AN EIN PAAR INDUSTRIELL ERMORDETER ELTERN
Der Wind weht euer Schweigen
an mein kaltes Ohr.
Es tanzt im Windesreigen
wie ein leinener Flor,
der aus wiegenden Weidenzweigen
sich an den Wind verlor.
Denn eurem Schweigen ist eigen,
dass nur ich es hör.
Nicht die Mörder, nicht die Feigen,
die man dazu auserkor,
der Nachwelt zu zeigen,
dass sie mit euch doch nichts verlor.
Eure warmen Stimmen steigen
in warme Erinnerung empor.
Doch es ist euer kaltes Schweigen,
das ich am lautesten hör.
Der Wind weht euer Schweigen
an mein kaltes Ohr.
Es tanzt im Windesreigen
wie ein leinener Flor,
der aus wiegenden Weidenzweigen
sich an den Wind verlor.
Denn eurem Schweigen ist eigen,
dass nur ich es hör.
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Worte zum Geleit
Hier ein Querschnitt meines lyrischen Schaffens. Lyrik schrieb ich schon, bevor ich mich anderen literarischen Gattungen stellte. Und oft schlich sie sich in diese, als Lieder und Verse in meine Theaterstücke, Drehbücher, Kabarettprogramme und Revuen, aber auch in meine Prosa, wie die Gedichte der fiktiven Figur Klara Sonnenschein, die vielen Kapiteln des Romans Chronik einer fröhlichen Verschwörung vorangestellt sind.
Einiges hat sich da angesammelt in vier Jahrzehnten, mehr, als ich ahnte, bevor ich meine Archive durchstöberte: Gedichte, Haikus, Balladen, Songs, Moritaten, Couplets, Parodien, absurde, politische, Experimental-, Gedanken- und Liebeslyrik – in Hochdeutsch, Dialekt und Englisch. (Und etliche Stücke habe ich bestimmt übersehen, und sie fristen weiter unentdeckt ihr Dasein in alten Notizheften – manche von ihnen zu Recht, wer weiß?)
Songs schrieb ich vor allem für meine Komödien und für die Musikkünstlerin Jelena Popržan, die mich – so ich nicht in Ungnade falle – auch weiterhin mit Lieddichtungen beauftragen wird.
Lyrik ist eine meiner, wenn schon nicht geheimen, so doch wenig bekannten Leidenschaften, und sie ist eine Gattung, der ich mehr Großzügigkeit entgegenbringe als anderen. Ich wurde immer wieder als politischer Autor bezeichnet. Das mag schon sein, doch bin ich einer, dem die Form nie Beiwerk, Schale oder Transportmittel des Inhalts bedeutet. Eher dreht sich bei mir, so dekadent das heutigen Lesern und Leserinnen erscheinen mag, das Verhältnis um. Literatur gut zu finden, weil sie interessante Geschichten erzählt, Haltung zeigt oder schöne Gesinnungen „transportiert“, ist mir unmöglich, und verkommt sie zum Transportunternehmen, sollte sie schleunigst Konkurs anmelden. Eher weiß ich Literatur zu schätzen, wenn sie Gedanken ausdrückt; dies aber nur insofern, als sie eben keine formale Gedankenabschussrampe zu sein hat, sondern die Rakete. Gedanke und Form bilden eine organische Einheit. Wer Literatur schreibt und liebt, kommt gar nicht umhin, ihre Form zu reflektieren. Sehr beeindruckt hat mich Ruth Klügers Lyrikband Zerreißproben aus dem Jahr 2013; nicht nur wegen der Gedichte selbst, sondern weil sie darin als Germanistin jedem ihrer Stücke eine formale Interpretation nachlieferte. Nur Dummköpfe würden diese Selbstobjektivierung als eitel deuten oder mit den Witzen vergleichen, die schlecht seien, wenn man sie erklären müsse. Nein, erst die Analyse des Witzes wie der poetischen Form lässt uns verstehen, was uns und warum es uns anspricht, und trägt zur Verfeinerung der Sinne bei, um fortan besser gute Witze und Gedichte von weniger guten zu unterscheiden.
Ich kann begründen, warum ich bestimmte Arten von Romanen, Erzählungen, Essays, Dramen und Aphorismen nicht mag. Bei der Lyrik hingegen weiß ich fast alle Arten zu schätzen. Sie ist zwar nicht kritikfreie Zone, aber ich erfreue mich bei ihr doch mehr als bei anderen Gattungen der Vielfalt ihrer Möglichkeiten. Ich mag die Verinnerlichung, das Naturgedicht, das lyrische Stimmungsbild nicht weniger als Gedankenlyrik, epische Ballade, scharfen Witz in Versen, politisches oder Scherzgedicht und die experimentelle Form nicht mehr als die konventionelle. Es kann jedoch sein, dass ich manchmal der Gedankenlyrik und dem Witz in Song und Gedicht den Vorzug gebe, vor allem deshalb, weil Lyrik zu oft auf Emotionalität, Wesensschau und Orakeln mit Wortlauten reduziert wird. Gleichfalls misstraue ich dem Kult ums Sprachexperiment, dessen Qualität natürlich evaluierbar sein muss.
Zwischen 16 und 24 hielt ich mich nur in der literarischen Moderne auf und verehrte die Expressionisten, Dadaisten, Surrealisten und überhaupt all die mutigen Pioniere und Pionierinnen des Sprachexperiments. Meine eigenen dilettantischen Versuche darin erspare ich den Leserinnen und Lesern dieses Buchs. Wie das Experiment zur Konvention verkommen kann, auch wenn ihr Markt klein bleibt, und warum ich teilweise zu traditionelleren Formen zurückkehrte, darüber habe ich mir immer wieder Gedanken gemacht. Zwei essayistische Beispiele dafür beschließen dieses Buch: ein kurzer Extrakt aus dem aphoristischen Essay „Schaum und Blasen“ (meiner Poetologie von Witz und Pointiertheit) und eine „Rehabilitation des Reims“ aus meinem Buch über Lord Byron, das eigentlich ein Buch über alles Mögliche ist, in dem Byron aber einen privilegierten Platz einnimmt. Und bevor ich in völlig andere Themen abschweife, hör ich lieber auf und wünsche mit diesem Band viel Vergnügen.
Richard Schuberth, Brigittenau, 1. Februar 2026, Vorwort
Müsste man
Richard Schuberths literarisches Schaffen nach erfolgreicher Zersägung in Schubladen pfropfen, so würde man dieses wohl in Essay, Belletristik, Aphorismus, Komödie und Sachbuch aufteilen. Dabei hegt er eine tiefe Leidenschaft für Lyrik und hat immer wieder Gedichte, Haikus, Balladen, Songs, Moritaten, absurde, politische, Experimental-, Gedanken- und Liebeslyrik verfasst.
An die Öffentlichkeit gelangten vor allem Gedichte durch seine Theaterstücke, Kabarettprogramme sowie Songs in der Interpretation der Musikerin Jelena Popržan.
Hier erstmals eine Anthologie von Schuberths lyrischen Piecen, von adoleszenten Anfängen unter Einfluss Arthur Rimbauds oder H.C. Artmanns bis zu seinen satirischen Liedern, gesellschaftskritischen Epigrammen, poetischen Stimmungsbildern und „paramoderner“ Gedankenlyrik.
Drava Verlag, Klappentext, 2026








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