IM SCHAUHAUS
In seinen Augen war
Kein Innen mehr, und
Seine Ohren: höchstens Rauschen
Von Schneckenhäusern
Nein, wo der Atem war
Verriet er nicht
15. August 1972
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Das rettungslose Ich
– Zur Lyrik Dieter Leisegangs. –
Am 21. März 1973 erschoß sich in Offenbach am Main der Schriftsteller Dieter Leisegang, vier Monate nach seinem 30. Geburtstag. Mit ihm ging ein Mann in den Tod, der ganz ohne Zweifel zu den größten Begabungen seiner Generation zählt: als Lyriker, als Aphoristiker, als Philosoph, als Essayist. Vergleiche mit anderen, ebenfalls früh verstorbenen deutschen Schriftstellern dieses Jahrhunderts, etwa Eugen Gottlob Winkler und Felix Hartlaub, böten sich an.
Unter den Autoren seines Jahrzehnts (1963–1973) ist er, gemessen an seiner Bedeutung, gewiß der unbekannteste. Zu seinen Lebzeiten erschienen seine Bücher bloß in ganz kleinen Verlagen: bei Bläschke in Darmstadt und bei seinem Freund Horst Heiderhoff in Frankfurt. Das Echo in den Zeitungen war gering. Nach der Lektüre der Bände Unordentliche Gegend und Aus privaten Gründen schrieb Reiner Kunze 1976, damals noch in der DDR lebend:
Ich habe Leisegang bereits mehrmals gelesen. Ein sehr feiner Dichter (das ,fein‘ ist genau gesetzt), ein Denker in Paradoxen (der geborene Aphoristiker).
Gedichte, die sofort in die erste Reihe aller Gedichte rücken: „Nachwort zu meinem Vater“, „Klavierkonzert“, „Stimmen“, „Begegnung“, „Chinoiserie“… und vor allem seine Aphorismen. Das ist ja Goldstaub. Ich lese sie mit einer Spannung, wie einen großen Roman. Ich frage mich nur, wo war (ist) Eure anspruchsvolle Literaturkritik, als Leisegang auftauchte? Oder war die Umwelt so, daß sie nicht nur Leisegang selbst, sondern auch seine Fürsprecher nicht hören wollte (konnte)?
Dieter Leisegang konnte sich nicht aufdrängen. Eine Absage genügte ihm, um nicht ein zweites- oder drittesmal vorstellig zu werden, wie es in einem Kulturbetrieb üblich ist, in dem Penetranz zum Ziel kommt. Kompromisse, die auf Kosten der Sache gingen, lehnte er ab. Keine guten Voraussetzungen, um zu reüssieren. Und in den Jahren der Studentenrevolte galt es als höchst anstößig, wenn jemand von sich sagte, er habe keinen philosophischen Standpunkt, er sei gegen „jede materiale oder formale Festlegung“. „Einstellung: konservativ“ – das war bei der publizistischen Schickeria nahezu ein Todesurteil, auch wenn dieser Konservative einen sehr wachen Blick für soziale Mißstände hatte, in Deutschland, in Südafrika (wo er 1972 Gastdozent war) oder wo immer. Wenn man seinerzeit Erfolg haben, „ankommen“ wollte, mußte man Krankheitssymptome nicht nur diagnostizieren, sondern auch auf das Patentrezept schwören – Revolution. Leisegang war nicht „en vogue“, nicht „up to date“, wie auch die Modeworte der beiläufigen Achtung lauten mögen. Man hatte nichts übrig für jemanden, der noch redete „in der Art früherer Zeiten“, der „Rede und Antwort“ stand, der „redlich“ war.
Leisegang, am 25. November 1942 in Wiesbaden als Sohn eines Kartographen und Malers geboren, wuchs in einer Atmosphäre auf, in der Literatur, bildende Kunst und Musik zum täglichen Leben gehörten.
Begabung und Milieu legten es nahe, daß er früh zu schreiben begann. Es ist faszinierend, die Verse des 16-, 17jährigen zu studieren, die sich in seinem Nachlaß erhalten haben. Einerseits kann man in ihnen die literarischen Ziehvater leicht identifizieren (von denen vor allem Rilke und Benn ihre Bedeutung behalten), andererseits findet man in vielfältigen Formen – Kirchenliedartiges, Sonette, freie Verse – bereits die Themen, die das ganze Werk durchziehn: Zeit, Vergänglichkeit, Individualität, Liebe, Kunst, Tod. Die Jahre 1959/1960 sind entscheidend und doch merkwürdig unentschieden. Noch produziert Leisegang pubertäre Lyrik wie tausend andere Gymnasiasten, gut genug für die Schülerzeitung:
DIE SCHWARZWÄLDER KUCKUCKSUHR:
Schief schlägt meiner Uhr Gehänge
in das Zimmer, das mich engt.
Ihre hackbeklopften Klänge
brechen, was ins Herz sich drängt.
Und die leuchtbegrünten Blätter,
ziffernzag’ in dunkler Luft,
strahlen durch die morschen Bretter
meiner fahlen Zimmergruft.
Hui und eckig ist das Leben,
das sich auf den Kuckuck stützt,
der in stundenweisem Beben
seine Pendelfreiheit nützt.
Noch ist sich Leisegang seiner Mittel nicht sicher: neben romantischen Floskeln stehen nachexpressionistische Kühnheiten, neben der Todesvision die physikalische Platitüde; er scheint noch kein Gefühl dafür zu haben, wo ein Gedicht zu enden hat, wie die Pointen zu setzen sind. Daneben gibt es Verse aus dem gleichen Jahr (1959), Verse, die er zu Recht später noch gelten ließ und in die Sammlung Intérieurs von 1966 aufnahm:
DÄDALUS. DÄDALUS
Was da alles zu sagen wäre
Stell sich das mal einer vor:
Wie er im Sommer
Einen gefallenen Vogel begräbt
Und – einige Jahre später
Mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt
Im Schauhaus liegt
Welche Spanne, welcher Unterschied zwischen Gebilden, die nur wenige Wochen oder Monate trennen. Hier ist mit einemmal jene klassische Moderne, der Leisegangs Werk in seinen besten Teilen immer angehört: freie Verse mit einem lakonischen, der Alltagssprache angenäherten Duktus, Alltagssprache, die sozusagen die harmloseste Miene macht angesichts der ernstesten, letzten Dinge.
Understatement und Ironie also und eine Vielfalt von Anspielungen, Beziehungen, die zu realisieren der Leser aufgefordert ist. Wie verhält sich die Überschrift zum Gedicht, wie der Mythos zur Gegenwart? Ist Dädalus, Erbauer des Labyrinths und Vater des Ikarus, der Held dieses Gedichts, wie es die doppelte Namensnennung im Titel suggerieren könnte? Oder ist sie nicht vielmehr der Hilferuf des stürzenden Ikarus („patrium clamantia nomen“, wie es im VIII. Buch von Ovids Metamorphosen heißt)? Ist Ikarus vielleicht ein junger Selbstmörder, einer, der vor sich selber fliehen wollte und sich doch nicht entging?
Mit „Dädalus. Dädalus“ hat der Autor sein Kardinalthema, den Suizid, wohl erstmals auf der Ebene der Kunst formuliert, jene schmerzliche Entelechie, die sich 14 Jahre später vollendete. Das letale Motiv, das läßt sich an der letzten Gruppe der in diesem Band versammelten Gedichte ablesen, verstummt nicht mehr. „Warum lebe ich? / Stirb augenblicklich, hörst du, / Was willst du denn noch?“ schreibt der noch nicht 18jährige. Da ist das Ziel nicht fraglich. Nur der Zeitpunkt, an dem es erreicht wird. Schreiben wurde so für Leisegang zu einem Prozeß, der nicht in erster Instanz entschieden wurde. Er beschwor den Tod in immer neuen Bildern und fristete das Leben von Gedicht zu Gedicht. „Quid moraris emori?“ – „Was zögerst du zu sterben“ zitierte er Catulls ekelgeschütteltes carmen 52. Die Antwort:
Ach, es ist die alte Hoffnung, doch noch Catull zu werden.
Einerseits also das Gefühl, seine Möglichkeiten noch nicht erschöpft, das ihm aufgegebene Pensum noch nicht erfüllt zu haben. Andererseits lief alle Arbeit auf die ewig gleiche Unmöglichkeit hinaus, gerieten die Gedichte „zu lauter letzten Worten“, bestand also ein Zwang, „sich in Kürze aufzulösen“.
Von der Unrettbarkeit des Ich war Leisegang in philosophischer wie soziologischer Hinsicht überzeugt. Für seine Entwicklung ist charakteristisch, wie er alle Sentimentalität ablegt und sich den zerstörerischen Kräften der Massengesellschaft stellt. „Wer sein Gesicht verloren hat/ der ist eine unbekannte Masse / und er wandelt durch die trübe Stadt / die ihn ausgestoßen hat / als eine dumpfe hohle blasse / Kreatur“ reimte der Gymnasiast mit abendländischem Pathos und Rilkeschem Enjambement. Der Student der Philosophie in Frankfurt am Main ein halbes Jahrzehnt später unter dem Titel „Imbißstube“:
Aber neulich in einer Imbißstube –
(mitten im Tour de France-Rummel)
entdeckte ich an einer Bierlache mein Gesicht.
Ich habe es – sozusagen unverzüglich –
auf dem nächsten Fundbüro abgegeben.
Das naive Beharren auf dem Gesicht als einer „Marke zum Schutze der Persönlichkeit“ ist dahin. Leisegang unterwirft sich nun der Anonymität und gewinnt gerade dadurch, daß er sich zu ihr bekennt, eine eigene Physiognomie. Das Gedicht „Imbißstube“ ist also ein ausdrücklicher Widerruf. Leisegang wurde sich früh historisch. Seine Dichtung entwickelte sich in fortwährender Auseinandersetzung mit dem Geleisteten, sei es im Widerspruch, sei es in der Bekräftigung. Im ganzen überwiegt deutlich die Explikation und Affirmation des Festgestellten – ein Beweis, wie bald dieser Autor fertig ist, seine Emotionalität, seine Einstellung gegenüber dem halben Dutzend elementarer Themen.
Die Arbeit seines letzten Jahrzehnts besteht im Abstreifen des Gefühlsüberschwangs und in der intellektuellen Durchdringung des Gefühls, wie sie sich in den Langgedichten manifestiert. Diese Gedichte sind ein deutlicher Beleg dafür, wie die Grenzen der Genera für Leisegang durchlässig waren: das reflektierende long poem berührte sich mit dem literarischen oder philosophischen Essay, so wie die epigrammatischen Kurzgedichte den Aphorismen verschwistert sind. Im September 1964 äußerte Leisegang den Verdacht, er sei „nicht diskursiv genug“. Es sei „eine falsche Angewohnheit“ und die „Manie der Anfänger“, „Alles gleich auf einmal / sagen zu wollen“. Mitwachsender philosophischer Bildung verstärkte er darum das diskursive Element. Diese Entwicklung erreicht in dem Band Hoffmann am Fenster ihren Höhepunkt. Und sie klang wieder ab mit dem zunehmenden Vorbehalt gegen die Abstraktion.
In meinen philosophischen Arbeiten komme ich mir vor wie ein Bauer, der sich vergeblich bemüht, hochdeutsch zu reden.
Der Gedanke blieb in den lyrischen Texten gegenwärtig, Leisegang verschmähte jedoch zunehmend das Räsonnement und kehrte zurück zu den Bildern, den Fabeln.
Ausfaltung der Ansätze und Reduktion auf den Kern: diese Prozesse lassen sich in den Gedichten und ihren Vorstufen gleichermaßen verfolgen. Leisegang verdichtet ein Thema auf drei Zeilen (s. „Das Tässchen“ und „Chinoiserie“), und er bildet aus einem einzelnen Gedicht wie „Naturereignis“ einen ganzen Zyklus:
An jedem Ast des Waldes
Hängt ein
Erhängter Baum
Die wenigen Förster stehen
Unter den Wurzeln
Stumm. Mit gefaltenen Händen
Ein Reh entspringt seinem
Schatten; ein Hund
Verbellt die bestürzten Wanderer
Der letzte Wilddieb lauert
sich auf, den
Finger am Abzug
Fern ruft ein Köhler,
vergeblich dem fliehenden
Holzfäller nach
Schließlich erscheinen
In großen Mengen die Städter
Und staunen
Man vergleiche mit diesen Versen die „Kahlschlag“-Gedichte 1–4, und man wird merken, wie überzeugend Leisegang diesen Vorwurf umformte. Er zeigt den Tod der Natur zunächst in surrealistischen Denk-Bildern, die dem Subjekt recht ferngerückt sind. Die Bestürzung bleibt Sache der „Wanderer“, sie überträgt sich noch nicht auf den Leser. Ganz anders in den „Kahlschlag“-Gedichten aus Leisegangs letzten Lebensmonaten.
Vor meinem Fenster fallen
Die letzten
Paar Bäume…
Da beginnt die Rodung nicht irgendwo im Ungefähr, sondern vor der „Stirn an der Scheibe“. Die Axt ist den Bäumen an die Wurzel gelegt, man fühlt es mit dem Autor und ahnt, was es bedeutet, wenn die Wälder sich ins „Asyl der Gedanken“ flüchten, bis auch „Äxte und Sägen / Gedanke werden: / Kahlschlag schlechthin“. Das Natur-Ereignis wird zum Ich-Ereignis, die Groteske weicht der Tragödie- nicht umsonst wollte der Autor den letzten Gedichtband, den er zum Druck vorbereitete, nach diesem Zyklus „Kahlschlag“ nennen, bis er sich schließlich, mit Grund, zu dem Titel Aus privaten Gründen entschloß.
Studiert man Leisegangs Entwürfe, so entdeckt man nicht selten eine ganze Anzahl von Varianten. Er, der oft verblüffend rasch schrieb, fast nebenher, beim Gespräch, Verse aufs Papier warf, er, der mitunter scheinbar mühelos reimte (in einer Zeit, in der sich der Reim den meisten Lyrikern verweigert), arbeitete andererseits sehr lange an seinen Gedichten. Mitunter liegen Jahre zwischen den einzelnen Phasen. Gewiß spiegelt sich in solch fortgesetzter Bemühung eine große Werk-Besessenheit, eine lebhaft gefühlte Verantwortung vor der Sprache. Man muß dabei aber scheiden zwischen Gedichten, bei denen der Rahmen feststeht und nur Details variieren, und solchen, bei denen die Intention wechselt. Gewiß, dies kommt auch bei anderen Autoren vor. Der Unterschied bei Leisegang liegt in der letalen Variante. Ein Beispiel (das bei Gelegenheit einmal breiter dokumentiert werden müßte) ist die „Panne“ aus dem Dezember 1972 (Aus privaten Gründen, S. 25), Beschreibung des Zwangsaufenthalts einer Reisegruppe, die durch einen Sturm bedroht ist. Leisegangs hinterlassene Papiere beweisen: veröffentlicht ist vorerst die harmloseste Fassung. Die Lesarten, die er gleichzeitig erwogen hat, lassen die Gefahr nicht im Vagen, im Belieben der Natur. Sie kommt hier aus dem Gewehrlauf des Fahrers, und die Frage ist nur, tötet er alle oder nur einen einzigen, den anonymen, wohlbekannten Er („Griff schließlich / Nach seinem Gewehr und erschoß ihn“), Exekution anläßlich einer Reifenpanne, ein absurdes, fast metaphysisch anmutendes Strafgericht, ein Busfahrer als Würgengel. Die Szenerien des Alltäglichen bei Leisegang sind unterminiert, Todeswünsche suchen ihren Vollstrecker.
Textkritik, sonst leicht eine weltfremde und müßige Disziplin, wird angesichts von Leisegangs Handschriften zur Suche nach dem Indifferenz-Punkt zwischen Existenz und Nicht-Existenz. In den Jahren 1971/72 schrieb er eine Reihe von schmerzlich-schönen Liebesgedichten, deren elegischer Charakter sein Teil zu den „privaten Gründen“ des Endes beigetragen haben mag. Eines dieser Gedichte, am 5.9.1972 entstanden, trägt den Titel „Zuspruch“.
Der Mond scheint wie durch ein Gedicht
Heut nacht hinein ins Fenster
Meine Liebe, fürcht Dich nicht
Wenn die Stille manchmal spricht
Das sind nur Gespenster –
Menschen kommen hier nicht her
Nur ein paar Kollegen
Und die sind schon lang nichts mehr
Nichts sein, glaub mir, ist nicht schwer
Schon der Leute wegen –
Liebste, schau in mein Gesicht
Streichle mir die Haare
Höre nur, wie still das Licht
Vom erloschnen Leben spricht
Komm auf meine Bahre –
So lautete die erste Niederschrift, die man wahrhaftig, mit einem bittren Beigeschmack, ,Grundschicht‘ nennen darf. Sie vollzog sich trotz des komplizierten und konsequent durchgehaltenen Reimschemas (abaab, wobei der Reim a in der dritten Strophe noch einmal aufgenommen wird) rasch; dann setzte ein Kampf zwischen Eros und Thanatos ein, zwischen Lustprinzip und Todestrieb, in dessen Verlauf sich die letzten fünf Verse mehrmals umbilden:
Liebste, schau in mein Gesicht
Träume mir entgegen
Fühle nur, wie schön das Licht
Sich in Deinen Augen bricht
das erloschne Leben spricht
(…)
Der Autor merkt das – im Sinn des vorgegebenen Schemas – Ungereimte dieses Ansatzes und greift noch einmal zum Stift (diesmal zum Rotstift), ändert „Fühle nur“ in „Sieh doch nur“, streicht das „schön“ und läßt es wieder gelten, substituiert „Deinen Augen“ durch „meinen Augen“ und formuliert als neue Schlußzeile:
Daß sie brechen mögen –
Schon rein graphisch ist der Text ein Schlachtfeld. Einzelne Formationen werden getilgt und leben partiell wieder auf, anderes versinkt endgültig, ganz analog jenem größeren, entscheidenden Konflikt, in dem das Leben im letzten Augenblick vorläufig triumphiert:
Liebste, schau in mein Gesicht
Träume mir entgegen
Sieh doch nur, wie schön das Licht
Sich an meinen Augen bricht
Ach, lauter Regenbögen –
Die Rettung scheint möglich, und doch ist schließlich alles kreuzweise durchstrichen: ein unauflösliches Ineinander von JA und NEIN, von Zuspruch und Abrede.
Wo ist für ein solches Ich wenigstens vorübergehend Geborgenheit und Entlastung? Welches Palliativ gibt es? In „Glücklich und endlich“ aus dem Juni 1969 nennt Leisegang das Gefühl, „eingebettet“ zu sein „in lauter Erfahrungen / ganz unaufdringlicher Art / Aufgehoben zu sein / Ohne Mitte, ichlos, vorbei / Nur so dahinfließen / Ein Ding unter Dingen“. Augenblicke der ,wahren Empfindung‘ also, in denen die Person gleichsam entkernt ist, befreit vom Druck der Situation und von der Notwendigkeit, den Objekten gegenüber sich als Subjekt zu behaupten. Eine Mystik mit offenen Augen, der wenig gleichkommt. Es sei denn die Mystik der Ohren: die Musik. Leisegang hat eine ganze Reihe von Gedichten über Musik geschrieben, angefangen mit Versen des Gymnasiasten über Bachs französische Suite Nr. 4 (unveröffentlicht), über Mozarts Klavierkonzert Nr. 24 Köchelverzeichnis 491, über Mahler bis hin zu Charles Ives’ „Children’s Day“. Die Verse freilich, in denen er die Bedeutung dieser Kunst am rückhaltlosesten formulierte, publizierte er nicht, vielleicht aus Scheu, von politisierten Beckmessern verhöhnt zu werden:
HAYDN SONATE NR. 20 ANDANTE CON MOTO
Da ist ein Hinübersehn
Zum andern Ufer (zur Fechenheimer Seite)
Oktober-November: Nachmittage
Einsiedlerische
Umschreibend die weißen Wiesen
Die schon
In den Abend ziehn
Es soll nun alles gut sein, und kein Schmerz der Welt
Seine Stimme erheben
Gegen das Wirkliche
Dort drüben
Und hier
(16.10.67)
Eine Poesie der entrückten Momente, die das „Unerreichbare / Namenlose / Diese Mischung aus Ich und Es“ sprachlich konstituiert. Frappierend, wie Leisegang die Akte des Ich depersonalisiert („Da ist ein Hinübersehn“) und die Natur-Vorgänge verlebendigt („Nachmittage / … / umschreibend die weißen Wiesen“) – Übereinkunft in einem Zwischenbereich, zu dem die Qual des eigenen Leibes und das Leid der Erde keinen Zutritt haben sollen. Es wäre illusionär zu glauben, daß dieser Zustand, der eher einem Waffenstillstand als einer Idylle ähnelt, zu häufig gewesen wäre. Seit seiner Tuberkulose-Erkrankung und einer Lungen-Operation im Jahr 1966 scheint Leisegang in der Tat jenes „Bündel Schmerzen“ gewesen zu sein, von dem er im Juli 1969 spricht.
Es gibt die verschiedensten Arten von Suizid: den nicht ernst gemeinten, der ein heimlicher Hilferuf ist oder versuchte Erpressung, die Kurzschluß-Reaktion von Leuten, die am Leben hängen und momentan keinen Ausweg aus einer verzweifelten Lage finden, schließlich den philosophischen Akt, der ,von langer Hand‘ vorbereitet wird. Die Weisheit der Sprache, die diese Redewendung hervorgebracht hat, ist nicht zu unterschätzen. Sie spielt auf jene Depersonalisations-Phänomene an, bei denen die Teile des Körpers, vor allem die Extremitäten, dem Ich merkwürdig entfremdet sind. Leisegang beschrieb die Entfernung zu seiner Hand schon in den „Brüchen“, sie betrage „viele Nachmittage hindurch. / Nur wenn sie den Tee eingießt / ist sie zum Greifen nah“. Die Kehrseite dieser Erfahrung ist das „nahtlose“ Beisammensein im Spiegel.
Sonst liefe man weit weg
Von sich selber, flüchtete
Vor der eigenen Hand
in eine andere Stadt –
So 1960 der Achtzehnjährige.
Wenn es jemals in der Literaturgeschichte einen logischen Selbstmord gab, dann war es der Dieter Leisegangs, eines Mannes, der offenbar immer dringender die Gründe für die Fristung des Lebens suchen mußte –, die für das Sterben lagen jederzeit auf der Hand und wogen von Tag zu Tag schwerer. Eidhelfer, die auf den Tod schworen, fand er zur Genüge: Kleist, den er verehrte, Majakowski, dem er ein Gedicht widmete, Hart Crane, den er übersetzte – ja, es ist wohl nicht einmal Zufall, daß das Signet des Verlages Bläschke, bei dem er die Reihe Das neueste Gedicht herausgab, eine Sanduhr darstellt.
Die Bewußtheit, mit der Leisegang sein Ende vorbereitete (bis hin zum Entwurf der Todesanzeige für seinen Sohn), erinnert an die Antike, mit der er sich in seinen letzten Monaten beschäftigte: ein Stoiker mit Krawatte und silberner Taschenuhr. Seine Gedichte, seine Aphorismen, seine Miniaturen (der Mann mit dem Loch in der Stirn!), die dem Hiersein Valet sagen, sind zugleich Prophezeiungen und eine systematische Reduktion der Angst. Mit den Psychologen könnte man sie, verhaltenstherapeutisch, eine „Desensibilisierung in vivo“ nennen, wenn sie nicht gleichzeitig Zeugnis höchster Sensibilität wären. Mit der ihm eigenen Präzision definierte er das Sterbenlernen so:
Ist denn der Übergang in den Tod allmählich? Nein. Allenfalls der Übergang an den Tod.
Ein Weg der kleinsten Schritte also. Dann: ein Sprung.
Und gegen Ende war er spinnendünn
Und bat mit großen Augen um Verständnis
Ach, seine Umwelt nahm’s gelassen hin
D.h. sie nahm ihn einfach nicht zur Kenntnis
(…)
Fragment eines späten Gedichts, treffende Bilanz der Wirkung Dieter Leisegangs, von der zu hoffen ist, daß sie eines Tages nicht mehr stimmen wird. Es ist ein Problem unseres Zeitalters, daß Bücher wie die seinen von anderen verdrängt werden, obwohl deren Urheber vielleicht nur eine wichtige Begabung haben – die, alt zu werden. Mag sein, daß trotz ständig ansteigender Bücherflut die Rezeption Leisegangs heute ein wenig leichter ist als in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Die Literatur hat ihren damals ausgerufenen Tod überlebt und sich ebenso über die bornierten Forderungen hinweggesetzt, sie müsse Waffe sein im Klassenkampf, nichts weiter. Leisegang spottete damals, lungenkrank, in seinem Davoser Tagebuch über die Kritiker, die ihm verboten, über das zu schreiben, was ihn anrührte, und sie rächten sich für diesen Spott durch Schweigen. Keiner von ihnen hatte gesehen, was Brecht einst wahrgenommen hatte auf den Gesichtern von Arbeitern, die Verse des „todessüchtigen Benn“ hörten: einen Ausdruck, der „nicht dem Versbau galt und kostbarer war / Als das Lächeln der Mona Lisa“.
Karl Corino, Nachwort
Editorische Bemerkung
Um Überschneidungen mit den bei Bläschke und Heiderhoff vorliegenden Bänden zu vermeiden, habe ich eine Auswahl nach thematischen Gesichtspunkten getroffen und innerhalb der jeweiligen Gruppe chronologisch gereiht. Für eine solche Anordnung spricht neben urheberrechtlichen Gründen vor allem der: Chronologie kann zur Chrono-Logik werden. Nicht umsonst hat Dieter Leisegang seine Gedichte, die veröffentlichten wie die unveröffentlichten, meistens präzise datiert. Das hier vorgelegte Material ist nur ein Teil seines lyrischen Nachlasses, der neben den philosophischen und essayistischen Arbeiten, den Aphorismen, Erzählungen und Hörspielen auf eine angemessene Edition wartet.
Gleiches gilt für die diesem Band beigegebenen Buntstift-Miniaturen. Auch sie bilden nur eine Auswahl aus dem überlieferten – rund 30 dieser Bilder konnten aus Platzgründen hier keine Aufnahme finden.
Die Zeichnungen Dieter Leisegangs warten wie so vieles noch einer entsprechenden Publikation und Würdigung. Nicht wenige sind den Gedichten und Aphorismen künstlerisch wahrscheinlich ebenbürtig, denen sie im Format und inhaltlich so ähneln. Es gibt da Porträts von Familienangehörigen, Retrospektiven auf seine eigene Kindheit, Stilleben, Interieurs und zahlreiche Ausblicke auf Stadtlandschaften: eine im Zeitalter des Abstraktionismus durchaus realistische Malerei, die Wert legt auf Kenntlichmachung und Wiedererkennbarkeit. Leisegang war indes nie ein Realist im platten Wortsinn, so daß er sich nur an das Sichtbare gehalten hätte. In seinen Offenbacher Hinterhöfen wird Christus an der Teppichstange gekreuzigt. Das Reich der Gedanken, des Gewußten und Voraus-Gewußten überlagert das, was photographisch wiedergegeben werden kann. Dieter Leisegangs Miniaturen sind daher nicht nur Wiederholungen, sondern auch Vorwegnahmen.
K. C.
Das Werk Dieter Leisegangs,
der 1973, gerade 30jährig, den Freitod suchte, war zu seinen Lebzeiten nur einem kleinen Publikum bekannt. Von seinem weitgespannten Werk – Gedichte, philosophische Abhandlungen, Essays, Aphorismen – stellt die vorliegende repräsentative Gedichtauswahl einen Hauptbestandteil dar. Die Gedichte, deren Spannweite von der verknappenden Momentaufnahme bis zum weit ausholenden philosophischen Langgedicht reicht, zeigen die im wahrsten Sinne des Wortes unheimliche Konsequenz, mit der Dieter Leisegang seinen Freitod anstrebte.
Ich lese sie (die Gedichte Leisegangs) mit einer Spannung, wie einen großen Roman. Ich frage mich nur, wo war (ist) Eure anspruchsvolle Literaturkritik, als Leisegang auftauchte? Oder war die Umwelt so, daß sie nicht nur Leisegang selbst, sondern auch seine Fürsprecher nicht hören wollte (konnte)?
(Reiner Kunze)
Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1980
Dieter Leisegang. Lauter letzte Worte
Aus privaten Gründen
Der zweiundzwanzigjährige Dieter Leisegang schrieb in einem Gedicht: „Wladimir hat recht / Nur keine Erinnerungen / Schießt sich den ganzen Klimbim / Aus dem Hirn.“ – Schnoddrige Todeskoketterie, so schien es. Unpräzise obendrein, denn der apostrophierte Majakowski schoß sich ins Herz und nicht in den Kopf. Aber dann, am 21. März 1973, vier Monate nach seinem dreißigsten Geburtstag, wählte Leisegang ebenjene Form des Suizids, die er Majakowski zugeschrieben hatte.
Sein Freitod war keine Nachricht, die die literarische Öffentlichkeit bewegte. Wer war Dieter Leisegang? Seine schmalen Bände waren in Kleinverlagen erschienen, also kaum auf dem Markt, kaum registriert von der Kritik. Zudem lag ihr Autor quer zu den herrschenden Tendenzen von Pop- und Polit-Lyrik. Was man später Neue Subjektivität nannte, war bei Leisegang schon angelegt, zugleich mit der Erkenntnis ihrer Problematik. Nur gehörte er nicht zu den Trendsettern, ihm hätte auch nicht daran gelegen. Doch der frühe, gewaltsame Tod – schuf er keinen Nimbus? Etablierte er keinen Ruhm? Als Rolf Dieter Brinkmann 1975 in London überfahren wurde, förderte das den Mythos, leitete der „eigene Tod“ die Kanonisierung des Autors ein.
Nicht so bei Leisegang. Bei ihm gab es allenfalls die Elemente zu einem Mythos und die Versuchung, diese zu einem solchen zu bündeln. Eine aphoristische Notiz lautet:
Meine Gedichte bestehen aus lauter letzten Worten. Schon von daher geht ein Zwang aus, mich in Kürze aufzulösen.
Für den Autor hatte diese Dialektik etwas Zwingendes; und nach erbrachtem Beweis hat sie es auch für den Leser. An der letalen Tendenz von Leisegangs Leben und Schreiben besteht kein Zweifel; auch nicht an der gelegentlich aufkommenden Koketterie, in der sich der Todestrieb vorübergehend erleichterte. Doch alles Forcierte war Leisegang fremd, so als habe ihn der eigene Name zur Dezenz verpflichtet.
Das wirkt selbst über seinen Tod hinaus. Ein Band mit Gedichten und Aphorismen, den der Autor noch vorbereitet hatte, erschien im Todesjahr 1973. Der Titel Aus privaten Gründen liest sich als Abwehr indiskreter Spekulation. Abwehr drückt auch die Gestalt des Buches aus. Das Farbfoto vor dem Innentitel zeigt den Autor mit einem kleinen Jungen, vermutlich seinem Sohn, dem der Band gewidmet ist. Leisegang, mit Krawatte, Jackett, Weste, silberner Uhrkette, entspricht nicht eben dem Image, das sich damals mit einem Autor verband. Das Foto war bewußte Stilisierung des Privaten; und auf dieses Private kam es Leisegang an, „gerade weil / heute alles nach außen geht, das Private verfemt ist / als Chinoiserie“, wie es das Gedicht „Coca-Cola“ formuliert. Das Private diente Leisegang zur Camouflage einer gefährdeten Existenz. Es bedeutete einen ostentativen Rückzug aus dem Öffentlichen. Die ostentative Geste, die unbemerkt bleibt, markiert eine Art Erfolgsstreik.
Bei alldem hatte Leisegang nichts vom ressentimentgeladenen Verhockten, dem die Trauben zu hoch hängen; er gehörte auch nicht zu den Stillen im Lande. Er war eher umtriebig, ehrgeizig und durchaus erfolgreich mit seinen Projekten. Er hatte bei Julius Schaaf und Th.W. Adorno promoviert, hatte diverse Lehraufträge wahrgenommen, als Redakteur einer Zeitschrift und als Cheftexter für Olivetti gearbeitet. Er machte einige Fernsehfilme, edierte mehrere Buchreihen, publizierte philosophische Abhandlungen, übersetzte Gedichte von W.H. Auden, Hart Crane und anderen und schrieb schließlich seine eigenen Aphorismen und Gedichte. Eine fast hektische Aktivität, zusammengedrängt auf etwa zehn Jahre, unterbrochen durch eine schwere Lungenkrankheit, die ihn für Monate in Davos festhielt.
Essay-Gedichte
Zwar wirkt manches an Leisegangs früher Lyrik – Brüche (1964), Überschreitungen (1965), Interieurs (1966) – noch konventionell, doch nie bloß epigonal. Leisegang hatte ein Bewußtsein für das historisch Fortgeschrittene, für die Spätzeit:
Und stiller werdend
(Die Tage, die Worte)
Sag das noch einmal:
,Clair de lune‘ –
Dieser Verlaine-Bezug meint nicht Repetition, sondern Wieder-Holung von Tradition. Solche Wiederholung und Anverwandlung von Tradiertem ist auch dort erkennbar, wo Leisegang die Erfahrung der Depersonalisation und die Erfahrung der Fremdheit der Dinge gestaltet – besonders deutlich im Motiv der Hand, die fremd wird, sich ablöst oder verkrüppelt scheint. Ein Beispiel für diese „Hand“-Gedichte ist „Entfernung“:
Die Entfernung zu meiner Hand
Beträgt viele Nachmittage hindurch
Nur wenn sie den Tee eingießt,
Ist sie zum Greifen nah –
Die letzte Abteilung des Bandes Interieurs, aus dem dieses Gedicht stammt, trägt die Überschrift„ Essays“ – es sind Versuche, sich aus dem tödlichen Zirkel der Innenwelten zu befreien. Die Hand, die einst zum Werkzeug des Suizids, des Hand-an-sich-Legens wurde, erscheint hier als Motiv in einem positiven poetischen Programm:
Worte sind greifende Hände
Hinterm Gesicht –
Sie fassen die Gegenstände
Und halten sie
Ins Licht.
Zum wirklichen Essay-Gedicht gelangt Leisegang in dem 1968 erschienenen Band Hoffmann am Fenster, der zehn lange Gedichte enthält. Das fünfte, quasi im Zentrum stehende Stück ist „Die gelben Schuhe des Doktor Virchow“, eine lyrische Abrechnung des Lungenkranken mit Davos, mit der Außenwelt und mit sich selbst. Dem Patienten, der „im Gestorbenen“ haust, ist jede Nachricht von außen verdächtig:
Laßt die Gewehre ruhig losgehn. Wen treffen sie?
Das Übelste ist der Tod nicht, auswendig weiß
ihn ein jeder, so daß keinem zustieße ein Peinliches
Sonst aber lauert, liebste Gemahlin, zum Beispiel
der Mörder auf Dich, im Unterholz, schlitzt dir
sich zu vergehen an Deiner Innerlichkeit, schließlich
den Bauch auf: zu weit reicht mein Elend ins
Dasein: keine perikleische Pest wäre diesem
Aussatz, der leis’ ist und unbestimmt, eine mikroskopische
Kreatur, vergleichbar (…)
Das ist mehr als Provokation, es hat etwas von blutigem Ernst, der gegen das Liebste losgeht. Vielleicht deshalb wird er durch eine Erklärung zurückgenommen:
zu weit reicht mein Elend ins
Dasein
Um so merkwürdiger berührt, wenn man in den „Anmerkungen“ am Schluß des Bandes neben mancherlei Nachweisen und Erläuterungen liest:
Diese Zeile verstehe ich heute nicht mehr.
Hatte Leisegang sich einen Moment lang nicht zu gut verstanden?
Das Abseits des Schwerkranken hat ihn mit dem Blick des Vivisekteurs begabt. „Das Fixieren des Blicks erzeugt das deutliche Schauen“ – dieser Satz aus E.T.A. Hoffmanns später Erzählung Des Vetters Eckfenster hätte dem Titelgedicht des Bandes Hoffmann am Fenster zum Motto dienen können. Der Dichter, der „rechte Seher, dies Turm- und Erkerwesen“, erscheint Leisegang als „des Alls Eckensteher und Spanner“ – Vivisektion oder Hoffmannsche „Durchschauung“ also als quasiobszöner Akt.
Leisegangs „reflektiertes Schauen“ galt auch seiner aktuellen Gegenwart. In „Coca-Cola“ betreibt er scheinbar eine Affirmation der Oberflächenwelt und des American way of life, gesteigert zur ironischen These:
Unser Religionsersatz
läßt sich in einem Namen ausdrücken: Coca-Cola.
Aber solche Annahme der zivilisatorischen Welt soll nur das Doppelleben eines Partisanen der Stille ermöglichen:
Also können wir existieren bei jedem Wetter.
Eine elitär gedachte Konformität verdeckt die Zweifel, von denen der Autor heimgesucht wird: ob es nicht Bastelei sei, was er treibt, und „nicht einfach überflüssig / längst getan ist, von solchen, denen ihr Tun / noch notwendig war“. Das Essay-Gedicht hebt auf die Stufe der Reflexion, was auf der lyrischen Stufe als Wiederholung möglich war:
Sag das noch einmal:
,Clair de lune‘ –
Doktor Lauben oder das Dritte Reich
Einer der interessantesten Texte aus Hoffmann am Fenster ist „Doktor Lauben oder das Dritte Reich“. Die Figur des Dr. Lauben entstammt Gottlob Freges Abhandlung Der Gedanke, darin der Satz „Dr. Gustav Lauben sagt: ,Ich bin verwundet worden‘“ die Autonomie des Denkens nachweisen soll. Diese rein gedankliche, imaginäre Figur konkretisiert sich im Gedicht als der Darmstädter „H. Schuchmann, Lehrer für Mathematik und Physik an der / Viktoria-Mädchenschule (Lehranstalt für Höhere Töchter) von / 1898 bis 1939, unendlich bestimmungslos ansonsten“. Beide Figuren werden in diesem Persona-Gedicht zur Fast-Identität verschliffen und mit der Zeitgeschichte in Beziehung gesetzt. Das geschieht durch einen semantischen Trick. Hans Dieter Schäfer hat auf die relevante Stelle bei Frege hingewiesen:
Der Gedanke sind weder Dinge der Außenwelt noch Vorstellungen. Ein drittes Reich muß anerkannt werden.
Der Nachsatz gab den Anstoß zu Leisegangs Experiment. Der Lyriker wendet Freges Vorstellung vom Eigencharakter der Gedankenwelt ins Zeithistorisch-Konkrete und erhält so die kritische Pointe, daß die Affirmation des reinen Denkens sich nur allzu gut mit der Affirmation des totalen Staates verträgt. Lauben alias Schuchmann, ein durch Schuldienst und Weintrinken reduzierter Monsieur Teste, hält es mit den Ordnungsvorstellungen, mit dem „gescheitelten Ton der dreißiger Jahre“:
(…) Das berührte ihn
besonders angenehm am Nationalsozialismus, daß er distanzierte
Blicke in Mode hielt und alles Lebendige auf die nackte Substanz
reduzierte. Lauben, der keinen Bestimmten meinte, fühlte sich
wohl im Schoße des autoritären Seins (das, wie er selbst, Gleichnis
war strengster Allgemeinheit und Besondrung nur kannte als
unter sie fallend), wohl weil er glaubte, endlich gefunden zu haben
was er bisher so schmerzlich vermißte, daß er im Festen nun
wurzle: reinen Boden für seine reinen Füße.
Leisegangs „Lauben“-Gedicht von 1966 ist als experimenteller Text mit Heißenbüttels 1967 erschienenen Zitatcollage „Deutschland 1944“ vergleichbar. Während Heißenbüttel die sprachliche Verfassung dokumentierte, demonstrierte Leisegang die Problematik eines Phänotyps, mehr noch den prekären Zustand des Subjekts, „jene Störung im Haushalt des Allgemeinen, die sich Individuum nennt“. Er hat in dem Gedicht eigene Probleme und Versuchungen berührt. Der reine Gedanke faszinierte auch ihn, er rettete sich, so gut es ging, in die geläuterte Empirie des Gedichts. Nicht ohne Grund gab er seinem Schuchmann einen Vetter bei, „der an der Schwindsucht starb“.
Teufelskreis
Leisegang setzte den Typus des Essay-Gedichts nicht fort. Er kehrte zum Kurzgedicht, zu strophischen und epigrammatischen Formen zurück. Das Essayistische zerfällt so in die Elemente Aphorismus und Gedicht. In seinen letzten beiden Bänden stehen Aphorismen neben Gedichten, in Unordentliche Gegend (1971) kommen noch Übertragungen hinzu. Leisegang versucht wieder und wieder, seiner seelischen Vereisung, seiner letalen Tendenz zu entkommen. Die banale Umwelt einer „unordentlichen Gegend“ wird ihm wichtig:
Aber dort wohnen Menschen
Und dort bin ich zuhaus.
Das letzte Gedicht des nach Leisegangs Tod erschienenen, aber von ihm noch vorbereiteten Bandes Aus privaten Gründen beschwört diese prekäre, im Grunde nicht erreichbare oder vom Autor nie erreichte Normalität in seinem Titel: „Friedlicher ganz alltäglicher Morgen“. Das Ich des Gedichts, das die ganze Nacht mit Schreiben verbracht hat, bleibt auch hier fremd und ausgeschlossen und muß sich eingestehen, „daß das meiste auch / Ohne mich auskommt“.
Und die Kunst – führte sie noch einmal aus dem psychischen Teufelskreis heraus? Sie wurde selbst zum Teufelskreis: „Es kommt in der Kunst nur noch darauf an, sie dauernd umzubringen. In sich fortwährend das Bedürfnis nach ihr zu töten. Aber genau dadurch kommt sie zustande, denn Bedürfnisse sterben nur, wenn man sie befriedigt“ – so ein Aphorismus von 1973. Leisegang vermochte dieses Bedürfnis nach Kunst nicht in sich abzutöten, wohl aber sich selbst. Wie hoch mußte er die Kunst schätzen, wenn er danach trachtete, sie „dauernd“ umzubringen? Die kleine Fehlleistung verriet ihn: der Mordversuch als Liebeserklärung an die Dauer der Kunst.
Dabei war Leisegang kein Formalist oder Tüftler. Er war ein Kenner alter und neuer Poesie und setzte gegen den Avantgarde-Optimismus seine Skepsis:
Heute kommt es auf feinste Strukturveränderungen an. Stil ist zur Parodie auf sich selbst geworden.
Er vermied den Habitus des Professionellen, indem er scheinbar sorglos die Formen mischte und Früheres in späteren Veröffentlichungen wieder abdruckte. Antiprofessionell, privatistisch war auch seine Neigung, die Texte zu datieren. Die Produktion erhielt etwas Tagebuchhaftes. Das Datum bewies, daß es diesen Tag gegeben hatte. Bei den Gedichten der letzten Jahre fragt man sich, ob der Schreibende sich noch seiner Existenz versichern oder schon die tödliche Konsequenz fixieren wollte – eine Ambivalenz, die bis zum Schluß unaufgehoben blieb.
Auf „Oktober 1972“ datierte Leisegang das Gedicht „Einsam und allein“, das die gedankenlose Redewendung, die der Titel zitiert, in ihre Dialektik treibt:
Einsam ist ja noch zu leben
Hier ein Ich und dort die andern
Kann durch die Alleen wandern
Und auf Aussichtstürmen schweben
Einsam ist noch nicht allein
Hat noch Augen, Ohren, Hände
Und das Spiel der Gegenstände:
Und die Trauer, da zu sein
Doch allein ist alles ein
Ist nicht da, nicht dort, nicht eben
Kann nicht nehmen oder geben
Leergelebt und allgemein
Was wir mit dem Bindewort „und“ aneinanderpappen, reißt Leisegang in die Differenz, markiert es als Grenze von Leben und Tod. Für den melancholischen Narziß, dessen Name „Einsam“ ist, gibt es noch das Spiel der Sinne und Gegenstände. Doch darauf will der Sprechende schon nicht mehr hinaus. Ein schneidendes „Doch“ kappt das „Noch“ der voraufgegangenen Strophen. Der Gedanke tritt in die Finalität. Dabei gerät die Sprache in tödliche Verlegenheit, ihre Negationen weisen über „da“ und „dort“ auf ein vages „eben“. Meint das ein Räumliches oder Zeitliches, oder ist es nur „eben“ der Reim zum kurzen Prozeß? Nur mehr die präzis gefaßte Negativität gilt: nicht mehr nehmen oder geben, das hebt den Menschen auf.
Will das Gedicht auf diesen tödlichen Schluß hinaus? Dann hätten wir einen Wink überlesen, den uns das Wortspiel gibt:
Doch allein ist alles ein.
Ist Leisegangs „alles ein“ womöglich die Kontraktion jenes „All-Einen“, das die frühgriechische Philosophie gedacht hat? Und kehrt erst das leergelebte Leben in dies Allgemeine, All-Eine zurück? Mir scheint, zu dem Philosophen Leisegang, der bei Theodor W. Adorno und Julius Schaaf studierte, hätte solche negative Dialektik wohl gepaßt.
Harald Hartung, aus Harald Hartung: Masken und Stimmen, „Dieser Text ist verschwunden.“, 1996
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Kalliope
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer
Harald Hartung: „Selbstrichtung. Selbsthinrichtung“. Versuch über den Lyriker Dieter Leisegang, Merkur, Heft 460, Juni 1987
Herbert Debes: „Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen“.
Ulrich Rüdenauer: Der Dichter Dieter Leisegang: Am besten im Frühling sterben
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Daniel Fuchs: Zwischen Absolutem und Kahlschlag
saiten.ch, 19.2.2016
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + KLG + Archiv + IZA + Kalliope
Nachruf auf Dieter Leisegang: Die Tat
Clip zu Dieter Leisegangs Gedicht „Einsam und Allein“.








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