Alfred Kolleritsch: Zwei Wege, mehr nicht

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Alfred Kolleritsch: Zwei Wege, mehr nicht

Kolleritsch-Zwei Wege, mehr nicht

VOR–WORT

Wäre es Musik gewesen,
wäre langsam aus den Knospen
vor dem Haus der Raum gewachsen,
und zum Sagen freigeworden,
hätte das Dunkle
den Tönen nachgesetzt,
einen Klang lang
würden sie das Licht bewegen:
zum Tod hin
die reine Spur beschreiben.

 

Trennzeichen 25 pixel

 

Zwei Wege,

das sind zwei Gedichttypen, zwei Weisen, wie sich Erlebtes überführen läßt ins Erinnern. Der eine folgt den Spuren, die das Erfahrene hinterlassen hat, zu einem Zeitpunkt, da es bereits losgelöst ist von der Unmittelbarkeit des Augenblicks, sucht tastend nach den Berührungspunkten von Sprache und Welt.

Auf diese Weise
bewahrt,
ist nichts da,
aber so viel.

Der andere Weg schlingt sich um jenes „ist“, um den Moment des Erfahrens selbst. Mit Worten versucht er den Augenblick, den schönen und den weniger schönen, zum Verweilen zu bringen, ihn für kurze Zeit zu bannen. So entstehen Gedichte, die eine gegenwärtige Sinnlichkeit vermitteln, in Bildern, die sich im Entstehen gleich wieder selbst zerstören, wie die Sekunde vergeht, während man das Wort ausspricht, und Leidenschaft immer schon den Keim des Verklingens in sich trägt. Es sind Liebesgedichte für niemanden Bestimmten, durchsetzt mit Verweisen auf jene Grenzen hin, die jede Dauer, jedes Gefühl der Geborgenheit unmöglich machen.
Gemeinsam ist beiden Wegen, daß am Ende die Hoffnung auf die Beständigkeit der Erinnerung steht:

Zwei Welten
in der Übung
für eine.

Residenz Verlag, Klappentext, 1993

 

Beiträge zu diesem Buch:

Ulrich Weinzierl: Es geht und geht
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. 11. 1993

Rüdiger Görner: „Als Schneefall aber hörten wir noch die Welt“
Die Presse, 6. 11. 1993

Gerhard Melzer: Verriegelte Räume, Durchlässige Sprache
Neue Zürcher Zeitung, 7. 1. 1994

Ingrid Pohl: Schöne Endlichkeit
Der Tagesspiegel, 13. 2. 1994

Heinz Schafroth: Einsamkeit, Nicht­­sein
Frankfurter Rundschau, 21. 5. 1994

 

Eine Liebesgeschichte?

– Zur korrelativen Entwicklung des lyrischen Du und des lyrischen Ich im Werk Alfred Kolleritschs. –

„Dieser Text ist verschwunden.“

Alfred Kolleritschs drittes Romanprojekt nach Die Pfirsichtöter (erschienen 1972) und Die grüne Seite (erschienen 1974), angegangen und angekündigt unter dem sperrig klingenden Titel Das rechtzeitige Verlöschen des Bewußtseins, wurde in der beabsichtigten Form nie veröffentlicht. Keiner von Kolleritschs späteren Romanen wurde zu einer Umsetzung des geplanten Vorhabens. Die langjährige Arbeit daran, immer wieder ins Stocken geraten, dokumentiert bislang vor allem der Sammelband Gespräche im Heilbad (1985), der neben anderen Prosatexten Bruchstücke von Projekt-Teilen enthält.
Worin der eine nicht realisierte von den vier realisierten Romanen sich wohl unterschieden hätte, läßt sich an den Heilbad-Fragmenten provisorisch ablesen. Es ging darin um Liebesgeschichten – sowohl um dem männlichen Helden real widerfahrene, als auch (und vielleicht noch mehr) um die fiktive Liebesgeschichte, die dieser zu schreiben plante: „eine Wahrnehmung des Zukünftigen“, die, so weit wir wissen, fortwährend mißglückte.
Im Jahr 1978 erschien Einübung in das Vermeidbare, jener Gedichtband, der Kolleritsch neben dem Petrarca-Preis fast über Nacht den Ruf eines Lyrikers allerersten Ranges verschaffte. Neun weitere Gedichtbände folgten in relativ regelmäßigen Abständen: Im Vorfeld der Augen 1982, Absturz ins Glück 1983, Augenlust 1986, Gegenwege 1991, Zwei Wege, mehr nicht 1993, In den Tälern der Welt 1999, Die Summe der Tage 2001, Befreiung des Empfindens 2004, Tröstliche Parallelen 2006. Diese fortlaufende Produktion, über Jahrzehnte hinweg verbunden mit kontinuierlicher Veröffentlichung, steht in deutlichem Kontrast zur permanent von Stockung, Verwerfung, Verschiebung, Abbruch und Resignation begleiteten Projektgeschichte, die eingangs skizziert wurde.
Was zeigt diese Diskrepanz? Ein abstraktes Mißverhältnis zwischen Epischem und Lyrik im Werk Alfred Kolleritschs, oder, gerade umgekehrt, eine entschiedene Nahebeziehung, etwa im Sinn einer substanziellen, im Verlauf der Werkgeschichte konsequent hervorgetretenen, ihr eine fruchtbare Wendung gebenden Komplementarität? So beginnt Kolleritsch die Einübung in das Vermeidbare:

MEINEN EINFÄLLEN vertraue ich nicht.
Früher einmal saß man
mit eingebrochenem Brustkorb da,
es fing zu bellen an: ein heißer Zorn,
eine Wehleidigkeit
mit großen, abstehenden Ohren.

Jetzt
suche ich Spuren,
zertretenes Laub,
einen Menschen, der Fehler hat,
der mich quält,
der, wenn ich komme,
den zerbrochenen Deckel einer Dose klebt
und nicht aufsieht
[…]

SEITHER ist alles ganz anders.
Ich ging einen Schritt über mich hinaus.
Da stand ich und sah dem Regentag zu.

Ich werde nicht weinen […

Du hast mir die Todesanzeige gezeigt.
Ich strich dir das Haar ins Gesicht.
In der Nacht sagte ich dir,
da, hinter dem Fenster, ist mein Vater gestorben.

Unnahbar, zu unnahbar bin ich.
Nimm dieses glänzende Stück Eisen
und schlage die Wände ein.

So beginnen Liebesgeschichten.

*

Freilich – die begonnene Geschichte, in den ersten zwei Gedichten dargestellt mit der Emphase des konkret Erfahrenen, bricht als solche sehr rasch ab. „Du gehst weg, / […] Ich bleibe übrig, so kurz, / daß ich unnachweisbar bin, / blutstürzlerisch schnell / auf der Schwelle verschwunden“, heißt es im dritten Gedicht am Schluß, und im vierten ist die Gewißheit des Verbundenseins im Wunsch, „daß du da bist, / daß ich da bin / und die glühende, / schmelzende Grenze zwischen uns“, nur noch präsent als Erinnerung. Bereits im sechsten Gedicht des Bandes ist das einstige Liebespaar reduziert auf zwei sprachlose „Einsame, / die in den Tagen danach / arbeiten, / zeichnen, / an Sätzen würgen, / tonlos im Schrei, / der die Stimme / unserer Geschichte erstickt.“
Trotzdem: Seit diese Geschichte begann, das Ich seine Unnahbarkeit aufgab, über sich hinaus gelangte mit dem alles entscheidenden Schritt, der es einem Du nahe brachte, ist noch immer „alles ganz anders“. Die Liebe, die, historisch betrachtet, schon zu Ende gewesen sein mag, als sie kaum begonnen hatte, geht weiter als Arbeit der Tage danach, ja, wie sich zeigt, der Jahre danach. Von Gedichtband zu Gedichtband weitet sich der Atemraum, gründet sich das Atemrecht einer vielfach verzweigten Geschichte, die, als eine des Du wie des Ich, als Liebesgeschichte erkennbar ist.

*

OHNE ANKUNFT bin ich angekommen.
Eine tiefe Kerbe fand ich,
dich darin verschwunden.

So resümiert im siebenten Gedicht der Einübung in das Vermeidbare das Ich den Befund am Ende seines Aufbruchs, seiner Transzendenzerfahrung in Richtung auf das Du. An einen Satz Ludwig Hohls anknüpfend stellt es wenig später dem Ausdruck „ich bin bei mir“ dessen Korrelativum „Du bist bei dir“ schroff gegenüber und benennt so formelhaft die schmerzhafte Diskrepanz zwischen Gegenwart und Vergangenem. „Ein Hauch der Liebe / tilgt Räum’ und Zeiten, / ich bin bei dir, / du bist bei mir“, hieß es in einem romantischen Lied, das hier zu erinnern ist – ein Weg mithin, auf dem, wer ihn ginge, beim anderen nicht „ohne Ankunft“, sondern wirklich ankäme.
Um diese Bewegung (vom Ich, das bei sich ist, zu einem Du, das es ebenfalls ist – nicht von mir zu meiner Erfindung oder von dir zu deiner Erfindung, die sich, kaum berührt, in Nichts auflösen müßte) geht es in jeder Liebesgeschichte, jeder glücklichen, jeder unglücklichen. Der Weg, den Alfred Kolleritsch geht, mit jedem Gedicht von Anfang bis Ende wie mit der chronologischen Folge der Teilstrecken und Stationen seines gesammten lyrischen Werks, läßt sich im Sinne dieser Bewegung als eine Liebeserzählung lesen, wie sie in ihrer Wahrhaftigkeit, ihrer Verantwortlichkeit der Sprache, ihrer Geduld für das Einzelne (die das Ganze unbeirrter, zwangloser und schöner bindet als jeder denkbare rote Faden) im Bereich des Epischen kaum je begegnet.
Es gibt fraglos andere Wege, sich diesen zehn Gedichtbänden zu nähern; mir erscheint dieser nach Jahren des Lesens und Wiederlesens als einer der fruchtbarsten. Er unterscheidet sich wesentlich von Auslegungstechniken, die hermetisch wirkende Lyrik glauben zum Sprechen bringen zu können, indem sie verschwiegene „Subtexte“ fürsorglich herausdestillieren und nicht weiter wissenden Lesern als probate Nachschlüssel anbieten. Den Hergang der Liebesgeschichte, die Kolleritschs Gedichte erzählen, dergestalt zu reduzieren, liegt mir fern, zumal dieselben bei jedem Lesen sich anders erschließen. Keine Nacherzählung also, nur verstreute Randbemerkungen zur Geschichte des Ich, des Du und verwandter Pronomina zwischen 1978 (Einübung in das Vermeidbare) und 2006 (Tröstliche Parallelen) stelle ich in den folgenden Abschnitten kursorisch zusammen.

*

Das Du ist verschwunden, aber es war da: Von diesem erweckenden Wunder wird in der Einübung ausgegangen. Im Erinnern wird das Erwachen nicht nur rückblickend wiederholt, sondern neu vergegenwärtigt, und setzt sich auf diese Weise produktiv ins Künftige fort. „Erwachen“, schrieb Walter Benjamin, „ist der exemplarische Fall des Erinnerns. Jener Fall, in dem es uns gelingt, uns des Nächsten, des Naheliegendsten (des Ich) zu erinnern. Die Nähe des Du, noch als verlorene, schenkt dem Ich ein ausgeprägtes, ihm die Augen öffnendes Nahverhältnis zu sich selbst.

*

Für die Einübung gilt entsprechend, daß das Ich, vom Du erweckt, nicht in „schamhaft tändelnde“ Selbstbezüglichkeit zurückfällt, sondern im Gespräch mit dem Du sich selbst entdeckt und erkundet. Nicht nur als am nächsten Liegendes, sondern (da das Du wegging) auch als allein Übriggebliebenes, steht das Ich in diesen Gedichten fast exzessiv im Vordergrund. Hier, wenn irgendwo bei Kolleritsch, erscheint es zuweilen als naher Verwandter jenes geläufigen lyrischen Ich, das lauthals oder leise seine Wunden herzeigt – freilich ohne die „Wehleidigkeit“, durch die sich das „man“ auszeichnet, sondern ja sagend zum Schmerz, ohne den es die Liebe nicht gibt. Statt gekränkt zu reklamieren, sagt es, was ist, bekennt, was ihm fehlt:

„Ich kann dich nicht sehen.“
„Da bin ich!“
„Alles ist leer.“

Aus der sicheren man-Perspektive meint zwar eine Stimme beschwichtigend: „Wenn man schreibt, / gehen die Türen nicht zu“, aber dieser Trost verfängt nicht angesichts der bitteren Einsicht: Nicht mehr zum Du, nicht einmal zum verlorenen, nur zu dem, „was du nie warst“, steht das Ich noch in Beziehung.
Ist „die Stimme / unserer Geschichte“ schon so früh endgültig erstickt?
„Man kommt so weit / und will nichts mehr erzählen, / man braucht keine Geschichte“, heißt es bald tatsächlich. Doch das Ich, so weit gekommen, läßt sich vom verzagen wollenden schein-allgemeinen Surrogatpronomen einer 1. wie 2. wie 3. Person sein Atemrecht nicht absprechen. Besinnt sich auf das Seinige: seine Herkunft, seine Landschaft, seine Eltern, Großeltern, Vorfahren, deren Leben, deren Sterben, Hoffnungen, Träume, Erinnerungen, all dies versammelnd in einer Erzählung vom „Haus, in dem ich geboren wurde“. Übt am Ende unerschrocken sogar wieder „du“ zu sagen: im erinnernden Gespräch mit einem geliebten Verstorbenen.
Offen bleibt: Ermöglicht die Übung auch von neuem die sprachliche Hinwendung zum noch unter den Lebenden weilenden, aber vom Ich auf andere Weise abgeschiedenen Du?

*

Wonach das Ich der Einübung sich vergeblich sehnte, scheint Im Vorfeld der Augen zu geschehen: Es zeigt sich ein

Riß,
durch den ich weggehe
und du zurückkehrst

Dieser Riß verbreitert sich zusehends. Am Ende der beiden beschworenen korrelativen Bewegungen, die sich, über das Vorfeld hinaus, steigern in Absturz ins Glück und in Augenlust kulminieren, ist das Ich als belegbare Größe in den Gedichten fast getilgt, verdrängt oder aufgesogen von der tonangebend gewordenen Präsenz des Pronomens „Du“.
Dieses augenfällige Bild hat jedoch etwas Trügerisches: Der Weg, auf dem das Ich sich zurückzieht, bringt es mit sich, daß das Du nicht zurückkehrt, sondern vollends zur Schimäre wird.
Das Erscheinenlassen des Du war schon in der Einübung hin und wieder übergegangen in fast autoritäres Belehren und Zurechtweisen desselben; diese Tendenz verstärkt sich allmählich. Mittels einer Art Selbstüberhöhung ins Auktoriale, Professorale zieht das Ich sich heraus aus dem Werk, wird somit in die Lage versetzt, es von außen formen zu können. Ab dem dritten Lyrikband haben die Gedichte absichtsvoll wirkende, durch ein ordnendes Bewußtsein planvoll gesetzte Überschriften, werden zudem vorübergehend aufgeteilt in Themenbereiche. Unter diesen Themen verortet wird nun auch das verlorene Du. Es verflacht auf diese Art, wird verwischt, zerfällt in viele, wird (da vom Ich abgeschnitten) zur beliebig austauschbaren, quälend abstrakten Du-Variable, zu einem wahlweise angsterregenden und trivialen Naturphänomen, einer von vielen Blumen, die blühen, unentbehrlich als Mitspielerin, Miturheberin eines Vorgangs, der „den Himmel zum Himmel macht“, aber im Bild der entstehenden Landschaft traurig gleichgültig, leere Staffage, einverleibt dem „Blutgleichnis, / […] das dich nicht kennt, / mich weggefegt hat, / weil ich mit dir / benennbar war.“
Sich ein solches Du erschaffend, ist in der Tat „das Ich […] unrettbar“.

*

Je mehr sich das Ich aus dem Spiel nimmt, desto heilloser verloren scheint das von ihm projizierte und verabsolutierte Du. Liebe, wo es sie noch gibt, wenigstens als Naturereignis, scheint nicht zwischen Menschen zu geschehen, sondern zwischen spukhaft fremden, imaginären Entitäten. Als Teil der Naturgeschichte scheint jedwede Liebesgeschichte zur Unterwerfung der Individuen durch das Allgemeine verdammt: nicht mehr als Ich- Du-Geschichte, nur als Wir-Geschichte lebbar.

*

Ein dreifaches „Wir“ eröffnete in der Einübung jenes Gedicht, in dem nicht nur dieses Pronomen einer pluralischen 1. Person zum ersten Mal im Text auftrat, sondern sich auch zwischen Ich und Du eine deren Liebesgeschichte gnadenlos im Keim erstickende qualvolle Fremdheit offenbarte. „Ich habe das Gemeinsame oft als das Grausamste erlebt“, sagte im ersten Heilbad-Fragment der liebende Held zur anonymen, abwesend wirkenden Zuhörerin, „als zwischenmenschliche Marter… Trotzdem war ich auch fähig, fast in einer Wollust des Sichverkriechens, das Allgemeine zu lieben, es anzunehmen, wenn du willst, davon zu leben.“ Diese Liebe im Allgemeinen, zum Allgemeinen, die Liebe zum Wir, als dessen Teil das zum Du sich flüchtende Ich sein Verschwinden als Zwang erfährt, aber auch als Befreiung genießt, wird in Kolleritschs Gedichten immer wieder beharrlich geübt, in zumindest zweifacher Hinsicht.
Einerseits geht die Übung dahin, etwas wie ein wirkliches Wir, eine Liebe, eine Gemeinschaft, in der „die Stimme / unserer Geschichte“ nicht im Ansatz ersticken müßte, sondern sich „dem Ende zu“ reifend weiter fortentwickelte, als Zukunftsvision in Erinnerung und insofern ins Leben zu rufen. Der fünfte Gedichtband, Gegenwege, unternimmt in dieser Hinsicht radikaler als jeder frühere suchende, fragende, tastende Aufbrüche: konjunktivisch, fragmenthaft, zitierend, unabgeschlossen in jedem Sinn, voraus blickend „aus der Verzweiflung“ in die Offenheit einer Zukunft, die zu vergegenwärtigen Sache des einzelnen Lesers ist.
Unter der Vorherrschaft des Pronomens „Wir“ sprechen zum anderen die Gedichte von einem Elend, das jeden Aufbruch auf etwas hin, das anders sein könnte, konsequent für nichtig erklärt. Dies ist die vorherrschende Stimmung des Lyrikbandes Zwei Wege, mehr nicht. „Nichts fanden wir, / was zu leben war, wie es war, / oder es war nichts, / wie es war, / wir lasen Todesanzeigen, / aber auch diese Trauer / war keine Trauer“: so beginnt ein mit „Idylle“ („Bildchen“) überschriebenes Gedicht. „Wir peitschten uns / in das Bild / und waren gemeinsam da, / im Unerträglichen / und stritten darum“, heißt es wenig später, aber selbst dies Zerrbild dessen, was ein gemeinsames Leben sein könnte, wird entlarvt als illusionär. „Wir verschoben uns gegeneinander, / waren mitunter Bild an Bild […], / oder einer erfand den anderen […] / Erst so vermochten wir / uns zu erzählen. / Und so gab es uns nicht.“ Erzählbar ist „unsere Geschichte“, glaubt man diesen „Liebesgedichten für niemanden Bestimmten“, gleichsam nur als Gespenstergeschichte. Untertan der „Wir“-Übermacht, praktizieren „Du“ und „Ich“ als imaginative Gestalten „Liebe“ nicht etwa mit wechselnden Partnern, sondern überhaupt ohne Partner:

Kein Funken von uns
sprang über, das Feuer
brannte im Niemandsland.

ominent gewordener Satz. Lautet, gewendet ins Liebesgeschichtliche, die Konsequenz für den Lyriker Kolleritsch: Die Liebe ist – die Liebenden sind nicht?

*

1
Du warst verschwunden,
als du erschienen bist.
Mühsam trennte ich dich
mit Worten zu mir, mit Worten,
die dich bemerkten, Risse in Bildern.
Sie zeigten mehr, als du brachtest,
so wolltest du gesucht sein.
Der Ankunft mißtrauen.

2
Kaktusblüten täuschten dich vor,
rasch welkende, kommend aus der Nacht,
fremd unter den anderen Blumen.

3
So vor dir, dich zu meinen
ohne Anwesenheit,
ohne Scheu vor dem Verborgenen:
es setzte mich aus in Geräusche,
ich höre mich, den Tod…

Dieses Gedicht, genannt „Gespräch“, rekapituliert in wenigen Sätzen, was das Ich seit Erscheinen des Du wieder und wieder mit diesem erlebte und zur Sprache zu bringen suchte: dessen im Sich-Zeigen verschwindende, mißtrauisch nur vorgetäuschte, allzu kurzlebige Anwesenheit. Alle Mühe, die seither sich das Ich mit Worten gegeben hat, war, so gesehen, eine vergebliche. Ich und Du sind tödlich identisch. Das Gespräch ist Selbstgespräch.
Trotzdem lese ich dieses Gedicht aus dem Band In den Tälern der Welt, den Kolleritsch nach längerer Pause auf Zwei Wege, mehr nicht folgen ließ, nicht als bloße Wiederaufnahme der Legende vom Wiedergängerwesen. Hierbei orientiere ich mich sowohl am Vorgänger Gegenwege, als auch am nachfolgenden Band namens Die Summe der Tage. Schritt für Schritt, lese ich, auf einem Weg voller Kurven und Kehren, erlöst die alles ändernde Liebe das Du und das Ich vom umklammernden Wir, das sie indifferent scheinen ließ. Da Berührung Differenz, Grenzen, ja Verzicht involviert, will sie, daß es bleibt wie „nach dem Abschied“:

der Raum
ist von Endlichem durchrast,
darin spielt die Welt,
sind die Liebenden Liebende

Als fast mythische dritte Personen werden die Liebenden in diesen schmerzlich schönen Gedichten beschworen. Die Liebespaare der Summe der Tage setzen sich selten aus Du und Ich, häufiger aus Er und Sie, Ich und Sie, Du und Er zusammen (als sei diese Vorkehrung nötig, damit kein Berühren zur Lüge wird). In „Vertrauen“ etwa heißt es:

Du bist da im Geäst,
du wächst wie das Vogelflattern darin
zwischen Schatten und Sonne,
sanft ist das Maß,
das du zuspielst,

es gedeiht von den Schwellen
der Zweige herab,
in die Arme des Geheimen,
du wagst ihn.

Ich schreibe sie,
in die Wurzeln fort
sind wir Geschriebene,
erfunden für den schützenden Baum,
für sein Herbstlaub,
voraus in den Winter,
beide im Totenacker Schnee,
es gibt sie.

Die Befreiung des Empfindens, drei Jahre später veröffentlicht, transzendiert auch dieses Bild. Unverstellt wagt das lyrische Ich dem Du wieder zu begegnen, ohne den Umweg über Dritte. Schutzloser als alle früheren, wagen diese neuen Gedichte den Verzicht auf Überschriften; wie in der Einübung möchten sie wieder mit nichts als dem Anfang beginnen.

*

Kolleritschs bislang letzter Gedichtband trägt den Namen Tröstliche Parallelen. Übersetzt aus dem Griechischen heißt parallel nicht mehr und nicht weniger als im Deutschen „beieinander“. Ist das Ziel der Liebenden („ich bin bei dir, / du bist bei mir“) nach so vielen Um- und Irrwegen demnach erreicht, die Sehnsucht gestillt?
Parallelen berühren sich, heißt es, im Unendlichen. Sprache, schrieb Johannes Bobrowski in einem seiner letzten Gedichte, sei unterwegs „auf dem endlosen Weg / zum Hause des Nachbarn“. Macht vielleicht gerade dies – daß der Weg ein endloser ist, Ankunft nie endgültig ist, immer neu zu erleben ist – die Bewegung auf diesem Weg, folgen wir Alfred Kolleritsch, zu einer so tröstlichen?

*

Als Einübung in das Vermeidbare 1978 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet wurde, war für niemanden absehbar, daß sich aus diesen Liebespoemen ein Gesamtwerk entwickeln würde, das mittlerweile in vieler Hinsicht tatsächlich an Francesco Petrarcas Rerum vulgarium fragmenta, genannt Canzoniere, erinnert. Beides sind lyrische Liebes-Epen, einerseits vom Offenen durchströmt, andererseits durch Beharrlichkeit, ja Hartnäckigkeit ausgezeichnet. „Dort, wo ein Gedicht hinreicht und bleibt“, schrieb Kolleritsch um die Zeit der Herausgabe des Fragmentbands Gespräche im Heilbad, „dort entsteht auch das Vertrauen […] in den zeitlichen Strom des Erscheinens“. Dort, wo dieses Vertrauen entsteht, möchte ich den Gedanken ergänzen, ist auch Raum für einen Weg, der den eminent lebendigen, vulkanhaft tätigen Arbeitsprozeß, den die Prosa der Heilbad-Fragmente fast in jedem Satz ahnen läßt, unerschöpflich fortsetzt im lyrischen Erzählen.
Von Gedicht zu Gedicht sich dem zeitlichen Strom des Erscheinens dieser Erzählung auszusetzen, ist dem möglich, der das Glück hat, alle zehn Lyrikbände zu besitzen. Nur die seit 1991 erschienenen sind derzeit im Buchhandel erhältlich. Ich möchte daher nicht schließen, ohne an das Erfordernis einer profunden Gesamtausgabe dieser „Wahrnehmung des Zukünftigen“, dieser langen Liebesgeschichte, mit Entschiedenheit zu erinnern.

Ingeborg Horn, aus Andrea Stift und Andreas Unterweger (Hrsg.): Das schönste Fremde ist bei dir. Alfred Kolleritsch zum 80. Geburtstag, Literaturverlag Droschl, 2011

 

 

HOLZHAUS
Für Alfred Kolleritsch

Mit dem Rücken zur Wand
muß man stehen, im Abendlicht.
Dann sieht man den Sturm,
wie er sich ankündigt in der Krone
der Linde. Die verrückten Amseln,
als ginge es um ein Spätwerk.
Man wird daran gemessen, wie oft
man Wahrheit nicht gesagt hat,
obwohl das Wort warm auf der Zunge lag.
Ein Blick auf die rasenden Wolken,
und man versteht den Bruch
zwischen himmlischer und irdischer Welt.
Der Rücken am warmen Holz,
und dann der Sonnenuntergang.

Michael Krüger

 

Alfred Kolleritsch im Gespräch mit Eberhard Büssem am 17.2.2006 in der Sendung alpha-Forum

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Barbara Frischmuth, Friederike Mayröcker, Franz Weinzettl und Lydia Mischkulnig gratulieren

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Harald Miesbacher: A. K., die manuskripte, ihre Autoren und ich… 
manuskripte, Heft 191, März 2011

Rainer Götz: Rede zum 80. Geburtstag von A. K. Literaturhaus Graz (16.2.2011)
manuskripte, Heft 191, März 2011

Anton Thuswaldner: Alfred Kolleritsch: Der Dichter als Denker
Die Furche, 17.2.2011

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + ÖM + KLGIMDb + Archiv 1 & 2 + Internet Archive + IZAKalliope
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde OhlbaumBrigitte Friedrich Autorenfotos + IMAGOKeystone-SDA
Nachrufe auf Alfred Kolleritsch: falter ✝︎ faust ✝︎ FAZ ✝︎ fixpoetry ✝︎ Furche ✝︎ Kleine ✝︎ Krone ✝︎ NZZ ✝︎ Standard ✝︎ SZ ✝︎ Tagesspiegel ✝︎

 

Präsentation des Lyrikbandes Es gibt den ungeheuren Anderen von Alfred Kolleritsch im LITERATURHAUS GRAZ am 5.2.2013.
Ausschnitte aus der gemeinsamen Lesung von Alfred Kolleritsch und dem Grazer Schauspieler Daniel Doujenis.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Makaber

Mal die Arie! – ja? (Alarm!) Maria? (lahm!).

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

0:00
0:00