Iliazd
Kaum ein anderer Protagonist der europäischen Moderne war so konsequent avantgardistisch und dabei so traditionsbewusst wie der georgisch-russische Universalist Ilja Sdanewitsch der sich Iliazd nannte. Geboren wurde er 1894 in Tiflis (Tbilissi), er starb 1975 in Paris, wo er seit 1921 lebte – als Dichter und Erzähler, als Verfasser experimenteller Lesedramen, als Textildesigner für Coco Chanel, als Typograph, Verleger und Buchgestalter, Kunsttheoretiker und Architekturhistoriker. Weithin verehrt, namentlich in seiner Wahlheimat Frankreich, gewinnt Iliazd hierzulande erst allmählich an Interesse und Zuspruch, nicht zuletzt dank seiner autobiographisch grundierten Romane Philosophia und Verzückung aus den 1930er Jahren, die mit grossem Verzug nun auch auf Deutsch vorliegen. Sein literarisches Werk, Lyrik wie Prosa, verfaßte Iliazd in einem hybriden Russisch, teils auch Französisch. Als Typograph arbeitete er mit vielen namhaften Künstlern zusammen, unter ihnen Max Ernst, Pablo Picasso, Joan Miró und Alberto Giacometti. – Die nachfolgende Erstübersetzung des Poems «Ich bin ein Mann von gestern», Teil einer grösseren Werkauswahl von Felix Philipp Ingold, führt den Dichter, der in seiner Jugend mit experimentellen Texten für den «Grossen Bruch» des russischen Futurismus einstand, am Beispiel eines späteren Werks als formstarken, höchst disziplinierten Wortkünstler einprägsam vor Augen.
«Ich bin ein Mann von gestern …»
Ich bin ein Mann von gestern doch du hast
mich schwupp zurückgeholt ins Leben
ich trau dem Guten nicht bin mir nur Last
nur Unheil weckt mein Wort mein Streben
was es mir bringt sind Pest und Knast
Seit jungen Jahren ist mein Herz gebrochen
das Laster gönnte mir nie meine Lust
tief in mir drin geschichtet lauter Brocken
mein Schicksal war mir stets bewusst
ein Held der Nachhut stets im Trocknen
Ich war naiv genug und strebte nach dem Glück
schlicht aufs Geratewohl mir selbst zum Schaden
bestraft genug nie wieder dachte ich zurück
mein Lohn für Bestes kam in kleinsten Raten
für meine Treue gab’s nur Hundelohn verrückt
Die Jugend ging mir ohne Schutz und Heim verloren
denn niemand half mir je mit Rat und Tat
vertan so viele Jahre ausgelassen unverfroren
für Träumer gibt’s kein Licht und keinen Staat
was in mir keimte blieb für immer ungeboren
Ich fand kein Mitgefühl doch nie war ich erbost darob
und stets half mir der Glaube etwas weiter
ja statt zu lächeln zeigte ich die Zähne grob
an jeder Bestialität bin ich damit gescheitert
auch hab ich harte kalte Herzen nicht gestoppt
Ein jeder mag den Dämon seines Lebens suchen
vorab erfolgreich doch schon bald ist Schluss
sich selbst den Schlaf versagen ihn verfluchen
und wenn man sich von seinem Gehstock trennen muss
so ist auch für den Ärmsten stets ein Grab zu buchen
Und falls es doch einmal geschieht dass wir
jemanden finden der aufs Ganze geht im Leben
so steht schon bald der Tod vor unsrer Tür
wird nicht nur uns ein überlautes Zeichen geben
ruft auch den Leichenwagen Pferde im Geschirr
Mir wird er weitere Affären sicherlich ersparen
er mischt sich wahllos unters Volk schlägt zu
um mich hat er geworben mit Gebell Fanfaren
versprach ich fände ohne Hoffnung eher Ruh
er wird mich mich allein vor Ungemach bewahren
Vor lauter Müdigkeit liess ich mich auf ihn ein
ich stieg hinab in seine untersten Verliesse
hinab zu all den Opfern schicksalhafter Pein
da leb ich nun als Leichnam und geniesse
ganz ohne Urteil ohne Mitleid hier zu sein
Im Leben war ich ganz dem Weinbau hingegeben
sonst war mir alles Weltliche egal
in meinem öden Dasein gab’s kein Beben
und mein Versagen wurde mir zur Qual
nie galt dem Markt mein wahres Streben
Vergessen ist was einstmals war ein Wahn
mein Scheitern ist mein Heil gewesen
Verführung hat es mir nie angetan
und Niederlagen zählten nie zum Bösen
und Siege nie zum Guten stets vertan
2.2.1947
aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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