Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik
Teil 3 siehe hier …
WALTER W.
Im Alter von 42 Jahren starb Walter W., betreut von seinem Arzt und Förderer Leo Navratil, 1980 in der Niederösterreichischen Landesnervenanstalt Maria Gugging. Unter den dort hospitalisierten schizophrenen Bild- und Sprachkünstlern war er einer der selbständigsten und beweglichsten, obwohl er sich stets von einem fremden Willen, einer verhängnisvollen, unkontrollierbaren, übergeordneten Macht «gelenkt» fühlte. Als Hauptthema und Hauptproblem beschäftigte ihn die Freiheit, stark ausgeprägt war sein Hang zum Wandern, Reisen, Explorieren, mehrfach verliess er die Klinik (mit oder ohne Genehmigung), kehrte aber immer wieder zurück, bald freiwillig, bald auf Grund neuerlicher Einweisung, sei’s wegen Verwahrlosung oder wegen öffentlicher Ordnungsstörung.
Obwohl Walter W. (der seine Bilder und Texte mit «W» oder «WW» signierte) ein eklatanter Schulversager gewesen war und sich später auch als Skilehrer, Tennistrainer und Reiseleiter nicht bewähren konnte, bewies er in luziden Momenten bemerkenswerte, bisweilen tiefgründige Intelligenz, die er in aphoristischer Kürze und mit poetischer Prägnanz auf den Punkt zu bringen vermochte; Einsichten wie diese: «Der Kopf weiss weniger als der Körper.» – «Die Freiheit hat ausgezogene Schuhe.» – «Wenn Gott überall ist, | Kann er nicht glücklich werden.» – «Bar von Beweisen ist alles Gesagte grenzenlos.» – «Eine Feststellung stellt nicht fest, sondern lässt locker der Phantasie ihren Lauf.» – «Nun, einen Höhepunkt kann man nicht wiederholen.» Usf.
W’s durchwegs einstrophige Gedichtwerke sind aus unterschiedlich langen, durchwegs ungereimten Versen gefügt, sonstige poetische Qualitäten (Melodik, Rhythmus, Metaphorik) weisen sie nicht auf. Die Texte könnten ohne Verlust auch als Prosa ausgeschrieben und gelesen werden. Gelegentlich tritt unaufdringlich ein lyrisches Ich in Erscheinung, öfter sind die Texte autobiographisch grundiert, doch meistens werden bloss unpersönliche Feststellungen oder «Weisheiten» aneinandergereiht, etwa in dieser Art:
Das Leben der Steine
Die Steine haben fast alle eine
Unterschrift auf ihrem Rücken.
Sie kommen aus dem Märchenland,
wo sie der Landschaft den Namen geben.
Gott hat die Sterne gezählt,
die Steine nicht.
Als leidenschaftlicher Nomade scheint Walter W. eine existentielle Affinität zum Zigeunertum entwickelt zu haben; er selbst notierte dazu (in «Biographie in Stichworten»): «Es gibt ein Volk das wandert und dann gibt es Seelenwanderungen, das brachte mich in Konflikt mit der Welt, die über das Wandern den Stab bricht.» – Dass er einst bei einem Aufenthalt in Paris von einer bettelnden Zigeunerin verflucht wurde, hat ihn in der Folge zeitlebens beschäftigt und belastet; die Episode ist auch in ein denkwürdiges Gedicht eingegangen:
Der Wandersmann
Warum, warum ist das Wandern nicht mehr
so langsam wie bei den Zigeunern.
Weil die Zigeuner schon überall waren,
und jetzt nicht mehr sind und doch überall
Verflucht hat mich die Zigeunerin in Paris
Als ich ihr in der Kirche kein Geld gab.
Das war die Richtstätte
der Zigeuner, nahe den Wolken oder
nahe dem Meere, je nachdem, welche
Materie sich jeweils interessiert für das Volk
das wandert. Es war die Grundstellung von Golgotha
nur etwas enger. Die Tiere kauerten in der Materie
die nicht spricht, ausser man liebt sie. Wie mit
einem verkohlten Stempel geschrieben.
Das mag ein Gelegenheitsgedicht sein, ein lyrisches Erinnerungsstück, ein skizzenhaftes Weltbild, eine verkappte Selbstdarstellung – es ist ein Gedicht von archaischer Anmutung, kaum zurückstehend hinter Kafkas vergleichbaren Notaten aus Zürau.
… Fortsetzung hier …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







0 Kommentare