Andersart

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Gegengabe“

«Nach Ihnen, meine Dame!» – «Nach Ihnen, mein Herr!» – Aus dieser Alltagswendung, einer stereotypen, heute kaum noch verwendeten Höflichkeitsform, hat Emmanuel Lévinas seine Lehre vom Andern als dem eigentlichen Gebieter entwickelt. Der Andere ist für Lévinas grundsätzlich «mehr als ich», er ist der, der nicht nur Rücksichtnahme, sondern Verantwortung heischt, der jede Relativierung, jeden Übergriff verbietet und dessen Antlitz – wie das Heilige – den Schauder des Gemeintseins, der existentiellen Betroffenheit, das Bewusstsein der eignen Nichtigkeit provoziert.
Das Antlitz mithin als das Unantastbare, das jederzeit Respekt Gebietende. In ihrer Schönheit und Klarheit ist diese Ethik beeindruckend. Als Imperativ – als Gebot – mag sie taugen, nicht so aber in der Lebenspraxis, wo das Antlitz des Andern wenig gilt und gewiss keine Autorität hat. Mit welcher Leichtigkeit, ja Selbstverständlichkeit wird der Andere (der Andersgläubige, der Andersrassige, der Andersdenkende) auch heute noch und heute wieder abgeschmettert. Und wie rücksichtslos wird sein Antlitz geschändet, verfremdet, ausgelöscht. «Ecce homo!» Das ist der Andere, der zu liebende Nächste. Erniedrigt und beleidigt als Schmerzensmensch, Karikatur des Gebieters. Was Lévinas als ver
pflichtende Ethik vorträgt, ist nichts andres als eine weltfremde und menschenferne ästhetische Theorie.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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