endlich auch das zentrale Leitmotiv einzuführen: Marcel Prousts A la recherche du temps perdu. Ein Verweis auf dieses Werk sollte sich fortan alle 500 Zeilen wiederholen, als poetologischer Ankerpunkt in einem Fluss der Gedanken und Betrachtungen, der seit 16 Jahren gemächlich und bedachtsam Zeile um Zeile anwächst. Franz Dodel betreibt sein Langgedicht, das streng genommen längst kein Haiku mehr ist, als tägliches Exerzitium, dessen Fortgang sich auf seiner Webseite mitverfolgen lässt. Vom Sog dieser Gewohnheit lässt er sich zum Nachdenken über Leben und Tod, Profanes und Heiliges, Natur und Kultur verführen. Der regelmäßige Rhythmus geht dabei ganz in einem gedanklichen Schweifen auf, das von wacher Beobachtung, von Kunstsinn und von Lebenserfahrung zeugt. Dabei demonstriert Franz Dodel die Gelassenheit eines Dichters, der auch mit letzten Fragen umzugehen weiß – und stets zugleich um solche Gelassenheit ringt, weil das memento mori nie gefahrlos auszuhalten ist. Er bezwingt seine Unruhe, indem er sie in Worten aufhebt. So geht er täglich 

auf die Leerstelle zu die
vor mir liegt und die
der Text auch dieses mal nicht
zu schließen vermag

 

(V. 26660ff.) 

Es ist ihm nicht um ein Ankommen zu tun oder gar um eine Pointe; lieber verlässt sich Franz Dodel ganz auf die poetische Bewegung eines solchen „Fortschreibens“. Dabei imponiert besonders seine formale Geschmeidigkeit. Es gibt in seiner Dichtung weder pathetische Umstürze noch syntaktische Verrenkungen. Der Strom der Worte fließt in einem natürlichen Bett, die Lesenden brauchen lediglich die Interpunktionen nach eigenem Gutdünken zu setzen. Da er nun einmal damit begonnen habe, schrieb er 2008 für ein Nachwort, „will ich, solang ich vermag, damit fortfahren“.
Alle 6.000 Verse ist in den letzten Jahren daraus ein Buch entstanden, 2004 als illustriertes Künstlerbuch, ab 2008 im schlichten Brevierformat mit schwarzem Lederfasereinband und Dünndruck-Papier. Der ausgewählte Ausschnitt stammt aus einem Teil, der noch nicht in Buchform vorliegt und 2019 unter dem Titel „Nicht bei Trost. Capricci“ erscheinen wird. 

Beat Mazenauer, Ostragehege, Heft 88, 8.6.2018

Nicht bei Trost – Mikrologien

Literatur ist nicht nur das fertige Ergebnis, das vielleicht als Buch-Kunstwerk vorliegt, Literatur kann auch zu einer Lebensform werden sowohl für den Produzenten als auch für den Rezipienten.
Franz Dodel arbeitet seit über einem Jahrzehnt bereits an einer Vermessung der Welt, der eine einfache Regel zugrunde liegt: Jeden Tag schreiben, das Poetisierte in Zeilen zu fünf und sieben Silben fassen. So steht die Welt mittlerweile beim vierten Band, der den Titel Mikrologien (Kleinigkeiten) ausgefasst hat, mehr ein Ordnungsprinzip als eine Inhaltsangabe.
Die poetische Endlosschleife mit den Fünf- und Siebensilblern rennt dabei auf der rechten Leseseite ungebremst dahin, auf der linken Seite sind die Quellen, Zuträger und Anregungen aufgeschlüsselt, die einen Vers evoziert haben. Beispielsweise sieht man als Zeichnung einen frisch gelandeten russischen Astronauten [sic!], die entsprechenden Verse lauten:

locker geflochten dem Sturz
hinunter in die
baumlose Steppe
wird nichts
entgegengesetzt
mit hochgeklapptem Visier
lausche ich auf das
Heranrauschen der Schwerkraft

 

(S. 13).

Die größten Bilder der Eremitage sind zu visualisierten Mikroben zusammen gestutzt, Zitate aus Heldenepen auf ein Wort beschnitten, zwischendurch tut sich auch eine leere Seite auf, die den parallel gesetzten Poesie-Strom umso heftiger ins Tosen bringt.
Wie soll man nun diese Mikrologien lesen, die ja keinen Trost spenden können, weil das ganze Projekt ja „Nicht bei Trost“ ist? Das Dünndruckpapier, die unendlichen Weiten der Verse, die zu Ikonen geschrumpften Weltbilder lassen einen beinahe religiösen Zugang andenken. Freilich, wie immer man vorgeht, es ist richtig und falsch zugleich.

Denken schafft keinen Mehrwert
für die Empfindung
die mir etwas bedeutet
was immer mein Hirn
preisgibt an Bildern hat nichts
mit mir zu tun was
auch immer aufblitzen mag
da draußen als Bild
entspricht meiner inneren
Weltwirklichkeit nicht

 

(S. 107)

Durchhalteparolen, Geduld, Aussicht auf noch nie Gelesenes – im Text sind alle Ermunterungen und Ersatz-Tröstungen eingestreut, die Autor und Leser bei Überlebenslaune halten, denn das Projekt lässt kein Ende erkennen, vermutlich kann es nicht einmal der Tod stoppen.

Trotzdem werde ich
weiterhin festhalten an
dieser Übung mit
der ich ordne was vorkommt

was ich verstehe
wende ich an indem ich
rede und schreibe

 

(S. 553)

Tröstlicher kann man die Aufgabe des Schriftstellers, der nicht bei Trost ist, nicht beschreiben.

Helmuth Schönauer, aus Helmuth Schönauer: Tagebuch eines Bibliothekars, Bd. V, 2013–2015, Sisyphus, 2016

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Maximilian Mengeringhaus: Kein Anfang und kein Ende
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.11.2024

Klaus Ebner: Das Leben ausloten
poesiegalerie.at, 7.11.2024

 

 

Literarische Selbstgespräche … keine Fragen stellte Astrid Nischkauer – Von und mit Franz Dodel

 

Franz Dodel und Anja Utler in der Reihe Doppelte Gäste am 15.3.2024 im KULTUM Graz

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram
Porträtgalerie: akg-images + Dirk Skibas Autorenporträts + IMAGO + Keystone-SDA
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Franz Dodel – Nicht bei Trost.

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