ZUKUNFT, IN DER VERGANGENHEITSFORM
Am Anfang war die Zukunft übersichtlich:
eine Schulglocke, eine aufgerissene Tür,
die lange, gerade Straße in der Sonne.
Eine Weile war die Zukunft ein Befehl.
Sie stand im Heft mit roter Tinte.
Eine Weile war sie ein gezücktes Schwert.
Eine Weile trug die Zukunft bunte Spangen
und hing am seidenen Haar.
Eine Weile war die Zukunft
ein leuchtendes Buch, ein Umsturz,
eine rettende Formel.
Später
verlor sie sich im Dunkel.
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Misch dich nicht ein, / sage ich mir. / Was auch immer geschieht: / es gibt nichts / zu behüten.
Nicht die sich nächtlicherweise meldende Stimme, die einem anderen gilt, ist zu behüten. Nicht der rote Klappstuhl am Brunnen oder der beängstigende Ruf von irgendwoher, aus einer der tieferliegenden Gassen. Misch dich nicht ein. Was auch immer geschieht. Was könnte geschehen? Der verrückte, verrückte Sekundenzeiger – mittags im Süden auf einem Dorfplatz, ein Rolladen aus Blech vor dem einzigen Geschäft; ein roter Klappstuhl neben dem Brunnen, ein Ruf aus einer der tieferliegenden Gassen, und der Sekundenzeiger rast wie verrückt. Was könnte geschehen, beim Blick „auf die sinnlich erfahrbare Welt“, die sich – sie, die lebendige – für einen Augenblick als nature morte wahrnehmen läßt, die Melancholie verströmt, das Drama ahnen läßt, doch nicht freigibt; es sei denn in der angedeuteten und dem Leser anempfohlenen Reflexion. Nichts ist so still, wie es der Anschein eines Stillebens erweckt. Nach dem heiteren Getuschel der Blätter im Juniregen setzt „die Stille danach mit der Gewalt eines Schlags ein“.
„Zu den Meistern der ruhigen verhaltenen Sprache“ gehöre Malkowski; er spreche „aus der poetischen Selbstverständlichkeit heraus“ – dies trifft auch auf diese neuen Gedichte zu, in denen die „ Geschichte“ weitergegeben wird.
Die Geschichte, die ich bin −
aus der ich zitiere,
niemals genau.
In der du vorkommst,
zusammen mit Herbstlaub,
zerschossenen Häusern,
den Sternen
die aufgehört zu sein,
mit dem Verlust
meines Gedächtnisses.
Was auch immer geschieht. Selbst dann ist noch Ruhe und Gelassenheit zu bewahren, wenn es um das Erdenken einer letzten Zukunftsstation geht:
Auf weißen Papierpfaden
bin ich unterwegs.
Die flüchtige Silbe da vorn:
ein täuschend
menschenähnlicher Laut.
Und die Liebe?
Als ob ein Stern fällt
in einen schwarzen Fluß.
Geräuschlos? Und schon verschlungen? Es gibt nichts zu behüten. Was auch immer geschieht.
Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1986
Rainer Malkowski: Was immer auch geschieht
Lyrik, wie sie Malkowski schreibt, kann man am besten als „minor poetry“ bezeichnen. Der Begriff sagt nichts über die Qualität aus, sondern alles über den Inhalt, die Thematik der Gedichte. In ihnen wird nicht eine poetische Gegenwelt entworfen, drückt sich nicht eine originelle Weltdeutung aus, sie haben nicht einmal den Anspruch einer Gesellschaftsbezogenheit. Sie enthalten kleine Einsichten, aus kleinen Erfahrungen gewonnen; Selbstbeobachtungen und Wahrnehmungen menschlicher Alltagsszenen. Die Grundstimmung, die den Ton der meist kurzen Gedichte bestimmt, ist der Schmerz um die Beiläufigkeit aller Dinge, die Unverbundenheit aller Erscheinungen. Eine Reisetasche, die im Wohnzimmer steht ohne daß der Dichter vorhat zu verreisen, führt ihn zur Erkenntnis, daß er sich ständig wehrt „gegen die Versuchung, zu glauben, / ich sei / schon angekommen – (…) von der Zukunft nichts anderes / zu erhoffen / als die schmerzlose / Fortdauer /der Gegenwart“. In einem Frühlingsgedicht, in dem sein Gesicht sich der ersten Sonnenwärme hingibt, irritieren den Dichter die Amseln, „die unverwandt / im vorjährigen Laub / wühlenden Amseln“. Die Doppeldeutigkeit des Wortes „unverwandt“ erklärt das Bild: die Beziehung zur Vergangenheit ist nicht nur fragwürdig, sie ist überhaupt keine, denn das Gedächtnis wird nur von beiläufigen Einzelheiten belastet. So stehen auch einige Liebesgedichte im Zeichen der Distanz, der Entfremdung. Wenig Mut, wenig Hoffnung spricht aus dieser Lyrik:
AUCH DARUM
Damit die Fünf oder Sechs,
denen an uns liegt,
nicht sehen, wie wir verzagen.
Damit Sorge getragen wird
wenigstens für ihren allernötigsten
Vorrat an Mut
auch darum
dürfen wir nicht aufgeben.
Schön sind einige längere Gedichte, in denen Menschen porträtiert werden: ein altes Ehepaar in der Wartehalle eines Flughafens, oder die redselige Witwe eines berühmten Mannes. Nicht in der beschränkten Thematik, sondern in der Schärfe der Bilder, in der einfach-genauen Sprache steckt die Qualität dieser Lyrik. Mit dem Fehlen der Leidenschaft, des Glaubens und der Idee bleibt auch das große, verführende Wort aus. Es ist eine schüchterne Lyrik, in der man sich selbst ohne Überraschung wiedererkennen kann. Eine Anzahl von Gedichten bleibt im schüchternen Ansatz stecken, wie „Melodie im Kopf“, oder „Liebe“, das aus nur zwei Zeilen besteht:
Als ob ein Stern fällt
in einen schwarzen Fluß
Das ist doch wirklich zu wenig; eine strengere Selbstkritik hätte einen schmaleren, aber niveauhaltigeren Band ergeben. Wenn aber jene Schüchternheit sich mit Verwunderung paart, entstehen Gedichte, die an die Lyrik Kunerts erinnern, wie „Schön zu sehen“, oder „Zunehmendes Licht“:
Eben noch Nacht.
Die Bäume im Park
eine undeutliche Masse.
Nun hervortretend
als Pinie, Zeder, Steineiche.
Später, in einem Brief,
werde ich schreiben:
ich war heute Zeuge
der täglichen Erschaffung
der Welt.
Die Kunst der freien Form ist eine Kunst an sich. Celan und Bobrowski z.B. waren Meister in der rhythmisch oder inhaltlich sinnvollen Verteilung der Wörter über die Zeilen. Bei Lyrikern wie Malkowski frage ich mich manchmal: warum so und nicht anders. So drückt sich vielleicht auch in der Form das Beiläufigkeitsbewußtsein aus, als sei auch das Gedicht der Unverbundenheit der Erscheinungen ausgeliefert. In dem Sinne also wirklich „minor poetry“. Wohl kein Zufall, daß eins der schönen Porträts das eines Dichters ist, der sich an die eignen Gedichte kaum noch erinnert, nur noch im Garten arbeitet, und den Amseln zuschaut.
C.O. Jellema, Deutsche Bücher, Heft 3, 1986
Aushalten „die Geschichte, die ich bin“
Der in Brannenburg lebende Rainer Malkowski hat seinen fünften Gedichtband veröffentlicht. Die Titelzeile Was auch immer geschieht bekennt Gefaßtheit gegenüber den Ereignissen, die uns treffen, geschehen, fordern. „Was auch geschieht“, sang Ingeborg Bachmann mit poetischem Pathos, „die verheerte Welt / sinkt in die Dämmerung zurück.“ Bei Rainer Malkowski heißt es unpathetisch abwehrend:
Misch dich nicht ein
sage ich mir.
Was auch immer geschieht
es gibt nichts
zu behüten.
Der da spricht, kennt Orte, Zeiten, unser tägliches Mißverhältnis, Erfahrungen intensiver Gegenwart, Augenblicke des Glücks. Er behauptet „im Jahrzehnt vor der Genmanipulation“ seine „letztwillige Verfügung“, daß „Fühlen und Sehen“ eines Menschen nicht austauschbar sind. Mit sanfter Ironie notiert der Sprecher seine „Freiheiten“. Dazu gehört „die Aufgabe falscher Freunde“, aber auch „die Treue zu einer Arbeit, / nach der niemand fragt.“
Da schaut einer dem alten Sieger ins Gesicht, dem Tod, der uns zusieht, nicht fragt:
Er, der Geduldige, der es leicht hat.
Das Adverb „leicht“ liest der Leser auf der ersten und der letzten Seite. Zu den „Freiheiten“ des frei Werdenden gehören „Erdberührungen, leichthin, / im Gehen.“
Malkowskis Verse argumentieren nur selten. Sie notieren Befindlichkeiten. Sie üben Gelassenheit. Sie kommen aus dem Schweigen. Dramatisches verbergend schreiben sie vom „zunehmenden Licht“ im Dunkel. Ein tapferer Sprecher, der diese „Geschichte, die ich bin“ aushält.
Paul Konrad Kurz, Bayerischer Rundfunk, 31.12.1986
Rainer Malkowski: Was auch Immer geschieht
Es ist der fünfte Gedichtband von Rainer Malkowski im Suhrkamp Verlag. Der Gesamteindruck: ein Lyriker, den ein exklusiver Verlag wie selbstverständlich für sich anwerben mußte. Man müßte eine Besprechung mit dem letzten „Auf den Sieger“ betitelten Gedicht beginnen. Aber ein vollständiges Zitat dieses eine Summe ziehenden Gedichtes würde zu lang werden und das noch dazu gleich am Anfang. Deswegen hier nur die beiden ersten Verse:
Er ist im Hintergrund,
der auf mich wartet.
Es kann nur einer damit gemeint sein, eben der „Sieger“. Ist Rainer Malkowski ein religiöser Lyriker? Das gewiß nicht im herkömmlichen Sinne. Er verbleibt mit jedem dieser 65 Gedichte ganz auf der Erde, in subtil ausgesuchten Lagen konkreten Menschenlebens. Dazu eine abgekürzte Folge der Gedichtüberschriften:
Das Treffen zweier Körper, Graues Seestück, Später bellt ein Hund, Im Bahnhofsrestaurant, Der Amselbeobachter.
Es fällt bei einer Übersicht der Gedichttitel auf, wie der Dichter die Welt kennt, ein Reisender gewesen ist (und noch ist?):
Im Gespräch in Serrara, Das indische Projekt, An jenem Morgen in Mailand, Straße in Ohio, Amsterdam, van Goghs Museum.
Auch diese als Augenblicksimpressionen und -intuitionen für ein Gedicht genutzten Eindrücke werden nur aufgenommen, wenn sich Hörbares, Sichtbares, Künstlerisches aus ihnen von selbst erzeugt. Auch hier fehlt aber dem Besprecher der Raum für ganze Zitierungen. Man müßte das halbe Buch ausbreiten. Wir beschränken uns für eine kleine Interpretation auf einen „Evergreen“ überschriebenen Vierzeiler:
Der Trost der einfachen Begierde.
Die Nähe zweier Knie
unter einem Kaffeehaustisch
vor fünfundzwanzig Jahren.
Das kleine Gedicht ist ein Beispiel für Entscheidendes dieser Dichtung: aus unscheinbaren Nichtigkeiten wird ein Langzeitgedicht, ein Lebensgedicht sublimiert. Rainer Malkowski ist formal gesehen ein „moderner“ Lyriker, ohne Versformen, Reime oder rhythmische Zeilenbrechungen. Die Modernität geht aber nicht soweit, daß sie dem Leser auch die Zeichensetzung überläßt. Kommata, Punkte, auch Bindestriche werden nicht ausgelassen. Was das Gedicht Malkowskis zu bieten weiß, sei noch an einem nicht gestutzten weiteren Beispiel gezeigt: die Betitelung lautet „Auf weißen Papierfaden“ und der Text erschließt etwas vom Innern seiner poetischen Arbeit, „Das gibt es auch, / daß die Worte freundlich / in Gruppen herumstehen; / ansprechbar, / jederzeit zu kleinen / Gefälligkeiten bereit. / Aber der Geschmack an den leichten Erfolgen/ verliert sich. / Verliert sich nicht immer, / sollte sich verlieren. / Auf weißen Papierpfaden, / Quälwegen, / bin ich unterwegs. / Die flüchtige Silbe da vorn: / ein täuschend / menschenähnlicher Laut.“ – Der Dichter weiß das Wahre vom Täuschenden das Menschliche vom bloß Menschenähnlichen sicher zu unterscheiden und dann auch zu scheiden. Seine Gedichte sind Dichtungen, Verdichtungen ohne poetischen Schein auf dem Pfad, den das Wort geht, wenn es sich nicht von der Substanz der Poesie ablenken läßt. Das letzte Gedicht des Bandes hatte, wie schon anfangs gesagt den Titel „Der Sieger“, und es endet damit, daß es der „von Anfang an feststehende Sieger“ sei. Wer damit angesprochen wird, so etwas läßt nur eine zweifache und doch im Letzten ununterscheidbare Möglichkeit zu: der Tod, solange von der Erde und vom Leben aus gesprochen wird, und Gott, wenn über diese Grenze der Blick hinausgeht. Wer die Möglichkeiten der Poesie so vorsichtig ausschöpft hat wohl auch das Recht hier die Doppeldeutigkeit als Eindeutigkeit und, das heißt als offene Frage zu verstehen. Es ist ein Gedichtband, der das Lesen und Nachsprechen leicht macht, obschon er meistens große, bewegte Lasten mitschleppt. Das moderne Gedicht in einer zukunftsträchtigen Vers- und Inhaltsgestaltung. Ein Poet, wie er den Jungen Lesern gefallen kann und die älteren nicht aus ihren Voraussetzungen, was noch als Dichtung gelten darf, herausreißt. Diese Gedichte sind (wie Heinz Piontek sie charakterisiert hat) „sorgfältig, bitterklar, streng, auf zarte und ebenso widerständige Weise schön“.
Rolf Wasung, Neue Deutsche Hefte, Heft 193, 1/1987
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Verena Flick: Skepsis und Resignation. Poesie, Passivität und Magie
Wiesbadener Kurier, 20.3.1986
Hans-Jürgen Heise: Wenn die herrlichen Kaninchen Tunnel graben
Stuttgarter Zeitung, 29.3.1986
Wulf Segebrecht: Misch dich nicht ein
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.4.1986
Albert von Schirnding: Im Jahrzehnt vor der Genmanipulation
Süddeutsche Zeitung, 4.6.1986
Charitas Jenny-Ebeling: Einfache Räume
Neue Zürcher Zeitung, 13.6.1986
Alexander von Bormann: Vergangenheit als gegenwärtige Zukunft
Frankfurter Rundschau, 9.9.1986
Hans Dieter Schmidt: Beiläufiges – unverbunden
Main-Echo, 7.10.1986
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + KLG + Archiv + IZA + Kalliope
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum
Nachrufe auf Rainer Malkowski: FAZ ✝ literaturkritik.de ✝ NZZ ✝ Tagesspiegel ✝
Walter Helmut Fritz: Ein leises Echo des entschwundenen Lebens
Stuttgarter Zeitung, 3.9.2003
Albert von Schirnding: Gehen und Sehen
Süddeutsche Zeitung, 3.9.2003
Zum 10. Todestag des Autors:
Hans-Dieter Schütt: Glücklich im Bahnhofsrestaurant
neues deutschland, 31.8./1 .9. 2013








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