Szene III

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Haupts Werk“

Szene III
Zwischentitel: )
»Ein Phänomen«

 

 

 

 

KRITIKER: Wo er nur sein mag, der Mann? Wie konnte er so schnell verschwinden? Wohin? Und ohne Mantel! Ein Phänomen. Mann ohne Mantel. Isch mit Namen. Ein Phänomen. Wie konnte ich das übersehen? Wie konnte ich ihn übergehen? Ein Autor doch! Ein Phänomen, ein ganz normales! Wo er nur sein mag …

 

 

 

 

 

 

 

 

(Schritte auf knarrenden Treppenstufen und Dielen. Fremdartige, ganz unverständliche Stimmen hinter allen Türen; mal ein hektisches Keuchen, mal ein gepreßter Schrei.)

 

 

 

 

 

 

 

(Geräusch wie von Tischtennisbällchen, jedoch in ganz kurzen und regelmäßigen Abständen.)

 

 

 

 

KRITIKER: … necken und schlecken, necken und schlecken, necken und …

 

Vormittags. Eine menschenleere Seitenstraße. Irgendwelche Fahrzeuge, bis zur Unkenntlichkeit eingeschneit. Schmale Abbruchhäuser mit kreuzweise zugenagelten Türen. Fremdsprachige Ladenschilder; an den verrußten Mauern, weiß auf schwarz, immer wieder dieselben unentzifferbaren Embleme. Mit gesenktem Blick, vorsichtig einen Fuß vor den andern setzend, geht der KRITIKER zu seiner Zeitung (oder zum Tatort) zurück. Lange sieht man ihn – mal von hinten, mal von der gegenüberliegenden Straßenseite – so vor sich hin gehen, die Fäuste tief in die Manteltaschen gesteckt und unablässig mit sich selber redend, manchmal stehenbleibend, den Kopf schüttelnd, dann entschlossen – oder auch bloß irritiert – weitergehend im gleichen Schritt wie zuvor. Dies alles während längerer Zeit und in mehrfacher Wiederholung, so daß der Eindruck entsteht, der KRITIKER schreite stets dieselbe Straße ab und gefalle sich in ihrer engen Perspektive.

Doch jetzt betritt der KRITIKER nach einer brüsken Wendung jenes Haus, in dessen Toreinfahrt bei seinem letzten Durchgang noch der halbwegs zugeschneite Panzerwagen stand. Der KRITIKER tritt ein, verschwindet und kommt erst jetzt, da die Straße langsam von der steilen Treppe überblendet wird, erneut in den Blick. Der KRITIKER durchmißt, mit merklich beschleunigtem Schritt, einen schmalen, nur durch eine nackte Glühbirne erleuchteten Korridor mit zahlreichen Türen zu beiden Seiten; er kennt sich offensichtlich aus, geht geradewegs zur vorletzten Tür rechts, lehnt sich mit der Stirn gegen dieselbe, hebt die Fäuste aus den Manteltaschen und hämmert mit ihnen, ganz leise und doch sehr bestimmt, an den obern Rand des Türrahmens, wobei er mehrmals so etwas wie ein Erkennungswort zum Schloß hin flüstert.

Sofort und beinahe lautlos wird die Tür geöffnet. Nach einer knappen Verbeugung schiebt sich der KRITIKER, seinen Mantel aufknöpfend, seitlich durch den schimmernden Türspalt ins Zimmer.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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