Franz Dodel: Nicht bei Trost – Mikrologien

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Franz Dodel: Nicht bei Trost

Dodel-Nicht bei Trost

vielleicht ist der Mensch
die Zerreißprobe Gottes
denn das Zwiegespräch
lange sorgsam gepflegt scheint
23945   beinahe verstummt

23946–23951
Marlen Haushofer, Die Wand, Düsseldorf 1983, S. 44: „Nicht dass ich fürchtete, ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorüber in einen Abgrund. Ich will nicht, dass mir dies zustößt.“

selbst die Rückkehr hinüber
zum Tier ist versperrt
wir würden heißt es an ihm
vorbeistürzen in
23950   einen Abgrund niemand will
dass ihm das zustößt
zugleich wächst die Versuchung
herauszufinden
wo es ende das Stürzen
23955   wenn es an allem
vorbeiführt nicht nur am Tier
wenn man sich selbst sieht
wie man langsam verschwindet
und nur noch dieses

23960–23964
Friederike Mayröcker, dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif. Gedichte 2004–2009, Frankfurt a. M. 2009, S. 19: „Das Küchenfenster steht offen mein Hirn / in den Kniekehlen, atme schwer“.

23960    einknickende Gefühl bleibt
eines Gedankens
eines letzten vielleicht der
sich einnistet in
einer meiner Kniekehlen
23965    beim Abwärtsgehen
vor allem ist es als ob
ein Teil des Gehirns
unken schlagend den Durchgang
erzwingen wollte
23970    zwischen dem trockenen Blau
und dem feuchten Lehm
aus dem Staub eines Berges
nichts Nutziges ist
sonst noch vorhanden in mir
23975    also werde ich
auf der Strecke bleiben und
dies deute ich so:
Auferstehung ist möglich
es macht keinen Sinn
23980    mehr darüber zu sagen
etwas ist da und
arbeitet unerbittlich
an meiner Hoffnung
entgegen jeder Vernunft
23985   und sozusagen

23986
„sunder warumbe / áne warumbe ([Leben] ohne Warum)“ ist ein Topos, der immer wieder in mystischen Texten auftaucht, u.a. bei Margareta Porete (Der Spiegel der einfachen Seelen). Hier wird Bezug genommen auf die vielfache Verwendung des Begriffs bei Meister Eckhart. Vgl. dazu Bernard McGinn, Die Mystik im Abendland, Bd. 4: Fülle, Die Mystik im mittelalterlichen Deutschland (1300–1500), Freiburg etc. 2008, S. 330–340.

„sunder warumbe“ wird hier
festgehalten an
einer täglichen Übung
die kein Ziel verfolgt
23990    die im schlichten Aufschreiben
besteht von allem
was sich mir zeigt dieser Text

23993
Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: Le temps retrouvé, Paris 1954, S.1043: „Long à écrire.“ („Ja, es war lang, was ich zu schreiben hatte.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [FA II, 7: Die wiedergefundene Zeit], Frankfurt a.M. 2004, S. 520.)

long à écrire wird
verhindern dass mich eine

23995–24000
Marcel Proust, a.a.O., S. 860: „Pour moi, j’y vis plutôt une sorte de douceur quasi physique, de détachement des réalités de la vie, si frappants chez ceux que la mort a déjà fait entrer dans son ombre.“ („… eine gleichermaßen physisch bedingte Sänftigung, eine Loslösung von den Realitäten des Lebens, die man mit Überraschung immer bei denen konstatiert, die schon im Schatten des Todes leben.“ a.a.O., S. 248.)

23995    Art douceur physique
ergreift und ich mich von den
Realitäten
löse des Lebens als ob
ich schon im Schatten
24000    leben würde des Todes

 

Trennzeichen 25 pixel

 

Seit 2002

schreibt Franz Dodel an einem gigantischen und einzigartigen Lyrikprojekt, das er mit Nicht bei Trost überschreibt. Die Arbeit besteht aus einem sich scheinbar wie von selbst fortspinnenden Text, einem Endlos-Poem mit der stetigen Folge von 5–7–5–7 Silben, das inzwischen auf 26.000 Verse angewachsen ist und täglich fortgesetzt wird.
Wie ein textiles Geflecht breitet sich dieses Kettengedicht in die verschiedensten inhaltlichen Richtungen aus. Es schwingt von lyrischen Natureindrücken zu philosophisch religiösen Betrachtungen, verarbeitet antikes Textmaterial, greift biographische Erinnerungsbruchstücke auf und bezieht sich immer wieder auf die sich ausbreitende Textur selbst.
Statt an Ende, Ziel und suspekten Trostangeboten orientiert sich dieser Text an der Offenheit schweifender Reflexion und sinnlich genauer Betrachtung. Noch intensiver wird dieses Umschichten von Arten des Staunens im „wachen Schlaf“ des sich beim halblauten lesen entwickelnden meditativen Sogs.

Edition Korrespondenzen, Klappentext, 2014

 

 

„Ich schreibe damit möglichst wenig herumliegt“

– Zu Franz Dodels Endlos-Haiku Nicht bei Trost. –

„Im Anfang war das Wort“ – übersetzte Luther den ersten Vers des Johannes-Evangeliums, um fortzufahren: „und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“. Goethes Faust verhielt sich angesichts dieser Übersetzung skeptisch und setzte nach langem Räsonieren „getrost“ die Tat an den Anfang. Seinem Vorbild folgt Franz Dodel im Auftakt zu seiner Dichtung Nicht bei Trost:

das Tun ist älter
als das Hören und reicher
weil es Gewalt ist

 

(V. 0001ff.) 

In diesen drei Zeilen hatte 2002 ein dichterisches Werk seinen Ursprung, das in der zeitgenössischen Lyrik einzigartig ist wegen seines Umfangs und wegen der Ausdauer, die der Autor damit beweist. Auf mittlerweile mehr als 35.000 Verse ist Franz Dodels Poem Nicht bei Trost inzwischen angewachsen, wobei es nicht der Ironie entbehrt, dass sich die umfangreiche Dichtung ausgerechnet auf die kleinste poetische Einheit bezieht. Entgegen der Regel, die das traditionelle japanische Haiku auf drei Zeilen im alternierenden Silbenformat 5-7-5 limitiert, hat Franz Dodel nach der dritten Zeile nicht innegehalten, sondern eine vierte Zeile hinzugesetzt, dann eine fünfte und so weiter, stets im rhythmischen Wechsel von fünf und sieben Silben. Auf diese Weise fand er von der Gewalt des menschlichen Tuns bald zu einem anhebenden Lachen und weiter zur „Wetterlage des Glücks“. Bei dieser Formulierung sah sich der Autor erstmals genötigt, mit einer kurzen Notiz auf seine Inspirationsquelle hinzuweisen: E.E. Cummings. Damit war die kommentierende Randglosse eröffnet, die fortan linksseitig sein endloses Haiku begleiten sollte, um bei Vers 500 endlich auch das zentrale Leitmotiv einzuführen: Marcel Prousts A la recherche du temps perdu. Ein Verweis auf dieses Werk sollte sich fortan alle 500 Zeilen wiederholen, als poetologischer Ankerpunkt in einem Fluss der Gedanken und Betrachtungen, der seit 16 Jahren gemächlich und bedachtsam Zeile um Zeile anwächst. Franz Dodel betreibt sein Langgedicht, das streng genommen längst kein Haiku mehr ist, als tägliches Exerzitium, dessen Fortgang sich auf seiner Webseite mitverfolgen lässt. Vom Sog dieser Gewohnheit lässt er sich zum Nachdenken über Leben und Tod, Profanes und Heiliges, Natur und Kultur verführen. Der regelmäßige Rhythmus geht dabei ganz in einem gedanklichen Schweifen auf, das von wacher Beobachtung, von Kunstsinn und von Lebenserfahrung zeugt. Dabei demonstriert Franz Dodel die Gelassenheit eines Dichters, der auch mit letzten Fragen umzugehen weiß – und stets zugleich um solche Gelassenheit ringt, weil das memento mori nie gefahrlos auszuhalten ist. Er bezwingt seine Unruhe, indem er sie in Worten aufhebt. So geht er täglich 

auf die Leerstelle zu die
vor mir liegt und die
der Text auch dieses mal nicht
zu schließen vermag

 

(V. 26660ff.) 

Es ist ihm nicht um ein Ankommen zu tun oder gar um eine Pointe; lieber verlässt sich Franz Dodel ganz auf die poetische Bewegung eines solchen „Fortschreibens“. Dabei imponiert besonders seine formale Geschmeidigkeit. Es gibt in seiner Dichtung weder pathetische Umstürze noch syntaktische Verrenkungen. Der Strom der Worte fließt in einem natürlichen Bett, die Lesenden brauchen lediglich die Interpunktionen nach eigenem Gutdünken zu setzen. Da er nun einmal damit begonnen habe, schrieb er 2008 für ein Nachwort, „will ich, solang ich vermag, damit fortfahren“.
Alle 6.000 Verse ist in den letzten Jahren daraus ein Buch entstanden, 2004 als illustriertes Künstlerbuch, ab 2008 im schlichten Brevierformat mit schwarzem Lederfasereinband und Dünndruck-Papier. Der ausgewählte Ausschnitt stammt aus einem Teil, der noch nicht in Buchform vorliegt und 2019 unter dem Titel „Nicht bei Trost. Capricci“ erscheinen wird. 

Beat Mazenauer, Ostragehege, Heft 88, 8.6.2018

Nicht bei Trost – Mikrologien

Literatur ist nicht nur das fertige Ergebnis, das vielleicht als Buch-Kunstwerk vorliegt, Literatur kann auch zu einer Lebensform werden sowohl für den Produzenten als auch für den Rezipienten.
Franz Dodel arbeitet seit über einem Jahrzehnt bereits an einer Vermessung der Welt, der eine einfache Regel zugrunde liegt: Jeden Tag schreiben, das Poetisierte in Zeilen zu fünf und sieben Silben fassen. So steht die Welt mittlerweile beim vierten Band, der den Titel Mikrologien (Kleinigkeiten) ausgefasst hat, mehr ein Ordnungsprinzip als eine Inhaltsangabe.
Die poetische Endlosschleife mit den Fünf- und Siebensilblern rennt dabei auf der rechten Leseseite ungebremst dahin, auf der linken Seite sind die Quellen, Zuträger und Anregungen aufgeschlüsselt, die einen Vers evoziert haben. Beispielsweise sieht man als Zeichnung einen frisch gelandeten russischen Astronauten [sic!], die entsprechenden Verse lauten:

locker geflochten dem Sturz
hinunter in die
baumlose Steppe
wird nichts
entgegengesetzt
mit hochgeklapptem Visier
lausche ich auf das
Heranrauschen der Schwerkraft

 

(S. 13).

Die größten Bilder der Eremitage sind zu visualisierten Mikroben zusammen gestutzt, Zitate aus Heldenepen auf ein Wort beschnitten, zwischendurch tut sich auch eine leere Seite auf, die den parallel gesetzten Poesie-Strom umso heftiger ins Tosen bringt.
Wie soll man nun diese Mikrologien lesen, die ja keinen Trost spenden können, weil das ganze Projekt ja „Nicht bei Trost“ ist? Das Dünndruckpapier, die unendlichen Weiten der Verse, die zu Ikonen geschrumpften Weltbilder lassen einen beinahe religiösen Zugang andenken. Freilich, wie immer man vorgeht, es ist richtig und falsch zugleich.

Denken schafft keinen Mehrwert
für die Empfindung
die mir etwas bedeutet
was immer mein Hirn
preisgibt an Bildern hat nichts
mit mir zu tun was
auch immer aufblitzen mag
da draußen als Bild
entspricht meiner inneren
Weltwirklichkeit nicht

 

(S. 107)

Durchhalteparolen, Geduld, Aussicht auf noch nie Gelesenes – im Text sind alle Ermunterungen und Ersatz-Tröstungen eingestreut, die Autor und Leser bei Überlebenslaune halten, denn das Projekt lässt kein Ende erkennen, vermutlich kann es nicht einmal der Tod stoppen.

Trotzdem werde ich
weiterhin festhalten an
dieser Übung mit
der ich ordne was vorkommt

was ich verstehe
wende ich an indem ich
rede und schreibe

 

(S. 553)

Tröstlicher kann man die Aufgabe des Schriftstellers, der nicht bei Trost ist, nicht beschreiben.

Helmuth Schönauer, aus Helmuth Schönauer: Tagebuch eines Bibliothekars, Bd. V, 2013–2015, Sisyphus, 2016

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Jan Kuhlbrodt: Das große Ganze, und wir darin
signaturen-magazin.de

 

 

ERSCHEINUNG VIII

„… im Gegensatz zu allem / was das herbstliche / Abendlicht mir fast
schmerzhaft / klar ins Blickfeld schob / blieb in meinem Inneren / alles
unbestimmt / nichts Genaues bot Grund mich / von irgendetwas / zu
trennen das Geräusch der / flügelschlagenden / Schatten über mich
verfing / und legte sich als / Nachtsaum in die kühle Luft… (Franz
Dodel: Nicht bei Trost – Tessitura 36981–36993)

er kehrt zurück aus der kindlichen in die ungewollte Welt // Porzellan //
Politur // die Intarsien des alten Schranks // immer wieder
erlebe ich das im fast schon unendlichen Gedicht das ein Freund aus
der Schweiz schreibt und das Nicht bei Trost heißt // gerade liest er
ein Buch über Porzellan Die weiße Straße es ist vom Autor der auch
ein Erinnerungsbuch geschrieben hat es heißt Der Hase mit den
Bernsteinaugen // das Häschen ist aus der Sammlung Netsuke
das sind kleine geschnitzte Figuren mit denen man den Kimono
zuknöpft // dass wir uns getroffen haben war ein riesiger Zufall
und jetzt sind seine genauen Gedichte wie ein Geschenk sie klingen
manchmal wie von asketischen Wüstenpredigern oder im Gegenteil
zart wie das Plätschern der Ruder an einem stillen Boot // auf den
Bildern von Malern Ende des XIX. Jahrhunderts // immer nur
kurz erwacht aus dem Traum mit Träumen von anderen Männern
die ich durch das Raster meiner Beziehung zu ihm sehe einem
schon wieder nur fernen Mann als liege ein Fluch auf dieser Familie //
der tägliche Kontakt eines langen gemeinsamen Lebens bleibt außerhalb
unserer Reichweite // das Glas zerbrochen am Weg weiß milchig //
schnell queren Tiere die Straße wenn er am Abend auf dem Motorrad
zurück nach Hause kommt (wie mein Vater) es gibt kein einziges neues
Erlebnis mehr das sich nicht verfangen würde in einer Erinnerung
dem eisernen Fächer der Zeit // seine Falten öffnen sich nur leicht
ans Licht kommt die Erinnerung an eine Erinnerung die wir wieder
vergessen hatten

(für Franz Dodel 8. November 2018)

Mila Haugová

 

Literarische Selbstgespräche … keine Fragen stellte Astrid Nischkauer – Von und mit Franz Dodel

 

Franz Dodel und Anja Utler in der Reihe Doppelte Gäste am 15.3.2024 im KULTUM Graz

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram
Porträtgalerie: akg-images + Dirk Skibas Autorenporträts + IMAGO + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Franz DodelNicht bei Trost.

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