Adolf Endler: Der Pudding der Apokalypse – Lesung (CD)

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Adolf Endler: Der Pudding der Apokalypse – Lesung (CD)

Endler-Der Pudding der Apokalypse – Lesung (CD)

 

 

 

 

 

 

 

 

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Adolf Endler. Der Pudding der Apokalypse. Gedichte

Adolf Edmond Endler, geboren 1930 in Düsseldorf, veröffentlichte seine ersten Gedichte mit 16 Jahren und hat seitdem ein umfangreiches und außerordentlich vielfältiges Werk vorgelegt, Prosa, Lyrik, Essays, Nachdichtungen, Herausgaben, das ihn als einen der großen deutschen Autoren der zweiten Jahrhunderthälfte ausweist. Dass er dennoch breiteren Leserschichten erst nach 1989 bekannt wurde, mag nicht zuletzt daran liegen, dass er als 25jähriger in die „kunstfreundlichere DDR“ übergesiedelt war, wie er einmal selbstironisch in der Anmerkung zu einem Gedicht schrieb. Zwar konnte Endler zunächst am Leipziger Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ studieren, auch wurden seine frühen Arbeiten veröffentlicht, aber schon bald stellten sich andauernde und stets wachsende Schwierigkeiten ein. Die sozialistische Kulturpolitik musste diesen poetischen Flaneur, der sich immer erkennbarer in dadaistische und surrealistische Traditionen stellte, ohne irgendeinem Dogma zu verfallen, der nirgends fassbar war und jedenfalls für den sozialistischen Realismus stalinscher Prägung nur ein Hohnlachen übrig hatte, als fortdauernde Provokation empfinden. Behinderungen, Veröffentlichungsverbote, der Rauswurf aus dem Schriftstellerverband der DDR waren die Folgen. Zwar erschienen ab Mitte der sechziger Jahre Bücher von Adolf Endler auch im Westen (bei immer wechselnden Verlagen), aber der Autor taugte nicht zum dissidentischen und bei jeder Gelegenheit politische Kommentare gebenden Vorzeigeautor; seine Sache war die Literatur. Vielleicht entwickelte keiner unter den Autoren der DDR ein solches subversives Potential wie eben Adolf Endler, der in den siebziger und achtziger Jahren, als gebürtiger Rheinländer mit Sarah und Rainer Kirsch, Karl Mickel und Volker Braun u.a. der „Sächsischen Dichterschule“ zugerechnet (übrigens ist er der Erfinder dieses Begriffs, der längst in Literaturgeschichten wie selbstverständlich verwendet wird), eine Zentralfigur mit einem gar nicht zu überschätzenden Stellenwert für eine ganze Autorengeneration wurde. Auch für diese fand Endler den treffenden Begriff: ,,Prenzlauer Berg Connection“. Und er selbst wird heute häufig, nach dem Titel eines 1994 veröffentlichten Buches, für das er den Brüder Grimm Preis und den Preis der SWF-Bestenliste erhielt, nicht selten als „Tarzan am Prenzlauer Berg“ vorgestellt. Natürlich ist das immer vergröbernd, aber es beweist doch Endlers Fähigkeit zur prägnanten Pointierung.
Trotzdem blieb Endler, der scheinbar frei spielerisch und zugleich doch traditionsbewusst und kenntnisreich wie wenige Dichter der Gegenwart auch strenge Gedichtformen virtuos beherrscht, ein kaum auf eine bestimmte Schreibweise festzulegender Autor. Stets wechselt er Rollen und meldet sich mit Unerwartetem, nichts scheint er mehr zu hassen als Routine: ,,Darf Ole Endl / Darf Ole Endl / Od Df Er Laien / Od Df Er Lalen / Adolf Redeln / Adolf Redeln / OI EI Darf Ned…“ – schon aus seinem Namen macht Endler hier ein „zu Tränen rührendes ausgesprochenes Kunstlied“, das freilich die Übersetzerinnen Dore Elfland und Leda Rednfol vor schier unüberwindliche Probleme stellt, nicht zu reden von Loald D’ Enfer und all den anderen.
Gleichgültig, ob Endler über den Geräuschemacher schreibt oder über Bobbi ,,Bumke“ Bergermann, über den Bückeburger Sonetten-Wettstreit, die Oberlausitz oder den Prenzlauer Berg, immer hat dieser „verwegen zwischen Sub- und Hochliteratur interpolierende Dichter“ (Rühmkorf über A. E. ) die Welt in seinen Gedichten so in Bewegung versetzt, dass sie als Pudding der Apokalypse in ihrem Chaos klare Konturen bekommt. Was Endler mit seinem Sprachvermögen und -witz ins Gedicht holt, ist in seiner Kombination immer überraschend und stets unverwechselbar Endler.
Für den Pudding der Apokalypse hat er sein gesamtes Werk gesichtet und zusammengestellt, was sich aus den letzten 35 Jahren als haltbar erwiesen hat. Aus diesem Band wiederum hat er ausgewählt, was auf eine CD hinaufpasst, wenn man denn das zeitliche Maximum zum Maßstab nimmt. Die Auswahl zeigt Endler als einen singulären, ungemein virtuosen, mit lyrischen Formen raffiniert jonglierenden Dichter, der seine Welt und nicht zuletzt sich selbst stets einem zugleich amüsiert-ironischen und ernsten Blick aussetzt.

Thorsten Ahrend, Nachwort

 

Gekreuzte Wege und Wiederbegegnung

– Spaziergang mit A. E. in Berlin/Prenzlauer Berg. –

Nie wieder habe ich einen Menschen die immerhin nicht unschwierige Wortfolge: „der Aufstand der guatemaltekischen Bauern“ derart geläufig – und geläufig, weil so intensiv – aussprechen hören wie A. E., dies zumal nach einer gehörigen, sich während des Abends noch steigernden Portion Rotwein. Und immer noch ohne zu stocken:

der-Aufstand-der-guatemaltekischen-Bauern.

Sie revoltierten damals, 1954, gegen die Macht und die Machenschaften der American Fruit Company.
Wir hatten ein international ausgeweitetes Klassenbewußtsein, wie wohl, obgleich’s uns mies ging, „der Klasse“ nicht eigentlich zugehörig; und eine Anthologie junger progressiver Lyrik sollte erscheinen: gleichzeitig in einem westdeutschen Verlag, der allerdings erst noch gefunden werden müsse, und in einem DDR-Verlag, mit dem man schon eine feste Abmachung habe. So hatte A. E., der Herausgeber, geschrieben.
Und war aus Düsseldorf herbeigereist, kreuzte, wenn auch einen Abend später als verabredet, in jener heruntergekommenen, unter Zwangsverwaltung stehenden Villa eines ehemaligen Uniformfabrikanten auf, in der unsereins eine billige Wohnung ergattert hatte; unsereins: vor kaum mehr als einem Jahr aus der DDR getürmt, nun mit dem Studium der, wie es damals noch hieß, Wissenschaft von der Politik und, in der Tendenz gegenläufig zu deren dummdreistem Antimarxismus (wahrhaftig, was wurde da von habilitierten Nichtkennern für Blödsinn „bewiesen“!), mit der Produktion von Lyrik befaßt.
Die Anthologie ist nie erschienen, und während es unsereinen weiter nach München verschlug, wechselte A. E. hinüber in die DDR, „weil es ihm“, wie er im Vorwort zu seinem BERLINER HANDPRESSE-Buch Nadelkissen vermerkt, „in Westdeutschland nicht mehr gefallen hat“. Er ging, so drang die Kunde nach München, in die Wische, ein Sumpfgebiet im Märkischen (und in der Altmark hatte, wie das Leben so spielt, unsereins seine Kindheit verbracht), das von FDJ-Brigaden trockengelegt wurde. Worüber Berichte im ND und in der NDL Gedichte von A. E. erschienen.
Man hatte also die Gegenden gewechselt.
Alexanderplatz, Richtung Prenzlauer Allee – im Rücken den Fernsehturm, von dem laut A. E. jetzt der Hallesche Dichter Czechowski gereimt hat: „Berlin besitzt jetzt einen Fernsehturm / Daneben gehalten wirkt der Mensch wie ein Wurm“; „Ulbrichts Zeigefinger“ oder auch „Protzstengel“, wie er dereinst hieß, heute in DDR-offizieller Forsche von den Medien „Telespargel“ genannt; geschmückt allerdings „mit dem Zeichen des Lichtkreuzes, wie es bei zweckdienlich-günstigem Sonnenstand auf dem gläsernen Antlitz der rotierenden Speisekugel erscheint, diesem auch für die Erbauer verblüffenden, keineswegs eingeplanten Effekt, der daran gemahnt, daß er zu Füßen der Marienkirche steht“. wie nun wieder A. E. in „Bubi Blazezak – Notizen über einen Romanhelden“. LITFASS 16, notierte. Richtung Prenzlauer Allee also, schönes Herbstwetter und, weil hier lange nicht gegangen, die ganze Allee hoch bis Dimitroffstraße, links rein und kurz vor der Schönhauser rechts –

Lychener Straße 22, zweiter Hinterhof, vier Treppen: Adolf Endler. Ich ahne nicht, ob er auch so etwas dachte wie: hehe, auch ’n Bart inzwischen. Ein bißchen Hin-und-Her-Gelächle, ein bißchen (möglichst nicht gezeigtes) Geprüfe wohl auch; immerhin lange nicht gesehen; und tja, wie es denn gehe. Das war, seitens A. E.s zumal, in einem Satz nicht zu beantworten. Wie geht’s einem, dessen Gedichte „in seinem Land gesammelt nicht erschienen“ sind, dessen gemeinsam mit Karl Mickel edierte große Lyriksammlung mit dem optimistischen Titel In diesem besseren Land nun und in einer Zeit, da A. E. zu den vom Schriftstellerverband ausgeschlossenen Autoren gehört, „fast schon ein historisches Dokument“ darstellt?
Erstens:

Beschissen; ich weiß gar nicht, wovon ich eigentlich lebe.

Zweitens:

Ach, doch gut; ich schreibe.

Notizen über Notizen nicht nur auf dem Schreibtisch; Bücher außer in altgekauften Regalen auch auf Tisch, Stuhl, Radio, Bettstatt, Fußboden – tatsächlich sah es in der Wohnung (anderthalb Zimmer, Küche, ohne Bad, Klo eine Treppe tiefer) unerhört nach Arbeit aus. Und immerhin, Reclam/Leipzig will nun doch Gesammeltes bringen, er hoffe auf einen anständigen Vertrag. Naja, und man könne sich hier ja billig ernähren, auch legte er Wert auf die Feststellung:

Miete 28 Mark 50.

Das war dann schon beim Spaziergang, nachdem A. E. in den Hofdurchgängen exemplifiziert hatte, was in dem Kurztext „Bobbi Bergermanns Vormittagsweg“ (in Nadelkissen) zu lesen steht: „läßt kurz nacheinander ziemlich gehässig zwei scheißebraun angestrichene Blechtore knallen“: doch war’s jetzt Nachmittag, und obgleich in seinen Gedichten „manchmal sehr zornig“. war er freundlich gestimmt; die Blechtore, so angestrichen, wie beschrieben – sie knallten eben. A.E. zeigte mir „seinen Kiez“.
Zur Zeit, so war zu berichten, trauen sich die Frauen, die ja sonst schon ängstlich genug sind, nachts überhaupt nicht mehr auf die Straße; ein Frauenmörder geht um; fünf Frauen sind ihm schon zum Opfer gefallen, drei in derselben Straße. Nein, durch diese Straße führte A. E. mich nicht, sondern die nächste zum Göhrener Ei, beliebt bei den Kindern, weil sie rund um den Platz Rollschuh fahren können. Der Kiez ist wichtig für A. E.: Lebensgebiet, Sammelrevier, literarisches Jagdgefilde. Anders als in Stadtmitte gibt es hier noch ziemlich viele Kneipen, sogar – große Besonderheit – leerstehende Wohnungen, und es ist nicht unüblich, sie zu besetzen; woraufhin mehrere Folgen möglich sind: Entweder, und das ist das beste, gar keine. Oder das Wohnungsamt kommt drauf, erkennt die Wohnung den Besetzern aber zu. Oder sie müssen 500 Mark Strafe zahlen, wonach wiederum zweierlei passieren kann: Entweder die Besetzer müssen ausziehen oder, was mittlerweile der häufigere Fall ist, dürfen bleiben.
A. E. weiß das alles und klamüsert es mir auseinander; er weiß Bescheid über die Ausgeflippten, die Alkoholiker und Arbeitsgehemmten, über Frauen, die sich vor der Arbeitserfassung in eine Pro-forma-Ehe retten können, und über Pop- und Rockmusiker, deren abendliches Auftreten zwar durchaus geduldet, jedoch nicht als Beruf anerkannt wird: um den nötigen Arbeitsnachweis zu erhalten, ohne den die Einweisung in ein Arbeitslager droht, tragen sie drei-, viermal die Woche (möglichst aber selten, denn: „Geld haben sie ja“) Post aus.

Ich glaub, deshalb funktioniert die Post auch bloß noch.

Im Kiez kann man auch notierenswerte Sätze aufschnappen wie: „Wir sind ja doch alle bloß Arbeiter!“ oder:

Freitags kann ich nicht; freitags is immer Krimi!

Wurde über Literarisches geredet? Ja, wenn man das dazu zählen will: Wie, so erinnerte ich mich, der Lyriker Bernd Jentzsch, der heute in der Schweiz lebt (und gegen den in der DDR ein Haftbefehl ausgestellt wurde), 1963 kurz nach dem Mauerbau bei einem noch ost-west-deutschen Schriftstellertreffen am Schwielowsee (wohin „wir Münchner“, eben der Mauer wegen, nur nach äußersten Zweifeln, aber dann also doch gefahren waren), – wie B. J. gesagt hatte:

Für uns Autoren ist die Mauer von Vorteil.

Er erläuterte: Nun könne man Autoren, die Kritisches schreiben, nicht länger vorhalten, sie wollten sich bloß beim Klassenfeind lieb Kind machen, um dann nach dem Westen zu gehen. „Jetzt müssen sich die Funktionäre mit uns auseinandersetzen.“ (Was wir damals für eine Ausrede gehalten hatten, für eine besondere Art, sich selbst mit der Mauer abzufinden und, doppelter Effekt, den „Kollegen aus dem Westen“ einen wenigstens halbwegs positiven Aspekt zu bieten.) A. E.:

Nein, das war schon richtig so. Bloß nicht für lange –

Gescheitert sei alles an der Mediokrität, an der mittleren Partei- und Kulturbürokratie. Mit den kleinen Geistern werde selbst das Politbüro, in dem es auch andere Stimmen gebe, nicht fertig. Und sogar Honecker solle schon… (Ganz leise, jedoch nicht geäußerte Frage bei mir, ob das nicht auch wieder so eine besondere, diffizile Art der Selbstberuhigung etc. sein könnte?)
Zum Literarischen mag immerhin auch dies gerechnet werden: A. E. wies auf die Fenster der Ladenwohnung, in der sich ein Autor eingerichtet hat, den ich eher in einer Villa vermutet hätte: Erich Arendt (77), der Übersetzer Nerudas und Albertis, Verfasser der Bände Trug doch die Nacht den Albatros, Bergwindballade und Über Asche und Zeit, ein Dichter der Emigration, des Spanienkampfes, aber auch der insulären Einsamkeit:

Wo schwarze Algen nachtwärts schwammen,
uns ist am Ufer nur
das Salzskelett
der Steine.

Kleines Zwischenspiel vor einer Kneipe: reingehn? – Nein. – Wir gestanden uns, nicht gänzlich ohne Verlegenheit, wenn wir eine unsrer Arbeitsphasen haben (die nun auch länger, weil allmählich doch schon ein bißchen als kostbar empfunden werden), meiden wir den Alkohol.
Dabei: „Mensch, früher…!“ (Ja, früher –)

Unter jungen Leuten, erzählt A. E., hat sich eine nichtöffentliche literarische Öffentlichkeit gebildet: Lesungen unter freiem Himmel, nirgendwo angekündigt, weitergesagt von Mund zu Mund. Ich erfahre es auf dem Weg zur Schönhauser; wo ich kurz noch hinwollte (aus nostalgischen Gründen, ich gestehs: nämlich: auch mal da gewohnt auf dem Weg zwischen Altmark über das damals unter uns sogenannte, haßgeliebte „Schauspielkombinat Ost“ zur Wissenschaft von der Politik und weiter). Und am U-Bahnhof Dimitroffstraße sehe ich eine (erst zu Hause in einem Text von A. E. wiederentdeckte, sonst mit Sicherheit gar nicht erinnerte) Würstchenbude: die „Würstchenbude KONOPKES, jetziger Besitzer: W. Ziervogel, 112 Berlin“.
Feierabend. Die Schönhauser ist die verkehrsreichste Straße DDR-Berlins. Die Straßenbahn 46, Endstation Kupfergraben, kommt heran. Vorm Einsteigen kurz-nochmal-winken. Auf dem Bürgersteig, im Gedränge, Adolf Endler; unermüdlicher Sammler von Details.
Derzeit Verfasser eines phantastisch-satirischen Romans.

Drei Abende später. Im ARD-Fernsehen ein Dokumentarfilm über – ausgerechnet! ja, „wie der Zufall so spielt“: – Guatemala heute, jene Militärdiktatur, in der aufbegehrende Landarbeiter, auch Pfarrer von der Armee gefangengesetzt, gefoltert oder (günstigstenfalls?!!) gleich erschossen werden; mit Waffen aus den USA.

– deraufstandderguatemaltekischenbauern –

Jürgen Beckelmann, 1981, aus Œuvre Katalog 20 Jahre Berliner Handpresse 1961–1981, Berliner Handpresse 1981

 

„Mit diesem superben Strauß welker Rosen“

– Endlers Lyrik vor- und zurückgewendet. –

Was die Auswahlkommission in Berlin-Brandenburg für die schriftliche Deutsch-Abiturprüfung der Leistungskurse im Jahr 2021 bewogen hat, unter dem Titel „Wende-Gedichte“ das Gedicht „Unfassbar“ von Karl Heinz Ebell den Prüflingen zuzumuten, mag auf immer ihr Geheimnis bleiben. Jedenfalls wurde ihnen ein Text vorgesetzt, der ob seiner unverhohlenen Panegyrik und sprachlichen Schlichtheit eigentlich nur peinlich berühren kann. Eine Kostprobe:

[…] wir nehmen die
aufrechten in die arme wir
weinen und lachen mit ihnen
und feiern das fest der
freude ein stück von uns nehmen
sie mit auf den heimweg und in
der brusttasche unser versprechen
wir werden brücken schlagen
straßen bauen auch wir
sind das volk
.1

Das verunglückte und in Hinblick auf die Realhistorie des Ost-Anschlusses geradezu frivole „Gedicht“ wäre keiner Erwähnung wert außer der des Bedauerns für die damals Corona-geplagten Abiturienten, bezöge es nicht Scheinlegitimation als Wurmfortsatz einer Kategorisierungsgeschichte, die zuhauf Schutzetikette auf schlechte Texte kleben konnte: Bereits in den frühen 1990er Jahren wurde höchst eifrig im deutschen Feuilleton nach dem „Wende-Roman“ und eben nach „Wende-Gedichten“ gefahndet. Selbst der verdienstvolle Anthologist Karl Otto Conrady ließ sich hinreißen, 1993 eine Anthologie von „Wende-Gedichten“ bei Suhrkamp zu publizieren.2 Herausgekommen ist eine eher ungenießbare Melange aus halbwegs gelungenen und indiskutablen Texten, weil Conrady seiner Maxime, Zeitbezogenheit über ästhetische Relevanz zu stellen, auch hier treu blieb. Damit aber wurde das falsche Mythologem immerfort neu reanimiert, zeitgeschichtliche Verwerfungen zögen, dumpf-materialistisch gefolgert, Umbrüche in Schreibmaximen nach sich.
Adolf Endler, dem immer schon akribischen Beobachter aktueller Literaturdiskussionen selbst noch in den Verästelungen der Literaturwissenschaft, dürfte die Blütenlese von Conrady kaum entgangen sein. Ob sie direkt Anstoß gab für das 1994 entstandene und 1999 in Der Pudding der Apokalypse erstveröffentlichte Gedicht „Nach der Wende“,3 kann allerdings nur gemutmaßt werden.

NACH DER WENDE

 

Kommt aus dem Damenklo
Mit diesem superben Strauß
Welker Rosen zurück,
Der Star-Klempner Nolde,
Eines Ringfingers bar,
Seiner Ohrläppchen ledig,
Vor Mitternacht noch intakt,
Das Herz unsres Viertels,
Mit diesem superben Strauß
Welker Rosen zurück,
Seiner Ohrläppchen ledig,
Beider zum Glück
(Des Gleichgewichts wegen);
Draußen tost Regen –

Es handelt sich um ein „Wende“-Gedicht der etwas anderen Art, denn dem großspurig Geschichtlichen verheißenden Titel folgt ein lyrisches Dramolett eher profaner Natur. Narrativ-staccatohaft wird ein Ver(s)ehrensgeschehen zwischen Tragik und Komik aufgeführt, „welk“ und „superb“. Schon der Eingangsvers „Kommt aus dem Damenklo“ bildet einen größtmöglichen Kontrast zum Titel des Gedichtes. Derart semantische und stilistische Fallhöhen auf engem Raum zu konstruieren – „Mit diesem superben Strauß / Welker Rosen“ – ist eine Spezialität Endlers und wesentliches Baumoment des Endleresken: „Die Zipfelmütze im Panzerschrank der Geschichte“4 oder „Der Pudding der Apokalypse“ setzen auf vergleichbare Effekte im crash des (scheinbar) Erhabenen und des besonders Profanen. Die Wiederholung von Sequenzen entfaltet nicht nur ein Verdichtungspotenzial, sondern lässt eine Mittelachse im Gedicht erkennen:

Vor Mitternacht noch intakt,
Das Herz unsres Viertels

Diese Achse verweist auf Plötzlichkeit – man denke an Plötzlichkeiten wie die Währungsunion im Juli 1990 oder den abrupten Anschluss der Ostgebiete am 3. Oktober 1990 – wie auf plebejisches Sentiment, das durch die Plötzlichkeiten schlichtweg überfordert ist. Auch bringt sich der Autor Endler selbst ins Spiel als „Star-Klempner Nolde“. Wenn es je „Star-Klempner“ gegeben haben sollte, dann zu DDR-Zeiten, als Handwerkerleistungen rar, teuer und oft nur über Beziehungen zu erlangen waren. Nach der „Wende“ reüssierten dann Friseure zu Stars, Klempner waren nun mehr oder weniger ehrbare Nur-Klempner. „Nolde“ freilich verweist auch auf „Alfred Nolde“, eines der zahlreichen Anagramme, die Endlers Werk als „Kleine Regierungsmannschaft“5 durchwirken und auf den Maler Emil Nolde verweisen.
Spiegelbildlich wurden offensichtlich symbolisch besetzte, nicht lebensgefährdende Körperteile entfernt: „Ringfinger“, „Ohrläppchen“. Von wem? Warum? Wie? Wir erfahren es nicht, sondern haben es uns zusammenzureimen. Eine messerscharfe Auseinandersetzung auf der Damentoilette, pardon: auf dem Damenklo? Ein Konkurrentendolchstoß ins „Herz unsres Viertels“, leider etwas daneben? Wir werden es nie erfahren. Vielmehr lenken die Schlussverse auf ein weiteres Verdichtungsmoment hin, die Binnenreime: „zurück“ – „Glück“, „wegen“ – „Regen“. Bilden sie womöglich einen Ausgleich für die gestörte Symmetrie? Denn die Verszeilen vier und fünf werden nicht gespiegelt, sondern konterkariert:

Beider zum Glück
(Des Gleichgewichts wegen)

Der Semantik zuwider wird ein Schlussvers angeschlossen, der die eingeklammerte Vision eines Gleichgewichts nun endgültig zerstört: „Draußen tost Regen –“. Dramatisches Naturgeschehen – „tost“ – setzt den Schlusspunkt unter die Illusion eines Gleichgewichts, und es gibt den Ausschlag für die Kundgabe: Profandramatik und Naturgewalten sind sinnmächtiger als von Herrschaftsdiskursen gesetzte Geschichtstopoi. Eine Selbstauskunft aus den 1980er Jahren bekräftigt diese Aussage als eine den Kern des Werkes insinuierende:

Ich opponiere indessen gegen diese ständig zur Erstarrung und Abtötung des Lebens strebende Welt […].6

Und wie bewegt sich der Dichter Adolf Endler in diesem Spannungsfeld? In der Selbstbeschreibung „eine der verwachsensten Gurken der neuen Poesie“,7 apostrophiert er seinen Lebensweg mild als eine „halsbrecherisch anmutende Zickzackroute“. Deren poetisches Äquivalent sei das Prinzip des „Hakenschlagens […] durch die literarische Landschaft“.8 „[E]endlich kippt das alles kreischend ins Wüste und Kaputte um und sticht zerbeult sternenwärts“,9 bringt es Endler auf den Punkt. Unter diesen Auspizien konnte der Zusammenbruch der DDR nur ein weiterer Bruch sein in einem an Brüchen reichen Leben:

Die DDR war für mich schon lange […] sowas wie die Absurdität der Welt in der Nußschale. Vielleicht habe ich da die Bedeutung der DDR überschätzt. Die Absurdität der Welt ist natürlich geblieben, auch wenn die Nußschale geplatzt ist.10

Noch nach dem Jahr 2000 liefert Endler im Gespräch mit Renatus Deckert stichhaltige Gründe seines Bleibens in der DDR, auch nachdem deren Krise und Verfall offensichtlich wurden:

Ich mußte mich auf die DDR einlassen, um zu einem kritischen Verhältnis zu ihr zu finden, und um sie für mich produktiv werden zu lassen. Heiner Müller wurde einmal gefragt, warum er nicht in den Westen gehe; er könne dort doch viel besser leben. […] Da hat er gesagt: „So ein Material wie diese DDR finde ich doch nirgendwo sonst.“ Das wäre auch meine Antwort gewesen. Was sollte ich im Westen? Für mich war die DDR das ideale Material. Dieser Zerfall, dieses Kaputtgehen und zugleich dieses Verlogene und Pathetische, das musste einen satirisch gestimmten Melancholiker wie mich reizen. Das war weltweit schon ziemlich einmalig.11

Die Verfasstheit des einst gewählten anderen deutschen Staatswesens noch in seinem Untergehen stand allerdings stets im Fokus, in ironischer, dann sarkastischer, schließlich absurder Gewandung. Die Anschlussallegorese unter dem Titel „Wiedererweckung“, geschrieben 1991, ist ein Paradestück des von Endler gepflegten Schwarzen Humors:

1
Im zweiten Arbeitsgang dann muß der Atem frisch aufgespult
werden und schließlich quasi als Schnur aus der Lunge nach oben
gepfriemelt mit patzigstem Zeigefinger nach oben und zwischen
den in der Regel stark derangierten Zähnen hindurch heraus-
und heraufgeangelt ans Licht eines größeren Deutschlands mit
keinem geringeren Ziel als dieselbe (bzw. denselben) mehrere
Dutzend Male wieder zurückschnellen oder -klatschen zu lassen
gleich einem Gummiband einem flotten Jojo ins schwiemelige
Innere ruckzuck des partiell schon erheblich vermoderten Kerl-
chens hinein und ohne Berücksichtigung der zwölf oder drei-
zehn Nörgelseufzer des unverhofft Wiedererweckten welche
alsbald und erfahrungsgemäß zu marktgerechten Kicherlauten
ja Frohsinnsäußerungen tendieren Oh Ultra-Täterätä
[…]12

In drei nummerierten Blöcken führt das Prosagedicht in „Arbeitsgängen“ Phasen „des historischen Dressur- und Erneuerungsaktes“13 auf. Es sind vor allem Malträtierungen des (Volks-)Körpers Ost, „des partiell schon erheblich vermoderten Kerlchens“.14 Die Allegorie auf die Zumutungen der DDR-Vereinnahmung nach 1989 ist passgenau. Dass sie nicht der Gefahr des Moralisierens ausgesetzt wird, ist der Endler’schen Kultivierung des Aberwitzes in den einzelnen Sequenzen geschuldet: „der Atem frisch aufgespult“, „heraus- und heraufgeangelt ans Licht eines größeren Deutschlands“15 usw. Nichts passt hier logisch-semantisch zueinander, vielmehr wird ein Feuerwerk grotesker Effekte gezündet.
Der „Wiedererweckung“ sind nur wenige Texte zur Seite zu stellen, am ehesten noch „Beendete Station / Blues“.16 Dort sind die Züge „abgefahren, alle!; und abgefahren ist / der Zug für immer! Schachmatt! Die Station hat den Geist / aufgegeben ohne großes Brimborium und Trara, doch ganz / ohne Blues, bitte, nicht.“17 Der Text arbeitet sich auf konkreter wie auf symbolischer Ebene voran; dass er auf das Ende der DDR rekurriert, ist offensichtlich. Und was macht der Text mit dem arbeitslos gewordenen Stationspersonal? Er lässt sie spielen wollen:

– Wir aber wollen nur mit den zwei Kellen, der Sonn-
tags-, der Wochenkelle, tagelang Pingpong spielen zwischen
den Schienen!
– Peggy!!!, pfui!

Stets schon hatte Endler dem fetischisierten Leistungsgebot der Industriegesellschaften in Ost und West die mitunter kruden Reize der Zwecklosigkeit entgegengestellt. Endler gestattet seinen Figuren weniger Klage und Protest, wohl aber den Blues und das Spiel, ungreifbar für alle ideologischen Anmutungen.
Weitaus häufiger als in Großtopoi werden „Wende“-Motive allerdings in gewollter Beiläufigkeit oder miszellenhaft in lyrische Texte aufgenommen. In der dritten von „Drei Etüden“,18 geschrieben unmittelbar nach dem Mauerfall November 1989 – was ausdrücklich vermerkt wird –, geht die Rede schlussendlich:

… Oh zotiger Zimmer-
himmel über all dem!, oh Milchstraßenwüste! Der widerstreitenden Sinngedichte in meiner so strittigen Brust!“ –

 

– (Nun aber’n Punkt gemacht, Brigitte und Bruno! Und auf
zum Kurfürstendamm!……)
19

Das Oden-„Oh“, verstrickt mit anaphorisch gesetzten und aus der Mode gekommenen Bezeichnungen („Zimmet“ statt „Zimt“), generiert mit dem eingesprengten Attribut „zotiger“ und dem Kompositum „Milchstraßenwüste“ eine Achterbahnfahrt der Konnotationen, ehe profane Alltagsrede zum Ausflug zum Kurfürstendamm auffordert, in diesen Tagen immerhin Zentrum weltgeschichtlichen Geschehens nach dem Mauerfall.
Doch es geht noch beiläufiger: Dreißig nummerierte Ein-Satz-Verse „An den Rand des ,Hustlers‘ gekritzelt:“20 – so die Nebensächliches insinuierende Gedichtüberschrift – bilden einen Reigen von Capriccios. Zweimal, eingangs als Nummer 5 und noch einmal mittig als Nummer 17 ausgewiesen und umlagert von vorwiegend abstrusen Textbrocken, wird ein in den 1990er Jahren oft gehörter Klageruf zitiert:

Dafür sind wir im Herbst 89 nicht auf die Straße gegangen!21

Diese Konstruktion zeitigt den Effekt, dass das Redezitat surreal eingefärbt wird. So wie die Verbindung von Kanzler Kohl zu König Ubu22 nicht fern liegt, etwa in der Liaison des Profanen, Anmaßenden und Absurden, so surreal dünken die Konsequenzen der „friedlichen Revolution“ in der DDR im Verhältnis zu ihren Bewegungsmomenten im Herbst 1989: Statt selbstbewusster demokratischer Umgestaltung und Annäherung beider deutscher Gemeinwesen auf Augenhöhe erfolgte eine gnadenlose Einverleibung des Ostens. Weisen nicht auch „Drei Raumteiler“ dezent auf dieses Geschehen?:

1
Ein Stücklein Wegwerfnatur, behelfswiesenhaft, der erste der drei,
aus gegerbtem Landbesitz, bitte!
23

Der dritte „Raumteiler“, auf den im „ersten“ bereits verwiesen wird, öffnet den Blick auf das gesamte Œuvre Endlers:

3
Den dritten Raumteiler lassen wir abends in ein breitflächig
gefächertes Gelächter auslaufen, gelt?
24

Es ist ein Gelächter, das das lyrische Werk in verschiedensten Schattierungen von Anfang an durchzieht. „Du wirst mich lachen hören durch tausend Decken“, heißt es programmatisch und pars pro toto im Gedicht „Hohnlachen (1)“25 aus dem Jahr 1972, und in „Hohnlachen (2)“:

Du kannst nicht hindern daß ich grins grunz lach.26

Es ist freilich ein Lachen, das den tödlichen Unterboden nicht verleugnet: „Das Lachen, diese prachtvolle, ja geradezu lasterhafte Verschwendung, der der Mensch fähig ist, grenzt an das Nichts, gibt uns das Nichts als Unterpfand“, so André Breton in seiner Anthologie des Schwarzen Humors.27 Gelächter bildet gleichsam die Basis für die phantasmagorischen Wucherungen seit den 1970er Jahren und jene „fratzenhafte[n] Gedichte“,28 in denen wir die Fratzen des 20. Jahrhunderts erblicken. Es entstanden seither Gedichte, in denen „mit der Gefahr des Absturzes ins Irre-Sein wohl nicht nur kokettiert wird“.29 Diese ganz und gar singuläre Poetik des Phantasmagorischen, des Gelächters und des Absurden, die das lyrische Werk des Dichters von Mitte der 1970er Jahre bis zu seinem Tod auszeichnet, wird, wie gezeigt wurde, durch die weltgeschichtlichen Umbrüche nach 1989 nicht wesentlich tangiert. Diese stellten lediglich ein Reservoir an Motiven zur Verfügung. Wie ein Wink mit dem Zaunpfahl dünkt in diesem Zusammenhang das Gedicht „Reklame für Adolf Endler“ aus dem Jahr 1991 :

aaaaaEin fadenscheiniges Protestvergißmeinnicht, fiepend;
und mit grinsend verblühender Pfote –
aaaaaDie Besondere Note.30

Der Titel rekurriert selbstredend auf die völlig veränderten Verwertungsbedingungen von Literatur in der implementierten Marktwirtschaft, mit denen auch Endler konfrontiert wurde. Das zu dieser Zeit schon veraltete Wort „Reklame“ – statt „Werbung“ – assoziiert nebenbei den Namen des DDR-Hausverlages von Endler, den „Reclam“-Verlag Leipzig. Reklameaffin erscheint im engeren Sinne nur der Schlussvers, auch er eher altertümelnd, aber mit der Großschreibung des Attributs Werbesprache wenigstens imitierend. Die attributivisch eingesetzte Partizipienballung generiert den Eindruck der Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit in sich vollendender Zeit. Die Toposverbindungen „grinsend“ – „fiepend“ und „Protestvergißmeinnicht“ – „verblühender“ liegen dabei auf der Hand. Und ob des eingänglichen Partizips „fadenscheiniges“ sei darauf verwiesen, dass Zusammensetzungen mit dem Semem „faden“ zu bevorzugten Wortfindungen – vielleicht auch im Zwiegespräch mit Elke Erbs Der Faden der Geduld31 – in Endler Semantik-Köcher gehören: „ah, / seufzender Faden der Ariadne!“,32 heißt es im zweiten der „Drei Raumteiler“, und das Gedicht „Resumé“ endet mit dem Georg-Maurer-Zitat „,Darf ich dir die Fadennudeln aus dem Bart nehmen?‘ / (Sagt Georg Maurer.)“.33
Kaleidoskopartig durchwirkt Endlers lyrisches Werk eine Vielzahl von Zitaten und Kryptozitaten, von Anspielungen und Spiegelungen, vor- und zurückgewendet. Sie bezeugen eine Kontinuität in der Werkgenese, hinter der realgeschichtliche Abbreviaturen deutlich zurücktreten. So verquickt ein „Gebet“34 aus „Aus den Heften des Irren Fürsten“35 kongenial Referenzen an Georg Heym36 und Heinrich Heine:37

Deine Blicke, die langen,
Rührn mit riesigen Stangen
Zoll für Zoll, Zoll für Zoll
Hier das Menschengewimmel,
Erster Koch Du im Himmel!
Die Suppen (dünn-, dicken?),
In die wir uns schicken,
Ja, rühr sie! Und rühre
Auch den Troll dort, den Troll
[…]38

Diese Verse, geschrieben am Ende der 1970er Jahre, werden 20 Jahre später in einer berührenden „Memoire II“ erinnert, die den Bilanzgedichten „Resumé“ und „Reklame für Adolf Endler“ an die Seite zu stellen ist:

Vor einem Jahrzehnt
Die Wimper, die verlassene,
in Heines Werken
aaaaa(Band Vier)39

Peter Geist aus Text+Kritik: Adolf Endler – Heft 238, edition text + kritik, 2023

 

Eine Nacht in einer einsamen Hütte

Das Ende des Krieges erschien mir im Traum. Im Lazarett, aufgewickelte Verbände, Schwestern, Betten und Mauern, lagen die Kinder und die anderen Armen, Schwachen und Kranken. Die Ellbogen aufgereckt, hielten sich alle ein Glasröhrchen an den Mund, daß aus ihm die Vitamine in die Hautporen eingehen könnten. Auf einer hölzernen Pritsche nahe dem Fußboden und so abgemagert, daß man ihn in seinen einzelnen Teilen vor sich hatte, sah ich dort den Bruder meines Mannes liegen. Auch auf seinen Mund war eins der Glasröhrchen gesetzt, doch er starb. Ich weinte sehr, da war er Uwe Greßmann. (…) Eine Patientin tat kund, Dr. Scheich von den Kreispoliklinik habe zu ihr über diese Glasröhrchen gesagt: „Wozu das überhaupt, nichts als Blödsinn.“ – „Aber, Herr Doktor, Sie experimentieren ja noch und noch, ganze Klassenzimmer haben Sie voll, rechnen Sie nur die Kalorienvitamine aus!“ antwortete sie. Und Dr. Scheich darauf:

So? So? Na dann solln se doch, dann solln se doch!

Später war ich zu Gast in einem Klassenzimmer. Gerettete jüdische Kinder erhielten dort Unterricht. Ihr Stundenthema war die Berechnung des Prozentsatzes jüdischen Bluts, und zwar die Methode der phonetischen, der Aussprachemessung. Ein Junge, der empört ausrief: „Es ist nicht wahr, wir sagen zu ,se-ähr‘ nicht ,sähr‘!“, bekam einen Verweis. „Seer“, mit langem geschlossenem „e“, galt die nichtjüdische Aussprachenorm, und der Junge gewann, während er schrie, sogleich ein nichtjüdisch pausbäckiges, rund und gesundes Aussehen.
Als die Schüler dann aus der Klasse hinausgingen, plapperten sie, halb singend:

Jetzt kriegen wir Schulfer-i-en
die Existenz wird uns erfrie-ren.

Die Lehrerin wies mich darauf hin, wie sie das „i“ in beiden Wörtern heraushoben. „Hören Sie nur“, sagte sie andächtig und stolz, „welche schwierigen Reime sie beherrschen. Dubletten geradezu! Solche begabten Kinder…“

Edi träumte neben mir zur gleichen Zeit erst von allerlei ihm nachher nicht mehr erinnerlichen Ärgernissen, zuletzt aber: Spitzentanz. Vier Tänzerinnen, gefaßt in eine sich schlängelnde Überkreuzfigur, deren Bewegung ein Solotänzer aufnimmt und beantwortet. Von Zeit zu Zeit aber, wie einem Ausbrüche der Lebensfreude folgend, bricht er in einem großen Sprung bald nach hier, bald nach dort aus der Dauer des Spiels, anscheinend in Opposition zu der der Gruppe aufgegebenen Weise, in Wirklichkeit aber auch hierin der Absicht des verborgenen Komponisten, einer Kunst-Absicht nämlich, gehorsam.
Da mir Edi das erzählt, erinnere ich mich, wie ich im Schlaf den grünen Fenstervorhang im Wind hin und her gehen hörte, seine Röllchen kratzten leise an der hölzernen Stange. Dieses Wehen und Gekratz, welchem wir, wachgeworden, noch lauschen, fand in Edis Traum eine tiefere Verwandlung als in dem meinen, ein unzerteiltes, lebendiges Bild. Das Kratzen wurde zu Tanzschritten, das Wehen zur sich schlängelnden Kreuzfigur, die Freudensprünge übertrugen den Rhythmus stärkerer Windstöße vielleicht oder den des eigenen Brustkorbs. Ich setzte für das Kratzen den Kranken in ihrer Wirkung zweifelhafte Glasröhrchen an die Lippen, ich schritt beunruhigt hin und her zwischen Richtig und Falsch und befand mich in einem Fegefeuer aus Unsicherheiten der Aussprache, des Reims und der Bedeutung. Aber ich war vor diesem Traum zwei Stunden lang nachtwach gewesen, denn wie um einen bewachten Lagerzaun war ich unablässig um das Problem herumgegangen, wie man als Zivil- und Privatperson, als umstürzlerisches Element, ein Kriegsgefangenenlager von der und der Größe ernähren könne: mit Konzentraten, aber in welcher Form und in welcher Art der Übermittlung an die Gefangenen? Kügelchen – wie groß? Und zuerst den heimlichen Führer unter den Gefangenen herausfinden, der sie verteilen würde, Zeichen geben, rufen… Ich suche nach einem Ausweg aus Geschichten, die mir Edi vor einiger Zeit erzählt hatte, welcher in Düsseldorf als Kind von der Mutter mit seinem Bruder auf den Hof hinuntergeschickt worden war, an welchen ein Kriegsgefangenenlager grenzte; die Kinder sollten Brotstücke durch den Stacheldraht schmuggeln.
Ich stellte mir vor, wie der Junge, er hat es erlebt!, zusehen mußte, wie die eingezäunten, ausgehungerten Männer über das Brot herfielen, das vom Küchentisch der Mutter gekommene; wie sie sich, ein heftiger, stiller, sich knäuelnder Haufen, darum schlugen und sich am Stacheldraht die Haut zerrissen. Und ich stellte mir vor, wenn der Junge, der das sah, jetzt mit mir hier läge und begriffe, wie ich jetzt hier diesen Arm ausstrecke und hier liege, würde dieses Schreckliche in ihm erlöst. Weil ich aber wußte, daß es vielmehr eine Wunschvorstellung war als ein richtiger Gedanke, dem man nur zu folgen brauchte, wollte ich Edi, der in einem anderen Bett schlief, nicht stören, und es gelang mir einige Male, ihn nicht zu rufen. Dann rief ich ihn doch, er kam, schlief neben mir bald wieder ein, und sein ruhiges, tiefes Atmen holte auch mich wieder zurück in den Schlaf, in welchem ich dann vom Ende des Krieges träumte.

Elke Erb, 1970/71 verfasst nach einer Notiz von 1968

 

 

GEDANKEN AN E.

Da wirst du abgeräumt. Tröstlich klar.
Wäre es nicht stimmig, ebenso zu verschwinden, wie du dich
regtest?

Schweigend, ein Sprung über die Grenze?

Nein, es kommen Nachrichten.
Aus den Nachlassen. Stellst fest.
Fügst, immer wieder, neu zusammen,

rumpelst mit den Resten, du nun Schwächerer.

Frühstück, die letzten tausende Male.
Schütter gewordener,

es nachrichtet sich,
du dich.

2.10.1997

Elke Erb

 

In der Reihe „Die Jahrzehnte. Das deutsche Gedicht in der 2. Hälfte des XX. Jahrhunderts“ präsentierten Autoren je ein frei gewähltes „fremdes“ und ein eigenes Gedicht aus einem Jahrzehnt. So entstanden Zeitbilder und eine poetologische Materialiensammlung zur Dichtung eines Jahrhunderts. Das Gespräch zwischen Stephan Hermlin, Adolf Endler und Karl Mickel fand 1992 in der literaturWERKstatt berlin statt.

 

Gespräch im LCB am 16.9.2008 zwischen Adolf Endler, Maike Albath, Cornelia Jentzsch und Gerrit-Jan Berendse über Endlers Erfahrung in einem totalitären Staat und seine Vorstellungen von Literatur.

 

Gerhard Wolf: Die selbsterlittene Geschichte mit dem Lob. Laudatio für Elke Erb und Adolf Endler zum Heinrich-Mann-Preis 1990.

 

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

 

 

Protestvergißmeinnicht. Ein Abend zum 80. Geburtstag von Adolf Endler. Teil 2/4

 

Protestvergißmeinnicht. Ein Abend zum 80. Geburtstag von Adolf Endler. Teil 3/4

 

Protestvergißmeinnicht. Ein Abend zum 80. Geburtstag von Adolf Endler. Teil 4/4

 

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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der A.endler“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Adolf Endler

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