2018-07-14

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Vor genau einem halben Jahrhundert habe ich mit einer Dissertation (Fleissarbeit) zur Poetik des russischen Symbolismus promoviert oder − besser − bin dafür promoviert worden.
Dass ich den russischen Dingen in der Folge so lang − bis heute! − verbunden geblieben bin, erstaunt mich eins ums andre Mal, und gerade heute wieder! Mit Dutzenden von Büchern, die ich als Autor, Übersetzer oder Herausgeber signiert habe, versuchte ich hierzuland Interesse zu schaffen für die literarische, philosophische, künstlerische Kultur Russlands und, darüber hinaus, Verständnis für das Russentum insgesamt.
Ob ich (ergäbe sich dazu die Gelegenheit) ein weiteres Mal soviel Arbeits- und Lebenszeit für russische Dinge investieren würde? Eher nicht. Nach der verpassten, verpatzten Wende von 1989/1991 war mir schon klar, dass sich in diesem Staat und an dieser Mentalität weder durch kommende Reformen noch durch eine neuerliche Revolution je etwas ändern würde − zum Bessern der Gesellschaft insgesamt, zum Bessern des intellektuellen und künstlerischen Lebens speziell.
Die Wende war als Möglichkeit vorgegeben, vollzogen wurde sie nicht. Statt dessen verfestigten sich, einerseits, die Beharrungskräfte des politischen Systems und der kollektivistischen Volkstradition, anderseits übernahm Russland, statt sich seiner selbst zu vergewissern, weitgehend kritiklos und bemerkenswert rasch, was aus dem Fundus des einstigen ideologischen Gegners zu bekommen war, vorab die immateriellen Güter der Unterhaltungsindustrie und der sozialen Medien.
Ein Gleiches gilt für den Kunst- und Literaturbetrieb − die neue russische Popkultur, der neue russische Roman, die neue russische Poesie, die neue Performance- und Tanzkunst sind heute von ihren westlichen Vorbildern, denen sie sich auf minderem Niveau weitgehend angeglichen haben, nicht mehr zu unterscheiden. Kommt dazu, dass zahlreiche Kulturschaffende Russland verlassen und sich ununterscheidbar in die hiesigen Eliten eingepasst haben. Die bemerkenswertesten russischen Gegenwartsautoren − Schriftsteller wie Philosophen − schreiben und publizieren heute in englischer, französischer, auch deutscher Sprache, sind also auf „Übertragung“ nicht mehr angewiesen.
Dementsprechend ist mein Vermittlungsinteresse geschwunden. Als Leser werde ich mich künftighin an meine persönlichen Favoriten halten, die ich mir niemals ganz erklärt haben werde.
Pasternak, Mandelstam, Marina Zwetajewa. Rosanow, Schestow, Platonow. − Mehr braucht’s nicht. 

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Heute, auf dem langen Waldweg nach Bretonnières, hatte ich schon bald einen Schmetterling als innigen und lästigen Begleiter − er flatterte und schwebte unmittelbar vor meinem Gesicht, berührte öfters die Nase, mal die eine, mal die andre Schläfe oder Braue.
Ich fühlte mich bei diesen inständigen Annäherungen ganz sanft gewatscht, fuhr immer wieder mit der Hand dazwischen, der Schmetterling liess sich nicht von mir abbringen.
Die Zusammenstösse mehrten sich, meine Irritation nahm zu: Was mochte der unscheinbare seidenweiche schwarzbraune Falter von mir wollen? Was an mir konnte für ihn von Interesse sein?
Aber plötzlich, nach einer wegwerfenden Kopfbewegung, hatte ich das Tier im Mund − unversehens eine Beute. Obwohl doch ich der Gejagte war.
Seltsam im Gaumen das Gefühl von etwas Totem, das noch ein wenig weiterlebt.
Ich spuckte das Schmetterding aus, als Schmetterling war’s nicht mehr zu erkennen.

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Im aktuellen Feuilleton ist einmal mehr von „bedrohlichem“, ja „alarmierendem“ Leserschwund die Rede, von der millionenfachen Abwanderung vorwiegend junger Menschen ins massenmediale Netz, vom Desinteresse am Autor als Autorität, am Buch als Objekt, vom Wirkungsverlust gedruckter Texte generell, von der dadurch bedingten wirtschaftlichen Notlage mancher Literatur- und Zeitungsverlage.
Ein Vorgang, der nicht aufzuhalten ist, der sich vielmehr verstärken und beschleunigen wird. Mir selbst wird dadurch nichts verloren gehen. Meine kleine Leserschaft ist unter allen Gegebenheiten ungefähr gleich gross. Von Marktbedingungen bin ich weitgehend unabhängig. Werbung brauche ich nicht; wer − umgekehrt − meine Bücher braucht, wird sie allesamt im Netz ausfindig machen; sie erscheinen, allesamt, am Rand, sind also immer schon marginal, müssen am Rand gesucht und können nur am Rand gefunden werden. Bei Kleinverlagen, in oft abgelegener Provinz. Bücher, deren Textgestalt und Formgebung ich mitbestimmen kann; Bücher, die − anders als bei grossen Publikumsverlagen − von denen, die sie herstellen, auch gelesen werden; Bücher, deren Materialität und Design mit dem Inhalt korrespondieren.
Bücher für möglichst viele der paar Wenigen, die damit etwas anzufangen wissen. Denn je kleiner die Anzahl der Leser, desto bedürftiger und kompetenter sind sie.

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Grosse Party heute Abend, ausgerichtet von meinem Grossonkel Georges, der seine Loft in Allschwil an der Nordstrasse, fünfter Stock, zur Verfügung stellt. Alle Literaten sind da, die Surrealisten wie die Schweizer, dazu zahlreiche Freiwillige; viel Alkohol schon mal, viel Lärm, alle Smartphones sind auf Lautsprecher geschaltet, und man schreit sich auch noch ins Gesicht; mein Tinnitus lässt das Stimmengewirr zum Krach anschwellen, das Lachen vergeht; auch wenn die Stimmen längst nicht mehr unterscheidbar sind, die Stirnen der Schweizerinnen und Schweizer behaupten sich sichtlich, einige schon leicht glänzend, leicht dampfend vom aufkommenden Schweiss. Jeder soll sich nun, einer auf den Schultern des andern, kurz, aber bündig vorstellen; Bürlimann, der Einsiedler aus der Innerschweiz macht den Anfang, sagt aber bloss Weh! und Ach! Nach ihm und schräg über ihn hinwegsteigend folgen gemäss der analphabetischen Gästeliste die übrigen Preisträger − Suter, Sütterlin, Becher, Allemann, Sulzer, Dudli, Camenisch, Lappert (mit Tochter Sinaida), Hänny, Muschg, Gotthelf, Urweider, Stamm, Bichsel, McDean, Deck, Steiger, Staiger, Schwyzer, Schischkoff, Merz, Krätzen, Uetz, Leutenegger, Geiser, Barfuss, Vetsch, Faes, Fues, Krohn, Krönlein, Moser (mit Jenny), Bundi, Böni, Göldi, Bieri, Äbli, Zschokke, Cendrars, Mercier (mit Camier), Meier, Meyer, Schreiber, Schriber, bis die Pyramide sehr allmählich den Plafond, den Estrich, das Walmdach durchstösst … durchstossen hat und bloss noch das Nichts (die Nacht?) über der Bescherung prangt. Für einen Moment tauchen in Lebensgrösse Josef Kopf und Gottfried Keller auf, jeder in seiner eigenen Literaturgeschichte, beide offensichtlich nicht unzufrieden; und − dort drüben − ganz viele andere noch, deren Pseudonyme mir eben jetzt entfallen sind, da mich Professor Matt nach ihnen fragt. Gegen ein Uhr früh (die Party geht weiter, sie läuft überhaupt erst richtig an) komplimentiert mich Bürlimann auf den Balkon, zieht ein dickes Gummiseil aus dem Ärmel seiner Schreibhand und erklärt mir mit angestrengtem Bariton, ich solle aus dieser Literatur hier verschwinden; am besten, weil am unauffälligsten sei dies zu bewerkstelligen, indem ich mir das Seil um die Füsse schlinge, es am Balkongeländer befestige − er werde mir helfen dabei − und mich vornüber in die Tiefe stürze; da nun aus dem hell erleuchteten Festsaal tatsächlich die ganze Literatur aufs Mal herandrängt und ich keinen andern Fluchtweg sehen kann, wage ich nach einem peinlichen Stolperschritt den Sprung und sehe mich noch vor dem Aufprall wie eine zerknautschte Sternenkarte auf dem Asphalt liegen; um mich herum die eigens angeheuerten Gaffer, die nun ihre grellen Selfie Ringlicht Strahler auf mich richten. „Wo finde ich Ihre Patientenverfügung?“, höre ich Kathy Zarnegin fragen, bevor ich aus der Wirklichkeit erwache und noch viel schöner weiterträume.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

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Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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